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DER SPIEGEL

„Die sind durchgedreht“

SPIEGEL: Vor kurzem sind die "Toten Hosen" auf dem Polit-Festival "Ich bin ein Ausländer" in der Berliner Deutschlandhalle aufgetreten. Geht Deutschlands erfolgreichste Punk-Band nun unter die politischen Aktivisten?
CAMPINO: Wir haben nie verborgen, wo wir politisch stehen. Gegen rechte Skinheads und Neonazis kämpfen wir seit Jahren. Früher kamen sie in unsere Konzerte, um sich zu prügeln. Heute lassen wir Leute, die neonazistische Aufkleber und ähnliches Zeugs tragen, gar nicht mehr rein.
SPIEGEL: Überrascht euch die neue Dimension des Ausländerhasses?
CAMPINO: Nein. Rechtsextreme Idioten gibt es nicht erst seit ein, zwei Jahren. Und daß sie sich jetzt so schnell vermehren, ist auch kein Zufall - eine latente Ausländerfeindlichkeit war schon lange verbreitet. Nur deshalb trauen sich die Neonazis jetzt, richtig loszuschlagen.
SPIEGEL: Die Toten Hosen waren vor allem für ihren Hang zum Spaß, Chaos und Nonsens bekannt. Ändert ihr nun eure Strategie?
CAMPINO: Nein, Pop ist ein Massenphänomen. Wir können es uns nicht leisten, komplizierte, poetische Texte für Intellektuelle zu machen. Wir spielen für die Kids auf den Straßen. Die wollen wir nicht der Bild-Zeitung oder reaktionären Bands überlassen.
SPIEGEL: Die Toten Hosen gehören zu der ersten Generation, die mit Ausländern aufgewachsen ist.
CAMPINO: Die Ausländer haben Deutschland zu einem anderen Land gemacht. Typisch deutsche Tugenden wie hart arbeiten, sauber sein und der ganze Ordnungswahn zählen nicht mehr soviel. Inzwischen ist man auch bei uns soweit, daß man einen Tisch rausstellt, wenn die Sonne scheint, und sich hinsetzt und den Tag genießt. Diese Lässigkeit, dieses Mach-mal-halblang; das haben die Ausländer gebracht.
SPIEGEL: Als ihr vor zehn Jahren anfingt, war die Punk-Bewegung schon so gut wie tot. Übrig blieben ein paar abgerissene Gestalten, die in den Fußgängerzonen um Geld bettelten.
CAMPINO: Für uns hieß Punk immer, mit dem Arsch hochzukommen, zu tun, worauf wir Bock hatten. Dieses ganze "Keine Zukunft"-, Irokesenhaarschnitte-, Lederjacken-Image war uns zu düster. Wir sind zur Heilsarmee gegangen und haben uns kiloweise bunte Schlaghosen und Schlafanzüge abgeholt. Jeder sollte denken: Jetzt sind die völlig durchgedreht.
SPIEGEL: Als die Durchgedrehten vom Dienst habt ihr längst Karriere gemacht, zwei Millionen Platten verkauft, seid in Zeitschriften und Fernsehsendungen ständig präsent. Was bleibt da noch von eurer rebellischen Identität?
CAMPINO: Die Toten Hosen sind immer mehr als eine Punk-Rock-Band gewesen - so eine Mischung aus Mafia, Autofahrern und schlechten Musikern. Wenn wir uns in der Öffentlichkeit oder im Fernsehen so benehmen sollen, wie das gefordert wird, dann fangen wir an, uns zu langweilen. Also reden wir dummes Zeug, versuchen, den ganzen Quatsch zu karikieren. Wir sind in der Öffentlichkeit nicht anders, als wenn wir im Bandbus sitzen.
SPIEGEL: Auf eurer gerade erschienenen Platte "Learning English Lesson 1" spielt ihr Punk-Klassiker aus alten Tagen gemeinsam mit jenen Bands, die nach ein, zwei Szene-Hits in der Versenkung verschwunden sind. Was habt ihr bei euren Ausgrabungsarbeiten gefunden?
CAMPINO: Vor allem Leute, die ihren Humor und ihre Energie nicht verloren haben, auch wenn es mit der Musikkarriere nichts wurde. Matt Dangerfield von den Boys macht heute Radioprogramme, die er nach Norwegen verkauft, Arturo Bassick von den Lurkers nutzt seinen alten Bandbus, um Umzüge in London für 20 Pfund anzubieten, und Nick Cash von 999 arbeitet inzwischen als Friedhofsgärtner . . .
SPIEGEL: . . . was ihr nicht nötig habt. Einerseits verdient ihr einen Haufen Geld, andererseits pflegt ihr euer Underdog-Image und tut so, als wüßtet ihr nicht, was morgen passiert. PR-Masche oder Lebenslüge?
CAMPINO: Wir wissen tatsächlich nicht, was die Zukunft bringt. Nicht nur deshalb fühlen wir uns zu diesen Jungs hingezogen und können von dem Garagen-Rock, den sie spielen, nicht genug kriegen. Diese Musik ist unberechenbar, dreckig, ungemütlich, euphorisch und voller Überraschungen.
SPIEGEL: Aber sie bietet heute doch kaum noch Überraschungen. Die werden mittlerweile eher in der elektronischen Musik produziert, von Computerkids, die zu Hause vor einem Bildschirm sitzen und ein Stück zusammenbasteln.
CAMPINO: Ich verstehe nichts von Computern, aber ich weiß, daß sie alles können, nur den Klang einer Gitarre, den kriegen sie nicht hin. Außerdem will ich nicht allein in einem Schlafzimmer herumhocken, sondern mit einer Band auf eine Bühne steigen, schauen, ob wir es noch einmal packen, lauter drehen, sägen, immer mit Vollgas!
SPIEGEL: Dann sind die Toten Hosen das Projekt, mit dem man die Pubertät bis ins Greisenalter verlängern kann?
CAMPINO: Wenn Erwachsenwerden heißt "vom Gaspedal runtergehen" - dann lieber jung sterben. Oder so altern wie Ronald Biggs, der Posträuber, mit dem wir in Rio einen Song aufgenommen haben. Er hat kein Geld, aber immer prima Laune. Mal macht er für Herrenunterwäsche Reklame, mal versucht er, Alarmanlagen zu verkaufen - nach dem Motto: Vertrauen Sie Ihr Geld einem Posträuber an. Der ist sich für nichts zu schade, solange ihm eins erspart bleibt: auf ordentliche Art und Weise Geld zu verdienen.

DER SPIEGEL 46/1991
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