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DER SPIEGEL

Urheberrecht„Noch zweimal vögeln“

Frank Castorf, 63, über das von den Brecht-Erben erwirkte Verbot seiner "Baal"-Inszenierung am Münchner Residenztheater. Die Aufführung, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, darf nur noch zweimal gezeigt werden.
SPIEGEL: Hätten Sie nicht wissen können, dass man sich mit den Brecht-Erben und dem Suhrkamp Verlag besser nicht anlegt, als Sie das Dichter-Drama "Baal" mit Bildern des Films "Apocalypse Now" und Texten von Jünger und Sartre kombinierten?
Castorf: Ich bin Regisseur. Ich bin nicht der Verhandlungsführer. Die Dramaturgie des Theaters hat mit dem Verlag gesprochen. Man war angeblich erfreut. Es ist doch bekannt, wie ich arbeite. Ich habe vor Jahren Brechts "Maßnahme" mit Texten von Heiner Müller gezeigt, das hat niemand beanstandet. Der Verlag hätte ja auch vor der Premiere noch Nein sagen können. Dann hätte ich es abgesagt. Wenn man mir vorschreibt, wie ich inszenieren soll, lasse ich es lieber ganz sein. Aber so, nach der Premiere, ist das Verbot albern und absurd.
SPIEGEL: Es heißt, Sie seien mit Johanna Schall, der Tochter der 84-jährigen Brecht-Erbwalterin Barbara Brecht-Schall, befreundet.
Castorf: Befreundet ist übertrieben. Wir hatten zu DDR-Zeiten gemeinsame Interessen und denselben Anwalt, meinen Freund Gregor Gysi. Gregor hat Barbara Brecht gefragt, ob man nicht über den "Baal" sprechen könne, und sie hat gesagt: Nein. Das ist natürlich Altersstarrsinn. Sie kennt mich nicht persönlich, aber sie könnte wissen, dass ich Brecht mit einer gewissen Freundlichkeit begegne.
SPIEGEL: Dass die Aufführung noch zweimal gezeigt werden darf, könnte man als Entgegenkommen verstehen.
Castorf: Mir kommt das so vor, als würde ein Mann dem Ehebrecher, der seine Frau vögelt, sagen: Ich verbiete Ihnen, meine Frau zu vögeln, aber gut, noch zweimal, das geht.
SPIEGEL: Sie haben da viel Arbeit reingesteckt.
Castorf: Die Aufführung ist nicht verloren. Wenn man mir den Brecht verbietet, dann nehme ich den Brecht eben raus. Und stattdessen Rimbaud rein. Brecht ist ja nicht mein Leben. Toll sind im "Baal" nur die lyrischen Texte, die dramatischen Texte sind schwach. Brecht selber hat 1954 in "Bei Durchsicht meiner Stücke" geschrieben: "Dem Stück fehlt Weisheit." Das war eine klare Aufforderung an alle Interpreten.
Von Höb

DER SPIEGEL 10/2015
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