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DER SPIEGEL

Rotkäppchens Lieblingswolf

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Bloß ein Rotkäppchen-Film, und doch gab die "FAZ" sich ungeheuer empört über das "Machwerk": Man müsse "die pausenlose Ausbeutung eines faszinierenden Stoffes zu schockierendem, ekelerregendem Zweck als pornographisch bezeichnen". Ja, warum lebt Großmütterchen einsam im Wald und nicht im Dorf wie die anderen braven Leute? Warum wecken Wölfe in kleinen Mädchen soviel Lust auf Angst? Und warum tropft rotes Blut auf weiße Rosen? Schon die mannshohen Pilze, die in dem düster verwunschenen Märchenwald des britischen Films "Die Zeit der Wölfe" sprießen, wirken bedrohlich; dazu Würmer und Schlangen, Eulen, Spinnen und Kröten; und dann erst die grauenhaften Verwandlungen scheinbar freundlicher Männer in zähnefletschende Wölfe - das ist Horror satt. Die abgründige Rotkäppchen-Version, ein Werk der von Liebhabern des subtilen Grusels hochgeschätzten Fantasy-Schriftstellerin Angela Carter und des Jungregisseurs Neil Jordan, war ein Überraschungserfolg in den britischen Kinos und kommt jetzt nach Deutschland. Regisseur Jordan greift voll in die Trickkiste der neuzeitlichen Horrorfilm-Effekte, um einen dichten, düstersinnlichen Alptraum hervorzuzaubern, gespickt mit unverschämter Symbolik und hinterhältigem Witz; sein Werk ist, unzeitgemäß, eine Kino-Huldigung an den Geist der Schwarzen Romantik.

DER SPIEGEL 9/1985
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