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DER SPIEGEL

„Da will ich lieber das Gute beschreiben“

SPIEGEL-Redakteur Hans Joachim Schöps über die heimlichen Bestseller der Deutschen: die Heftromane Mehr als 300 Millionen Schmöker werden Jahr für Jahr von den Bundesbürgern gekauft und gelesen, ein literarisches Phänomen, das keineswegs nur die einfachen, sondern auch die gebildeten Schichten heimsucht. Die Fachwelt streitet darüber, was diese triviale Mischung aus Liebes- und Arztroman, aus Krimi, Science-fiction- oder Wildwest-Heftchen so anziehend macht - und was diese Lektüre bei den Leuten womöglich anrichtet. *
Es ist deutsche Literatur der Gegenwart, aber man weiß: Es ist die aus dem Tabaksladen, und draußen regnet es wieder. Aufgeblättert, der erste Satz: "Ulrich von Wildenhain, Ministerialrat a.D., saß auf einer der weißen Gartenbänke." Das wird etwas werden.
Doch dann wird es gleich warm ums Herz. Das Leben nimmt seinen Lauf über 64 Druckseiten. Es geht schnell voran, unterwegs kommen Stellen, bei denen man andächtig verweilen möchte, und es ist eine Freude.
Mit den Augen zum Beispiel: "Seine Blicke versanken in ihren Augen wie in einem tiefen blauen Meer." Oder: "Wie zwei Flammen loderten die großen grünen Augen in ihrem alabasterweißen Gesicht." Mitunter haben die Leute gar keine Ahnung: "Komteß Melitta wußte nicht, daß ihre Augen mehr sagten als ihr Mund und Bela mit beglücktem Herzen wahrnahm, daß ihr Herz ebenfalls wie das seine von der Liebe berührt worden war."
Ähnlich ist es mit dem Lächeln. Einfach so: "Seine kummervolle Stimme zauberte ein Lächeln in das eben noch verdrossene Gesicht des jungen Weibes." Zuweilen subtiler: "Ein feines Lächeln nistete in seinen Mundwinkeln." Und manchmal nur traurig: "'Nein, das werde ich nie', sagte Anneliese, und ein wehes Lächeln spielte um ihren bleichen Mund."
Schonungslos und bisweilen auch etwas befremdlich gehen die Empfindungen mit den Betroffenen um. "Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchrieselte sie", und ein anderes Mal ist es "blanker Haß, der wie ein Dolchstoß mitten durch sein Herz fuhr und es spaltete". Ein sehr ernster Fall: "Trauer und Schmerz füllten sein Inneres aus. Da war kein einziger Fleck mehr in ihm, der nicht ohne Schmerz war."
Mütter kommen wieder zu ihrem Recht. "Carola, sage es mir", bettelt da einer zunächst, besinnt sich dann aber: "Sage mir noch einmal, daß du mich liebst, sage es mir doch! Oder warte, wir wollen es gemeinsam deiner Mutter sagen." Sie sind da, wenn man sie braucht: "Da draußen irrt mein Schatz herum, und der Kummer zerbricht ihm das Herz. Was soll ich nur tun, Mutterl, was soll ich nur tun? Sie sank weinend neben dem Stuhl der Mutter auf die Knie und verbarg ihren Kopf im Schoß der Frau, die sie geboren hatte."
Gelegentlich lodert die Leidenschaft auf, ist aber nicht immer angebracht. "In seinen Augen lag ein heißes Begehren. ,Später', vertröstete ihn Michaela." Sie hat nämlich gekocht, und das soll nun nicht kalt werden.
Und noch im wildesten Sinnessturm wird nachdrücklich hinterfragt: "Die Hitze seiner Küsse, mit der seine Lippen
ihr Gesicht bedeckten, ließ sie erbeben und taumeln. Sie verlor den Boden unter den Füßen, aber ihre Neugier blieb wach. 'Seit wann begehrst du mich so, Ulrich?' hauchte sie. 'Sag es mir bitte sofort.'"
Natürlich sind alle diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, und von Fairneß kann keine Rede sein. Auch sind es sicher nicht solche wundersamen Sätze, die diese Lektüre so anziehend machen.
Aber sie sind innig verbunden mit dem "ungeheuerlichen Phänomen der hundertmillionenfach wiederholten Story", wie der Literatursoziologe Walter Nutz es nennt: dem deutschen Heftroman.
Wenigstens 300 Millionen Exemplare werden davon jedes Jahr verkauft, und den größten Teil lesen die Bundesbürger - "Julia" und "Erika", "Fürstenhöfe" und "Heimatglocken".
Die heimlichen Bestseller der Nation sind der "Chefarzt Dr. Holl" und der Westmann "Lassiter", Polizist "Jerry Cotton" sowie der Geisterjäger "John Sinclair", und gegen die sind die Auflagen der Massenmedien überhaupt nichts. Die vier größten Illustrierten zum Beispiel, "Stern", die "Bunte", "Quick" und "Neue Revue", verkaufen zusammen nicht einmal annähernd soviel wie die Hersteller dieser Groschenhefte, die jetzt 1,80 Mark kosten.
"Lore", eine Urmutter der Gattung, ist inzwischen von uns gegangen, aber auf dem Markt blieb das ohne Eindruck. Souverän überstand der Schmöker die geballte Kurzweil, um die sich Aberhunderte von Blättern bemühen, die Fernsehvielfalt und die Rundfunkinflation. Allein der Bastei-Verlag, in Bergisch Gladbach residierender Branchenführer, vertreibt wöchentlich rund 560000 "Frauenromane", in denen das Herz sich mal spaltet, mal weitet, sowie 750000 "Männerromane", zu denen die Western und Krimis gehören: insgesamt mehr als 2000 Titel im Jahr. Und von seiner Weltraumfolge "Perry Rhodan" druckt der Rastatter Pabel-Verlag jede Woche 700000 Stück.
Die Geschichten, die sich da unters Volk mischen, gehören zu den ärmlichen in der geistigen Welt. Es passiert allerhand, aber eigentlich nichts. Stets kann der Leser auf Schicksal und Zufall vertrauen, irgendwie zieht sich alles zurecht, und vielleicht liegt es daran, daß Helmut Kohl unser Kanzler ist.
"Verwunderlich und erstaunlich" erscheint es dem Fachmann Nutz, "daß es in einer Zeit, deren Gesellschaft sich im technischen und ökonomischen Bereich so differenzierte Aufgaben stellen", eine "nachweislich große Zahl Menschen gibt, deren ,literarische' Bedürfnisse von der Triviallektüre befriedigt werden".
Denn keineswegs ist der Heftroman, wie mancher wohl glauben mag, nur ein Glück für den einfachen Menschen. Neuere Untersuchungen weisen "Silvia" oder den "Landarzt Dr. Fabian" als schichtenübergreifende Lieblinge aus. Und der Tübinger Professor Hermann Bausinger, eine Autorität unter den Kulturwissenschaftlern, hat keinen Zweifel, daß die Zuneigung zum Heftchen "über die Mittelschichten hinaus bis weit in die Bildungsschicht reicht".
Längst ist die Gesellschaftskritik auf das Phänomen aufmerksam geworden. Wobei es nicht so sehr um den Bestand des Abendlandes geht, denn dort fühlen sich die Romanschreiber wie zu Hause. Vielmehr werfen fortschrittliche Mahner die Frage auf, ob hinter dieser Heftkultur nicht vielleicht ein perfides Kalkül steckt und hinter "Jennifer" ein böses Luder der Bourgeoisie.
Diese "massenhaft verbreiteten Lesestoffe", sagt der Volkskundeprofessor Rudolf Schenda, "sind Herrschaftsinstrumente, die teils didaktisch, indoktrinierend, teils therapeutisch, beruhigend, operieren". Und "die Leser", glaubt der Philologe Peter Nusser, "werden auf diese Weise verführt, in den von ihnen erfahrenen Widersprüchen weiter auszuhalten".
Doch eben diese Nörgler, meint Susanne Scheibler, die bei Bastei den Frauenroman zu verantworten hat, helfen dem Heftroman noch, weil nämlich "in einer Zeit, wo alles in Frage gestellt und alles bezweifelt und alles von einem Sockel gestürzt wird, ein vernünftiges Gegengewicht nicht falsch ist".
Von der Wissenschaft wiederum werden weitere, gleichsam zeitlose Erklärungen angeboten. Der triviale Stoff, sagt der Literaturprofessor Otto F. Best, liefert "seinen Lesern Affirmation: Wiedererkennen und Bestätigung, vermittelt das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Behaglichkeit", und wer braucht so etwas nicht.
Ein Bedürfnis muß vorliegen, aber das allein kann die Frage, wieso sich Abermillionen
Deutsche in aller Stille an diesem Schmus erfreuen, nicht beantworten. Und wie kommen dann auch noch die besser Gebildeten dazu?
Das Verkaufstalent der Verlage kann es nicht sein. Drei Unternehmen beherrschen das Geschäft; nach Bastei der zur Bauer-Gruppe gehörende Pabel-Verlag in Rastatt und dann Kelter aus Hamburg, und die werben fast gar nicht für ihre Hefte. Die Absatzforschung ist stark unterentwickelt, im übrigen geht es zu wie in den Markthallen.
Beim sogenannten Phasenvertrieb werden die "Notärztin Andrea Bergen" und ihre Schicksalsgefährten zunächst nur in einer Hälfte der Bundesrepublik eingesetzt. Was nach einigen Wochen noch nicht verkauft ist, geht in die andere Hälfte - womit die Reise jedoch keineswegs beendet ist.
Der Rest kommt zurück in die Verlage, wird durchgesehen auf ramponierte Exemplare und wandert nun weiter ins deutschsprachige Ausland, nach Österreich und in die Schweiz. Was dann übrigbleibt, geht in die Urlaubsländer der Deutschen, an die spanischen und italienischen Strände. Letzte Station aber sind erst die Sammelbände, drei Romane zum günstigen Preis.
Der Markt hat gewisse Gesetze, die jedoch selbst den Fachleuten manchmal rätselhaft sind. So ersteht der Bundesbürger sein Heftchen nicht überwiegend am Bahnhofskiosk oder im Supermarkt, obwohl es dort wohl am wenigsten auffällt. Lieber kauft er im kleinen Tabakladen an der Ecke, von denen es Zigtausende gibt. Heimatromane gehen gut im Süden, wo der Leser die Bergwelt doch eigentlich besser kennen sollte, und Bastei macht eine Absatzverlagerung von der Kleingemeinde zur Großstadt aus - warum, wissen sie auch nicht.
Mit ihren Titelhelden müssen die Verlage sensibel umgehen, denn wenn einer sich erst einmal durchgekämpft hat, winkt ihm ein langes Leben. "Silvia" von Bastei etwa ist hochbetagt und rennt immer noch allen davon. Jeden Monat werden 500000 ihrer Liebesgeschichten verkauft.
"Jerry Cotton" hat seit 32 Jahren die Verbrechensszene in der Hand und dabei kein graues Haar gekriegt. Auch schon seit 27 Jahren fliegt "Perry Rhodan" für Pabel durch das Weltall; Probleme mit dem Alter sind ihm fremd, denn er verfügt über einen Zellaktivator, der ihn dauernd frisch hält.
Diese Routiniers haben ihre feste Lesergemeinde, die sich durch nichts erschüttern läßt. Als Perry 25 wurde, gaben die Verlagsväter ein großes Fest in der Saarbrücker Stadthalle, und alle Verlage bieten Sammelmappen an, in denen sich das preiswerte Kulturgut für längere Zeit aufbewahren läßt.
Dreimal hat Bastei es mit den schönsten Raumkreuzern versucht, Rhodan anzugreifen, aber die Leser verweigerten sich. Andererseits widerstand FBI-Mann Cotton mindestens 50 derartigen Anschlägen von der Konkurrenz. "Die Leser wollen keine Experimente", sagt Kelter-Geschäftsführer Gerhard Melchert, "die wollen Vertrautheit."
Als zum Beispiel bei "Dr. Stefan Frank", ohne Zweifel der erfolgreichste Romanmediziner des Kontinents, die Titelblattfigur zu sehr ansetzte und gegen eine schlankere Gestalt eingetauscht wurde, kamen massenhaft Anfragen verstörter Leserinnen. Und wie schwer es sich die Leute mit neuen Bekanntschaften machen, erfuhren die Herausgeber der Krimi-Serie "McCormick".
Der Mann lief nicht, es schien am Namen zu liegen, und er bekam ein "a" dazu. Doch auch "Mac Cormick" brachte keinen Schwung in die Auflage, und da verschwand er im Untergrund: "Der Name Mac Cormick", teilte der Verlag den Lesern mit, "ist in der Unterwelt der Vereinigten Staaten bekannt wie ein bunter Hund. Wo immer man von Mac Cormick spricht, sind die Gangster gewarnt. Darum hat Mac Cormick einen neuen Namen annehmen müssen." Nun hieß er Glenn Collins, und die Gangster wußten von nichts.
Diese Produktpflege ist wichtig, doch der direkte Zugang zu den Herzen der Heftleser führt über das treffende Wort. Und so passiert das erstaunliche Verführungswerk vor allem in den Lektoraten der Verlage und in den Wohnstuben der Autoren.
Es ist etwas für Profis, und Außenseiter, die es gelegentlich bei einem Täßchen Kaffee zum Schreiben drängt, sind in der Minderheit. Von den rund 300 Autoren zum Beispiel, die für Bastei phantasieren, liefern nur etwa 50 an die 80 Prozent aller Ware - viele ehemalige Journalisten, aber auch ein paar Seiteneinsteiger.
Manuskripte werden reichlich angeboten, und vor einiger Zeit gab es einen Andrang von arbeitslosen Lehrern, die Romanwerke einschickten. Diese Stücke, erinnert sich Chefredakteurin Scheibler, "taugten meist nichts" - aber die deutsche Heftchenkultur gedeiht dennoch unter maßgeblicher Mitwirkung von staatlich geprüften Erziehern: Sämtliche Lektorinnen, die beim
Marktführer Bastei die Frauenromane betreuen, sind Lehrerinnen mit akademischem Abschluß.
Sie sorgen dafür, daß die literarischen Grundregeln eingehalten werden. Einfache Sätze und nicht zu viele Figuren, die man dann vielleicht durcheinanderbringt, kurze Kapitel und insgesamt niemals mehr als um die 120 Schreibmaschinenblätter; die Geschichte nämlich ist nach 64 Druckseiten am Ende und der Leser wohl auch. Vor allem aber sollen sie darauf achten, daß das Muster stimmt.
Denn der Heftroman, so schlicht er daherkommt, ist ein sorgsam gewirkter Stoff. Und wer seinem Erfolg auf die Spur will, muß sich die Maschen ansehen. Kelters "Jessica" darf keinesfalls machen, was sie will, und Pabels "Heimatglocken" läuten immer die gleiche Weise. Doch das ist es offenbar, was sie so beliebt und unentbehrlich macht.
Neuen Mitarbeitern schreibt Susanne Scheibler, wie das geht: "Inhaltlich sollen es moderne Liebesgeschichten (Frauenschicksale) sein, allerdings mit viel Gefühl geschrieben." Der Stoff "muß in die jeweilige Serie passen, also müssen Dr.-Frank- und Dr.-Holl-Romane im Arztmilieu spielen". Aber nicht einfach so. "Es sollte im Handlungsverlauf ca. ein Drittel Medizin enthalten sein (Operation, Praxisalltag), die feststehenden Rahmenfiguren müssen häufig genug auftreten, dazu kommt dann die frei erfundene, abgeschlossene Liebesgeschichte."
Anders bei "Silvia". Deren Schicksale spielen "nicht unbedingt in Adelskreisen, aber doch auf Gütern, Herrenwitzen oder zumindest gesellschaftlich gehobenem Milieu". Und grundsätzlich gilt: "Die Geschichte, in der immer die große Liebe zwischen zwei Menschen im Mittelpunkt steht, soll möglichst aktionsreich sein, d. h., die Handlung wird nicht durch innere Vorgänge, sondern durch Ereignisse von außen vorangetrieben."
Bleibt also diesen Bestsellerautoren überhaupt kein schöpferischer Raum, nicht einmal für diese frei erfundene, abgeschlossene Liebesgeschichte? Doch, schon - etwas dichten müssen sie alle, und der nicht so geübte Leser macht nach einiger Lektüre eine Erfahrung, mit der nicht ohne weiteres zu rechnen war: Es gibt bei diesen Heften beträchtliche Unterschiede, oft Schicksalsmelodien, die ganz schauerlich klingen, aber auch solide geschriebene Stücke, manchmal sogar welche mit Witz.
Alles in allem trennt sie nur der flattrige Einband von den trivialen Geschwistern, die im Hardcover glänzen, doch darunter nicht besser sind. Nur: An den festen Markierungen, die dem Milieu und den Helden, der Handlung und den Wertbildern gesetzt sind, führt kein künstlerischer Weg vorbei.
"Alle Handlungen des Trivialromans", so beschreibt Forscher Nutz das Grundmuster, "bestehen aus Konfliktsituationen der Protagonisten, die lösbar sind, wobei Konflikte einen Pseudocharakter erhalten. Die Handlung strebt einem einzigen Fluchtpunkt zu: dem Happy-End." Und was für eins oft: "Hand in Hand" schreiten sie bei "Silvia" aus der Geschichte, "und das Leben, das wunderbare Leben lag vor ihnen".
Bis es soweit ist, hat es hier und da ein Problem gegeben, aber das prescht in ein paar Absätzen vorbei. Ständig überschreitet das Schicksal die zulässige Höchstgeschwindigkeit, und wozu andere Leute meist Jahre brauchen und mancher Schriftsteller ein volles Buch, erledigen die Hefthelden auf zweieinhalb Seiten.
Unter solchen Umständen ist der Verzicht auf "innere Vorgänge", wie ihn Susanne Scheibler empfiehlt, natürlich ganz unvermeidlich, abgesehen davon, daß diese Vorgänge so schwer zu beschreiben sind. Der Leser hastet mit durch die Handlung, und was ihm dabei durch den Kopf geht, ist seine Sache.
So bleibt manches unaufgeklärt, etwa nach diesem Dialog: "Ein guter Hund ist wie ein Freund. Aber es gibt Dinge, die mir noch mehr bedeuten können." - "Nämlich?" - "Die ehrliche und leidenschaftliche Beziehung zu einer Frau." - "Darüber müssen Sie mir mehr erzählen." Das möchte man nun wissen, aber es geht gleich wieder weiter.
Dem Tempo, doch auch dem Streben nach deutlicher Orientierung ist es wohl zuzuschreiben, daß Helden oder Handlungen nur selten ziemlich gut oder halbwegs böse sind. Es ist gut oder böse, und das mit aller Entschlossenheit.
Und droht die Gefahr, daß eine Episode zu kompliziert wird oder die 64 Seiten nicht ausreichen, stehen hier stets höhere Mächte bei, die "Ironie des Schicksals" zum Beispiel oder "ein glücklicher Zufall", auf den man sonst immer vergeblich wartet.
Wie klärt sich dann in einem Heimatroman ("Der Bannwald rächte sich") die Geschichte von dem Jägersmann, der menschlich angenehm, doch nach dem Zusammenstoß mit einem Wilderer an den Rollstuhl gefesselt ist, und dessen bedauernswerter Frau, die zu ihm hält, aber schon immer einen anderen liebt und den auch kriegen soll?
Man löst auf den letzten Seiten eine Lawine aus, die außer dem Bannwald auch dem dramaturgisch nun unerwünschten Grünrock ein Ende bereitet.
Mitleid und Erleichterung treffen dann gleichzeitig das Gemüt des Konsumenten, und darauf ist schließlich alle Anstrengung gerichtet. "Offensichtlich", erklärt das der
Literaturhistoriker Hainer Plaul, "ist die zivilisierte Welt, besonders die heutige, so beschaffen, daß im normalen, alltäglichen, durchschnittlichen Lebensfluß die emotionalen Wesenskräfte des Menschen derart gering gefordert werden, daß zusätzliche Gefühlsanreize vonnöten sind."
Auch die Sprache steht im Dienste des Lesers, der im wahren Leben schon genug Verschachteltes zu begreifen hat. Das Reservoir der Adjektive ist begrenzt, reicht aber für diesen Zweck aus: "glücklich", "schmerzlich", "selig", "erregt". Und es fehlt nicht an "einprägsamen Bildern", zu denen das Bastei-Lektorat rät. Wenn etwas einstürzt, dann wie ein Kartenhaus, versunken wird im Meer der Tränen, bleich wie die Wand werden
die Leute und erstarren zuverlässig zur Salzsäule.
Über einige Bilder möchte man allerdings den Mantel des Schweigens decken. Da taucht ein beklagenswerter Baron Woldemar auf, "der äußerlich entfernt an einen ungeschlachten Bernhardiner erinnerte", aber "überraschenderweise oder gerade deswegen das zartfühlende Gemüt einer Gazelle besaß". Oder eine Dame hat zu tun mit dem "Felsblock ihrer Gefühle, der sich in schwerfälligem Auf und Ab in ihr zu bewegen schien", und es muß ordentlich gerumpelt haben.
Im allgemeinen jedoch dürfen die Hauptdarsteller mit sich zufrieden sein. Die Herren sind breitschultrig und haben "ein gutgeschnittenes, sympathisches Gesicht". Eine enorme Anzahl ist mit einem "kantigen Kinn" ausgestattet, was "Willenskraft verrät", "bewegt sich elastisch", und wenn man das alles bedenkt, wird es noch schwerer, mit sich selbst auszukommen. Die Damen ähneln sich auch irgendwie, mit diesem "pfirsichfarbenen Teint" (es geht auch helles Elfenbein, schimmerndes Porzellan oder Alabaster), dem "schmalen, ebenmäßigen Gesicht".
Ihre Gegenspielerinnen haben nichts zu lachen; sie sind üppig und katzenhaft, die Pupillen funkeln nicht blau, sondern boshaft, und den entsprechenden Kerlen wird es ebenfalls gegeben: "Schwarze, brennende Augen waren es, die tief in den Höhlen lagen", und dann betrachtet er auch noch mit"sichtlichem Vergnügen das hübsche, appetitliche Madel".
Natürlich muß sich der Heftautor der jeweiligen Umgebung anpassen, und kernige Mannsbilder wie im Bergroman würden in der Fürstengeschichte nur unangenehm auffallen. Da sitzen die Herrschaften in tiefsinnigen Gesprächen, über die man nichts weiter erfährt, vor dem Kamin oder küssen gerade die Hand einer eleganten Erscheinung. Einer "verstand etwas von Speisen und Getränken und wußte", was einen wieder neidisch macht, "mit dem Ober umzugehen".
Nur selten wird es laut:"Schweig, du Ehrloser", schrie Andreas, "für dich ist kein Platz mehr im Schloß." Aber das Personal ist geschult und lenkt von der Peinlichkeit ab: "Täuscht mich mein Ohr, oder hörte ich da gerade Seine Durchlaucht durch die Halle gehen?"
Müssen schon die Fürsten immer auf Kontenance achten, so ist es um die persönliche
Freiheit der Serienhelden noch schlimmer bestellt. Beim "Dr. Stefan Frank" etwa haben sich die Autoren genau daran zu halten, wie sich die Lektoren diesen Herrn vorstellen. Jerry Cotton, der FBI-Mann, kann niemals aus dem Häuschen geraten, und selbst sein Triebleben unterliegt diesem Gesetz.
Cotton-Schreiber haben überdies den New Yorker Stadtplan zur Hand und sind über die strukturellen Details des FBI im Bilde. "Mit den vereinzelten, auffälligen Realitätssignalen", sagt der Heftroman-Kritiker Armin Volkmar Wernsing, "wird der Hauch von Authentizität erzeugt." Sie "verleihen dem Schreiber", etwa eines Arztromans, "die Autorität des Fachmanns, die ihrerseits wiederum die Wirklichkeitsnähe des ganzen Romangeschehens garantiert".
In den meisten Schicksalsstücken allerdings werden die Requisiten vom Ort der Handlung bestimmt und oft von der Dramaturgie in die Pflicht genommen. Mit der Natur und deren Gewalten läßt sich im Heimatroman zum Beispiel das Geschick kurzfristig umgestalten. Es rauschen Wildbäche die Klamm hinunter, und auf der schwankenden Holzbrücke hauen sich die Rivalen. Soll einer vermißt und beweint werden, helfen Gletscherspalten aus.
Versteht sich, daß im Frauen- und Fürstenroman die Schlösser und Landsitze ihren festen Platz haben, und ginge es danach, wäre die Bundesrepublik übersät mit Gütern, die herrlich, prächtig, stattlich oder nur schön sind. Und da leben sie dann auch ganz herrlich: "Fürst Malte trank sein Glas bis zur Neige aus und warf es dann in den Kamin. Klirrend zerbrach die kostbare Kristallschale."
Die Stätte aber, an die sich der deutsche Heftleser besonders gern führen läßt, ist eine Arztpraxis, gegebenenfalls auch die gediegene Privatklinik. Das allgemeine Interesse an medizinischen Themen ist voll auf den Schmökermarkt durchgeschlagen-und zwar lange bevor das deutsche Fernsehen auf ähnliche Ideen verfiel. Womöglich wird hier, wie Literaturforscher Nutz meint, auch "ein kollektives Unbehagen angezapft, bei welchem die Sorgen um die individuelle Gesundheit, die Undurchschaubarkeit des klinischen Betriebes und letztlich unbewältigte Todesfurcht sich zu einem Angstfeld verdichten".
Beim "Dr. Bauer" oder in der" Waldklinik", mit der die naturheilkundige Ecke besetzt ist, werden Ängste radikal entfernt, denn natürlich geht es in dieser Sparte ebenfalls stets gut aus. Durchdringend weht der Hauch von Authentizität, der den Kritiker Wernsing so erbost. "Das ist die Carotis externa", erklärt der Chirurg den Umstehenden, "und hier sitzt der Hypoglossus." Schwester Gerda muß eine Tumor-Faßzange reichen, und der Leser vernimmt es ehrfürchtig, denn wer kennt schon seinen Hypoglossus.
Aber damit hat dann die Realität ein Ende. Häßliche oder undankbare Krankheiten dürfen im Arztroman nicht auftreten. "Natürlich legen wir keine unheilbaren Fälle ins Wartezimmer", sagt Chefredakteurin Scheibler, "unsere Leser mögen nichts vom Krebs im letzten Stadium hören, davon bietet ihnen der Alltag genug Beispiele."
Ihr Idealfall ist "der Typ des Hausarztes, wie ihn sich jeder erträumt: ein geduldiger und kompetenter Mann, der sich auch um persönliche und familiäre Sorgen kümmert". Und so ist das Ganze: Arrogante oder schlampige Ärzte, ruppige Krankenschwestern oder die zermürbende Klinikroutine, all das, was den Medizinbetrieb in Zweifel gebracht hat, kommt im Romanheftchen nicht vor. Der Herrgott in Weiß, in Wirklichkeit schon als Mensch enttarnt: Hier darf er's noch sein.
Und gegen diesen Traditionsgeist marschieren dann auch die Kritiker der Triviallektüre-allen voran die Soziologen, für die diese Schmöker ein beachtlicher Teil der repressiven Kultur sind, dazu geschaffen, dem politischen System die Herrschaft zu sichern.
In der Tat verkünden die dünnen Geschichten, denen sich die Deutschen Woche für Woche zu Millionen hingeben, den überkommenen bürgerlichen Tugendkatalog. Es herrschen Pflichtbewußtsein und Unterordnung, Disziplin und Sauberkeit, Treue und solide Moral. "In den Normen, denen die Menschen unterworfen werden, und in der Weise, wie sie ihnen unterworfen werden", sagt Literaturforscher Wernsing, "spiegeln die Hefte die Ideologie der Mittelklasse."
Und sie spiegeln auch, allen modischen Debatten über die eine oder die andere Norm zum Trotz, wie wenig sich dort bewegt hat. Jahrzehntelang war der Heftroman mit Tabus belegt,
die von der sozialen Wirklichkeit längst abgeschafft waren. Eine Scheidung etwa war in keiner Story unterzubringen, sie war den Romanhelden so unbekannt wie der Geschlechtsverkehr, selbst der eheliche. Auch gab es zum Beispiel Berufsverbote, an denen der Verfassungsschutz seinen Spaß gehabt hätte: Mit Artisten oder Schauspielern, Seeleuten, Sportlern oder Journalisten durfte kein Autor ankommen. Für Erika und Silvia war das kein Umgang.
Das hat sich, und man muß dafür dankbar sein, ein wenig geändert. Bei Kelter, sagt Geschäftsführer Melchert, "haben wir uns in puncto Scheidung etwas gelockert". Kleine menschliche Schwächen werden den Hauptdarstellern nun in allen Verlagen zugestanden. "Ich habe in der 'Notärztin Andrea Bergen' einen Oberarzt", beteuert Susanne Scheibler, "der ein richtiger Schofel ist, das muß auch mal sein."
Männer müssen sogar nicht mehr immer schön sein, in solchen Fällen aber besonders gutartig, und neulich trat einer auf mit Löchern in den Klamotten, war im Innern jedoch sehr sauber. Weil die Deutschen soviel reisen, dürfen die Schauplätze jetzt mal außerhalb des Landes liegen, was früher nicht gestattet war. Im allgemeinen Trend liege es, sagt Kelters Melchert, daß es "in den Romanen immer weniger Raucher gibt". Auch auf politische Klimaschwankungen reagiert die Heftstory empfindsam.
In den Krimis, betont der Kelter-Chef, entstamme der böse Agent nun nicht mehr zwangsläufig dem Ostblock. Nicht zuletzt aus kaufmännischer Verantwortung: Schließlich hoffe man darauf, "irgendwann auch mal mit der DDR ins Geschäft zu kommen".
Für nahezu revolutionäre Veränderungen in der Trivialbranche sorgte vor einiger Zeit das sogenannte Taschenheft - etwas kleiner im Format und mit 2,80 Mark etwas teurer als die Klassiker. Das Vorbild kam aus Kanada und den USA, und in Deutschland führt Springers Cora-Verlag den Sturmlauf an.
Die Hamburger verkaufen davon jetzt um die 30 Millionen Exemplare im Jahr, jeden Tag 82000 Romane,
und vorneweg liegt "Julia", die schon in 100 Ländern vertrieben wird. Bastei hat sich inzwischen angehängt, und insgesamt kommt die in Deutschland produzierte Auflage auf jährlich rund 40 Millionen Stück.
Dem Heftroman wird das Taschenheft, wie Fachleute meinen, keinen größeren Abbruch tun - obschon er sich mit dem kleineren Format und dem Glanzpapiereinband etwas feiner gibt: Gefahr drohe eher dem überlieferten Taschenbuch, das wenigstens sechs Mark und oft mehr koste und auch nichts anderes biete.
Die Cora-Texte werden durchweg aus amerikanischen Lizenzen bestritten, Bastei bemüht sich um deutsche Autoren und tut sich dabei etwas schwer. Denn dort werden zwar die gleichen Geschichten auf die gleiche Weise erzählt, wenn sie auch häufig in Amerika ablaufen und sich weltläufiger geben, aber da passieren Dinge, die im Heftroman nicht erlaubt sind: Es wird gebumst, und zwar seitenweise.
Wer einen "Tiffany" ("Samtweiche Haut und wilde Küsse") von Cora kauft, wird in diesem Punkte befriedigt, und auch in einem "Tanga" ("Heute abend ganz bestimmt") "geht es fröhlich zur Sache", wie die Cheflektorin sagt: "Sie spürte sein hartes Glied pulsierend in der Hand, und sie spürte Adams zärtliche Finger zwischen ihren feuchten Schenkeln."
Der Liebesakt gehört, wie man weiß, zu den schwersten Übungen des Dichters. Und im Heftroman wie im Taschenheft, selbst im Western und im Krimi, greifen die Autoren wohl deshalb so häufig zur weiblichen Brustspitze. Sie ist rosig und zart und hart und steif und sehr oft eine Knospe. Offenbar handelt es sich um eine internationale Erscheinung: "Ich bin die Brustwarzen wahrhaftig leid", klagte die US-Autorin Vivian Stephens auf einem Seminar für angehende Romanschreiber, "Sie müssen abwechseln, Sie müssen sich anderen Körperpartien zuwenden als denen, die man nun wirklich kennt."
Besonders phantasievoll oder gar pornographisch geht es auch im folgenden nicht zu. Es werden die bei diesem Vorgang üblichen Bewegungsabläufe
beschrieben sowie der stets zuverlässig eintretende Endrausch der Sinne. Seltsam nur, daß es hier die Frauen sind, die immer nur das Eine wollen.
"Ich will Doris-Day-Filme mit Sex", schärft Susanne Scheibler ihren Autorinnen ein. Kollege Melchert hat es da mit seinem überlieferten Heftroman noch schwerer: "Vom Wangenkuß müssen wir weg. Man kann schon mal beschreiben, daß sich Körper aneinanderschmiegen, aber mehr nicht."
Und im übrigen kann dieser Unterschied nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die bundesdeutsche Massenliteratur dem allseits verkündeten Wertewandel hartnäckig widersetzt. In ihren Heimatromanen, sagt Pabel-Sprecherin Linda Ivanus, "da ist ein uneheliches Kind immer noch eine Schande". Reizthemen wie Abtreibung oder Emanzipation, Homosexualität oder die Drogensucht kommen gar nicht vor oder allenfalls am Rande, sorgsam eingebettet in die böse Abteilung.
Scheidung darf nun sein, aber als abgeschlossenes Geschehen und unverschuldeter Schicksalsschlag. Gastarbeiter sind selten geduldet, "die Leute wollen das nicht lesen", sagt Kelter-Chef Melchert. Kollegin Scheibler Würde nach wie vor "'nein' rufen, wenn etwa ein Lehrer, ein Pfarrer etwas ganz Böses, Kriminelles täte in dieser Art Roman".
Kürzlich war die Bastei-Redaktion in Bedrängnis. In einem Manuskript wurde von einem Schwarzen Arzt und einer weißen Frau erzählt, die sich obendrein noch von Herzen liebten. Es war zum Verzweifeln - "wir haben lange überlegt", und dann haben sie beschlossen: "Wir lassen die sterben."
"Wir hinken ein bißchen hinterher, wie der normale Bürger ja auch", beschreibt die Chefredakteurin den gesellschaftlichen Standort. Und Gerhard Melchert weiß sich mit seinem Millionenpublikum einig: "Wir halten an der heilen Welt fest."
Zwischen Mann und Frau ist alles im alten Lot. Man dürfe sich nicht irreführen lassen "von der in vielen Romanen zur Schau getragenen Selbständigkeit der Heldinnen", mahnt Sozialforscher Nusser, denn die werde "sofort gegen die Geborgenheit eingetauscht, wenn sich der richtige Mann findet".
Auch im modern gewandeten "Tiffany" von Cora zum Beispiel werden nur Scheingefechte ausgetragen: "Aber ich möchte akzeptiert werden als das, was ich bin, eine erfolgreiche, selbständige Frau", bäumt sich eine junge Dame gegen die Vorsehung auf, bekommt aber die passende Antwort: "Warum will eine schöne Frau sie du mit den Männern wetteifern? Kannst du dir nicht vorstellen, dein Glück an der Seite eines Ehemannes und als Mutter einer Schar Kinder zu finden?" Sie kann es.
Singles oder Softies, diese, wie zu hören ist, so zeitgerechten Formen des Menschseins, werden dem Leser vorenthalten, und er scheint sie nicht zu vermissen. Männer, die nur lieben lassen, und Frauen, die zu sehr lieben, haben in diesen Schriften kein Unterkommen. Geradezu blind für die Erfordernisse des modernen Lebens kleben hier beide Seiten an einer fixen Idee, die dem Vernehmen nach schon lange in Verruf steht und am Ende zu nichts führt: Sie wollen einander für immer, wenn es auch manchmal nicht leicht ist.
Die neuen Freiheiten im Zwischenmenschlichen, wie sie von den Druck- und Bildmedien beharrlich vorgeführt werden; die gesellschaftlichen Verwerfungen, von denen es heißt, daß sie die Geschlechter und die Familien auseinandertreiben; die sozialen Brandherde, die den Bürger hochreißen sollten - an dieser Massenliteratur ist das alles vorübergegangen. "Soziale Trends bis zu Moden 'greifen' im Trivialroman nicht", sagt Fachmann Nutz, "sie bleiben Accessoires, Pflichtübungen, die die tradierten Kreise nicht stören dürfen."
Kann man das, wie diese ganzen Schmöker, schnell wieder vergessen, oder ist die zusammengewürfelte Truppe mit "Janine", dem Herrn "Chefarzt Dr. Anders" und dem "Kommissar X" doch ernster zu nehmen, als sie von ihren Schöpfern gemeint ist?
Liegt es gerade am Weggelassenen, daß so viele nach solcher Lektüre verlangen und eben nicht nur die Einfältigen, sondern ein beträchtlicher Teil auch mit weiterführender Schulbildung oder Hochschulreife? Geht es vielleicht um ein historisches Phänomen, gleichsam Archetypisches - wenn doch die alten Ägypter schon Liebesschnulzen auf ihre Papyrusrollen kritzelten und Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), der Gründer des Jesuitenordens, auf dem Krankenlager Ritterromane las, die die Minne zum Thema hatten und so etwas wie die Western von damals waren?
Trägt dieser Stoff, wie es von links vermutet wird, dazu bei, daß der gesellschaftliche Fortschritt nicht vom Fleck kommt, weil alle Widersprüche vernebelt und deshalb nicht wahrgenommen werden? Und was denken sich die Schreiber dabei, wenn sie daheim diesem kapitalistischen Aufbauwerk nachgehen?
Oder müssen wir uns abfinden mit der Betrachtungsweise der Bastei-Wächterin Scheibler, die sagt: "Wir wollen nicht umerziehen, sondern Emotionen wecken. Natürlich zeigen wir keine tiefgreifenden Konflikte und keinen Sozialmief. Bei denen, die im Leben zu kurz gekommen sind, befriedigen wir die Sehnsucht nach dem Positiven."
Im nächsten Heft
Wo Männer noch Mann sein dürfen - Manipulation der Massen oder notwendiger Fluchtraum? - Trivial-Autoren über ihre Arbeit - Wer liest die Millionen Heftchen?

DER SPIEGEL 42/1988
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