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DER SPIEGEL

LiteraturDer Zugriff des Kritikers

"Offen gesagt weiß ich nicht recht, wie ich diesmal anfangen soll", beginnt eine Literaturkritik von ihm. Und wie ein letzter Gruß kommt dieses Buch von Marcel Reich-Ranicki daher: ein fast 580 Seiten umfassender Almanach mit dem Titel "Meine Geschichte der deutschen Literatur". Das Buch ist damit das umfangreichste des 2013 im Alter von 93 Jahren gestorbenen Literaturkritikers, umfangreicher noch als seine Bestseller-Autobiografie "Mein Leben" (1999). Um aber keine falschen Erwartungen zu wecken: Unbekanntes ist hier nicht zu finden. Die Mehrzahl der Kritiken und Essays wurde erstmals in der Frankfurter Allgemeinen publiziert, deren Literaturchef der leidenschaftliche Leser 15 Jahre lang war. Und natürlich handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine klassische Literaturgeschichte, sondern um eine subjektive Auswahl - "fragmentarisch", wie der Herausgeber und Nachlassverwalter Thomas Anz betont. Das Buch liest sich gleichwohl wie ein Gang durch die deutsche Literatur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Und es lässt noch einmal Freude aufkommen angesichts des packenden Zugriffs dieses Stilisten, der frei war von Konventionen und ängstlichen Wertungen. "Nein, ich liebe ihn nicht, diesen Friedrich Hölderlin", beginnt eine Rede. Und die Interpretation eines Gedichts von Walther von der Vogelweide endet emphatisch: "Erst in einer viel späteren Epoche hatte Deutschland wieder einen Dichter, der Verse von vergleichbarer Schönheit geschrieben hat: Goethe." Er war einfach ein großartiger Verführer, dieser Kritiker und Kenner - ein Anwalt der Literatur und der Leser.
Deutsche Verlags-Anstalt, München; 576 Seiten; 26,99 Euro.
Von Vha

DER SPIEGEL 1/2015
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