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DER SPIEGEL

Claudia Voigt Mein Leben als FrauSo sieht es aus

Als ich einmal Cindy Crawford traf, war ich nicht darauf vorbereitet, wie schön ich sie finden würde.
Es war in Italien, in der Oberkirche von Assisi, eingehend betrachtete Crawford die Fresken mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus. Sie trug ein weißes T-Shirt, die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ich glaube, sie war ungeschminkt.
Dieses zufällige Zusammentreffen liegt 20 Jahre zurück, Crawford war damals ein weltberühmtes Supermodel, sie lächelte aus allen Zeitschriften, meist mit aufgeföhnten Haaren, mit perfektem Make-up, glamourös, aber belanglos. In der Kirche von Assisi begriff ich, dass es der Schönheit einer Frau hilft, wenn sie nicht groß in Szene gesetzt wird und unangestrengt daherkommt.
Crawford ist heute 49 Jahre alt. Ein Foto von ihr, das sie mit kleinem Bauch, mit Schwangerschaftsstreifen und Cellulitis zeigt, ist seit ein paar Tagen im Netz zu finden. Es entstand bei einem Fotoshooting und hätte nie unretuschiert an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Eine britische Nachrichtensprecherin hat es trotzdem getwittert. Es gab viele Kommentare zu lesen, die besagten, wie tröstlich es sei, dass auch Cindy Crawford mit fast fünfzig so aussehe, wie man mit fast fünfzig halt aussehe.
Ein Missverständnis. Von jeher hat es Crawford als ihren Job betrachtet, auf Fotos eben nicht wie andere Frauen auszusehen. Und sie scheint kein Interesse zu haben, daran etwas zu ändern. Ihr Ehemann beeilte sich, eine angeblich aktuelle Aufnahme von Crawford zu posten, die sie mit makellos glatter Haut zeigt.
Wer daran arbeitet, lebenslang für Anfang dreißig durchzugehen, kommt nicht ohne Retusche aus. Vielleicht ist die Generation der 50-jährigen Frauen am stärksten gefährdet, sich da lächerlich zu machen, denn ihr Älterwerden wird begleitet von den verbesserten Möglichkeiten der ästhetischen Chirurgie. Doch es ist komplizierter. Frauen, die ich bewundert habe, derentwegen ich ins Kino gegangen bin, deren Auftritten ich entgegenfieberte, geben reihenweise ihre Selbstachtung auf: Uma Thurman ist nach einer vermeintlichen Schönheits-OP nicht mehr als Uma Thurman zu erkennen. Madonna erschien zur Verleihung der Grammys Anfang Februar als Abziehbild ihres jüngeren Selbst. Warum tun sie das? Um etwas länger an dem zu partizipieren, was sich Ruhm nennt? Um die Enttäuschungen zu verbergen, die ihre Gesichter preisgeben könnten?
"Die Tricks, die bei anderen funktionieren, taugen nichts in diesen gut ausgeleuchteten Hinterhöfen, in denen man sich heimlich mit sich selbst trifft." Das wusste die große amerikanische Autorin Joan Didion schon 1961, als sie erst 27 war. In diesem Winter ist die 80-Jährige in vielen Zeitschriften zu sehen; sie hat sich für eine Werbekampagne fotografieren lassen. "Es war sehr angenehm mit ihr", sagte der Fotograf Jürgen Teller in einem Interview. "Sie hat auf ihrer Couch gesessen, und ruck, zuck war's fertig." Didion trägt einen schwarzen Pullover, eine große schwarze Sonnenbrille und ihr eigenes Gesicht. Es ist ein sensationelles Foto.
An dieser Stelle schreiben Claudia Voigt und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 9/2015
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