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DER SPIEGEL

Ödipus in Irland

„Miracle - Ein geheimnisvoller Sommer“. Spielfilm von Neil Jordan. Irland 1991. 96 Minuten; Farbe.
Ein Sommer in Irland, ein Mädchen, ein Junge und eine geheimnisvolle Fremde am Strand und dann und wann ein Elefant: Das ist eine alte Geschichte, "die älteste Geschichte der Welt", so das Mädchen Rose. Und mit Geschichten kennt Rose sich aus, zusammen mit dem Jungen Jimmy, 15 Jahre alt wie sie, hatte sie sich immer neue ausgedacht, kleine komische oder auch spöttische Spiele, und von Liebe handelten die meisten ihrer Geschichten.
Doch nun verliebt sich Jimmy wirklich, in jene mysteriöse Blondine, eine amerikanische Schauspielerin, die in einer drittklassigen Inszenierung von "Destry Rides Again" Marlene Dietrichs einstige Rolle spielt. Und was damit beginnt, ist in der Tat nur die Neuauflage eines alten Mythos: Ödipus in Irland.
Statt der Tragödie oder wenigstens des Psychodrams aber inszeniert der Schriftsteller und Regisseur Neil Jordan, der durch seine abgründige Rotkäppchen-Version "Die Zeit der Wölfe" bekannt wurde, ein Traumspiel, fast so etwas wie ein Märchen. Daß diese Pubertätsgeschichte trotz ihrer üppigen Symbolik, zumal solcher aus dem Tierreich, und ihrer schwelgerischen Bilder nie aus der Balance zwischen Poesie und Peinlichkeit gerät, liegt vor allem an ihren jugendlichen Laiendarstellern, Niall Byrne und Lorraine Pilkington. Sie sind das wirkliche Wunder dieses Films.

DER SPIEGEL 34/1991
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