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DER SPIEGEL

TONKASSETTENFlotte Spreche

Um die lukrativen Geschäfte mit billigen Märchen-Kassetten, Detektiv- und Abenteuer-Storys für die Kleinen kämpfen die Großen der Phonobranche. Der Markt wird eng. *
Wenn Heikedine Körting, 41 und ohne jeden Zweifel die blondeste Märchentante der Nation, in ihre akustische Trickkiste greift, dann geht es schön schaurig zu und manchmal schaurig schön. Dann jaulen Stadtmusikanten, tirilieren Knabenchöre, und ein kleiner grüner Drache speit emsig Feuer.
Das alles und noch viel mehr passiert in einer noblen Villa im Hamburger Stadtteil Winterhude. Da klacken Kokosnuß-Hälften, daß es klingt wie Pferdegetrappel, höchstpersönlich stampft Heikedine Körting über Kies und Stein im Heimstudio, höchst überzeugend macht sie "auch mal das Ungeheuer".
Ungeheuerlich zumute wird es zumindest der Konkurrenz angesichts der Umsatzzahlen, die Deutschlands "Märchenkönigin" ("Bild") erzielt, jenes "Glückskind" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") einer bunten Branche der Unterhaltungsindustrie, wo nach Meinung der "Zeit"-Kritikerin Ute Blaich die "subtilste und geläufigste Form von Kindesmißhandlung" stattfindet und Millionen verdient werden.
Es ist ein Markt, auf dem fünf "Figuren" (Branchenjargon) wie der sprechende Elefant Benjamin Blümchen rund drei Viertel des gesamten Umsatzes erzielen, der nach einer Schätzung des Nürnberger Marktforschungsinstituts G & I zwischen 150 und 200 Millionen Mark im Jahr liegt. Die Werbung für Kinderkassetten, seien sie mit Volksliedern bestückt oder dem Langzeit-Renner "Pumuckl", von dessen 49 Folgen in 18 Jahren insgesamt 10 Millionen Tonträger verkauft wurden, ist inzwischen ebenso massiv wie die für Waschmittel und Deodorants.
Im Krieg der Töne 1986 dominieren Fabeltiere und Detektive ("Die drei ???", "TKKG"), aber auch "Monster, Master und Mörder-Mumien" - so die Zürcher "Weltwoche" über die unappetitlichen Erscheinungen der Serie "Masters of the Universe".
Auf dem lukrativen Markt der Billig-Kassetten zu 7,95 Mark rangelt inzwischen fast alles, was in der Phono-Industrie Rang und Namen hat.
Branchenführer ist das Europa-Label der Miller International aus Quickborn bei Hamburg, die 1961 den Markt der Billig-Tonträger aufgetan und in den letzten sieben Jahren allein von ihren großen Hörspiel-Serien mit Kinderdetektiven und kuscheligen Drachen ("Flitze Feuerzahn") über 30 Millionen Kassetten abgesetzt hat. Die Miller-Märchenkönigin Heikedine Körting residiert inzwischen standesgemäß auf dem schleswig-holsteinischen Schloß Hasselburg und lädt zu Hauskonzerten in die für 1,8 Millionen Mark ausgebaute Scheune.
Den "absoluten Abräumer" (so Firmensprecher Thomas Schenk) vermarktet die Teldec mit dem sprechenden Elefanten Benjamin Blümchen (bis 1985 vier Millionen Tonträger). Von den Abenteuern des Hexenmädels Bibi Blocksberg setzte die Teldec 1,7 Millionen Kassetten allein im Jahr 1985 ab, keine Folge unter 40000 Stück.
In "Zusammenarbeit" mit den kulturellen Großinstanzen "Hörzu", ARD und ZDF läßt das "Karussell"-Label (Polygram) deutsches Liedgut durch die Kassettendecks nudeln. "Momo", "Die unendliche Geschichte" und Walt Disney sind mit von der Partie. Nicht bloß im Platten- und Buchhandel, auch in Supermärkten, an Tankstellen und Kiosken wird Umsatz gemacht.
Nach sorgsamen Marktstudien will nun auch der Branchenriese CBS mit dem putzigen Weichschnauz-Wesen "Panki" vom Weltraum aus den Kleinen-Markt aufrollen. Ein spitzmütziger Schrat namens "Hatschipuh" soll, flankierende Maßnahme, für den US-Giganten in Deutschland gleich noch das legendäre Pumuckl beerben. Eine Film- und TV-Serienversion der Abenteuer des kleinen Butzemanns ist auch schon in Arbeit.
Pumuckls Firma EMI wiederum, die vor fast 20 Jahren zufällig im Rundfunk auf den nervösen Kicherling gestoßen ist, hat einen "Beobachtungsdienst" eingerichtet, der Kinderprogramme besonders auch der privaten Sender abhören und der Firma vielleicht einen ähnlichen Hit bescheren soll. Aber auch Uralt-Produkte verkaufen sich nach wie vor prächtig, weil ständig neues Publikum nachwächst.
Über drei Millionen Kinderköpfe können im Kleinen-Markt zwischen vier und neun Jahren, nochmals rund dreieinhalb Millionen im "Abenteuermarkt" von neun bis dreizehn beschallt werden, bevor die Ausgebuffteren unter den Kassettenkonsumenten sanft ins Poplager gleiten. So führt der Bildungsweg von Märchen und Tralala über "TKKG" und "Die drei ???" zu "Modern Talking": Eine Firma, die sich früh einen festen
Kundenstamm heranzüchtet, kann auch später mit üppigen Gewinnen rechnen.
Rund 20000 Kassetten will der US-Gigant CBS von Oktober an pro Folge von "Panki" und "Hatschipuh" absetzen. Gewissermaßen vorbeugend schiebt ab Ende August der Konkurrent Polygram 100 neue Kassetten-Titel seinen bisherigen 190 hinterher. Heikedine Körting, deren Gatte Andreas Beurmann kommoderweise für die künstlerische Gesamtleitung von Miller International zeichnet: "Die kupfern alle bei uns ab."
Was da angeblich abgekupfert wird, nennt Heikedine Körting "realistisches Hörspiel" - und das bedeutet schlicht, daß statt eines behäbigen Märchenonkels viele aufgeregte Stimmen von Schauspielern (Hans Clarin, Will Quadflieg) oder Kindern zu hören sind. 1200 solcher Hörspiele, vermeldet das Guinness-Buch der Rekorde, hat die Branchenkönigin hervorgebracht.
Zur Marktpflege freilich gehören mehr als ungenierte Sentimentalität, flotte Spreche oder der Rückgriff auf Groschenheft-Themen von wahnsinnigen Professoren namens Zweistein oder Todes-Seren im Weltraum, wo Androiden zur Invasion schreiten und "Red-Rock in Flammen" aufgeht. Denn anders als noch vor zehn Jahren werden die Kaufentscheidungen weitgehend von den Kindern getroffen - und entsprechend zahlen ihnen die Kaufleute das heim: mit geballtem Marketing.
Reklame pur veranstaltet Miller International auf Straßenfesten, wo "Sternenwichte" sogenannte Glückslose auf jubelnde Kinderscharen herabregnen lassen. Teldec setzt groß auf TV- und Funkwerbung, und gerne greifen Phonohersteller zu ausgeklügelten Fragebogenaktionen ("Welche Bücher liest du besonders gern?") zur besseren Erfassung des Millionenmarkts.
Die Kinderbuch-Produzenten wollen, wo auch nach Büchern gefragt wird, nicht länger abseits stehen. Im September kommen die neuen Kassettenserien "Meine Schwester Klara und ich", "Bille und Zottel" sowie "Kommissar Klicker" auf den Billigmarkt. Hersteller: der renommierte Münchner Jugendbuchverlag Franz Schneider.

DER SPIEGEL 33/1986
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