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DER SPIEGEL

GewerkschaftenAlte Fehde

Bei Betriebsratswahlen machen oppositionelle Gruppen der IG Chemie schwer zu schaffen.
Die Wahlparty der Gewerkschafter war unüberhörbar. In ihrer Stammkneipe vor den Toren der Hoechst AG floß spanischer Sekt und deutsches Bier bis vier Uhr nachts.
Die "Durchschaubaren" oder auch "Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit", wie sie sich offiziell nennen, hatten reichlich Anlaß zum Feiern. Bei den Wahlen zum Betriebsrat des Chemiekonzerns Hoechst hatten sie 12 von 43 Sitzen gewonnen. Die absolute Mehrheit der IG Chemie war damit erstmals gebrochen.
Für die sieggewohnten Vertreter der IG Chemie, die diesmal nur 18 Sitze gewannen, war die Wahlschlappe von Anfang März in Frankfurt ein Schock. Das Ergebnis, sagt Hermann Rappe, Chef der Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik, ganz vorsichtig, habe ihn "sehr berührt".
Es kommt wohl noch schlimmer für den Vorsitzenden der IG Chemie. Oppositionelle Gruppen bringen den Gewerkschafter inzwischen auch anderswo in arge Bedrängnis. Rappe muß befürchten, daß die Basis zersplittert.
Am Donnerstag vergangener Woche errangen auch beim Chemiemulti Bayer die Durchschaubaren einen beachtlichen Erfolg: Sie eroberten acht Sitze im neuen Betriebsrat, vier mehr als bisher. Beim Bayer-Werk in Wuppertal entschied sich ein Drittel der Wähler für die oppositionelle Belegschaftsliste. Bei Boehringer in Mannheim sind die Kandidaten der IG Chemie beinahe chancenlos.
Die Wahlerfolge der oppositionellen Gruppen zeigen, welch tiefer Riß die IG Chemie längst durchzieht. "Das kann uns natürlich nicht gefallen", sagt Rappe. Die Schuldigen hat der Chef schon ausgemacht. "Radikale Minderheiten" würden die Betriebsräte zersetzen, Linke und Grüne, sogar Kommunisten seien dabei.
Aber auch seine Gewerkschafter in den Betrieben vor Ort hätten einen Teil der Schuld für die ärgerliche Entwicklung zu tragen. Sie hätten, glaubt der IG-Chemie-Vorsitzende, gesellschaftliche Strömungen schlichtweg verschlafen. Nur deshalb konnten die Oppositionsgruppen "Themen aufgreifen, die unsere Kollegen nicht besetzen" (Rappe).
Daß seine Kollegen zu diesen Themen wenig zu sagen wußten und oftmals gar nichts sagen durften, hat der Vorsitzende offensichtlich verdrängt. Die Sorgen der Schichtarbeiter haben die Gewerkschafter ebenso gründlich ignoriert wie die Nöte der Akkordarbeiterinnen.
So manche Themen sind bei der IG Chemie tabuisiert. Über Sicherheitsmängel in den hochexplosiven Fabriken spricht ein ordentlicher Gewerkschafter nicht, auch nicht über Mißstände beim Umweltschutz. Die Arbeitsplätze könnten dann ja in Gefahr geraten.
Der Gewerkschaftsboß selber sät Zwietracht unter seinen Gefolgsleuten. In der Bonner SPD-Fraktion wie beim Deutschen Gewerkschaftsbund hat sich Rappe auf dem rechten Flügel festgebissen. Der Abgeordnete Rappe träumt noch immer von einer großen Koalition mit der Union, um die Grünen auszugrenzen. Der Gewerkschafter Rappe pflegt die Harmonie zu den Mächtigen der Chemie.
Die Fehde zwischen den zerstrittenen Fraktionen ist so alt wie die Macht des Multifunktionärs Rappe. Geradezu beispielhaft ist der Krach mit dem Ex-Gewerkschafter Hans-Werner Krauss, einem der Durchschaubaren bei Hoechst.
Bereits zu Beginn der siebziger Jahre bemängelte der Biologielaborant bei Hoechst, der Betriebsratsvorsitzende Rolf Brand würde allzu innig mit dem Vorstand kungeln und dabei die Arbeit an der Basis glattweg vergessen. Krauss und Kollegen wurden wegen "unzulässiger Fraktionsbildung" aus der IG Chemie ausgeschlossen.
Der Geschaßte trat 1981 mit den Durchschaubaren gegen die Gewerkschaft an. Die Liste gewann sofort sieben Sitze, Krauss verlor seinen Job. Der von Brand beherrschte Betriebsrat stimmte für die vom Vorstand beantragte Entlassung.
Seitdem kämpfen die Durchschaubaren in einem zähen Kleinkrieg gegen den Hoechst-Vorstand und die IG Chemie zugleich - oft genug vor Gericht bis zur letzten Instanz. Ihre Flugblätter wurden vom Werkschutz beschlagnahmt, der Konzern schaltete sogar die Polizei ein. Mit Kündigungen und Lohnabzügen wurde die Gruppe gegängelt.
Der Laborant mußte schließlich wieder eingestellt werden. Der Ausschluß von vier Mitgliedern aus der IG Chemie sei nicht rechtens, befand der Bundesgerichtshof. Die Gewerkschaft muß die Kritiker ertragen.
Das ist altgedienten Gewerkschaftern stets schwergefallen. Vor vier Jahren gab es Krach, weil die Durchschaubaren meinten, daß die Nachteile der Schichtarbeiter ausgeglichen werden müßten. Vor zwei Jahren forderten sie vom Konzern, die Produktion von Frigen sofort zu stoppen; die Fluorchlorkohlenwasserstoffe würden die Ozonschicht zerstören.
"Soll das Geschäft mit dem Tod machen wer will, Hoechst nicht", schrieben sie in ihre Flugblätter. Wieder gab es Verdruß. Ein Betriebsrat, so meinen die Opponenten, dürfe nicht nur machen, was der Geschäftsleitung gefällt - dann sei er überflüssig. Solche Selbstverständlichkeiten lösten bei der IG Chemie immer wieder heftige Reaktionen aus. Rappe kann sich eine Zusammenarbeit mit den aufbegehrenden Gruppen überhaupt nicht mehr vorstellen: Er rät ihnen, sich aufzulösen.
Da seine Kontrahenten solche Ratschläge jedoch kaum annehmen werden, will der IG-Chemie-Boß sich nun persönlich um die widerborstigen Gewerkschafter kümmern: "Wir werden jetzt ernsthaft Remedur machen."

DER SPIEGEL 14/1990
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