Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

VerlageEs lebe der Feudalismus

Am Donnerstag meldete sich die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz auf gleich zwei Seiten im Feuilleton der "Zeit" zu Wort. Es war die Verkündung eines ultimativen Triumphs: des Vollzugs der Umwandlung ihres Verlags in eine Aktiengesellschaft, der Aufnahme eines neuen Anteilseigners, der Familie Ströher (die sich als Mäzenaten outeten und nicht als renditeorientierte Teufelskapitalisten), der Bestellung eines Vorstandsvorsitzenden (des bisherigen Geschäftsführers Jonathan Landgrebe) sowie einer zukünftigen Aufsichtsrätin, eben Frau Unseld-Berkéwicz. Nun könnte man sich ein wenig wundern darüber, in welchem Sound die Dame ihren Triumph auskostete ("Warum nicht Freudenfeuer anzünden ...?", "Ich hatte schon manchmal nicht übel Lust, mir meine Weltfüße abzuschnallen"), und auch darüber, dass sie vom Kapitalismus sprach, als würde sie bald in den bewaffneten Untergrund gehen ("Seit die Internationale der Abgefeimten sich eine konstruierte Welt und die totale Kontrolle über sie zum Ziel gesetzt hat, wird die geistige Auszehrung doch systematisch betrieben, die Kapitalisierung unserer Innenwelt, die organisierte Entmündigung"). Wie auch immer: Frau Unseld-Berkéwicz hat gesiegt, und Champagnerlaune geht öfter mit Kontrollverlust einher. An eine Sache allerdings darf erinnert werden: Der Verlag hatte schon einmal so etwas wie einen Mäzen, die Familie Reinhart aus der Schweiz, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang Anteile am Verlag hielt. Nach dem Tod Siegfried Unselds im Jahr 2002 schauten sich die Reinharts einige Jahre lang an, wie Frau Unseld-Berkéwicz immer vehementer die Rolle der Verlegerin übernahm, bis die Familie 2006 schließlich hinter Unseld-Berkéwicz' Rücken die Anteile an den Investor Hans Barlach verkaufte. Was folgte, ist bekannt: Prozesse, Insolvenz, auf beiden Seiten Anwaltskosten in Millionenhöhe. Über ihre neuen Mäzene sagt Frau Unseld-Berkéwicz in der "Zeit": "Die Ströhers betrachten ihr Engagement bei Suhrkamp als eine Art Auftrag. Das stellt den Adel einer in Deutschland durch den Nationalsozialismus zerstörten Tradition wieder her: Könige, Fürsten und reiche Unternehmer des Landes unterstützten früher die Kultur." (Zwischenfrage: Tod dem Kapitalismus, es lebe der Feudalismus?) Dass das Vermögen der Familie Ströher auf Geschäften gründet, die sie während der Zeit des Nationalsozialismus tätigte, ist da nicht ohne Pointe, auch dass man sich bisher nicht um eine Aufarbeitung dieser Zeit bemüht hat. Im Übrigen fielen die Erben Sylvia und Ulrich Ströher bislang mit durchaus profitorientierten Investitionen in der bildenden Kunst auf. Bleibt abzuwarten, wie sich deren Mäzenatentum bei Suhrkamp entwickeln wird. Zumal man nicht so recht glauben mag, dass Frau Unseld-Berkéwicz sich mit der Rolle einer Aufsichtsrätin begnügen und das Verlegen den anderen überlassen wird. Viel Spaß weiterhin.
Von Lg, und Clv,

DER SPIEGEL 5/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung