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DER SPIEGEL

Trauerarbeit vom lyrischen Fließband

Henryk M. Broder über den Schriftsteller Erich Fried Henryk M. Broder, 40, lebt als Journalist und Buchautor ("Der ewige Antisemit") in Jerusalem. *
Geduldig lauschte der Laureat auf der Festveranstaltung anläßlich seines 65. Geburtstages den vielen Lobreden, die auf ihn gehalten wurden. Nachdem er, als letzter Redner, schließlich selbst die Bühne erklommen, den Stuhl zurechtgerückt, die Aktenmappe, aus der er ein Bündel Papiere entnommen, zur Seite gepackt und die Jacke abgelegt hatte, bedankte er sich bei jenen, die ihm zu Ehren gekommen waren, mit einem Gedicht: _____" Weil ich viele verschiedene von Euch liebe schreibe " _____" ich keinem einzigen von Euch zuliebe Ihr könnt mich " _____" natürlich verschieden auslegen aber auch wenn man mich " _____" sonst hinauslegt lasse ich mich solange ich nicht " _____" verschieden bin nicht in jede von diesen verschiedenen " _____" Auslegungen einlegen ... "
Tosender Beifall schlug dem Dichter entgegen, als habe da ein Magier aus einem leeren Zylinder einen lila Elefanten herausgezaubert. Eintausend Festbesucher, unter ihnen ein amtierender und ein pensionierter Bundeskanzler, konnten sich der ruhigen Gewißheit hingeben, daß der Staatspreis für Verdienste um die österreichische Kultur im Ausland an den Richtigen verliehen worden war: an Erich Fried, der 1938 Wien verlassen hatte, freilich nicht um österreichische Kultur im Ausland zu verbreiten, sondern um sein Leben zu retten.
Die Feier im Wiener Konzerthaus war 48 Jahre später, im April 1986, ein Akt der Aussöhnung. Österreich verzieh dem bekannten Exilanten, daß er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte. Der entlaufene Sohn seinerseits nahm die Ehrung so gerührt entgegen, als gäbe es zwischen der Tatsache seiner frühen Vertreibung und der späten Auszeichnung keinen kausalen Zusammenhang.
Bei dieser Gelegenheit stellte er sogleich seine primäre Begabung unter Beweis: daß er flott wie kein anderer dichten kann, vom unreinen ins reine und notfalls auch umgekehrt.
Aber Erich Fried, Jahrgang 1921, ist nicht nur ein schneller Dichter, der "jede Zeitungsmeldung zu einem Gedicht verarbeiten" kann (der Kritiker Marcel Reich-Ranicki); rund zwei Dutzend Gedichtbände mit einer Auflage von über 300000 Exemplaren, wobei allein die "Liebesgedichte" mit 150000 zu Buche schlagen, dazu ein Roman, ein Theaterstück, eine Oper und eine Handvoll Prosabände mit Erzählungen und Kurzgeschichten weisen ihn als einen ebenso fleißigen wie erfolgreichen Autor aus.
Jedes Jahr erscheint wenigstens ein neuer Fried-Band. "Der Erich", wie ihn seine Freunde nennen - und zu diesen zählen sich alle, die ihn lesen -, ist vermutlich der einzige zeitgenössische Lyriker, der das Versemachen hauptberuflich betreibt. Dabei kommt ihm die Befähigung zugute, pro Tag bis zu zwölf Gedichte zu schreiben, wobei er auf Befragen, wie er so ein Quantum schaffe, einschränkend feststellt: "Ein Gedicht schreibe ich natürlich nur, wenn es mir einfällt."
Daß ausgerechnet Erich Fried, ein Wiener Jude, der seit 1938 seinen Wohnsitz in London hat und britischer Staatsbürger ist, zum populärsten deutschen Lyriker der Gegenwart avancieren konnte, gehört zu den bizarren Fußnoten der deutsch-jüdischen Geschichte und hat nur bedingt etwas mit der Qualität seiner Arbeiten zu tun. Erich Fried setzt andere Maßstäbe.
Er ist "der Prototyp des engagierten Lyrikers" ("Saarbrücker Zeitung") und schreibt "politisch angewandte Poesie" ("profil"), seine "engagierten funktionellen Gedichte" ("Der Tagesspiegel") sind "eine Absage an das bürgerliche Literaturverständnis" ("Frankfurter Rundschau"); er ist "ein trotziger, aufrührerischer, widerspenstiger, unbequemer Dichter, ein Nein-Sager", der "gegen Unrecht, Verbrechen, Verrat und Gewalt, gegen Leiden und Erniedrigung" kämpft ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). "Für sein Engagement gegen Unmenschlichkeit" hat ihm die Internationale Liga für Menschenrechte die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen, weil er den "großen Zorn eines Propheten besitzt, der um des Friedens willen auch zuweilen Unfrieden zu stiften bereit ist".
Da kann man nicht umhin zu fragen, wann dieser Mann, der, in aller Demut, gerne "Herrscher der Welt" geworden wäre, "um sie einzurichten", wann er angesichts seiner vielfältigen Engagements noch zum Schreiben kommt? Oder könnte es sein, daß Frieds zahlreiche Jubilanten das Schreiben von Gedichten schon für den hinreichenden Nachweis eines rastlos-allseitigen Engagements halten? Daß ein netter Aphorismus wie "Wer will, daß die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, daß sie
bleibt" als engagierte Stellungnahme gilt und ein lieber Kalenderspruch wie "Wichtig ist nicht nur, daß ein Mensch das Richtige denkt, sondern auch, daß der, der das Richtige denkt, ein Mensch ist", jeweils zu Versen gebrochen, als der Beginn eines Feldzuges gegen Lüge, Heuchelei und Opportunismus verstanden wird?
Es wäre indessen ungerecht zu behaupten, daß Frieds Engagement sich darin erschöpft, durch Zeilenbruch und Verzicht auf Interpunktion Platitüden in Poesie zu verwandeln. Im Jahre 1969, als die Revolution ausgemachte Sache war und es nur noch darum ging, diese Unvermeidlichkeit der zögernden Bevölkerung richtig zu vermitteln, gab Erich Fried bekannt: "Ich bin für Revolution, weil es ohne nicht geht" und erklärte die Sozialdemokraten "rein vom sozialistischen Zielgedanken aus betrachtet" für nicht wählbar.
Seitdem folgt Fried jedem Polit-Trend, wobei es den Anschein hat, als ginge er ihm voraus. Wozu er sich auch äußert, es spricht immer der Zeitgeist aus ihm. Den österreichischen Sozialdemokraten stellt er in toto eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus: es komme nicht darauf an, welcher Flügel der SPÖ die Politik bestimme, "wichtiger ist daß die SPÖ dominiert!" Immerhin, zwischen dem revolutionären Radikalismus und dem pragmatischen Bekenntnis zur Sozialdemokratie lagen 16 Jahre und etwa ebenso viele Gedichtbände.
In einem Interview mit dem deutschen "Vorwärts" begrüßt Fried die Ankündigung einiger deutscher Schriftsteller, für den Fall der Aufstellung von US-Raketen in der BRD zu "Taten zivilen Ungehorsams" zu schreiten, hält aber das Vorhaben der Kollegen für nicht genug: "Man müßte nur mehr machen. Das Organisieren eines Generalstreiks wäre wesentlich besser."
Und wenn Fried dann, in einem Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau", zu einer politischen Tour d''horizon antritt, über die "furchtbaren Fehler" doziert, welche die Sowjet-Union "in ihrem Aufbau" gemacht hat, kurz darauf Hitlers "vorbildliche Tierschutzgesetzgebung" erwähnt, um zu zeigen, "daß Unmenschen nicht vom Baby an Unmenschen sind, sondern dazu gemacht werden"; wenn er darauf "die Frage des Überlebens" stellt und selbstverständlich souverän beantwortet ("Wir müssen gegen die totale Verlustchance arbeiten"), dann betreibt er jene Art von Trivialphilosophie, der auch Helmut Kohl seine Popularität verdankt.
Fried fehlt, wie Kohl, nur politisch andersrum, jedes Gespür für die Peinlichkeiten, die er produziert. Keine Probleme hat er etwa, sich selbst ein anständiges Führungszeugnis auszustellen: "Wer mich kennt, der weiß, daß ich auch in schärfsten Auseinandersetzungen Gehässigkeit und klebriges Schlechtmachen Andersdenkender zu vermeiden suche."
Er ist eben ein guter Mensch, und er teilt es mit. Darum kann er, ohne zu erröten, sagen: "Ich bin auch daran interessiert, daß in der Dritten Welt nicht jedes Jahr fünfzehn Millionen Kinder verhungern", und auf die Frage, was sein "Traum vom Glück" wäre, antworten: "Unermeßlicher Reichtum - gegen Hungersnöte und um dort, wo dringend nötig, Umsturz zu unterstützen."
Frieds "Engagement", dem er nicht nur in Gedichten, sondern auch in zahllosen Statements und Leserbriefen permanent Ausdruck verleiht, überträgt sich auf die Konsumenten seiner Werke, die schon dadurch daß sie "engagierte Lyrik" lesen, sich für "engagierte Leser" halten können. Was Fried vermittelt, ist das Gefühl, an Auseinandersetzungen, Klassenkämpfen und Revolutionen teilzunehmen, immer auf der richtigen Seite der Barrikade und dabei mittendrin in der alternativen Wohnküche mit dem Che- und Rudi-Poster an der Wand. Er ist die Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrung.
Auch wenn "nicht alle Texte gleichermaßen als Gedichte überzeugen", schrieb mal ein ergebener Rezensent in
der "FAZ", "als Transportmittel aufrechter Gesinnung" seien sie beachtlich: "In seinem Mund bekommen selbst allgemeinste, sonst recht floskelhafte Behauptungen unverwechselbaren, zutiefst humanen Klang." Zum Beleg führte der Rezensent einen Fried-Satz an, der selbst den Kanzler neidisch machen müßte: "Weder Literatur noch Psychologie noch politische Parteien allein können die Welt retten. Die Welt kann nur von Menschen gerettet werden."
Gerade solche Nullsätze von zutiefst humanem Klang haben Fried "devot lauschende Fans eingebracht, die vom Guru die endgültigen Antworten auf ihre Fragen erhoffen" ("Text und Kritik"). Und wenn der Maestro dann den Satz: "Wenn die Friedensliebe der einen auf die Friedensliebe der anderen stößt, gibt es Krieg" als sechszeiliges Gedicht vorträgt, bei den letzten drei Worten die Stimme senkt und das Tempo verlangsamt, spüren alle das drohende Unheil über sich im Raume schweben und nehmen sich vor, bei der unvermeidlichen Diskussion nach der Lesung zu fragen, wie die Katastrophe vielleicht doch noch abgewendet werden könnte.
Frieds Lyrik ist zu baldigem Verbrauch bestimmt, das Verfallsdatum wird von der Zeitdauer der Abstände zwischen den Ereignissen diktiert, die er zu Versen bricht. So kommt es, daß viele Gedichte, die älter als eine Woche sind, eingeführt, erklärt, begründet werden müssen. Bei etlichen Gedichten sind die Fußnoten, die ihre Entstehung erläutern, länger als die Gedichte selbst. Gesinnung braucht eben Raum, um sich zu verbreiten. Bei den Lesungen trägt er vor, aus welcher Stimmung heraus ein Gedicht geschrieben wurde und wie es interpretiert werden muß.
Frieds Coming-out als "engagierter Dichter" fiel in eine bewegte Zeit. 1966 erschien sein Gedichtband "und Vietnam und", der "entscheidend mithalf, einer ganzen Generation die Augen darüber zu öffnen, was in Vietnam im Namen der pax americana vor sich ging" ("taz"). Davor waren zwar schon vier Gedicht- und zwei Prosabände Frieds in der Bundesrepublik erschienen, aber sie waren nur "kühl und höflich, bestenfalls respektvoll registriert" worden (Reich-Ranicki). Den Durchbruch beim Publikum, später auch bei den Medien, brachte der Gedichtband "und Vietnam und". Fortan galt Fried als "engagiert". Dabei stand er zu dieser Zeit, Mitte der 60er Jahre, schon seit langem in einem festen Arbeitsverhältnis: als Kommentator des "German Soviet Zone Programme" der BBC.
1952 hatte er seine Mitarbeit bei der BBC angefangen. 16 Jahre lang schrieb und sprach er als eine Stimme der Freien Welt antikommunistische Prosa in Richtung Osten, bis ihm eines Tages aufging, was er da trieb. 1968 gab er den Job auf. In einem "Abschiedsbrief an Ostdeutschland", den Fried zum Abschluß seiner BBC-Tätigkeit verlas, erklärte er, nicht seine Kommentare, sondern deren Stellenwert hätten ihn "unfreiwillig zu einem Propagandisten des Kalten Krieges" gemacht. Er habe nunmehr eingesehen, daß seine frühere Verurteilung der Berliner Mauer unberechtigt gewesen sei.
Im selben Jahr, 1968, distanzierte sich Fried gleich noch ein zweites Mal von sich selbst. Im Vorwort zur Neuauflage seiner 1958 erschienenen "Gedichte", die er nun um "Gegengedichte" und Erklärungen ergänzte, rügte er sich, es seien "unengagierte" und "versponnene" Verse gewesen, in denen "Flucht und Hoffnungslosigkeit" vorgeherrscht hätten.
Die Reputation einer "lyrischen Kontrollinstanz", die den "permanenten Protest verkörperte" (Reich-Ranicki), verdankte Fried aber nicht nur der eigenen Umtriebigkeit, sondern auch der - unfreiwilligen - Hilfe einiger Hysteriker im öffentlichen Dienst. Sie nahmen Frieds Wortspielereien für das, als was er sie verstanden wissen wollte: für poetisch verkleideten Aktionismus, revolutionäre Kleinkunst.
Nachdem Fried die Erschießung von Georg von Rauch in einem Leserbrief an
den SPIEGEL "Vorbeugemord" genannt hatte, erstattete der Berliner Polizeipräsident Anzeige gegen ihn wegen Beleidigung. Es kam zu einem vielbeachteten Prozeß, bei dem Heinrich Böll als Sachverständiger auftrat und den Begriff "Vorbeugemord" als eine Variante von "vermeintlicher Notwehr" definierte. Fried versicherte, er habe weder den polizeilichen Todesschützen noch die Polizei beleidigen wollen, das Verfahren endete mit Freispruch.
Sofort nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback verfaßte Fried ein Gedicht, das von seinem Verlag umgehend zum Vorabdruck feilgeboten wurde. Beim Wettlauf mit der Aktualität und dem BKA passierten Autor und Verlag ein paar Schnitzer. In der Schlußzeile rutschte ein "so" an die falsche Stelle. Statt: "Es wäre besser gewesen / ein Mensch / hätte nicht so gelebt" stand da: "Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / hätte nie gelebt". Fried wurde verdächtigt, mit den Terroristen zu sympathisieren und deren Taten zu billigen. Er selbst meinte, mit dem Gedicht "Trauerarbeit" geleistet zu haben.
Kaum war dieser Sturm um einen Satzfehler vorbei, brachte ein Provinzpolitiker, der für seine Fehlleistungen berühmt ist, Fried in die Schlagzeilen. Der Bremer CDU-Vorsitzende Bernd Neumann erklärte öffentlich, er würde Frieds Gedicht "Die Anfrage" (das in einer Bremer Schulklasse behandelt worden war) "lieber verbrannt sehen", als es Schülern vorzusetzen. "Bücherverbrennung" schallte es quer durch die Republik, die besten Köpfe der Nation solidarisierten sich mit dem Angegriffenen.
Das war''s, was Fried einen Ehrenplatz in der Halle der Helden und Märtyrer einbrachte, drei Affären in 20 Jahren jede für sich kaum mehr als ein dramatisiertes Mißverständnis. Um das Kapitel der sogenannten "Fried-Skandale" zu vervollständigen: Der bayrische Kultusminister Hans Maier ließ ein Gedicht von Fried aus einem Schullesebuch entfernen, d. h. er machte die Zulassung des Buches zum Schulgebrauch von der Herausnahme einiger Beiträge abhängig. Zusammen mit Fried flogen auch Arbeiten von Wolf Biermann, Hubert Fichte und Günter Wallraff aus dem Lesebuch, aber nur im Falle von Fried taucht diese Miniatur aus dem bayrischen Kulturleben immer wieder als Beweis auf: Seine Gegner wollen damit die Gefährlichkeit des Dichters illustrieren, seine Freunde das an ihm verübte Unrecht. Der Name Fried steht nicht nur als Gattungsbegriff für "engagierte Dichtung", sondern auch als Synonym für die Verfolgung derselben.
Mag sein, daß Fried an diesem Mißverständnis unschuldig ist. Seine Fans pflegen es mit Hingabe: "Die Widerstände, die bundesdeutsche Verleger und Rezensenten ihm entgegenbringen, ähneln zuweilen unausgesprochenen Berufsverbotserklärungen" - diesen Satz konnte man Anfang 1978 in der "Frankfurter Rundschau" lesen, zu einer Zeit, da zwei Dutzend Bücher von Fried in der Bundesrepublik erschienen waren und die Zahl der Rezensionen seiner Werke von der "FAZ" bis zur "UZ", längst dreistellig war.
Als Jörg Drews es wagte, in der "Süddeutschen Zeitung" von einem "Merkverselieferanten" zu sprechen, der "jede Art von Qualitätskontrolle über seine Gedichte verloren hat und schwatzhaftes Gestammel als Liebeslyrik veröffentlicht", als er Frieds poetisches Schaffen unter "neue Weinerlichkeit und neue Einfalt" rubrizierte, wurde ihm ob solchen Frevels umgehend im "Freibeuter" entgegengehalten, er sei "zur Rechten übergelaufen". Gemessen an den Reaktionen der Kritik auf Graß, Böll, Enzensberger ist Fried everybody''s darling. Wie kommt''s?
Sicher, Fried hat einige sehr gute Gedichte und eine Anzahl beachtlicher Epigramme, die er zu Gedichten zerdehnt hat, geschrieben. Aber kein Mensch würde einen Artisten, dem nur jeder 50. oder 100. Salto rückwärts gelingt, für einen großen Künstler halten. Die Masse _(Mit Peter Weiss (l.). )
seines OEuvres von über 10000 Gedichten gehört in das Feld der radikalen Mittelmäßigkeit, wo der unmittelbare Gebrauchswert jeden ästhetischen Anspruch beiseite drängt. Frieds Wortspielereien folgen immer demselben Muster, die Pointen sind absehbar, die didaktische Absicht wirkt penetrant. "Ist eine Demokratie / in der man nicht sagen darf / daß sie keine / wirkliche Demokratie ist / wirklich eine / wirkliche Demokratie?" - Das reicht, um Einverständnis mit dem Publikum und Anerkennung als Querdenker zu erzielen.
Was also macht Frieds Erfolg bei den Lesern aus und die hohe Wertschätzung bei den Kritikern, die eine Kristiane Allert-Wybranietz ("Liebe Grüße") gnadenlos niedermachen, obwohl sie ihre Gedichte, namenlos vorgelegt, von denen Frieds nicht unterscheiden könnten?
"Man könnte Fried stellenweise der Banalität bezichtigen, wenn er nicht Jude wäre ...", schreibt Brigitte Schwaiger, die offenbar keine Ahnung hat, zu was für Banalitäten Juden imstande sind.
"Erich Fried, der Jude, lehnt sich erbittert auf gegen die Losung ''Auge um Auge, Zahn um Zahn''", sagt Hans Mayer, als gelte es, einen Kannibalen zu loben, der Vegetarier geworden ist.
"Seine Lyrik ist Trauerarbeit eines, der Vergangenheit tatsächlich bewältigen mußte: Seine Eltern wurden in Konzentrationslagern ermordet", schreibt die Wiener "Presse", dermaßen klarstellend, daß Vergangenheitsbewältigung Sache der Opfer und ihrer Nachkommen ist.
Diese Aufgabe hat Fried, stellvertretend für jene, die keine Vergangenheit bewältigen müssen, weil deren Angehörige schlimmstenfalls mordeten, aber nicht ermordet wurden, auf sich genommen. "Als Jude und Hitleropfer", "als Jude, der die Vertreibung aus meiner Heimat und den Mord an meinen Angehörigen erleben mußte" - so fängt er gerne seine Statements an. Freilich - allein die Tatsache, daß er Jude und NS-Verfolgter ist, könnte nicht ausreichen, ihn gegen die Bezichtigung, er sei banal, immun zu machen.
Der Juden-Bonus, den Fried eingeräumt bekommt, bezieht sich auf eine andere Eigenart. Er ist nicht einfach ein Jude, er ist ein guter, ein anständiger Jude, einer, der immerzu von der Notwendigkeit der "Feindesliebe" spricht. Fried macht kein schlechtes Gewissen, er entspannt es. Er ist die schönste Absolution, die über das "andere Deutschland" kommen konnte. Und eine preiswerte dazu. Ein Bändchen Fried-Gedichte,
und schon hält man einen Beweis in der Hand: daß man einem Juden ganz unbefangen gegenübertreten kann, nicht, wie im deutsch-jüdischen Verhältnis üblich, mit Schuldgefühlen, sondern von Mensch zu Mensch, geeint durch die gemeinsame Angst vor dem dritten Weltkrieg, Waldsterben und radioaktiven Radieschen.
Wenn Fried "Ich als Jude ..." sagt, und er sagt es oft, dann signalisiert er damit seinem Publikum: Ich bin, obwohl Jude, einer von euch. Und er sagt immer dann "Ich als Jude ...", wenn er sich gleich darauf von anderen Juden distanziert. In einem Interview mit der "Zeit" machte er eine geradezu sensationelle Enthüllung: Die Juden, die in Frankfurt gegen das Fassbinder-Stück demonstriert hatten, waren "zum größten Teil auch keine deutschen Juden, sondern sogenannte displaced persons" (KZ-Überlebende, die nach Deutschland gekommen sind und eingebürgert wurden) und außerdem "zum allergrößten Teil auch Zionisten", was so klang, als wollte er sagen: Rumtreiber ohne festen Wohnsitz und Kriminelle. In jedem Falle genügte ihm das, um den Protest der Frankfurter Juden für unglaubwürdig und unberechtigt zu erklären. Frieds antizionistisches Engagement ("Höre, Israel!"), das er in dem Moment aufnahm, als er den Antikommunismus im Dienste der BBC aufgab, hat ihm im linken und alternativen Milieu eine treue Verehrergemeinde geschaffen.
Ein leibhaftiger Jude, ein Opfer des Hitlerfaschismus gar, der als Kronzeuge für die "Verbrechen des Zionismus" auftritt, der von Theodor Herzl sagt, er habe mit seinem "Judenstaat" das Vorbild für Hitlers "Mein Kampf" geliefert der von der "Nachahmung faschistischer Verhaltensweisen durch Zionisten" spricht und dabei nur eine Abweichung anerkennt: "Im Unterschied zu den Nazis haben die Israelis bis jetzt keine Gaskammern gebaut" - ist genau der Alibi-Jude, den eine marode Gesellschaft braucht, um ihre eigene Vergangenheit von den Opfern, die sie produziert hat, bewältigen zu lassen.
Während der Jude Fried Juden, die ihm unsympathisch sind, als Juden denunziert und bei "Zionisten" schon gar keine Gnade walten läßt, praktiziert er das von ihm proklamierte Gebot der "Feindesliebe" ausgerechnet dort am intensivsten, wo es angesichts seiner Biographie am absurdesten erscheint. Er hat denjenigen, die ihn 1938 aus Wien verjagt haben, längst verziehen und in einem seiner Bücher den Lehrern und Mitschülern von damals bescheinigt, daß sie sich auch in der Zeit nach dem "Anschluß" Juden gegenüber "korrekt" verhalten hätten.
Er hat Jean Amery in einem offenen Brief kritisiert, nachdem dieser den NS-Rüstungsminister Speer öffentlich aufgefordert hatte, "sich aus purer Dezenz Schweigen zu gebieten" und im stillen zu sühnen. Unter Berufung auf seinen Vater, der "von einem Gestapo-Beamten totgetreten" wurde, und die halbe Familie, die im KZ umkam, belehrte Erich Fried den "lieben Jean Amery", um Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit stünde es "heute in der Bundesrepublik leider nicht so gut, daß wir irgendeinem Menschen raten sollten, nur in Einsamkeit zu bereuen und zu sühnen".
Und der "Antifaschist" ("UZ") Fried hat noch vor kurzem ein gutes Wort für einen Mann gefunden, den halb Österreich für eine braune Zumutung hält: für den FPÖ-Politiker und Ex-SS-Mann Friedrich Peter. "Wir haben es damals alle für einen Fehler gehalten, daß Kreisky sich so mit ihm eingelassen hat. Aber er hat ihn z. B. nach Auschwitz mitgenommen, Peter hat dazugelernt ..."
Frieds Großherzigkeit Ex-Nazis gegenüber kann vermutlich nur mit der Psychopathologie eines Opfers erklärt werden, das sich, aus Furcht vor weiterer Viktimisierung, vorbeugend bei den Tätern anbiedert. Wenn er sie als gute, besserungsfähige Menschen anerkennt, dann werden sie ihn, so hofft es in ihm, beim nächsten Aufräumen aus Güte und Einsicht verschonen.
Dabei bewältigt Fried nicht nur die Vergangenheit, sondern zugleich auch die Zukunft. "Als ''linker Schriftsteiler'', Kind jüdischer Eltern und Flüchtling vor Hitler" protestierte er in einem Leserbrief an die "Frankfurter Rundschau" gegen die Verurteilung des Neo-Nazis Michael Kühnen zu vier Jahren Haft. Es sei ungerecht und zeuge von einem Mangel an Feindesliebe, "diesen meines Erachtens subjektiv ehrlichen und keineswegs eingefleischt bösartigen jungen Menschen unbedenklich zum Verbrecher zu stempeln". Fried bot Kühnens Verteidiger an, vor Gericht als "Charakterzeuge" zugunsten des Gründers und Führers der "Aktionsfront nationaler Sozialisten" auszusagen.
Einer daraufhin leicht irritierten linken Öffentlichkeit legte Fried dar, warum er sich für Kühnen engagiert. "Solange der Mann subjektiv ehrlich ist, glaube ich, daß ich ihn beeinflussen und vielleicht davon wegbringen kann", sagte er gegenüber der "taz". Bei einem Besuch im Gefängnis habe er Kühnen "von meiner im KZ vergasten Großmutter erzählt". Dabei habe sich Kühnen als "ein vorbildlich ehrlicher Diskussionspartner" gezeigt, weit entfernt von jeder Verstocktheit und Unbelehrbarkeit". Kühnen war von Frieds Großmutter-Geschichten dermaßen angetan, daß er schließlich, so Fried, "den Massenmord im KZ für möglich hielt".
Es ist bedauerlich, daß die historische Begegnung zwischen Fried und Kühnen, welche die Wahrheit über den Holocaust endlich konkret machte, nicht im Wortlaut überliefert wurde. Sie könnte so verlaufen sein: _____" Fried: Michael, was du da über die KZ sagst, daß es " _____" keine Gaskammern gegeben hat, ist großer Mist. Meine " _____" eigene Großmutter ist vergast worden. " _____" Kühnen: Erich, stimmt das? Kann ich mich darauf " _____" verlassen, was du da sagst? " _____" Fried: Michael, glaub''s mir, ich würde dir keine " _____" Lügen erzählen, Ehrenwort. " _____" Kühnen: Aber woher kannst du wissen, daß es sechs " _____" Millionen waren? Vielleicht waren es nur zwei. " _____" Fried: Michael, es kommt nicht auf die Zahl an. Was " _____" zählt, ist Unrecht. " _____" Kühnen: Das mit deiner Großmutter tut mir echt leid, " _____" Erich, ich hab meine Oma auch sehr lieb gehabt. " _____" Fried: Schon gut, Michael, ich weiß, du meinst es " _____" ehrlich, du kannst ja nichts dafür. " _____" Kühnen: So was kommt nicht wieder vor, Erich, ich " _____" verspreche es dir ... "
Wem so ein Dialog an den Haaren herbeigezogen erscheint, sollte die Erklärungen nachlesen, die Fried in Sachen Kühnen abgegeben hat. Der "taz" sagte er, Kühnen habe ihn "positiv beeindruckt", indem er sich "für die SA, aber nicht für die SS" ausgesprochen habe. In einem Gespräch mit dem alternativen Lehrermagazin "betrifft: Erziehung" erklärte Fried: "Es gibt Neonazis, die eine Ideologie drauf haben, mit der sie unter Hitler erschossen worden wären und die das auch wissen, weil sie sich auf den radikalen linken Flügel der SA stützten plus Strasser, plus Mussolinis Versuch, den Faschismus nach links umzudrehen ... Das sind Leute, die sich wenigstens subjektiv als soziale Revolutionäre verstehen."
Die Gruppe im Umfeld von Kühnen versuchte, folgt man Fried, nicht nur, den Faschismus nach links umzudrehen, sie legte auch, was Juden und Antisemitismus angeht, eine bemerkenswerte Zurückhaltung an den Tag: Sie "untersagt ihren Mitgliedern Hakenkreuzschmierereien auf Gräbern und auch auf Gotteshäusern". Mit einer Ausnahme: "Bei Synagogen ist allerdings der Teil der Synagoge, der nicht Gotteshaus ist, sondern Versammlungsraum, ausgenommen. Dort dürfen sie etwas auf die Wand schmieren."
Mit seiner skurrilen Parteinahme für Neonazis, die Synagogenwände nur teilweise beschmieren, beweist Erich Fried als politischer Kopf dieselbe Kompetenz wie als poetisches Herz. Was er an Ansichten, Erkenntnissen, Ratschlägen und "Einschätzungen" von sich gibt, ist aberwitzig bis makaber. Aber das eigentlich Absurde ist, daß seine Stellungnahmen ernstgenommen werden, egal was er sagt.
Von einigen Zeitungen aus Anlaß seines 65. Geburtstages befragt, erzählte er eine Geschichte aus seiner frühen Jugend: wie er sich als Sechsjähriger weigerte, bei einer Schulfeier ein Gedicht aufzusagen, weil unter den Festgästen auch der Wiener Polizeipräsident war, der kurz zuvor eine Arbeiterdemonstration hatte zusammenschießen lassen. Erst als der Chefpolizist den Saal verlassen hatte, war der kleine Erich bereit, das Gedicht vorzutragen.
Fried war also schon mit sechs Jahren nicht nur altklug, sondern auch engagiert. Und das ist heute, 60 Jahre später, immer noch so.
Mit Peter Weiss (l.).
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 16/1987
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