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DER SPIEGEL

VerteidigungBilder im Kopf

Die Zahl der Selbstmorde in der Bundeswehr steigt - Experten fürchten, dass sich der Trend fortsetzen wird.
Wolfgang C. wollte noch etwas tun, noch einmal kämpfen. Anfang des vergangenen Jahres meldete sich der Soldat aus Süddeutschland bei der Bundeswehr zum "Sport für Versehrte" an. Drei Wochen Training in Warendorf, Nordrhein-Westfalen. Ballspiele, Turnübungen, Gewichte heben. Herausfinden, zu was Körper und der Geist noch fähig sind. Nach dem Kriegseinsatz.
Wolfgang C. macht alle Übungen mit, er ist eifrig. In den Pausen unterhalten sich die Soldaten, es geht oft um die Zeit bei der Truppe. Viele sind im Einsatz verwundet worden, bei C. wurde dagegen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Er steht in den Pausen oft für sich und raucht, er redet nicht viel.
Wenige Wochen nach dem Kurs ist Wolfgang C. tot. Selbstmord mit Anfang 30. "Viel zu kurz war die Zeit, die wir mit Dir verbringen durften", schreibt seine Familie in der Todesanzeige.
C. ist im Jahr 2014 einer von 24 Soldaten, die sich laut Wehrbericht das Leben genommen haben, 9 Soldaten mehr als im Vorjahr. 43 versuchte Selbsttötungen kommen dazu. Die Zahlen sind so "beunruhigend", dass der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus in seinem Jahresbericht den ansteigenden Suizidzahlen in der Truppe ein eigenes Kapitel widmete.
Die Fälle werfen Fragen auf, es geht dabei auch um die Spätfolgen des Afghanistan-Kampfeinsatzes, der vor wenigen Wochen zu Ende gegangen ist. Rückkehrer müssen sich wieder an das Leben in Deutschland und den Kasernenalltag gewöhnen. Vielen fällt es so schwer wie Wolfgang C., die Bilder aus dem Kriegsgebiet bleiben im Kopf.
Ein anderer Fall: Wie sehr Afghanistan ihren Sohn verändert hatte, merkte Eva-Maria G. bereits wenige Wochen nach seiner Rückkehr vom Hindukusch 2012. Vier Monate war Wolf G. zuvor in Masari-Scharif stationiert, es war sein erster Einsatz. "Er war nach der Rückkehr plötzlich misstrauisch, übersensibel und aufbrausend", sagt Eva-Maria G., "dauernd hatte er mit uns und seiner Freundin Streit."
Eine Therapie lehnte Wolf G. damals ab, aus Angst, nicht mehr befördert zu werden. "Wenn ich mich in Behandlung begebe, kann ich meine Karriere vergessen", sagte er damals zu seiner Mutter. Am 8. September 2013 erhängt sich Wolf G. in seiner Wohnung. Er stirbt mit 30 Jahren.
Nach internen Schätzungen gilt mittlerweile eine vierstellige Zahl Soldaten als PTBS-geschädigt - dabei werden viele Erkrankungen erst Jahre nach dem Einsatz diagnostiziert. "Der Zusammenhang zwischen Einsatz, PTBS-Rate und den Suizidfällen ist eindeutig", sagt Johannes Clair vom Bund Deutscher Veteranen. "Die große Welle der PTBS-Erkrankungen steht uns mit dem Ende der Afghanistan-Mission erst bevor."
Besonders problematisch sind die Fälle der sogenannten "Einsatzjunkies". Dabei handelt es sich um Soldaten, die sich in der Vergangenheit immer wieder für den riskanten Kampfeinsatz am Hindukusch verpflichtet haben, weil ihnen das normale Leben in der Heimat schwergefallen ist. Dieses Ventil, so fragwürdig es war, haben sie nun nicht mehr.
Im Verteidigungsministerium gibt es seit 2010 eine Anlaufstelle für PTBS-Betroffene, der Leiter ist Brigadegeneral Klaus von Heimendahl. Insgesamt 500 Soldaten befinden sich in Heimendahls Dateien, sie alle haben offiziell Hilfe gesucht. Für Heimendahl liegen die Ursachen der Suizide nicht zwangsläufig in den Erlebnissen in der Truppe. "Die Gründe sind oft diffus und nicht klar", sagt Heimendahl. Dennoch könne man einen Zusammenhang mit dem Dienst nicht grundsätzlich ausschließen. "Die Bundeswehr muss das sehr ernst nehmen", sagt er.
Wie ernst, das zeigte 2013 bereits eine Studie der TU Dresden über PTBS bei Bundeswehrsoldaten. Viele psychische Erkrankungen werden demnach bei Soldaten gar nicht oder erst spät diagnostiziert. Jede zweite PTBS-Erkrankung bleibt sogar vollkommen unerkannt. Zudem ist ein großer Teil der Soldaten, die in den vergangenen 13 Jahren in Afghanistan gekämpft haben, nicht mehr offiziell erfasst. Die Zeitsoldaten verschwinden mit ihrem endgültigen Ausscheiden aus der Truppe auch aus vielen Statistiken. Ein Suizidfall in dieser Gruppe gilt in der Bundeswehr als Ereignis, mit dem die Streitkräfte nichts zu tun haben.
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 6/2015
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