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DER SPIEGEL

GEWERKSCHAFTENRauhe Bräuche

Die Einzelgewerkschaften des DGB versuchen, sich gegenseitig die Mitglieder abzuwerben.
Der Münchner Agfa-Betriebsratsvorsitzende Klaus Schneider ist seit 30 Jahren Mitglied der IG Metall. All die Kämpfe um das freie Wochenende, um mehr Urlaub und mehr Lohn - das verbindet. "Nach so langer Zeit", sagt der Betriebsratschef, "hängt man einfach an seinem Verein."
So kann Schneider sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, daß nun alles anders wird: Er soll seinen IG-Metall-Ausweis abgeben und in die IG Chemie eintreten. "Dabei kenne ich dort fast niemanden", sagt der Metaller.
Wie dem Feinmechaniker Schneider ergeht es vielen seiner 4200 Kollegen in den sechs bayrischen Agfa-Werken. Dort werden vor allem Laborgeräte und Magnetbänder für die Rundfunk- und Filmindustrie hergestellt, und natürlich hat das alles auch mit Chemie zu tun. Weil die Geschäftsleitung lieber mit IG-Chemie-Chef Hermann Rappe statt mit dem unbequemen IG-Metall-Boß Franz Steinkühler verhandeln möchte, will das Unternehmen am Jahresende vom Metall- in den Chemiearbeitgeberverband wechseln.
Damit sich dann auch die passenden Tarifpartner gegenüberstehen, sollen die rund 1200 in der IG Metall organisierten Arbeitnehmer zur IG Chemie übertreten. Mit Gewerkschaftschef Hermann Rappe, der im Aufsichtsrat der Agfa-Mutter Bayer sitzt, ist sich die Unternehmensleitung schon einig.
Doch die IG Metall will auf die gutverdienenden Agfa-Mitarbeiter nicht verzichten. "Wir lassen nicht zu", sagt der Münchner IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer, "daß die IG Chemie in unserem Revier wildert."
Der Ärger des IG-Metall-Funktionärs ist verständlich: Wie bei Agfa streiten die Gewerkschaften inzwischen auch bei anderen Firmen immer häufiger um Mitglieder und deren Beiträge. Schon seit Monaten liefern sich die beiden mächtigsten Industriegewerkschaften einen erbitterten Machtkampf. Vor allem die IG Chemie versucht, der großen Schwester Mitglieder abzujagen.
So möchte Rappe gern die Beschäftigten der Hoechst-Tochter Sigri, deren Werk in der Nähe von Augsburg steht, in der IG Chemie sehen. Für das Unternehmen ist bislang die IG Metall zuständig.
Erst auf ihrem Gewerkschaftstag im September vergangenen Jahres hatte die IG Chemie vorsorglich ihre Satzung geändert. Seither beansprucht die drittgrößte DGB-Gewerkschaft die Angestellten der zukunftsträchtigen Computerbranche für sich, die bislang ebenfalls von der IG Metall betreut wurden. "Die High-Tech-Angestellten", sagt ein hoher IG-Chemie-Funktionär, "sind bei uns doch viel besser aufgehoben."
Andererseits schöpft die IG Metall gern aus dem Mitgliederreservoir der IG Chemie. Als kürzlich die Nuklearfirmen Alkem und Reaktor-Brennelement Union von Siemens übernommen wurden, reklamierte die IG Metall die dort beschäftigten rund 400 IG-Chemie-Mitglieder für sich. Der Siemens-Vorstand, so die Begründung, dulde in seinem Konzern nur eine Gewerkschaft, die IG Metall.
In einem Spitzengespräch am Mittwoch dieser Woche wollen die zerstrittenen Gewerkschaften versuchen, sich gütlich zu einigen. Der Konflikt wird jedoch so schnell nicht beizulegen sein. Innerhalb des DGB sind die Bräuche rauher geworden.
Weil die Zahl der Rentner unter den Mitgliedern steigt und - vor allem unter den Angestellten - junge, gutverdienende Beitragszahler ausbleiben, kommen immer mehr Gewerkschaften finanziell in Schwierigkeiten. Sie versuchen deshalb, auf Kosten anderer Gewerkschaften ihren Mitgliederstand zu verjüngen - sehr zum Mißvergnügen der Kollegen.
So weigert sich die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) beharrlich, auf rund 18 000 Mitglieder zu verzichten, die bei den Einzelhandelsriesen co op und Asko beschäftigt sind und in der Gewerkschaft HBV (Handel, Banken und Versicherungen) organisiert werden könnten. "Auf so viele Mitglieder", sagt NGG-Chef Erich Herrmann mit entwaffnender Offenheit, "können wir einfach nicht von heute auf morgen verzichten."
Lieber heute als morgen würde Heinz-Werner Meyer, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, die Beschäftigten der bundesdeutschen Kernkraftwerke und Energieversorger übernehmen. Die IG Bergbau hat in 18 Jahren durch ständigen Belegschaftsabbau in den Zechen 47 000 Mitglieder verloren, und im Bergbau ist kaum Nachwuchs vorhanden (siehe Graphik). Doch für die Kraftwerksbeschäftigten ist bislang noch überwiegend die ÖTV zuständig.
Schuld an dem wachsenden "Kannibalismus" (HBV-Chef Lorenz Schwegler) innerhalb des DGB sind nicht nur finanzielle Schwierigkeiten oder der Ehrgeiz einiger Gewerkschaftsbosse. Viele Unternehmen ändern ihre Produktionsverfahren oder die Produktpalette, kaufen Firmen hinzu oder gründen für Teilbereiche, wie den Fuhrpark oder die EDV-Abteilung, eigene Gesellschaften. Da fühlen sich dann oft konkurrierende Gewerkschaften für die Beschäftigten zuständig.
Nur der DGB könnte die Konflikte aus der Welt schaffen. Nach der Satzung soll der Düsseldorfer Dachverband Streitigkeiten zwischen den Einzelgewerkschaften schlichten und bei Bedarf die Einflußbereiche seiner Mitglieder neu abstecken.
Doch bislang hielt sich DGB-Chef Ernst Breit auffallend zurück. Der DGB-Boß will es sich mit keinem der Gewerkschaftsfürsten verderben. "Wenn einer von denen behauptet, zwei mal zwei ist fünf", lästert ein hoher IG-Metall-Funktionär, "nickt der Breit doch dazu."
Dabei hätte der DGB schon längst überprüfen müssen, ob die Arbeitsgebiete der 16 Einzelgewerkschaften, die vor 40 Jahren festgelegt wurden, nicht neu verteilt werden sollten. Vor allem die ÖTV, die in ihrer Organisation die unterschiedlichsten Berufe vom Müllwerker bis zum Universitätsprofessor vereinigt, steht mit ihrem "Gemischtwarenladen" (ÖTV-Jargon) recht eigenartig da.
Vom amtierenden DGB-Chef ist die überfällige Strukturreform des DGB nicht mehr zu erwarten. Breit scheidet im nächsten Frühjahr aus dem DGB-Vorstand aus.
Doch auch sein Nachfolger wird mehr als guten Willen mitbringen müssen. "Einer allein schafft das ohnehin nicht", sagt HBV-Chef Schwegler. "Da muß eine komplett neue Mannschaft ran."

DER SPIEGEL 34/1989
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