Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Karl Lauterbach, 52

SPD, Mediziner, Gesundheitsökonom, Antrag 2
Die meisten Menschen sterben nachts. Als ich noch Medizin studiert habe, habe ich viele Menschen sterben sehen. Damals habe ich in einem kleinen Krankenhaus die Nachtdienste auf der Intensivstation übernommen. Es ist aufwendig, einen Todkranken zu betreuen – und damit das den Routinebetrieb nicht störte, hat die Klinik einen Medizinstudenten hinzugerufen. Das war häufig ich.
Unter den Ärzten gab es Tabuthemen. Wenn ein Patient mit dem Tode rang und offensichtlich Qualen litt, dann haben sie die Schmerzmittel oft so hoch dosiert, dass sie das Sterben beschleunigten. Ich habe das häufig beobachtet. Das wurde einfach gemacht, stillschweigend, darüber haben die Ärzte nicht gesprochen. Niemals. Ich bin nicht sicher, ob sie das überhaupt vorab mit den Patienten vereinbart hatten. Jedenfalls erinnere ich mich an Fälle, bei denen ich zweifelte, ob das alles nach der Rechtslage korrekt war. Es war damals keine Ausnahme, die Morphindosis zu hoch anzusetzen – und heute ist das nicht anders.
Alle jungen Ärzte denken, sie könnten über das Wasser laufen. Ich habe auch lange geglaubt, dass jede schwere Krankheit in den Griff zu bekommen ist – durch optimale Vorbeugung oder durch perfekte Behandlung. Gerade viele Krebspatienten erleben ihre Krankheit zum Schluss oft als hoffnungslos. Manche werden aus ökonomischen Gründen zu Therapien überredet, die nicht mehr sinnvoll sind und die ihr Leiden nur verstärken. Doch selbst wenn wir es schaffen würden, allen Patienten eine würdige letzte Lebensphase ohne sinnlose Therapien zu ermöglichen, dann blieben immer noch Menschen, die sich die Sterbehilfe wünschen. Gerade Krebs kann grausam sein, er verändert Menschen, es gibt wuchernde Tumore, die unerträglich sind. Jeder Arzt weiß das.
Für mich ist das ein Akt der Humanität: Unheilbar Kranke sollten über Ärzte, denen sie vertrauen, würdig und ohne Qualen in den Tod finden dürfen. Mit diesem Wunsch sind Ärzte ohnehin ständig konfrontiert. Sie müssen damit irgendwie umgehen.
Mich selbst hat noch nie jemand um Sterbehilfe gebeten, und ich ertappe mich nur selten dabei, über meinen eigenen Tod nachzudenken. Ich will unerwartet und gesund sterben, auch wenn das paradox klingt. Es gibt bestimmte Formen des Sterbens und des Siechtums, die ich ganz sicher nicht erleben will.

DER SPIEGEL 27/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung