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DER SPIEGEL

Die gute Pop-Fee aus der Bierdose

Wolf Biermann über die neue LP der Kölner Gruppe BAP *
Weiß der Geier, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Der Leser soll bekanntgemacht werden mit der neuen Platte dieser Mundart-Kapelle in Köln: BAP. BAP, das ist eine Rock-, Pop- und Liedermacherei. Und BAP ist ganz oben, und besonders bei den Unteren. Und BAP ist in - und grad auch bei Outsidern.
Ich finde die Platte gut, ich finde die Texte vorzüglich, ich finde die Musik schlecht - aber eins nach dem anderen:
Die Plattenindustrie siecht seit Jahren dahin, und BAP macht Rekordumsätze. Den Kopf in der Kneifzange des Walkman, bewegen junge Deutsche ihre bayrischen Lippen, ihre norddeutsche Zunge zum krudesten kölschen Dialekt. In einer Proletensprache vom Kiez schreibt und singt Wolfgang Niedecken, eine No-Name-Berühmtheit, und die Kids in Ost und West kennen ihren Popstar aus Köln.
Unter den Literaten freilich ist er unbekannt, denn er ist ein Dichter. Hauptsächlich die Blöden kennen ihn, und für die ist nur das Beste gut genug. Wolfgang Niedecken schreibt Gedichte, die sich nicht gewaschen haben.
Solche unreine Ware hat beim zweiten Anlauf sogar Erfolg, auch bei der kulturellen Elite. Die frischen Frechheiten des ungezogenen Talents entzücken auch das abgemaffte Pack in den Salons. Und dann blüht wohl der Neid, aber das quere Deutsch der Texte, die Holprigkeit solcher Sprache stimmen versöhnlich, und so halten Neid und Bewunderung einander in Schach.
Ich verkleide mich diesmal als Kritiker und schreibe über die neue LP von BAP, weil ich weiß, daß der SPIEGEL eine Kritik über den Kölner Goldesel der EMI Electrola bringen will. Ich rieche die Gefahr eines trendsettenden Verrisses im übermächtigen Wochenblättchen. Die Gesetze des Marktes!
Auch der Abbau eines aufgebauten Markenartikels darf in den Medien nicht verpaßt werden. Alles hat seine Zeit. Der ehrgeizige Journalist, der zu früh mit der Demontage einer Berühmtheit anfängt, kriegt eins drauf - wer aber zu spät zum Abwracken kommt, der kriegt nix ab. Ich stehe, seit ich von CBS wegging, im gleichen Stall wie die Kölner Rennpferde und will versuchen, mit einer lobenden Kritik den Verriß hinauszuzögern. Denn wenn der SPIEGEL mit seiner Pranke erst mal zugeschlagen hat, dann werden in den Käseblättern der Provinz alle Hyänen Löwe spielen.
Die neun Lieder und Balladen dieser Platte (Titel: "Zwesche Salzgebäck un Bier") erzählen alle vom Leben kleiner Leute. Keine Studentenkunst. Armselige Träume von schönerem Leben in einer häßlichen Welt, vage Hoffnungen auf weniges. Und endlich der kindliche Wunsch, nicht zu sterben, zu überleben in einer Welt, die uns offenbar nur noch die Wahl läßt, ob wir einander ausrotten im Krieg - oder ob die Gattung Mensch verreckt an diesem falschen Frieden. Auf Niedecken-Deutsch heißt das im ersten Titel der LP: _____" Weet et niemieh hell em Parkett? Saach, ess schon " _____" alles ze spät ne, en dämm Bahnhofskino? "
- das ist große Weltuntergangslyrik in der Sprache des katholischen Kaffs am Rhein. _____" Denn dat Leech do ahm Eng vun dämm Tunnel ess en " _____" Panoramatapet. "
Wolfgang Niedecken hat sich auf der allgemeinen Flucht vorm Englischen gar nicht erst im Deutschen aufgehalten. Von der Weltsprache der Nachkriegszeit sprang er gleich in den vertrauten Provinzdialekt, und das ist die angemessene Sprache der Vorkriegszeit.
Im Weltuntergang macht es keinen Unterschied, ob einer seine letzten Worte in Hochdeutsch murmelt oder im Kauderwelsch der Sprachnische. Solcher Rückfall in die Mundart hat also Erfolg auf dem Markt. Sogar in New York traf ich Leute, die, kaum des Deutschen mächtig, BAP-Platten hörten und mit dem Zeigefinger dabei im Textblatt bohrten.
Aber die Platte ist nicht nur Jammern und Triefen über das Ende. Im zweiten Titel liefert Wolfgang Niedecken eine Handvoll Hoffnung, er singt eine kindliche Welterretter-Moritat. Nicht den bösen Geist aus der Flasche, der Poet läßt eine gute Pop-Fee aus der Bierdose steigen und wünscht sich von ihr das, was wir alle wünschen und nicht machen: Frieden.
Nicht in Flammenschrift, nicht in hellsichtigen Visionen wird in diesen Liedern die Apokalypse an die Wand gemalt, sondern in gräulich alltäglichen Farben aus Kneipe, Glotze und Arbeitsamt.
In diesen Elendsliedern der Wohlstandsgesellschaft hat Geschichte weder Vergangenheit noch Zukunft, der Geschichtsprozeß erscheint nicht als das rückwärtsgewandte Vorwärtsschreiten des Benjaminschen Engels. In der Arme-Leute-Philosophie dieser Balladen erscheint Geschichte wie ein endloser Film ohne Anfang ohne Ziel, ohne Hauptdarsteller, Geschichte als das blinde Gewurstel von Kleindarstellerhorden.
Ich will nicht die Lieder nacherzählen, die man besser selbst hört, nicht das schöne Lied von der Rentnerin, die in einem hinkenden Walzer mit ihrem verfetteten Köter zum Tode schlurft und nicht die Tagträume eines Wagenwäschers an einer verschissenen Tankstellein Köln. Die Texte sind gut.
Gut, das sind die Texte, aber die Musik! Der Musik nach müßte die Platte _(Mit Wolfgang Niedecken (r.). )
den Titel haben "Zwischen Kaviar und Sekt" - beides aber gekauft bei Aldi.
Die Musik ist ein softer, ein gefälliger Rock, die eckigen Texte sind eingepackt in breitärschige Gemütlichkeit. Die meisten Melodien dieser LP bewegen sich überängstlich im engen Fünffingerbereich der geschlossenen Hand, kleine bescheidene Tonschritte. Und die harmonische Grammatik dieser Musik kommt mit den ewigen 3 Harmonien aus, mit denen der ewige Gitarrenanfänger durchs Leben kommt. Von "C" nach "G", von "C" nach "F" von "C" nach "E 7" in die parallele Molltonart "a".
Und das könnte mir sogar gefallen, bewegte solche Armut sich nicht im aufgedonnerten Arrangement bombastischer Synthesizer-Kulissen und gingen diese ängstlichen Melodien nicht mit großer Gebärde durch gewaltige Geigenwälder. Diese Musik ist ein elender Reichtum, der das reiche Elend der Texte wohlgefällig übertüncht.
Aber ich bin nur halb meiner Meinung bei solcher Meckerei. Denn dieser schäbige Protz der Musik macht offenbar den Erfolg auf dem breiteren Markt. Bleibt die Frage, ob die Texte noch das sind, was sie sind, in solcher Verpackung.
Daß ausgerechnet die Musik bei einer Rockband das versöhnliche Element liefert, ist die ironische Verkehrung des Eigentlichen. Rockmusik ist doch eigentlich das Gegenteil von Gemütlichkeit, Rock ist Schmerz und Aufruhr, es ist die Musik der Empörten. Und sie kommt auf langen Umwegen übers Land in die Städte, sie kommt ja weit vom Blues her.
Aber die Musik von BAP hat nicht den Biß der Texte und liefert so ein Beispiel dafür, daß auch der Mops vom Wolf abstammt. So kommt sie in die gute Stube der zukünftigen guten Bürger, ohne diese Musik hätten Niedeckens Texte eine kümmerliche Verbreitung.
- Es ist klar, ich rede bei dieser Gelegenheit auch über mein Problem. Kann ich, darf ich, soll ich vielleicht meine Musik gefälliger servieren, damit die Lieder aus dem linken Ghetto kommen, ins Offene? Darf die Musik die Worte totküssen, damit sie endlich lebendiger unters Volk kommen?
Ich weiß es nicht. Aber darin bin ich sicher: Das vorletzte Lied der neuen Platte, "Deshalv spill'' mer he", ist gut und schön und richtig und geht los. Dieser Titel ist mein unvergälltes Vergnügen. Es ist ein Begrüßungslied für das Publikum in der DDR. Ich hab noch nie eine Proklamation mit so menschlicher Sprache gehört. In dieser Confessio ist alles frisch und nichts faul.
Und es ist lehrreich, daß wegen dieses Liedes die DDR-Tour von BAP scheitern mußte. Die Kulturbonzen der DDR haben eben vor ein paar kölschen Wahrheiten mehr Angst als vor dem Skandal, der entstand, als die BAP-Leute sich entschlossen, keine DDR-Zensur zu dulden.
Der Nachteil: Sie haben ihr Publikum in der DDR nicht erreicht. Der Vorteil: Sie haben es nicht verloren. Sie haben sich nicht vor den Karren spannen lassen und können darauf vertrauen, daß ihre Lieder auch so den Weg über die Grenzen finden.
Es gibt eben Situationen, in denen man nur zwischen zwei schlechten Möglichkeiten wählen kann. Und auf längere Sicht haben Wolfgang Niedecken und seine Freunde mit guter Nase den besseren Fehler gemacht. Den Schlauheiten der Diplomatie kommt man nicht bei mit Diplomatie und Schlauheit. BAP ist für viele junge Leute, und soll es bleiben, ein Licht in allerhand Dunkelheiten.
Mit Wolfgang Niedecken (r.).
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 25/1984
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