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DER SPIEGEL

NahostSalmans Sturm

Nach der Einigung in den Atomverhandlungen verspürt Teheran Aufwind. Der Machtkampf im Jemen entscheidet, wer die Region künftig dominiert: Iran oder Saudi-Arabien?
In den Nächten der vergangenen Woche, während in Lausanne die westlichen Außenminister mit der iranischen Führung verhandelten, schauten in Jemens Hauptstadt Saana zwei junge Frauen ängstlich in den Himmel. Nina Aqlan, eine bekannte Bürgerrechtlerin, und ihre Freundin Ranim hielten nach Kampfjets aus Saudi-Arabien Ausschau. Ranim hat bei Aqlan Unterschlupf gefunden. Ihre eigene Wohnung liegt neben dem "politischen Sicherheitsdienst", dessen Hauptquartier als potenzielles Ziel der saudischen Angreifer und ihrer Verbündeten gilt.
"Anfangs dachten wir noch, vielleicht bombardieren sie uns nur ein, zwei Nächte lang. Aber es wird immer schlimmer!", erzählt Ranim, während im Hintergrund das Wummern der Luftabwehr zu hören ist, gelegentlich unterbrochen vom grollenden Donner der Einschläge. Manchmal dauern die Angriffe vom frühen Abend bis Mitternacht, berichtet sie über eine immer wieder aussetzende Skype-Verbindung, manchmal beginnen die Einsätze später und enden erst kurz vor dem Morgengrauen.
Seit Saudi-Arabien mit einer Koalition aus neun Ländern im Jemen Krieg führt, erlebt das Land Nacht für Nacht Bombenangriffe. Die Jets der sunnitischen Koalition greifen Militärlager und Geheimdienstzentralen an, trafen aber auch eine Zementfabrik, eine Molkerei und ein Flüchtlingslager. Allein bis Donnerstagabend stieg die Zahl der Toten auf über 90. "Was ist das für ein Krieg?", fragt Nina Aqlan wütend: "Wofür wird er geführt?"
Ein direkter Zusammenhang mit dem überraschend umfassenden Atomabkommen mit Iran, das der Westen am Donnerstagabend bekannt gab, besteht nicht. Doch außer in Israel wird der Deal kaum irgendwo so kritisch gesehen wie in der saudischen Hauptstadt Riad.
Nach Syrien und dem Irak, wo die Saudis und ihre Verbündeten indirekt schiitische Milizen bekämpfen, artet nun der Kampf um den Jemen immer mehr zum Stellvertreterkrieg zwischen Riad und Teheran aus. Es wird unverhohlen um die Frage gerungen, wer die Region dominiert: Saudi-Arabien, der alte Verbündete des Westens, der verunsichert mit ansehen muss, wie sich die Schutzmacht USA von ihm langsam entfernt? Oder Iran, das in der Region auf Expansionskurs ist und bei den Atomverhandlungen mit den USA und ihren Verbündeten eine historische Annäherung erreichte?
Mit Erschrecken mussten die Öl-Monarchen verfolgen, wie leidenschaftlich die traditionell verbündeten USA um die Zustimmung Irans zu einer Lösung des Atomkonflikts rangen. Mit der Vereinbarung von "Eckpunkten", die am Donnerstagabend der iranische Außenminister Javad Zarif und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini bekannt gaben, rückt Iran dem Westen wieder ein Stück näher - vor allem dem Hauptverhandlungsführer USA.
Begonnen hatte der Angriff der arabischen Militärkoalition auf den Jemen im Namen der Stabilität. Doch schon nach einer Woche wird offenbar, dass es der Allianz weniger um einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Lagern in dieser Auseinandersetzung geht: Die schiitischen Huthi-Rebellen, die sich mit dem früheren Präsidenten Saleh verbündet haben, stehen dabei einem von Saudi-Arabien gestützten Lager gegenüber. Es ist kein rein sektiererischer, sondern ein komplizierter innenpolitischer Konflikt - doch die sunnitischen Staaten unter Führung des saudischen Königshauses wollen am Golf von Aden mit ihrer Intervention vor allem ihren ideologischen Rivalen treffen: den schiitischen Iran.
Zugleich ist die Militäraktion für den saudischen König Salman bin Abdulaziz Al Saud eine Gelegenheit, den USA gegenüber Eigenständigkeit zu demonstrieren und sich vielleicht auch militärisch zu jener arabischen Führungsmacht aufzuschwingen, die das Land wirtschaftlich längst ist.
Sicher ist nur, dass der Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten im Nahen Osten sehr gefährlich ist: Die neueste Eskalation kann nicht nur den Jemen in den Abgrund reißen, sondern auch für das saudische Herrscherhaus zum Desaster werden - zumal sich Riad mit dem Jemen schon unlängst verkalkuliert hatte.
Erst im Herbst hatte Saudi-Arabien die Finanzhilfen für die Regierung des nun nach Riad geflohenen Präsidenten Abdal Rabbo Mansur Hadi eingestellt. Dem Königshaus war der Sunnit Hadi zu nachgiebig gegenüber den Machtansprüchen der schiitischen Huthis, die immerhin ein Drittel der Bevölkerung stellen. Doch Hadi hatte nur versucht, zwischen den verschiedenen Fronten politisch zu überleben. Denn er musste sich auch noch gegen seinen Amtsvorgänger Ali Abdullah Saleh wehren. Der Schiit drängte mit eigenen Milizen zurück an die Macht, nachdem er im Zuge des Arabischen Frühlings abtreten musste. Ohne die Zuwendungen aus Riad aber hatte Salehs Nachfolger Hadi keine Chancen.
Auch wenn die Iraner den Huthis konfessionell nahe stehen und sie wohl auch mit Waffen versorgt haben - zu ihrem Siegeszug quer durchs Land verhalf ihnen Ex-präsident Saleh. Der skrupellose Machttaktiker hatte sich mit seinen eigenen Kämpfen auf die Seite seiner jahrelang bekämpften Feinde geschlagen. Hinter Saleh stehen jene Elitetruppen, die er einst mit Hunderten Millionen Dollar von den USA ausrüsten ließ, um sie nach seiner Absetzung als Privatarmee zu kommandieren. Zur Finanzierung der Milizen kann er auf ein zusammengerafftes Milliardenvermögen zurückgreifen.
Saleh hatte das Regieren im Jemen einst mit einem "Tanz auf Schlangenköpfen" verglichen. Was jetzt geschieht, sei "einer von Salehs Tänzen", sagt Abdulkader Alguneid, einer der Wortführer der Proteste gegen die Huthis in Tais, einer wirtschaftlich wichtigen Stadt in der Landesmitte zwischen Sanaa und Aden: "Es waren keine fremden Kräfte von außen, die Tais erobert haben, es waren Salehs Anhänger, übergelaufene Militärs." Trotzdem wird die Stadt jetzt von Huthis kontrolliert, von hier aus starteten die schiitischen Milizen ihren Feldzug gen Süden.
Auch über Tais warfen die Flieger der Koalition nun Nacht für Nacht ihre Bomben ab. "Sie töten jeden, nicht nur Huthis", sagt der Abgeordnete Abdulkader Mughales und verflucht die Saudis: "Vor 100 Jahren schon haben sie uns drei Provinzen weggenommen, bis heute fürchten sie einen starken Jemen." Noch seien zwar kaum iranische Kämpfer im Land, "aber wenn die Saudis so weitermachen, werden die Iraner kommen und unsere Heimat zum Schlachtfeld ihres Krieges machen".
Der Militäreinsatz im Jemen markiert einen radikalen Bruch in der Außenpolitik des Königreichs. Bislang setzte Riad seine Interessen auf dreierlei Weise durch: Es nutzte, erstens, seinen Reichtum, um befreundete Regime oder Gruppen zu unterstützen. Es flocht, zweitens, ein globales Netzwerk von Predigern und Koranschulen, um die puritanische Islam-Interpretation der Wahhabiten zu verbreiten.
Und es betrieb, drittens, klassische Diplomatie und vermittelte - etwa jene Friedensgespräche, die den 15 Jahre währenden Bürgerkrieg im Libanon beendeten. Warum das Königreich seit Jahrzehnten aufrüstet, haben daher selbst intime Landeskenner nie ganz verstanden.
Die Operation im Jemen offenbart der Weltgemeinschaft nun, weshalb Riad so viele Milliarden in seine Luftwaffe und sein Heer gesteckt hat: Es geht um den Unruheherd im Süden, den von konfessionellen Fehden und Stammeskämpfen zerrissenen Jemen.
Mit dem Nachbarland ist das Königreich durch Stämme und ein Heer von Gastarbeitern seit je eng verbunden. Die Bin Ladens, eine der einflussreichsten Familien des Landes, und selbst die Mütter mancher Saudi-Prinzen stammen von hier. Es ist ein Albtraum für König Salman, dass Iran, der alte Rivale um die Vorherrschaft über die Region, die Glaubensbrüder im Jemen aufwiegelt und das Land in seine schiitische Einflusszone einfügt.
Saudi-Arabiens Rivalität mit Iran reicht in eine Zeit zurück, als in Teheran noch der Schah regierte. Mit Irans wachsendem Einfluss ist der Bruch in Riads Außenpolitik allein nicht zu erklären. Aber seit Januar regiert in Riad mit Salman auch ein neuer König. Da Salman alt und hinfällig ist, versuchen sich seine Söhne und Neffen im Jemenkonflikt zu profilieren und sich für den im Haus der Saud bevorstehenden Generationswechsel in Stellung zu bringen. Verunsichert wird das Herrscherhaus aber auch durch die Neuorientierung der einst so verlässlichen Schutzmacht USA, die zunehmend von Riad abrückt und sich auf einmal Iran zuwendet.
Nach tage- und nächtelangem Nervenkrieg hatte sich Zarif mit seinem US-Kollegen John Kerry und den Außenministern Russlands, Chinas, Frankreichs, Großbritanniens und auch Deutschlands darauf geeinigt, dass Iran seine Urananreicherung auf die Anlage von Natans beschränkt. Die in einem Berg versteckte Anlage von Fordo, deren Schließung der Westen gefordert hatte, soll in Zukunft nur der Forschung dienen. Den Schwerwasserreaktor in Arak darf Iran weiterbetreiben, allerdings nur in enger Kooperation mit dem Westen.
Um den Forderungen des Westens nach Kontrolle gerecht zu werden, erklärt sich Iran bereit, das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag zu ratifizieren. Diese Vereinbarung gibt den Inspektoren der Internationalen Atomenergiekommission (IAEA) mehr Rechte. Die Kontrolleure aus Wien verlangen seit Jahren Aufklärung über die "potenzielle militärische Dimension" des iranischen Atomprogramms.
Im Gegenzug sollen die Wirtschaftssanktionen schrittweise aufgehoben werden, vorausgesetzt, Iran setzt alle Ankündigungen um. Die Details, die noch viel Raum für Konflikte lassen, sollen bis zum 30. Juni ausgearbeitet werden.
So kam es in Lausanne zwar nicht zum historischen Händedruck zwischen dem Iraner Zarif und dem Amerikaner Kerry, aber es war überraschend konkret, was Mogherini und Zarif am Donnerstagabend verkündeten. Denn nachdem die selbstgesetzte Frist für eine Vereinbarung in der Nacht zum Mittwoch verstrichen war, hatte es zeitweilig so ausgesehen, als sei Iran noch nicht einmal zu einer dürftigen Erklärung bereit und treibe US-Präsident Barack Obama in die Enge.
Am Donnerstag aber trat Obama im Rose Garden des Weißen Hauses vor die Presse, sprach von einem "guten Deal" und einem "historischen" Abkommen - und warnte den Kongress davor, es zu blockieren. Es war ein Erfolg für Obama, der nach über einem Jahr der Verhandlungen unter großem Druck stand: Er musste den Kritikern aus der eigenen Partei und vor allem den Republikanern deutliche Zugeständnisse Irans vorlegen. In Iran setzte eine vom Embargo ausgezehrte Bevölkerung seit Monaten auf den diplomatischen Befreiungsschlag und die damit verbundene wirtschaftliche Wende (siehe Seite 98).
Irans Staatspräsident Hassan Rohani hatte sich sogar dazu hinreißen lassen, über eine Wiedereröffnung der US-Botschaft in Teheran zu spekulieren. Für die Hardliner vom nationalreligiösen Flügel käme das einem Verrat an der Revolution gleich - auch wenn die überwiegende Mehrheit der Iraner Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten sieht und sich nach Aussöhnung sehnt.
Doch über die Atompolitik bestimmt nicht der Kleriker Rohani; über Krieg und Frieden oder das Verhältnis zu den USA entscheidet allein Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei. Ein umfassender Atomdeal bis Ende Juni käme für den 75-jährigen Khamenei einer schier unglaublichen Wende gleich. Mit einem Ja würde der Ajatollah abrücken von der Konfrontation, aus der er als Revolutionsführer aber seine Legitimität bezieht. Kann er sich das leisten?
Sicher ist: Khamenei führt, nach einem Vierteljahrhundert an der Macht, Iran so selbstbewusst wie seit Langem nicht mehr. Innenpolitisch hat er sich aller Widersacher entledigt. Angeblich, so heißt es in Teheran, konnte er sogar den Krebs besiegen, der Hoden oder Prostata befallen hatte.
In der Wahrnehmung des Westens haben die Sanktionen die Wirtschaft stranguliert und die Führung in Teheran an den Verhandlungstisch gezwungen. Anders in Iran: Dort gilt Khamenei als Führer, der das Land gegen den Willen der internationalen Gemeinschaft zur potenziellen Nuklearmacht aufgebaut hat - und der nun auf Augenhöhe mit der Weltmacht USA verhandeln lässt.
Khamenei kann sich durchaus brüsten, seinen Auftrag - Expansion und Export der Revolution - erfüllt zu haben: Im Südlibanon stehen die von Iran aufgerüsteten Kämpfer der Hisbollah und bedrohen Israel. In Syrien sichern schiitische Milizen auch das Fortbestehen der mit Iran verbündeten Assad-Diktatur. Im Irak schlagen Verbände unter dem Kommando iranischer Berater die Truppen des "Islamischen Staats" zurück. Und mit dem Vormarsch der wohl von Teheran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen reicht der schiitische Halbmond nun vom Mittelmeer bis zum Golf von Aden.
Khameneis Gegenspieler auf der saudi-arabischen Halbinsel hingegen müssen sich nach dem Tod von König Abdullah im Februar neu positionieren. Die Chance, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen, nutzt vor allem König Salmans Lieblingssohn Mohammed. Der erst 35-jährige Verteidigungsminister war es, der Ende März den aus dem Jemen geflohenen Präsidenten Abdal Rabbo Mansur Hadi in Riad empfing. Und er war es auch, der bei der Sitzung des neu geschaffenen Nationalen Sicherheitsrates zwei Tage zuvor neben seinem Cousin, dem Innenminister Mohammed bin Naif, 55, saß, als über den Angriff beraten wurde. Welcher der beiden jüngeren Prinzen die Jemenpolitik des Königreichs mehr vorantreibt, ist umstritten. Bedenken hatte offenbar keiner von ihnen.
Das Risiko, welches das Haus Saud mit der Entscheidung für diesen Krieg eingeht, ist groß. Bislang befeuern die Luftangriffe der von Riad angeführten Koalition den Vormarsch der Huthi-Milizen, anstatt ihn einzudämmen: Am Dienstag nahmen die Rebellen einen Militärstützpunkt direkt am Bab al-Mandab ein. Die Meerenge gilt, neben den Straßen von Hormus und Malakka, als eine der strategisch wichtigsten der Welt.
"Operation Entscheidungssturm" haben die Saudis ihren Feldzug getauft. Aber aus der Luft allein können sie nicht siegen. Wollen sie eine Niederlage abwenden, müssen sie diesen Krieg auch am Boden führen. Dazu aber ist die Armee kaum in der Lage. Dennoch berichten Augenzeugen von kilometerlangen Panzertransporten entlang der saudi-arabischen Grenze, während auf der anderen Seite Tausende Huthi-Rebellen Richtung Süden marschieren, um die Invasoren zurückzuschlagen.
In den Sechzigerjahren hatte schon einmal eine Großmacht Zehntausende Soldaten in den Jemen geschickt. Der Feldzug endete desaströs. Er ging als "Ägyptens Vietnam" in die Geschichte ein.
* EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, Irans Außenminister Javad Zarif mit seinem britischen Kollegen Philip Hammond und US-Außenminister John Kerry am 2. April.
Von Dieter Bednarz, Christoph Reuter und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 15/2015
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