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DER SPIEGEL

„Da will ich lieber das Gute beschreiben“

SPIEGEL-Redakteur Hans Joachim Schöps über die heimlichen Bestseller der Deutschen: die Heftromane (II) *
Hier ist ein Mann einfach ein Mann", sagt Gerhard Friedrich Basner und meint das sehr ernst, "das ist etwas, was wir im Zeichen der sogenannten idiotischen Emanzipation brauchen."
Er muß das nicht weiter ausführen, denn seine Heftromane, "G.F. Barner" und "G.F. Waco", sind ein Erfolg, und zwar seit Jahrzehnten. Sie heißen "Das schwarze Biest von Deadwood" oder "Bis zum letzten Mann", und für diese Idiotie ist darin kein Platz. "Du bist eine Frau", stellt einer klar, "du handelst nach deinem Gefühl, aber ich muß meinen Verstand gebrauchen."
Wer im Western ein Held werden will, man weiß es, der muß in etwa "jung, blond, breit in den Schultern und wie aus hartem Hickoryholz geschnitten sein" - so in der Serie "Lassiter", die mit Basners Arbeiten um das deutsche Männerherz kämpft. Diese Kerle sabbeln nicht groß, sie reiten schweigsam ihren Weg, und wenn sie schon den Mund aufmachen, dann sitzt das.
"Beim nächsten blöden Wort, das du mir an den Kopf wirfst, lasse ich die Sonne in den deinen scheinen" ("Western-King"). Oft kommt es soweit: "Nolan Greens Uhr war abgelaufen - seine Nummer aufgerufen."
Sie sprechen, wie wohl auch die meisten ihrer Leser, ein bißchen Englisch, sagen "well" und "yeah", kennen "Jails" und "Trails" und, "I''ll be damn''d", natürlich die Girls. Verblüffend wiederum, daß einige auch den neudeutschen Slang beherrschen. "Der Junge geht mir auf den Keks", sagt einer im "Silber Western", und "sie machen die Fliege".
Daß geprügelt und geschossen wird, Knie in den Magen und Gegner an die Wand gerammt werden, darf nichts daran ändern, daß der Western in seinen Grundzügen vieles gemeinsam hat mit den Heftromanen der Herz-Schmerz-Kategorie. Selbst ein Westmann braucht menschliche Wärme, und am planmäßigen Happy-End kommt auch er nicht vorbei.
Gewiß, sein Sexualverhalten ist von gröberer Art als jenes im Wiesengrunde. "Lassiter" fügt den vielen Positionen, die Mühe genug machen, eine einzigartige hinzu: "Mit dem Gewehr in der Faust, bereit, hochzuspringen und um sein Leben zu kämpfen, liebte er die schöne Rote weiter, und sie schien von ihm nichts anderes erwartet zu haben." Doch wenn abermals das Gute über das Böse gesiegt hat, siegt oft auch die Liebe als solche.
39 Millionen Western und Artverwandtes verkauft der Bastei-Verlag jedes Jahr, und 18 Millionen sind es bei Kelter. "Silvia" und "Julia" haben zu tun, wenn sie da mithalten wollen. Dabei sind die Western-Autoren noch mit etlichen Handikaps beladen.
Das Milieu ist begrenzt, immer nur die Prärie und schroffe Canyons, Ranches und Saloons. Auch fehlt es an einem zentralen dramaturgischen Mittel, das den Frauenroman so viel leichter macht. Die Vorsehung darf nämlich nicht eingreifen, der Zufall die Dinge nicht vorantreiben.
"Der Western-Held", beschreibt der Literatursoziologe Walter Nutz diese Verpflichtung, "läßt sich seine Probleme nicht von anderen und schon gar nicht vom Schicksal lösen, sondern regelt seine Angelegenheiten selbst." Verglichen mit dem Mann unserer Tage, der von Regeln und Rücksichtnahmen umstellt ist, hat er es insofern wieder gut.
Und wenn es nach dem Heftroman geht, wird sich an diesem Handlungsmuster auch in der sehr fernen Zukunft wenig ändern. Denn auf den 64 Seiten der Science-fiction-Geschichten müssen die Lagen ebenfalls blitzschnell gemeistert werden, kracht es ständig - Western im Weltraum:
"Unvorstellbare Energien wurden schlagartig freigesetzt und tobten wie Orkangewitter durch die Schutzschirme, grelle Blitze und gleißende Kunstsonnen zerrissen das All."
Unumstrittener Chef in diesem Leseraum ist Pabels "Perry Rhodan" - laut Verlag "der Welt größte Science-fiction-Serie" und 1987 samt Neuauflagen 36millionenmal verkauft; ein anderer Allmächtiger heißt "Atlan", schwebt um das Jahr 3800, muß aber gelegentlich "aus dem Zeitsumpf herausgeholt" werden.
Von den vertrauten Wesen des Liebes- oder Bergromans muß sich der Leser hier lösen. Er begegnet Galakto-Genetikern und Gefühlsmechanikern oder außerirdischen Typen, die Matten-Willys heißen und die man auch einmal kennenlernen möchte.
Ungewohnt ist die Umgebung, wie bei Rhodan "der Schlund. Dieser schlichte Name bezeichnete ein hyperphysikalisches Gebilde fünf- bis sechsdimensionalen Charakters", und dann passiert es: "Wir hängen zwischen den Dimensionen fest."
Zwar haben sich mitunter alte Hilfsmittel gehalten. Während es durch "die obersten Schichten der Planetenatmosphäre" geht, schrillen plötzlich die Alarmglocken - wie auf der Feuerwache von Uetersen. Im übrigen jedoch sind die Milieubeschreibungen hochkompliziert und reiner Blödsinn: "Ems Kastori wußte, daß alle seine Schiffe mit dem zusätzlichen FpF-Gerät ausgerüstet waren. Es handelte sich dabei um Frequenzmodifikatoren, die in der Art eines Antiortungsschirms die Frequenzmodulation
eines räumlich übergeordneten Paratronfeldes anmaßen. Mit Hilfe eines synchron geschalteten Zustandwandlers war es dann möglich, den Paratronschirm der Dolans polarisierend zu durchdringen. Da die FpF-Geräte mit den üblichen Transformkanonen gekoppelt waren, konnte so die Bombe durch den Schirm ins Ziel transportiert werden" - was nach so viel Firlefanz dann auch Zeit wird.
Anders als etwa die Arztromane, schwärmt "Zeit"-Autor Matthias Horx, "fordert Perry Rhodan Phantasiearbeit und Engagement. Wer jemals versucht hat, sich hineinzulesen, wird schnell merken: Man muß über einen kompletten Kosmos aus Begriffen, Handlungsfäden und Detailkenntnissen verfügen, um auch nur ein Heft zu verstehen".
Solchen Ansprüchen allerdings kann "John Sinclair" nicht genügen, obwohl der für Bastei als Geisterjäger tätig ist. Er arbeitet in London bei Scotland Yard in jener allgemein bekannten Abteilung, die gegen "die Mächte der Finsternis" eingesetzt ist.
Dieser Sinclair, den Bastei gut verkauft, hat es mit außergewöhnlichen Tatorten zu tun - "hier, in der absoluten Finsternis, bewegte sich ein Wesen, das lebte und dennoch tot war". Seine Feinde sind kaum zu greifen, wie Shimada, "ein Dämon, eine unheimliche Gestalt, ein Mythos aus der Vergangenheit, der den Weg in die Gegenwart gefunden hatte" und sich dann gleich im Londoner Savoy niederläßt.
Es würde schlimm um John stehen, hätte er nicht die entsprechenden Gegenmittel, eine Dämonenpeitsche zum Beispiel oder eine Gnostische Gemme, sicherlich ein sehr nützliches Instrument. Grundsätzlich jedoch hat er ganz ähnliche Situationen zu überstehen wie die Kollegen in den Saloons von Arizona oder die weit entfernten Verwandten im All. Es wird dauernd spannend, aber dann hat das Gute schon wieder die Oberhand.
Das ändert sich auch nicht bei einer Lektüre, deren Leser gern glauben, sie hätten etwas Besseres in der Hand: dem Heft-Krimi, einer starken Stütze der trivialen Branche. "Jerry Cotton" etwa, der Klassiker, ist bislang über 500millionenmal verkauft worden. Zu seinen Schreibern gehören Profis, die in der Medienwelt einen Ruf haben und von den "Fürstenhöfen" vermutlich Distanz halten würden.
Doch in der Einfalt des Geschehens unterscheidet ihn und die anderen Agenten kaum etwas von den üblichen Stoffen der Unterhaltungsheftchen. Es ist durchweg solide Ware, aufregend für den, der wissen will, ob der FBI-Mann nun fertig wird mit den fünf eiskalten Typen, die ihm da plötzlich gegenüberstehen - ohnehin eine nur scheinbar ausweglose Situation. Und wer gut Freund ist mit Kojak, der kennt auch Cotton.
Vom alten Detektivroman, in dem Autor wie Leser auf dem Wege des Nachdenkens dem Täter auf die Spur kamen, sind nur mehr Ansätze verblieben. "Aus dem scharfsinnigen Analytiker", beschreibt der Literaturkritiker und Buch-Autor Dieter Wellershoff die Entwicklung, wurde "der Kämpfer, der unerschrocken gegen eine Welt von Verbrechern antritt". Er trat "in die Fußstapfen der Western-Helden, die ebenfalls ganz auf sich gestellt für Recht und Ordnung sorgten".
Technische und topographische Detailtreue sollen keinen Zweifel daran lassen,
daß es sich um die nackte Realität handelt. Den Cotton-Schreibern wird nicht nur das Persönlichkeitsprofil ihres Mannes an die Hand gegeben, sie erfahren auch alles über die Lage des FBI-Gebäudes in New York und dessen räumliche Aufteilung, das Aussehen der Dienstausweise und die Struktur der New Yorker Mordkommission, die Rechte eines amerikanischen Polizisten und die Rolle des Staatsanwalts in den USA.
Es sind allesamt ordentliche Institutionen, und Cotton ist ständig durch die Dienstvorschriften sowie gutbürgerliche Moralvorstellungen in der Ausübung seiner Pflichten gehemmt. Mit Anstand haben sich auch die gemeinen Leute zu bewegen: "Daß angesichts eines Toten", so die Verlagsanweisung für Autoren, "Polizisten keine Witze machen oder blödeln, dürfte sich von selbst verstehen."
In der Wirklichkeit ist so etwas leider nicht auszuschließen, und solche Widersprüche haben vor Jahr und Tag schon die deutsche Wissenschaft mobilisiert. "Die autoritäre Struktur des FBI", bemängelt zum Beispiel der Berliner Philologe Peter Nusser, "wird in den Heften aufgehoben." Und derart liederlichen Umgang mit dem wahren Leben haben viele seiner Kollegen bei der ganzen Gattung ausgemacht.
"Die wunderbaren Siege des Polizisten", erkannte Heftforscher Wernsing, "versperren den Blick auf den Zusammenhang zwischen Kriminalität" und der gesellschaftlichen Realität, "im Heimatroman verbirgt das Wunder der Liebe" die "soziale Situation des Dorfes". Seit Beginn der siebziger Jahre stehen die Heftchen-Verlage und deren Autoren unter dem Verdacht, geheime Dienste für die politische Reaktion zu verrichten.
In mehr als 1000 Publikationen wird inzwischen nach einer Antwort darauf gesucht, was diese 300 Millionen Heftromane jedes Jahr im deutschen Volk anrichten, und oft ist zu erfahren: Der "Chefarzt Dr. Anders" und Westmann "Lassiter", Geisterjäger "John Sinclair" und auch die "Geliebte Mutti" sind nur deshalb so schön, damit niemand merkt, wie schlecht es ihm geht.
Schon die Literaturwissenschaft hatte sich schwergetan, den trivialen Stoff zu bestimmen. Viele ihrer Vertreter maßen ihn, gleichsam das mickrige Heftchen zwischen zwei Fingern, an den ästhetischen Normen der ernsthaft gemeinten Dichtkunst. Das Mißverständnis war nicht neu: In den fünfziger Jahren bereits hatte der Schriftsteller Eugen Skasa-Weiß die Kulturwächter darauf hingewiesen, daß der Schmöker "eine beträchtlichere Breiten- und Tiefenwirkung hat als das Werk der Dichter, mit dem sie sich ausschließlich befassen", und "wieso sie Geschriebenes nach seiner geistigen Bedeutsamkeit und nicht
nach seinem Einfluß bemessen, bleibt unerfindlich".
Zwei Jahrzehnte später gingen die Soziologen daran, dieses Manko zu beheben. Unter Anklage kamen die uniformen Wirkmuster und die betulichen Wertbilder, die grobe Schraffur von Figuren und Lebenslagen und die Konfliktlösung a la carte, die panische Scheu vor sozialen Problemen und das ewige Happy-End. Im Hintergrund war bald eine ideologisch gefestigte Clique von Nebelwerfern ausgemacht.
Wie nach einer Droge, so befand jetzt der Kritiker Hans Dieter Zimmermann, sei der Leser "den vorfabrizierten Träumen der Heftromane hingegeben". Seine wahren Bedürfnisse kann er daher gar nicht mehr erkennen, glaubt Peter Nusser, denn "die Groschenhefte helfen so, die Ursachen für die Unterdrückung des Lesers, das heißt die objektive Sozialstruktur und ihre restaurative Ideologie, zu bestätigen". Und dies geschieht nicht etwa zufällig, es ist so gewollt.
"Die Rute wird also mit einem bunten Band umbunden, das tägliche Prügelquantum mit ermunternden Reden begleitet", urteilt der Volkskundeprofessor Rudolf Schenda, "bald wird Zufriedenheit anempfohlen, bald werden das Schicksal oder die ''Verhältnisse'' verantwortlich gemacht." Durch die typischen "Verhaltensmodelle, wie sie die massenhaft verbreiteten Lesestoffe anbieten", so der Volkskundler, "üben diese Lesestoffe Herrschaftsgewalt aus".
Die Schwarzweißmalerei des Heftromans, "die Idealisierung des Helden", beeinflusse zudem "das Autoritätssyndrom des Lesers", sagte Trivial-Forscher Nusser, für den die Heftchen-Sprache noch überwiegend an die Unterschicht gerichtet war und der deswegen vom Kollegen Wernsing zurechtgewiesen wurde: Er scheine "die viel gefährlichere Aggressivität nicht zu kennen, die im Konkurrenzdruck der vom Aufstiegszwang beherrschten Mittelklasse-Individuen steckt", und "die Autoren gehören fast ausschließlich der Mittelklasse an".
Heftkritiker Wernsing setzt seinerseits sprachliche Akzente, die beim gewöhnlichen Heftleser wohl tiefe Ergriffenheit hinterlassen: "In der polaren Struktur, die dem Frauenbild des Heftromans eignet, drückt sich also ein massenneurotischer Zug aus, die Aufspaltung der Mutterimago in einen zärtlich geliebten und hochgeschätzten und in einen sinnlich begehrten, gefürchteten Teil. Sofern in den Heften zwischen den beiden Abspaltungen Bezüge spürbar werden, rühren sie bezeichnenderweise an das Inzesttabu."
Sicher scheint nach alldem, daß der Heftroman nicht das leistet, was Friedrich Engels von den "Volksbüchern" verlangte - die die "Wahrheit und Vernünftigkeit" neuer politischer Ideen verbreiten sollten, "aber auf keinen Fall die Duckmäuserei, das Kriechen vor dem Adel, den Pietismus befördern". Solchen
Forderungen hatte die triviale Literatur allerdings schon nicht genügt, bevor es die Heftchen gab - sie aber längst in ähnlicher Form unter die Leute gekommen war.
Zu einer Zeit etwa, da Goethe und Schiller die deutsche Dichtkunst in nie gekannte Höhen trugen, kursierten bereits zahlreiche Ritter- und Räuberromane, die an schlichter Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrigließen. Selbst die Großen kamen in Versuchung: Schillers "Geisterseher", ein Roman in Heftfolgen, wäre nach Egon Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit" einer "der grandiosesten Kolportageromane der Weltliteratur geworden" - hätte er "die Fortsetzung nicht unterlassen, weil er inzwischen Klassiker geworden war".
Um die Wende des 19. Jahrhunderts, nachdem sich mit der Schulpflicht auch das Lesen verbreitet hatte, liefen Schwärme von Hausierern (die "Kolporteure") übers Land und verkauften Groschenheftchen ("Der gräßliche fünffache Mord in Ober-Ailingen"). "Die verfluchtesten Schriften kamen seit den letzten 35 Jahren zum Vorschein", jammerte 1799 der "Allgemeine Literaturanzeiger", und "über 7000 Romane und Liebeshistörchen, die als Giftpflanzen den braven Charakter der deutschen Töchter und Weiber schrecklich verdorben haben".
Der Schrecken vervielfachte sich, als 1853 die "Gartenlaube" erschien, mitsamt einem Fortsetzungsroman. Starautorin war Eugenie Marlitt, deren "Goldelse" den Bürgern ans Gemüt ging, und Verleger Ernst Keil brachte den ersten Groschenroman in Serie heraus.
Um diese Zeit auch erscheint "Mimili", ein Bestseller von Heinrich Clauren, vor dem sich die Heftautoren von heute nicht schämen müssen. Die Titelheldin ist "die fromme Liebe selbst - Jugend und Gesundheit blühten im Grübchen der Wange, auf den Purpurlippen und in der Fülle ihres ganzen schönen Körpers".
Ihr Wilhelm kommt prompt in Schwierigkeiten, denn "die schwanenweiße Brust drängte sich wogend aus dem samtenen Mieder". Er umschlingt Mimili "und drückt ihr, berauscht von dem Entzücken der Abendfeier, den ersten Kuß auf die süßen Lippen. Sie aber sank schweigend an seine Brust und lispelte leise: ''So haben die Alpen noch nie mir geglüht''".
Es ließe sich fortfahren - mit Hedwig Courths-Mahler zum Beispiel, die derzeit Renaissance hat; mit Peter Rosegger, von dem noch immer alle Heimatromane stammen könnten; mit Ludwig Ganghofer, der Millionen mitriß, und sogar den Allergnädigsten: Er war Lieblingsautor Wilhelms II.
Die lange Geschichte des Trivialen relativiert zumindest jene Kritik, die hinter dem Millionenerfolg der Romanhefte ein gesellschaftliches Komplott sieht. "Sie sucht Kitsch als bloße Ideologie zu entlarven", sagt der derzeit in den USA lehrende Literaturprofessor Otto F. Best, "und begibt sich dabei in eine Position, die selber der Ideologie gefährlich nahe ist."
Indem dieses Romanleben "konkrete gesellschaftliche Konflikte verschleiert", so räumt Best gerade noch ein, "aus ihrem Fortbestehen sich geradezu rechtfertigt, liegt es im Interesse seiner Produzenten, die Widersprüche aufrechtzuerhalten", damit "der Kitsch-Konsument bei der Stange gehalten wird". Doch es ist eine Sache auf Gegenseitigkeit, deshalb auch, "weil sich an den Triebstrukturen des Menschen und dessen Bedürfnissen seit Jahrtausenden kaum etwas geändert hat".
Es sind, sagt Dieter Wellershoff, "Märchen für Erwachsene, die die engen Grenzen ihres Lebens vorübergehend überschreiten möchten", und zwar "ohne dabei in ernsthafte Orientierungskrisen zu geraten". Sie ziehen für den Leser, so der Schweizer Literaturwissenschaftler und Autor Adolf Muschg, "einen Schleier vor seinen trüben Alltag".
Das Heftchen bietet Fluchträume vor einer Lebenswirklichkeit, die stärker denn je vom Bürger als fremdbestimmt empfunden wird. Und jene einfache Sprache, die Verläßlichkeit der Beziehungen, die garantiert künstliche Aufregung machen offenbar seinen Reiz.
Die Menschen, so erklärt sich das der Tübinger Ordinarius Hermann Bausinger, "brauchen den abgesicherten Raum des nicht zu Hinterfragenden". Und "Überschaubarkeit, emotionale Nähe, vielleicht aber auch die Aufhebung von Beschränkungen und die Aufhebung von Monotonie" sind für den Kulturwissenschaftler "ja doch echte, soll heißen legitime Bedürfnisse".
Was Lassiter sich an Freiheiten herausnimmt, ist ja nicht zu verachten; Perry Rhodan kann sich über öde Routine am Arbeitsplatz nicht beklagen, und wenn im Schicksalsroman nach einigen Umwegen der Hans seine Grete kriegt, dann hat es doch hier wenigstens geklappt. Wer Kompensation als verwerflich betrachte, rückt Bausinger zurecht, "verkennt, wie weitgehend der Haushalt unserer psychischen und sozialen Motive auf Kompensationen angewiesen ist".
In seinen Studenten sieht der Professor, wenn er mit ihnen darüber redet, "einen elitären Haufen", für den Normalverbraucher nicht ausschlaggebend, und bedenklich wird es für ihn erst bei einer Übertragung der Heftwelt "aufs sonstige soziale Leben", der "Gefahr _(Mit einem Porträt Ludwig Ganghofers. )
der Infantilisierung, der Dauereinrichtung regressiven Verhaltens".
Dieser Vorbehalt aber gilt für jedwede Unterhaltung, sofern die nicht auch noch eine Botschaft verkündet. Die massenhafte Verbreitung der Heftchen-Kultur mag bedauerlich sein - des feineren Geschmacks wegen zum Beispiel, den die Eliten für sich selber definieren, oder weil den Lesern etwas Besseres zu gönnen wäre; aber nicht deshalb, weil dieser Stoff sich dem tieferen Gedanken verschließt und auch dem Transport des gesellschaftlichen Fortschritts - denn eben das will er ja unbedingt vermeiden.
Die Gefahr, sich am Übermaß des Trivialen zu verschlucken, ist allgegenwärtig. Das Fernsehen beschwört sie herauf und die Massenpresse, die Dudelei auf allen Sendern wie die Schmöker in festem Einband. Und es ist keineswegs ausgemacht, daß der Heftroman dabei schlechter abschneidet.
Die sprachlichen Klischees und der naive Handlungsrahmen, die Kulissen und der dramaturgische Dreh - das alles findet sich lückenlos auch in den Serien, den Filmen, den Western auf dem Bildschirm und im Kino, und manches Heftchen hebt sich da vorteilhaft ab. "Was das Fernsehen unter dem Stichwort ''Unterhaltung'' offeriert", sagt Adolf Muschg, "steht durchaus auf dem gleichen Niveau wie der Kiosk-Roman."
Die Heftchen-Autoren machen sich nichts vor über das literarische Gewicht ihrer Produkte. Was milder Gestimmte wie Best und Bausinger in kluge Worte kleiden, äußern die Hersteller von Kelter oder Bastei auf eigene Art. "Was ich schreibe", sagt Renate Tintelnot, die in Hamburg Frauenromane verfaßt, "das ist Fluchthilfe, ein Trösterchen. Die Leute wollen heile Welt haben, die brauchen sie so dringend, und ich finde das gar nicht verwerflich, weil ich die auch gerne hätte."
Sie lebt da in ihrem Haus, umgeben von lauter Antiquitäten, und sieht "die Frau in der Reinigung" vor sich. "Die steht dort den ganzen Tag, dann macht sie den Haushalt, versorgt Mann und Kinder und fällt um elf ins Bett. Die kann nicht mal ''nen Simmel schaffen, die ist selbst mit so einem Heft am Rande ihrer Möglichkeiten." Und wenn so eine gerührt ist von ihren Geschichten, dann fühlt sie sich "manchmal ganz beschämt. Die weinen ja nicht über Dinge, über die sie weinen sollten. Die Leute sind ja so zugekleistert".
Renate Tintelnot, 46, ist eine dieser Erfolgsautorinnen, die auf keiner Bestsellerliste auftauchen und ihr mühsames, vorgeblich subversives Handwerk im stillen verrichten. Sie hat an der Sorbonne und in Cambridge Sprachen studiert, war bis zur Heirat Übersetzerin und ist aufs Schreiben nicht angewiesen.
Ihr Gegenteil wohnt in Bottrop, heißt "Britta Frey" von Verlags wegen und will ihren Namen lieber nicht preisgeben. Sie dichtet, umzingelt von Nippes, in einer kleinen Mietwohnung, die nicht in der besten Gegend des Reviers liegt. "Dr. Bauer", ein Arztroman, heißt ihr Stück. Und an die 100 davon hat sie bereits gemacht: "Ich schreib'' dat ärst mit de Hand, und dann tu'' ich et in de Maschine."
Aber diese Britta ist nicht repräsentativ. Die schreibende Hausfrau, die ihr überströmendes Gefühl auf die Schreibmaschine leitet und dabei selber mit den Tränen kämpft, gehört in die Minderheit dieser Zunft. Die meisten sind Profis, die über ihren Job Bescheid wissen und die es oft zufällig dorthin gebracht hat.
Wie Roma Lentz, die Journalistin war "und dann erst mal Mutter". Sie fing nach der Scheidung vor drei Jahren "ernsthaft" mit ihren Fürstenromanen an ("Bei mir müssen''s Prinzen sein"), weil Redakteursstühle mit 48jährigen kaum neu besetzt werden. Oder Annely Hahn aus der Nähe von Baden-Baden, die von der Bühne kommt, früh verwitwete und mit der Schreiberei dann sich und ihre Tochter durchbrachte. Nun hat sie an die 800 Hefte gefüllt, überwiegend "Silvia", arbeitet hier und da für Funk und Zeitungen, und das Kind studiert Literaturwissenschaft.
Der Warenausstoß der Heftautoren ist unterschiedlich. Roma Lentz, die oberhalb des Rheintals ein gepflegtes Anwesen bewohnt, kann es sich erlauben, nur etwa vier Fürstenstücke im Jahr zu schreiben - die meisten Kollegen müssen zwei oder drei Hefte im Monat anfertigen, denn es ist, wie bei Annely Hahn, "fürs tägliche Brot".
Eins haben sie alle gemeinsam: eine erbärmliche Bezahlung. Die Honorare liegen zwischen 1200 und 2000 Mark pro Roman und damit weit unter dem vergleichbaren Salär der übrigen Medienbranche. "G.F. Barner", der Western-Held, bringt 1600 Mark je Heft. "Man muß um lumpige 150 Mark einen Fünfjahreskampf ausfechten", sagt sein Erfinder, und mit drei Kindern blieb "da nie eine Mark übrig".
Die 1800 Mark, die Annely Hahn für einen "Silvia" kriegt, sind "seit langem eingefroren - wenn ich das in Stunden abrechne, verdiene ich weniger als ein Hilfsarbeiter". Und "wenn ich davon leben müßte, dann müßte ich am Daumen lutschen", sagt "Britta Frey" in Bottrop, weshalb sie noch Handarbeiten für einen Textilladen macht.
Unter den Heftschreibern herrscht die feste Überzeugung, daß sie Opfer eines stillen Kartells zwischen den drei führenden Verlagen sind. Das Honorar ist verdächtig einheitlich, Tarifgespräche mit Verlegern erweisen sich als völlig sinnlos, über die Auflagen ihrer einzelnen Romane erfahren die Autoren nichts. Und auf die "möglichst wohlklingenden" Pseudonyme, glaubt die "Stuttgarter Zeitung", legen die Auftraggeber auch deshalb Wert, "um zu verhindern, daß ihre Autoren sich untereinander
kennenlernen und über ihre Vertragskonditionen miteinander sprechen".
So schreiben sie denn über die efeuumrankte Villa mit den Marmortreppen, schicken den Gutsbesitzer morgens mit dem prächtigen Apfelschimmel und einem jugendlichen Lächeln durch seine Waldungen und lassen es auch sonst allen am Ende recht gut gehen, sind damit aber selber nicht weit gekommen.
"Ich weiß nicht, wie es bei Fürstens zugeht", sagt Renate Tintelnot, "aber ich weiß, wie es die Leute gern hätten, ich suhle mich in Klischees." Roma Lentz sucht die Namen für ihre Prinzen aus dem Verzeichnis für Rassehunde, und wenn da ein Terrier "Arco von Stolzenfels" heißt, landet er in einem Heft.
Die Schreiber von Arztgeschichten sind bei der Arbeit von medizinischen Nachschlagewerken umgeben, obwohl es auch da immer um Schicksal und Liebe geht. In Bremen dichtet ein Fachautor als "Sybille Nordmann" die gut verkäufliche "Notärztin Andrea Bergen".
Er hat längere Zeit in der Telephonzentrale einer Klinik gearbeitet, kam nachts mit den Ärzten ins Gespräch und durfte auch mal bei Operationen zusehen. Jetzt ist er wissend, und wenn es allzu schwierig wird, ruft er seinen Sohn in Berlin an, der wirklich Arzt ist.
Stoffmangel kann sich Herr Sybille gar nicht leisten, denn er lebt vom Schreiben. Er tippt einfach immer auf anderthalb Seiten Überschriften untereinander, die ihm gerade einfallen. Und wenn dort "Ave Maria" steht, kommt ein junger Mann dabei heraus, der toll Orgel spielt, sich aber leider die Hände verbrennt und im Krankenhaus auf eine schöne Sängerin samt Stimmbandtumor (gutartig) stößt.
Unnötig schwer macht es sich Western-Autor Basner mit dem Handwerk. In Texas oder Arizona, wo seine Helden ihre Pflicht tun, ist er noch nie gewesen, "das wäre zu teuer geworden". Doch er verfügt über eine riesige Landkartensammlung aus dem amerikanischen Westen, 700 Stück im kleinsten Maßstab und mit Höhenlinien. Und wenn seine Apachen die Eagle Hills, Westseite, herunterjagen, ist keine Gefahr, daß sie plötzlich über einen Felshang stürzen und die Geschichte zu Ende ist. "Da stimmt jedes Detail", freut sich Basner, bedenkt aber wohl nicht, daß nur wenige seiner Leser darauf erpicht sind.
Susanne Scheibler von Bastei empfiehlt ihren Mitarbeitern "immer sehr, die Leserbriefe in der Yellow Press zu lesen. Da sind Aufhänger drin, die Konfliktsituationen, um die herum man dann einen Roman machen kann". Doch dieser Rat ist offenbar entbehrlich.
Gerty Schiede zum Beispiel, die ihre 600 Hefte in einem Münchner Vorort geschrieben hat, greift sich wie viele andere die Anregungen "aus dem Bekanntenkreis und dem Leben meiner Kinder". Außerdem hat sie "eine blühende Phantasie, ich kann aus nichts einen Roman machen". Diese Schriftsteller, die auf bescheidene Weise ein Millionenpublikum zufriedenstellen, sind Bürgersleute. Sie haben eine ordentliche Schulbildung, und ihr Wertgebäude steht auf festem Untergrund.
Wenn sie schon manipulieren, wie ihnen die kritische Soziologie das nachsagt, dann auf dem direkten Wege der Selbstbetrachtung. "Wir bieten keine Pseudogefühle an", sagt Renate Tintelnot, "wir müssen ja sehr schnell schreiben, und deshalb schreiben wir aus dem Bauch. Die Autoren schreiben oft genau das, was sie bei sich verbuddelt haben."
Und wenn sie wirklich mit ihren Erzählungen das herrschende System stabilisieren, so entnehmen sie die Stützpfeiler ihrem sozialen Umfeld. Massenliteratur, sagt der Wiener Wissenschaftler Wolfgang Langenbucher, ist ein "Spiegel der tatsächlichen Kommunikationsstruktur".
Die politischen Präferenzen der Autorenschaft sind keineswegs einseitig. "Mit
der Politik der CDU, da bin ich nicht mit einverstanden", sagt "Britta Frey" in Bottrop, "aber die wähle ich ja auch nicht." Für die Leserpartei wiederum erhebt Gerhard Friedrich Basner die Stimme, daß es in seiner umgebauten Bauernscheune nur so hallt: "Wenn dieses Anti-System-Denken sich durchsetzen würde, hätten wir eine Diktatur. Da will ich lieber das Edle und Gute beschreiben, denn wenn alle Werte in Frage gestellt werden, wo landen wir dann?"
Gesellschaftliche Bruchstellen, die von der mittelständischen Avantgarde als zentrale Probleme der Zeit begriffen werden, sind für Heftautoren ein Konstrukt. Roma Lentz etwa bereitet es keine Schwierigkeiten, ihre Frauenfiguren nach dem hergebrachten Raster zu zeichnen. "In diesen Romanen sind Frauen, die sich um Liebe bemühen, aber ich habe noch nie eine Emanze erlebt, die sich wirklich um Liebe bemüht."
Sie ist eine selbstbewußte und selbständige Frau, doch auf diese Schwestern ist sie nicht gut zu sprechen: "Die gehen hin und wiegeln andere Ehefrauen auf. Emanzen ziehen keine Kinder groß, die kriegen sie zufällig, und dann rennen sie ganz schnell wieder aus dem Haus." Sie hat Kontakt gesucht, weil sie Beistand brauchte, aber dann erfahren, "daß die sich immer nur mit sich selbst beschäftigen".
"Natürlich" kann Herr Sybille Nordmann aus Bremen ("Landarzt Dr. Fabian") "keinen Mediziner beschreiben, der unpünktlich oder schludrig ist, und insofern entspricht das schon dem bürgerlichen Tugend-Katalog". Daß so etwas nicht mit der rauhen Wirklichkeit übereinstimmt, ist ihm wie anderen Autoren wohl bewußt, doch "das muß sein, sonst wird das nicht gekauft".
Selbst wenn die Massenliteraten einmal aus ihrer selbstgewählten Umzäunung ausbrechen wollten - die Verlagslektoren, Wächter über die Heftgebote, würden es nicht dulden. Gerty Schiede hat mal "die ganz bezaubernde Heldin am Schluß sterben lassen. Da hat das ganze Lektorat geheult, und ich mußte die Frau wieder zum Leben erwecken".
Wenn es um die Gesundheit geht, weiß sie nun, "braucht man viel Fingerspitzengefühl, die Leute erschrecken sich ja sonst zu Tode". Über die traurigen Ausgänge lesen und hören sie woanders genug; dunkle Mächte haben nur ein dramaturgisches Existenzrecht, denn "ohne böses Element", sagt Annely Hahn, "kriegen Sie da ja gar keine Spannung rein".
Die rüde Sprache im Western ist so unabänderlich wie das Kauderwelsch der Raumfahrer, und ihre Prinzen, sagt Renate Tintelnot mit Vergnügen, "müssen eben exaltiert sein und immer reich. Und wenn mal ein Fürst arm ist, trifft er unter Garantie eine reiche Tussi, die er heiratet".
Der Sex, das wissen die Verfasser, ist bei Hofe und auch sonst im klassischen Heftroman nur ganz vorsichtig liberalisiert worden. "Der Mann darf gerade noch die Krawatte ausziehen", erklärt Roma Lentz, die nun aber auch am "Tanga" mitschreibt, der neueren Kiosk-Spezialität für die aufgeschlossene Kundschaft. Das gibt Umstellungsprobleme: "Da es ja ein erotischer Roman ist, müssen sie dann gleich wieder ins Bett gehen - aber warum müssen sie das, also, es ist nicht leicht."
"Es ist alles möglich und entschuldbar, wenn es aus Liebe geschieht", zitiert Chefredakteurin Scheibler aus dem Grundgesetz, und "das Böse muß bestraft werden oder sich ändern". Daran haben sich alle zu halten, Dr. Monika Lindt und Perry Rhodan, und selbst der Geisterjäger Sinclair kann mit seinen geweihten Silberkugeln nichts dagegen ausrichten.
"Ich versuche den Ton zu treffen, den die Leser gern hätten", schickt sich Renate Tintelnot, "das ist, als wenn ich meinen Kindern das Lieblingsessen koche." Und sie ist wie viele ihrer Kollegen davon überzeugt, daß darauf nicht nur das einfache Volk Appetit hat.
Natürlich sind die Autoren auf die zufällige Wahrnehmung angewiesen, wie G.F. Basner, der seinen Vetter, einen Medizinprofessor, dabei erwischte, wie der nach einem langen Operationstag auf dem Sofa liegend einen Western von G. F. Barner las. Arzt-Autor Sybille ist "ganz erstaunt, daß in den Krankenhäusern", zu denen er näheren Zugang hat, "diese Hefte geradezu verschlungen werden, ausgerechnet dort" und besonders von den Schwestern im Nachtdienst.
Den Verlagen fallen Leseranalyse und Marketing schwer, von den gängigen Umfragen halten sie wenig - "weil wir die Erfahrung gemacht haben", sagt Susanne Scheibler, "daß die Leute nicht die Wahrheit sagen, wenn es um die Heftromane geht. Die lesen alle die ''Zeit'' oder den SPIEGEL".
Sie ist sich aber sicher, daß "die soziale Unterschicht überhaupt nichts liest". Ähnlich beurteilt das auch Kelter-Chef Melchert: Einer monotonen Beschäftigung, die für das Heftchen anfällig mache, gingen schließlich "nicht nur die Frauen am Fließband nach, sondern auch viele Behördenangestellte und Beamte". Und in der kreuzbürgerlichen Schweiz hat sein Haus, relativ betrachtet, die besten Verkaufsergebnisse.
Historische Erfahrungen weisen in die gleiche Richtung. "Mimili", schrieb ein Zeitgenosse, ging "von Hand zu Hand, von der Gräfin zur Kammerzofe und von dieser zum Liebhaber derselben. Claurens Lesepublikum rekrutierte sich aus allen Ständen".
Erstaunliche Beobachtungen aus der Neuzeit machte der Ordinarius Bausinger unter Professoren, die sich im Kollegengespräch über die "Schwarzwaldklinik" und ähnlichen Schmus vom Abend davor erregen: "Sie schimpfen zwar, aber sie sitzen davor", sagt der Forscher, und ihn wundert es gar nicht, "wenn sie auch diese Hefte lesen": Die "Bedürfnisstrukturen", die dem Millionending zugrunde liegen, seien "eben nicht schichtenspezifisch".
Genauer wollten es die Kölner Literatursoziologen Walter Nutz und Volker Schlögell wissen. Weil "es sehr schwierig ist, wenn nicht sogar aussichtslos, Romanheftleser zu befragen", überredeten sie den Bastei-Verlag, eine Woche lang in der gesamten Heftauslieferung eine Seite mit einem Fragebogen zur Verfügung zu stellen, in dem auf demoskopischen Umwegen nach den Sozialdaten der Leser gefahndet wurde. 3186 Bögen kamen zurück, eine vergleichsweise hohe Zahl, und viele mit ausgiebigen Antworten.
38 Prozent dieser Heftleser, so das Fazit, müssen Abitur haben. "Die Leserschaft von Heftromanen", so Nutz und Schlögell, "ist so differenziert wie die Gesamtgesellschaft selbst."
Arztromane zum Beispiel werden vorwiegend von Frauen aller Kreise gelesen, sie sind "invariant gegenüber Bildung". Krimis werden von Männern und Frauen in gleicher Weise geschätzt - und hier führen die Abiturienten. Junge Leute mit Hochschulreife liegen an der Spitze bei den Spuk- und Gruselromanen. Und beim Liebesroman sind die
Volksschüler mit zwei Dritteln vertreten - der Rest aber hat eine weitergehende Schule besucht.
Den 300 Millionen Heftchen im Jahr, so ist daher anzunehmen, wird auch der stetig steigende Bildungsstand der Bundesbürger nichts anhaben können. "Die Nachfrage nach der heilen Welt wird immer größer", hat Linda Ivanus von Pabel festgestellt; deshalb will Pabel seine Heimatromane demnächst auch noch auf Kassetten herausbringen, der Heftleser muß dann nicht einmal mehr lesen.
Die Bedürfnisstrukturen, das lehrt der Aufstieg des deutschen Heftromans zum heimlichen Bestseller, sind dauerhaft, und manchem Gesellschaftsforscher, der sich rechtschaffen quält, die Nervenbahnen des sozialen Organismus freizulegen, würde gelegentliche Heftchen-Lektüre die Arbeit vielleicht erleichtern: So sind die Leute oder möchten sie sein, so wünschen sie, und vor allem fühlen sie so. Nur das Leben kommt ihnen dabei in die Quere.
Eine Erläuterung gibt es bei Joseph von Eichendorff, dem Klassiker, den die Medien zu seinem 200. Geburtstag wiedererweckt haben und der jede Menge Schnulzen schrieb: "Wir sehnen uns nach Hause und wissen nicht wohin."
Ende
Mit einem Porträt Ludwig Ganghofers.
Von Hans Joachim Schöps

DER SPIEGEL 43/1988
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