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DER SPIEGEL

KunstBriefe mit Schimmel

BAP-Chef Wolfgang Niedecken kann nicht nur singen. Das beweist eine große Werkschau in Köln.
Isch han ja nit jewußt, datt de uch Maler beß!" ruft der junge Mann und bittet um ein Autogramm im Katalog. Der Künstler lächelt freundlich - und kann''s nicht mehr hören.
Schließlich war Wolfgang Niedecken, 43, ein Mann der Kunst, lange bevor er sich der Pop-Musik verschrieb. Aber seine Karriere als Sänger der Kölner Rockgruppe BAP hat die des bildenden Künstlers beinahe vergessen lassen.
Nun wird ihm erstmals eine große Werkschau mit rund 40 Arbeiten aus 20 Jahren gewidmet: "Pissjääl & Kackbrung" (Pißgelb und Kackbraun) _(* Bis zum 4. September. Katalog: 192 ) _(Seiten; 48 Mark. Niedecken-Werke aus den ) _(Jahren 1991 bis 1994 sind parallel im ) _(Leverkusener Museum Schloß Morsbroich ) _(ausgestellt. ) heißt die Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum*.
Daß die Fans die gradlinigen Botschaften von BAP auf seinen Bildern vermissen, kann Niedecken begreifen. Bescheiden hofft er, daß "die Leute beim Betrachten der Bilder hinter ihre Gefühle kommen".
Oder hinter ihre Irrtümer. "Wie wohr et dann in Japan?" fragten sie hartnäckig, als BAP 1987 von einer China-Tournee zurückkehrte.
"Kannitverstan" lautet der Titel einer ganzen Reihe von Niedecken-Werken. Sie beschreiben die grotesken Mißverständnisse zwischen Europäern und Asiaten. Niedecken montiert die Klischees des Fremden, hängt Seidenfahnen über Yucca-Palmen und collagiert eine Schweizer Flagge aus chinesischem Briefpapier.
Der Künstler Niedecken betreibt Spurensuche, sein Publikum sucht die Spuren der Band. Aufregender als die Werke sind oft die Hintergründe ihrer Entstehung. Etwa beim Objekt "Flaschenpost": Auf einem Regal stehen frankierte Flaschen, in denen sich Briefe von Fans aus der damaligen DDR befinden - Reaktionen auf die Absage einer BAP-Tournee durch den deutschen Osten.
Jetzt ist das Objekt sechs Jahre alt, und die Briefe in den Flaschen schimmeln. Niedecken gefällt die Veränderung, der Schimmel stehe "für den Zweifel, ob Fans und Gruppe sich damals überhaupt richtig hätten verständigen können".
"Bierernst" solle der Betrachter die Werke nicht nehmen. Da sei Robin Page vor, Altmeister der Fluxus-Bewegung, der den Kölner Kunststudenten Niedecken Anfang der Siebziger die Leichtigkeit lehrte. Mit Page und seinem Kommilitonen Manfred Boecker zusammen ergänzte er die Reproduktion eines Mondrian-Werks um schlichte Pin-up-Girls.
Page zeigte ihm auch, daß überall und mit jedem Material Kunst gemacht werden kann. Seither hat Niedecken auf seinen Tourneen immer einen Seesack dabei, der für Fundstücke bestimmt ist, die später den Objekten einverleibt werden.
Humor in der Kunst ist laut Niedecken "zuerst die Begabung zur Selbstironie". Daß er in seinen jüngsten Bildern immer wieder Kreuze male, dürfe doch niemanden wundern. Immerhin sei er "acht Jahre in einem katholischen Internat aufgewachsen". Y
* Bis zum 4. September. Katalog: 192 Seiten; 48 Mark. Niedecken-Werke aus den Jahren 1991 bis 1994 sind parallel im Leverkusener Museum Schloß Morsbroich ausgestellt.

DER SPIEGEL 27/1994
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