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DER SPIEGEL

„Der Daimler, das arme Schwein“

Die Kieler Justiz steht vor einer der spektakulärsten Aufgaben ihrer Geschichte: Sie soll nach einem Verfahren in Wien noch einmal, im Prozeß gegen den Deutschen Hans Peter Daimler, den Untergang des Frachtschiffes „Lucona“ klären, der Österreich seinen bislang größten Politskandal bescherte.
Plötzlich geschah etwas, das sich so auswirkte, als ob das Schiff gegen eine Mauer fuhr", schilderte der Steuermann das Unglück, das am 23. Januar 1977, 15.50 Uhr Ortszeit den Frachter Lucona im Indischen Ozean ereilte. Aus buchstäblich heiterstem Himmel versank das Schiff unter Flammen- und Rauchentwicklung binnen zwei Minuten, sechs der zwölf Besatzungsmitglieder mit ihm.
Was hat, fünfzehneinhalb Jahre später, das Landgericht Kiel mit dem Untergang eines von Österreichern in Italien beladenen holländischen Frachters unter panamaischer Flagge vor den fernen Malediven zu tun?
Um diese Lucona und den Mann, der sie charterte, Udo Proksch aus Wien, der zur Zeit als Lebenslänglicher in der Grazer Haftanstalt Karlau einsitzt, ranken sich seit anderthalb Jahrzehnten die phantastischsten Geschichten, wie keiner sie erfinden könnte. Schöne, Mächtige und Reiche nicht nur aus der Alpenrepublik spielen darin mit; Österreich selbst versank mit der Lucona in einem Skandalsumpf, den es längst noch nicht bewältigt hat.
Ein Minister starb an einem Kopfschuß, ein anderer sowie ein Parlamentspräsident, die über ihre Verbindung zum kriminellen Tausendsassa Proksch stürzten, stehen in Wien noch vor Gericht. Ein Gerichtspräsident wurde verurteilt, weitere Prominente zittern noch vor möglichen Enthüllungen des einstigen Spezi, der sich früher einmal gleich ganz "Europa in die Tasche stecken" wollte.
Der "Herr Udo", damals als der "bunteste Hund von Wien" bekannt, bewegte sich am liebsten zwischen blauem Blut und Bonzen. Er war mit der Komponisten-Urenkelin Daphne Wagner und der Burgschauspielerin Erika Pluhar verheiratet, hat Kinder mit der Altgräfin Cecilie zu Salm-Reifferscheidt und einer Gräfin Alexandra Colloredo, rühmte sich einer Liaison mit der philippinischen Präsidentengattin Imelda Marcos.
Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählte er den früheren Wiener Kanzler Bruno Kreisky, dem er einmal bei der Wiederwahl behilflich war, und dessen halbe Regierung, die Mitglieder eines von ihm in seiner Hofkonditorei Demel gegründeten Klubs waren. Er hatte zeitweise Zugang zur Kreml-Elite samt sowjetischem Dauervisum, auch zu den Kennedys, machte Geschäfte mit Ugandas Idi Amin und Libyens Muammar el-Gaddafi.
Per du verkehrte der Schla-Wiener mit seinem breitgefächerten Charme aber auch mit Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, war gern gesehener Hausgast beim Industriellen Otto Wolff von Amerongen, wo "ich den Schmidt kennengelernt hab'", wie er gern beiläufig seine Bekanntschaft mit Deutschlands damaligem Verteidigungsminister einstreute.
Als ein anderer Wolf, Markus mit Vornamen und zu besseren Zeiten erfolgreicher Chef der DDR-Spionage, in Wien - vergeblich - Asyl suchte und die Staatspolizei mit einstigen Verbindungen seines Dienstes ins Alpenland köderte, da nannte er als "Spitzenquelle", die auch vom sowjetischen KGB als wertvoll eingestuft worden sei, eine Wiener Firma, mit welcher der "Industrie-Ideologe" Proksch (so nannte er sich selber gern) über viele Jahre enge Geschäftsbeziehungen pflegte.
Was in aller Welt hat dies alles nun wirklich mit Kiel und seinem Landgericht zu tun?
Sehr viel und ganz einfach: In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt muß sich von Mittwoch dieser Woche an ein Mann vor der VIII. Großen Strafkammer verantworten, der im Fall Lucona als engster Kumpan des im März 1991 von einem Wiener Geschworenengericht wegen versuchten Versicherungsbetrugs und sechsfachen Mordes abgeurteilten Proksch gilt: Hans Peter Daimler, 57.
Der wurde im österreichischen Lucona-Prozeß in Abwesenheit gleichsam vor- und mitverurteilt - Proksch, so die Wiener Richter, habe seine Untaten "im bewußten und gewollten Zusammenwirken mit dem abgesondert verfolgten Hans Peter Daimler" verübt.
Auch die Kieler Staatsanwaltschaft wirft ihm mehr oder minder all das vor, wofür Proksch lebenslang bekam: Daimler habe, so die umfangreiche Anklageschrift, gemeinsam mit Proksch "aus Habgier, heimtückisch und um eine andere Straftat zu ermöglichen, Menschen getötet . . ." sowie "durch Sprengstoff eine Explosion herbeigeführt und dadurch Leib und Leben anderer und fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet".
Im Klartext wird Daimler vorgeworfen, zusammen mit Proksch die Lucona mit einer Sprengladung versenkt zu haben, um die Versicherungssumme für die betrügerisch als Uranaufbereitungsanlage deklarierte, in Wahrheit völlig wertlose Schrottladung in Höhe von mehr als 30 Millionen Mark zu kassieren.
Die österreichische Justiz konnte in der Causa wegen massiver Interventionen von ganz oben zugunsten des erklärten Lieblings der Wiener Polit- und Bussi-Society erst mit vieljähriger Verzögerung tätig werden. Dann aber reichten ihr Zeugenaussagen, Indizien, die hauptsächlich von dem Bestsellerautor Hans Pretterebner ("Der Fall Lucona") zusammengetragen worden waren, sowie die Auffindung des Wracks mit einem gewaltigen Sprengloch im Rumpf in fast 4200 Meter Meerestiefe zur Verurteilung.
Die Kieler wollen die Sache ohne den politischen Ballast, der sie ihrer Meinung nach in Wien belastete, streng sachlich angehen. Das Wiener Berufungsgericht, das im Januar 1992 die Strafe für Proksch von 20 Jahren auf lebenslang hinaufsetzte, hatte als erschwerend gewertet, daß durch die Taten des Verurteilten von "einer in der österreichischen Kriminalgeschichte bisher einmaligen Dimension" dabei auch "zeitweise das politische Leben des Landes erschüttert wurde".
Das braucht in Kiel keinen zu interessieren - mit ein Grund, warum das Verfahren an der Förde gestrandet ist. Als die Affäre in Österreich zu heiß wurde, hatten sich Proksch und Daimler abgesetzt. Proksch, der nach Fernost entwichen war, geriet den Häschern mit falschem Paß und Bart bei einer ungewollten Zwischenlandung auf dem Wiener Flughafen ins Netz.
Daimler, deutscher Staatsbürger, suchte in der alten Heimat Schutz, deren Behörden nicht auslieferten, sondern sich entschlossen, selber Recht zu sprechen, nachdem der überlebende Lucona-Kapitän Jacob Puister den Proksch-Kumpanen Daimler auch in Deutschland wegen Mordverdachts angezeigt hatte.
Seit Ende 1988 wanderte die Akte Proksch/Daimler - insgesamt satte 150 000 Seiten in sechs Kisten a 70 Kilo - mit wechselnden Aufenthalten des Beschuldigten monatelang zwischen Mannheim, Frankfurt, Wiesbaden und München durch deutsche Lande, von allen Staatsanwaltschaften mit spitzen Fingern weitergeschoben.
Nach Kiel geriet sie dank der Bemühungen des Anwalts Professor Erich Samson, aus der Affäre Barschel bekannt, der seinen Mandanten bewog, sich in Schleswig-Holstein der Justiz zu stellen. Auch die Kieler fühlten sich überfordert und wehrten sich mit dem Argument, der Verhandlungsort könne nicht von einem Beschuldigten oder dessen Anwalt bestimmt werden. Ihre Zuständigkeit wurde jedoch vom Bundesgericht in Karlsruhe beschlossen.
Sogleich scharte sich eine Elite von Verteidigern um den Beschuldigten, obwohl der nach eigenen Angaben kein Geld hat, dessen Frau Renate, früher Stewardeß, jetzt Schriftstellerin, für die gemeinsamen Kinder sorgen muß und sich dazu mit Informationen gegen Bares emsig um günstige Geschichten für den Gatten müht - was aber bisher auch nicht viel abwarf. So liegt wohl in der Publizität des Falles seine Attraktion für die Juristen.
In Deutschland wurde der "Industriekonsulent" oder "Messebetreuer" Daimler unter anderen schon von den Anwälten Bernd Laskus (Frankfurt) und Heinrich Senfft (Hamburg) vertreten - letzterer auch Anwalt von Ex-Stasi Markus Wolf -, in Kiel mühen sich gleich vier Starjuristen um den Mandanten, der sich selber als ganz kleines Licht im Schatten des Giganten Proksch sieht: neben Samson der FDP-Landesvorsitzende Wolfgang Kubicki, der Strafverteidiger Gerald Goecke und Katrin Lausen, die auch an der Uni tätig ist.
Sie starteten bereits einen verbalen Schlagabtausch mit den Wiener Kollegen, die "schlampig gearbeitet" hätten, so Kubicki, deren Gutachten über die angebliche Lucona-Versenkung "wertlos" seien. Samsons Erzählungen, die er schon vor Jahr und Tag zusammen mit Renate Daimler in den Medien unterzubringen suchte - daß nämlich die Lucona gar nicht gesunken sei, sondern unter anderem Namen weiter über die Weltmeere dampfe - verloren freilich an Wert, als das Lucona-Wrack vom Wiener Gericht geortet und gefilmt werden konnte.
Das Kieler Nordlicht leuchte matt, ätzte ein Wiener Staatsanwalt, und auch Frau Daimlers Begeisterung über den Professor erhielt einen Dämpfer. In einem von der österreichischen Justiz abgehörten Telefongespräch degradierte sie Samson im Gespräch mit einer Freundin zum "Trottel".
Trotz allem sieht Daimler, der sich in 16 Monaten U-Haft in Kiel zum Musterhäftling mauserte, wohlgelitten vom Anstaltsleiter und von Häftlingen in die Gefangenenvertretung gewählt, in der Hauptverhandlung eine "erste Chance, alle Verleumdungen und Gerüchte endlich zu bereinigen".
In Österreich hätten die Medien eine "totale Vorverurteilung" gefahren - ein Argument, mit dem auch die Proksch-Anwälte eine Beschwerde bei der Europäischen Menschenrechtskommission begründen. Daimler: "Ich bin kein Mörder."
In einem 38seitigen Manuskript in sauberer Handschrift, das er in seiner Zelle 8/8/442 über "die Beziehung zu Udo Rudolf Proksch" niedergeschrieben hat, sieht er sich nur als "einer von vielen" im Dunstkreis des tollen Udo, mit dem "immer etwas los war". Der habe ihn auch in seinen letzten Tagebüchern als "der Daimler, das arme Schwein" beschrieben; er selbst betrachte Udo dennoch als "Freund". Und: "Nach dem Verlust der Lucona war ich sehr bestürzt."
Zeugen wie der Kapitän der untergegangenen Lucona oder sein Steuermann vermittelten bei Vernehmungen in Kiel ein anderes Bild von Daimler: Der sei beim Beladen der Lucona gleichsam als "siamesischer Zwilling" Prokschs dabeigewesen; Proksch sei quasi der Kapitän, Daimler sein Steuermann gewesen. Auch die Kieler Staatsanwälte sehen den Beschuldigten keineswegs als "untergeordneten Befehlsempfänger", sondern als wichtige "Schaltstelle" im "gemeinsamen Tatplan".
Um Schuld oder Unschuld herauszufinden, will das Kieler Gericht über 60 Zeugen aus aller Welt befragen, mindestens sechs Sachverständige hören, womöglich auch noch mal nach dem Lucona-Wrack tauchen lassen, weil es Expertenstreit über das Sprengloch gibt. Der Vorsitzende Richter Uwe Martensen hat auch bei der Gauck-Behörde um Auskunft ersucht, ob über Daimler oder den Lucona-Fall etwas in den Stasi-Akten zu finden sei.
Bei zwei Verhandlungen pro Woche ist das Verfahren auf mindestens ein Jahr angesetzt. Vielleicht dauert der wohl spektakulärste und teuerste Prozeß der schleswig-holsteinischen Justizgeschichte aber auch noch viel länger.
In das Kieler Verfahren setzt selbst Udo Proksch seine letzten Hoffnungen. Als Zeuge werde er im "fairen" Deutschland über die wahren Lucona-Hintergründe reden können, "ohne daß man gleich daran zugrunde geht". Ein womöglicher Freispruch für Daimler könnte auch Gründe für eine Wiederaufnahme seines Verfahrens ergeben.
Es kann also noch spannend werden demnächst in Kiel.

DER SPIEGEL 29/1992
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