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DER SPIEGEL

MedizinWeißes Hinterteil

US-Präsident John F. Kennedy war ein schwerkranker Mann. Er litt, wie seine Ärzte erst jetzt zugeben, an einer unheilbaren Hormonstörung, der „Addisonschen Krankheit“.
Die Augen strahlend blau, das volle Haar dynamisch hochgefönt, die Haut frisch gebräunt, der Gang sportlich-lässig - so, ganz Siegertyp, forderte der Demokrat John ("Jack") Kennedy im Präsidentenwahlkampf 1960 seinen republikanischen Konkurrenten Richard ("Tricky Dicky") Nixon heraus. Der sah aus wie ein Gebrauchtwagenhändler nach drei Wochen Rohkost - grau, grob und griesgrämig.
Nur einmal verlor Strahlemann Kennedy die gute Laune. Das war, als ein Reporter ihn fragte, ob seine schöne Hautfarbe womöglich doch nicht vom Sonnenbaden herrühre, sondern von der "Bronzehautkrankheit", einer Hormonstörung. Dem kessen Frager zeigte der Kandidat privat seinen Allerwertesten - ein strahlend weißes Hinterteil.
Dem sichtbaren Dementi folgte eine energische Verbal-Note: Seine Gesundheit sei "exzellent", niemals habe er an der Bronzehautkrankheit, dem "Morbus Addison" gelitten, "never". Kennedys Bruder und Wahlhelfer Robert, ein Jurist, sicherte die Mitteilung ab: Weder "jetzt noch irgendwann" habe der Präsidentschaftskandidat eine Krankheit gehabt, die "klassischerweise als Addison-Krankheit bezeichnet werde".
Letzte Woche wurden die wahltaktischen Dementis der Kennedy-Brüder endgültig widerlegt - im offiziellen Organ der amerikanischen Ärzteschaft, dem Journal of the American Medical Association (Jama). "Gestützt auf eindeutige klinische Daten und eindeutige Autopsie-Befunde", so hieß es in dem Ärztejournal, "können wir nun im Fall des John Fitzgerald Kennedy die gesicherte Diagnose einer chronischen Addison-Krankheit, wahrscheinlich idiopathischer Natur, stellen."
Anlaß für die endgültige Bestätigung dieser oft vermuteten und von den Kennedys bestrittenen Diagnose war für das Blatt ein "abschließender Bericht über die Autopsie des John F. Kennedy". Mit diesem Bericht suchte das Blatt zugleich noch einmal all den Verschwörungstheorien entgegenzutreten, wie sie etwa in dem Stone-Film "JFK" weltweit verbreitet worden waren. Schon im Mai _(* Bei der 4. TV-Debatte im Oktober 1960. ) hatte das Blatt zwei der drei Mediziner befragt, die den Leichnam des ermordeten Präsidenten 1963 seziert hatten. Die Pathologen Thornton Boswell und James Humes hatten dabei erklärt, Kennedy sei unzweifelhaft durch zwei Schüsse aus einer Waffe mit hoher Mündungsgeschwindigkeit von hinten getroffen und getötet worden.
Der Sektionsbefund stützte damit die Erkenntnis der Warren-Kommission über die Alleintäterschaft des Lee Harvey Oswald. Das Fehlen des dritten Pathologen, des Gerichtsmediziners Dr. Pierre Finck, bei diesem Interview war für die Zweifler schon wieder Anlaß, neuen Verdacht an der Eindeutigkeit des Oswald-Schuld anzumelden.
Am 19. August befragte daraufhin der Jama-Mitarbeiter Dennis L. Breo im Genfer Noga-Hilton den in der Schweiz geborenen und dorthin retirierten Gerichtsmediziner. Fincks Antworten, ebenfalls in der letzten Ausgabe der Jama abgedruckt, waren ebenso klar wie die seiner beiden Kollegen. Finck beschrieb noch einmal genau die Einschuß- und Austrittsstellen (Durchmesser der mit Sicherheit tödlichen Wunde an der Austrittsstelle: 18 Zentimeter). Auf den Kennedy-Film des Oliver Stone "JFK" angesprochen, antwortete der Schweizer Pathologe (dessen Großvater in Genf 1888 die ermordete Kaiserin Sissy seziert hatte): "In diesem Film sind nur zwei Dinge richtig - das Datum des Mordes und das Opfer."
Zu Kennedys Addison-Krankheit wollte sich Finck auch jetzt noch nicht äußern, die Nebennieren, so Finck, "hätten nichts mit der Ermordung des Präsidenten zu tun". Finck hielt sich damit noch immer an den Wunsch der Familie, die nach der Ermordung des Präsidenten am 22. November 1963 in Dallas/Texas die Sektion der Leibeshöhle untersagt hatte. Erlaubt wurde den Ärzten nur die Eröffnung der beiden Schußkanäle im Kopf- und Halsbereich. Doch die mit der Leichenschau beauftragten Militärärzte haben sich, so wird aus Jama deutlich, doch darüber hinweggesetzt.
Unter Leitung des Pathologen Humes, Militärarzt im Range eines Fregattenkapitäns bei der U. S. Navy, begann um 20 Uhr Eastern Standard Time im Nationalen Medizinischen Zentrum der Marine in Bethesda (US-Staat Maryland) die Sektion. Humes Assistenten waren sein ranggleicher Kollege Boswell und Oberstleutnant Finck, Spezialist für Schußwaffenverletzungen. Alles mußte schnell gehen - und sollte doch Bestand haben vor der Geschichte.
Jahrzehntelang haben die drei Ärzte ihre Schweigepflicht strikt eingehalten. Erst im Gespräch mit dem Jama-Herausgeber George D. Lundberg erklärten sowohl Thornton Boswell als auch Dr. Robert F. Karnei, der bei der Sektion zusehen durfte, daß die beiden Nebennieren des Präsidenten "fast vollständig verschwunden" waren. Im offiziellen Protokoll, das später Eingang fand in die Papiere der "Warren-Kommission", die den Mord aufklären sollte, findet sich davon kein Wort.
Die Ärzte beschrieben zwar eine "alte, gut geheilte Narbe über der Lendenwirbelsäule in der Mittellinie", die von den mehrfachen Operationen der angeknacksten Wirbelsäule herrührte. Sie erwähnten auch das mikroskopische Bild der Nieren: "Keine wesentlichen Auffälligkeiten, abgesehen von Ausweitung und Überfüllung der Blutgefäße jeglichen Kalibers." Die Nebennieren aber kommen überhaupt nicht vor.
Die Nebenniere, ein paariges Organ, nur acht bis zehn Gramm schwer, geteilt in Mark und Rinde, sitzt den Nieren wie ein Hütchen auf (siehe Grafik Seite 274). Wohin es führt, wenn die Nebennierenrinde erkrankt, hat als erster der englische Medikus Thomas Addison (1793 bis 1860) erkannt: Die Patienten fühlen sich müde, leistungsschwach und appetitlos, sie klagen über Kälteempfindlichkeit, Kreislaufbeschwerden und Muskelschmerzen. Auffälligstes Symptom ist die Braunfärbung der Haut ("Bronzehaut").
Ausgelöst wird das Versagen der Nebennierenrinde durch tuberkulöse Entzündungen, Geschwülste und Eiweißablagerungen, häufigste Ursache ist jedoch eine Antikörper-Reaktion gegen das körpereigene Drüsengewebe. Vermutlich war dies auch bei Kennedy der Fall - der fühlte sich in jungen Jahren, trotz Sport und Ehrgeiz, oft schlapp und hinfällig. Alles in allem verbrachte der Sunnyboy viele Monate seines Lebens in Kliniken und Sanatorien. Bis zu seinem Tod hat der Kennedy-Clan das zu verheimlichen gesucht.
Wahrscheinlich laborierte Kennedy schon seit seinem 30. Lebensjahr, womöglich sogar schon seit seiner Jugend, an der Addisonschen Krankheit. Doch die Brüder Kennedy wußten, weshalb sie jede Erkrankung der Nebennieren leugneten. Die Wähler interessierten sich damals wie heute für alle Einzelheiten des Gesundheitszustandes ihrer Präsidentschaftskandidaten - vor allem, weil einige der Vorgänger im Amt schwerkranke Männer waren: Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945) saß, von der Kinderlähmung geschlagen, im Rollstuhl; Präsident Dwight D. Eisenhower (1953 bis 1961) überlebte nur mit Glück einen schweren Herzinfarkt.
Jeden Tag mußte John F. Kennedy Kortison-Tabletten schlucken, um den Mangel an körpereigenen Hormonen auszugleichen. Vor Operationen und bei großem Streß wurde die Dosis erhöht. In der Regel stimmte die Menge - Bronzehaut blieb dem Patienten erspart, daher auch der helle Popo. Doch mindestens einmal ging es fast schief: Als Kennedy 1954 an der Wirbelsäule operiert wurde, kam es zu einer lebensgefährlichen Staphylokokken-Infektion. Der hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker erhielt die Sterbesakramente. Explosionsartige Vermehrung von gefährlichen Eitererregern wie Staphylokokken ist eine mögliche Folge von Kortison-Überdosierung.
Kennedys konsequente Verheimlichungsstrategie ging am Ende auf: Am 20. Januar 1961 wurde der damals 43jährige zum 35. Präsidenten der USA gewählt. Sein Rivale Nixon hatte 115 000 Stimmen weniger bekommen - so knapp hatte noch keiner verloren.
Wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, fragt sich das Ärzteblatt Jama, wenn die Wähler gewußt hätten, daß Kennedy "seit 13 Jahren an einer unheilbaren, potentiell gefährlichen, wenn auch voll behandelbaren Krankheit litt, deren Therapie jedoch beträchtliche Nebenwirkungen aufweist"?
Dem sterbenden Kennedy injizierten die Notärzte in Texas als letztes Medikament 300 mg Hydrokortison - die zehnfache Tagesdosis. Es konnte ihm nicht mehr helfen.
[Grafiktext]
_274_ Nieren: Funktion der Nebennieren
[GrafiktextEnde]
* Bei der 4. TV-Debatte im Oktober 1960.

DER SPIEGEL 42/1992
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