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DER SPIEGEL

„Wir zeigen auch ein Human Interface“

SPIEGEL-Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg über Menschen und Maschinen auf der Computermesse Cebit
Der Raum dämmert in einem bläulichen Schimmer, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Der Prediger hinter dem erhöhten Pult hat beschwörend die Hände erhoben. Noch verbirgt ein schwarzes Tuch die drei Objekte seiner Anbetung, die auf dem schlichten Altar zu seinen Füßen aufgebaut sind.
Die Gegenstände des Glaubens, der hier verbreitet wird, sind viereckig. Soviel läßt auch die dunkle Verhüllung erahnen. Die Sprache des Ritus ist englisch, auch wenn der Prediger ein Deutscher ist und die Messe in Hannover zelebriert wird.
Nun legt der Priester die Hände aneinander zum Gebet und spricht das Glaubensbekenntnis: "We believe in standards", was verdeutscht heißt: "Wir glauben an die Gebote." Die Versammelten in den Stuhlreihen blicken dämmrig wie in Trance.
Dann beginnt die feierliche Handlung. Zwei Messe-Diener schlagen das schwarze Tuch zurück. Guerrino de Luca, der italienische Hilfsprediger, sagt: "Here they are."
Die drei lang ersehnten Heilsbringer tragen den Familiennamen Mac II cx. Eigentlich sehen sie wie ganz normale Computer aus.
Das sind sie auch. Es sind die ein wenig erweiterten Versionen der Macintosh Personalcomputer der amerikanischen Firma Apple. Vergangenen Dienstag, zur Eröffnung der Computer-Messe Cebit, stellte sie Apples Europa-Chef Michael Spindler auf einer Pressekonferenz vor.
Das weihevolle Ritual, mit dem Computer-Verkäufer auch noch die Erweiterung eines Hauptspeichers um zwei Megabyte als umwälzende Innovation feiern, kommt nicht von ungefähr. Wie in sonst keiner anderen Branche verstehen sich hier Produzenten als Propheten. Die Cebit in Hannover, die größte Computer-Messe der Welt, wird einmal im Jahr die Stätte der Verkündung.
Das legendäre Pionier-Unternehmen aus dem Silicon Valley ist Spezialist für den Kult mit dem Computer. Apple beschäftigt Mitarbeiter mit dem Titel "Evangelist" auf der Visitenkarte. Ihre Sprache ist der Jargon moderner Kreuzzügler, Vision und Mission sind ihre Schlüsselworte. Denn sie wollen "die Welt verändern".
Die Revolution dieser Woche: In der Dreieinigkeit der Macs steht einer Kopf. Wo der Rest der Welt den Bildschirm quer hat, ragt der Mac II cx senkrecht hervor im Hochformat. Mit diesem Dreh gleicht der Schirm dem gewohnten Schreibblatt DIN A4. Aber es macht ihn auch schlank und sexy. Er soll ja den Sekretärinnen gefallen.
Doch die Botschaft kommt nicht mehr so richtig an. Mit einem einfachen Dreh geben sich die Freaks der Technik nicht zufrieden. Selbst strenggläubige Mac-Fans verlassen vorzeitig den dunklen Saal der Apple-Gemeinde und schlecken draußen in der Sonne auf Kosten des Unternehmens Eis.
Über ein Jahrzehnt lang hat die Computer-Branche geglaubt, die Zukunft gehöre ihr auf ewig. Immerwährendes Wachstum, zweistellig, und technischer Fortschritt, im Dreisprung, schienen ihr sicher. Aber die Technik will dieses Jahr in Hannover einfach nicht springen. Und auch die Umsätze wachsen nur im langweiligen Mittelmaß.
Zwei einst gefeierte Wunder-Unternehmen der Branche sind plötzlich zu Problemfällen geworden. Bei Apple in Amerika und bei Nixdorf in Deutschland gingen die Gewinne bedrohlich zurück.
Nichts davon bringt die High-Tech-Priester von ihrer Glaubensgewißheit ab. "Wir können die schlechten Nachrichten nicht verbergen", sagt Spindler von Apple und tut dann alles, um sie zu verschleiern. Eine Größe, die wächst, findet ein guter Manager immer, und wenn es die Lagerhaltung ist.
Die dürftige Zahl der in Deutschland verkauften Mac-Computer (48 000) wird schamhaft verschwiegen. Der Nixdorf-Vorstand Arno Bohn ließ sich nicht einmal dazu bewegen, auch nur mit einem öffentlichen Wort auf die negativen Tendenzen einzugehen. Auf dieser Messe darf es eben nur aufwärtsgehen.
"Wir sind zukunfts-kompatibel", tönt auch das ungetüme Messe-Motto der Heimcomputer-Firma Commodore. Der kanadische Chef Irving Gould und dessen deutscher Statthalter Winfried Hoffmann rechneten einen Pro-Kopf-Umsatz vor, bei dem ganz ungeniert die 250 Mitarbeiter im Braunschweiger Werk nicht mitgezählt waren.
Kommunikation - am besten "All-Over-Kommunikation" wie bei Bosch oder "Kommunikation in Höchstform" wie bei Siemens - ist in allen Hallen angesagt. Zur Kommunikation gibt es neue Bildtelephone oder Electronic Mail, ein ISDN-Netz ist auch gerade ausgelegt. Nur eins fällt den Managern dieser Branche schwer: schlicht, einfach und ohne Netz etwas mitteilen.
Da werden Computer-Bilder animiert wie bei der Apple-Weihe, doch die Sprache bleibt seelenlos. Wenn ein Nixdorf-Manager von "End-usern" redet, ahnt der Kunde wohl, daß er für den Computer-Mann das Letzte ist. Gesichtslos einander ähnlich, beteuern die Firmenvertreter dennoch auf der Messe: "Wir zeigen auch ein Human Interface."
Mit niedlichen Tricks versuchen manche Hersteller eine Mensch-Maschine-Bindung herzustellen. Infotec, ein Hoechst-Ableger, hat erstaunlichen Erfolg mit einer computerisierten "Namensanalyse". In langer Schlange stehen ganze Familien an, um sich über Herkunft und Bedeutung ihrer Vor- und Nachnamen Auskunft zu holen. Nebenbei nimmt das die Angst vor der Allmacht der Computer: Er weiß nicht alles.
"Sehen Sie", tröstet die Messe-Hosteß ein Mädchen mit dem Vornamen Yoni, "er gibt wenigstens zu, daß er es nicht weiß. Das kann man von den Menschen ja nicht immer sagen."
Hilflos versuchen die End-user sich dem Jargon der Maschinen anzupassen. Ein weißhaariger, würdiger Herr verlangt auf dem Stand der Bosch-Firma Telenorma mutig "eine kompetente Auskunft über multiple tasking Operationssysteme". Fassungslos blickt der Verkäufer in das menschliche Interface.
Die Telenorma zeigt, wie der Mensch der Zukunft aussehen soll: In einem gläsernen Labyrinth am Rande des Ausstellungsstandes tanzt ein Ballett - jeder Tänzer hat einen überdimensionalen Computer-Chip auf der Stirn. Die vier Chip-Menschen sollen die Integration von Sprache, Text, Daten und Bild in den neuen, computerisierten Netzen darstellen.
Wenn die Computer-Branche dem End-user etwas darstellen will, scheint die Pantomime die beliebteste Form zu sein. Selbst auf dem Stand der DDR-Firma Robotron, die den westlichen Trends gern nostalgisch hinterherhinkt, wird stumm um die Maschinen getanzt.
Der Zustand der Sprachlosigkeit scheint der Computer-Welt wesensverwandt. Bewegte Bilder auf den Schirmen, oder auch das sogenannte Graphical Interface, hat nun bald jede Firma, die etwas auf sich hält. Doch so recht mögen die Aussteller der anziehenden Wirkung der künstlichen Bilder nicht trauen. Da müssen dann doch noch die lebenden Pantomimen jeweils zur halben Stunde die Chip-Kappe aufsetzen.
In Kalifornien, so berichtet der Chefredakteur der englischsprachigen Cebit-Messe-Zeitung, gibt es schon längst einen Heiligen des Computers, der sich einen Chip fest auf die Stirn geklebt hat. Der Religionsgründer betet bei Sonnenaufgang am Strand vor seinem tragbaren Computer, der ihm die unverständlichen Ziffernfolgen seines innersten Maschinenkodes über den Schirm rollt.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

DER SPIEGEL 11/1989
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