Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

BLUT MUSS FLIESSEN

Die Vampire sind los: Hollywoods jüngster Coup, das Grusel-Spektakel „Interview mit einem Vampir“, stürmt weltweit die Kino-Charts. Erzählt wird ein Menschheits-Märchen, eine uralte erotische Phantasie: Seit Jahrhunderten schon geistern Vampire durch eine düstere Traumwelt, in der sich Schrecken in Lust verwandelt.
Es ist eine dieser Nächte, in denen der Wein nicht hilft und der Champagner erst recht nicht. Ich bin so unglücklich! wimmert Louis, die Augen rot und weit aufgerissen; er ist dem Verschmachten nah. Wäre man in einem Hotel, so könnte man nach dem Room Service klingeln und dann über den Kellner herfallen. Aber wo soll ein Vampir frisches süßes Blut herkriegen, wenn draußen Pest oder Cholera tobt?
Da schnappt sich Lestat, der treue Gefährte, eine der Ratten, die unter dem Tisch wuseln, beißt sie, daß ihr Genick knackt, und preßt sie in der Faust aus wie eine Zitrone. Der Saft, der vom zuckenden dünnen Schwänzchen in ein Kristallglas hinabrinnt, leuchtet wie Burgunder: Besser als nichts.
In sogenannten Mainstream-Filmen aus Hollywood küssen Männer einander nicht auf den Mund. Das wäre ja noch schöner. Ein kräftiges Schulterklopfen genügt, um den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu signalisieren. Diesmal aber ist alles anders, diesmal spitzt sich der Kuß-Mund und findet sein Ziel - oft, ach so oft - in jener Kuhle zwischen Schlüsselbein und Hals, wo die Ader pocht: Das ist des Killers Kiss.
Wer aufgepaßt hat im Bio-Unterricht, weiß, daß beim Vampir Hunger, Durst und sexuelles Verlangen ausschließlich und zugleich in diesem einen Akt des Zubeißens und Saugens und Tötens gestillt werden. Es verlangt den Vampir wieder und wieder nach diesem Wollust-Augenblick wie den Süchtigen nach seinem Drogenschuß, wie den Triebtäter nach seiner Beute. Ohne ginge er ein.
Wer genau hinschaut, wenn sich Gelegenheit bietet - in dem Augenblick beispielsweise, wo Lestat (Tom Cruise) zum erstenmal mit schmelzendem Blick an die Schulter von Louis (Brad Pitt) hinsinkt -, kann wahrnehmen, daß das überraschte Kuß-Biß-Opfer sich kaum wehrt, vielmehr nachgibt, ja sich hingibt mit seinerseits schmelzendem, dann brechendem Auge: eine Vermählung, ein Liebestod. Nie zuvor hat ein Mainstream-Film aus Hollywood die Umarmung zweier schöner junger Männer so mächtig in den Himmel gejubelt: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.
So schön und erstaunlich das sein mag (es ist ja erst der Beginn der Geschichte), als erstaunlicher und für die Beteiligten schöner noch erscheint der Erfolg dieses wahrhaft blutrünstigen und morbiden Erlebnis-Angebots: Als Neil Jordans Film "Interview With the Vampire" am 11. November in die amerikanischen Kinos kam, drängten sich in den ersten drei Tagen über drei Millionen Zuschauer, um ihn zu sehen; und nach zehn Tagen hatte er die gut 60 Millionen Dollar eingespielt, die seine Herstellung kostete. Und natürlich hat auch schon, wie das so ist, in San Francisco ein verwirrter Fan am Morgen nach dem Kinobesuch auf seine Freundin eingestochen, um ihr Blut zu trinken.
Für die Kassenstatistiker Hollywoods, denen der Profit als die einzige objektiv meßbare Qualität gilt, steht in der Hitparade der Filme, die am schnellsten am meisten Geld einbrachten, nun "Interview With the Vampire" auf Platz fünf hinter dem Spitzenreiter "Jurassic Park". Und das gilt als besonders sensationell, weil der Vampir-Film natürlich - Satan sei''s geklagt! - als einziger in dieser Gruppe nicht jugendfrei ist.
Ein Spektakel-Ereignis also, ein Medien-Phänomen aus nachtschwarzem Himmel, das den, der Erklärungen sucht, irrlichternd auf viele Fährten lockt. Das Ereignis, scheint es, hat sich selbst hervorgebracht und handelt nur von sich; außerhalb der Sphäre von Märchen, Mythen, Fiktionen mißt man Vampiren keine Realität zu.
Daß die Uralt-Figur des Blutsaugers aus dem Sarg einmal mehr eine so erstaunliche Wiederkehr feiert, erklärt sich aber auch nicht aus Moden oder Entertainment-Strategien. Offenbar wurzelt diese Figur tief im Fundus jener kollektiven Ängste und tabuisierten Wünsche, dem Märchen, Aberglauben und Alpträume entspringen; das gibt ihr Macht über unsere Phantasie.
Träume sind nicht Schäume und Vampire nicht nur Vampire; sie sind Vehikel, aufgeladen mit Bedeutung, mit der Trias Blut-Lust-Tod etwa und mit der Sehnsucht danach und der Angst davor. Um im Bilde Goyas zu bleiben: Der Schlaf der Vernunft, das Unbewußte, gebiert Ungeheuer, das Unheimliche. Daß das Kino mit seiner Helldunkel-Magie der ideale Ort ist, um davon zu erzählen, soll sich nun auch hierzulande einmal mehr erweisen: Seit vergangener Woche hält der Vampir Lestat in deutschen Kinos Bluternte.
Filmerfolge sind bei weitem zu unberechenbar und zu paradox, als daß sie auf realere Befindlichkeiten oder Bedürfnisse des Publikums verweisen könnten. Nur aufs Kino selbst bezogen kann das Wechselspiel "Hit oder Flop" Veränderungen des Geschmacks, der Neugier, der Unterhaltungserwartungen des Volks verraten.
So hat man in Hollywood im Recycling der immerwährenden Stoffe neuerdings irritiert feststellen müssen: An den männlich-gesunden Westernmythen der nationalen Selbstfindung, an diesen Kronjuwelen des Amerikanismus, besteht derzeit kaum Publikumsinteresse. Der Horror aus Trivialschmökern des europäisch-dekadenten 19. Jahrhunderts hingegen, der seit langem abgesackt schien ins Zombie-Gemetzel der Schmuddelkinos, kann in aufgefrischter Pracht wieder zum Ereignis werden.
Während sich auch die aufwendigsten neuen Western trotz Stars wie Kevin Costner ("Wyatt Earp") oder Tom Cruise ("Far and Away") an der Kinokasse als Pleiten erwiesen, wurde "Bram Stoker''s Dracula", von Francis Ford Coppola mit grandiosem Pomp serviert, zum Kultspektakel. Folgerichtig kam vor einem Monat, unter Coppolas Aufsicht von Kenneth Branagh gewaltig herausgeputzt, "Mary Shelley''s Frankenstein" in die amerikanischen Kinos, und mit Neil Jordans "Vampir" ist vielleicht noch nicht der Gipfel erreicht. Im Frühjahr serviert Stephen Frears eine neue Kinoversion der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Mit Sicherheit gilt im Show-Business: Ein Monster bleibt selten allein, und Nachahmungstäter sind immer die schnellsten.
Als verantwortlich für den Sensationserfolg von "Interview With the Vampire" müssen die gelobten PR-Strategen der Firma Warner Bros. gelten, doch damit sie das schafften, brauchten sie einen Film, der tatsächlich machtvoll und außerordentlich ist. Und sie brauchten dazu zwei prominente Figuren, um Neugier und Erwartung des Publikums zum äußersten aufzustacheln: erstens die kultisch verehrte Schriftstellerin Anne Rice, 53, deren 1976 veröffentlichter Roman "Interview With the Vampire" in den USA in 4,5 Millionen Exemplaren verbreitet ist, und zweitens den Schauspieler Tom Cruise, 32.
Cruise steht als Spitzenstar seiner Generation inzwischen so exponiert im grellen Scheinwerferlicht der Medien, daß schon jede seiner Rollen-Entscheidungen erörtert wird, als ginge es um Gedeih oder Verderb für die ganze Karriere: Der Sprung des Strahlemanns ins diabolische Killerfach galt so schon vor dem ersten Drehtag als Ereignis.
Und als der Film dann fertig war, wurde Flagge gezeigt: Amerikas tonangebende Plaudertasche, die Talkmasterin Oprah Winfrey, lief demonstrativ angeekelt aus einer Vorführung von "Interview With the Vampire" davon, die New York Times hingegen feierte den Film als "einen der besten" und "bleibenden" des Jahres.
Die "Interview"-Handlung führt 200 Jahre zurück, in eine vampirisch belebte Epoche. Kult und Aberglaube sind jedoch viel älter. Erste finstere Mären von Blutsaugerei und Wiedergängertum sind bereits aus dem Mittelalter bekannt: Grausliches über einen "Nachzehrer", der ein ganzes Dorf entvölkert haben soll, überlieferte beispielsweise um 1200 der walisische Kleriker Walter Map. Nicht einmal ein kirchlich angeordneter Kehlenschnitt an der allzu munteren Leiche brachte den "gefallenen Engel" dazu, vom bösen Tun abzulassen. Erst als der letzte übriggebliebene Dorfbewohner ihn stellte, sein Schwert zückte und den Schädel des blutdürstigen Höllenwesens bis zum Genick spaltete, habe der Spuk endlich aufgehört.
Aufs christliche Europa freilich war das Unwesen keineswegs beschränkt. Jedes Volk kolportiert seine eigene Version des Schauerstoffes: Von den Indern, wo Frauen von blutgierigen Buhlgeistern im Schlaf heimgesucht worden sein sollen, über Gruselstorys mit weiblichen Vampiren aus der orientalischen Märchensammlung "Tausendundeine Nacht" bis zum Ovengua-Dämon des Camma-Stammes auf Neuguinea oder den scheußlichen Buaus, an die die Dayak von der Insel Borneo glauben - kein Ort auf Erden, an dem nicht schon Vampire oder ihresgleichen gehaust haben.
Was "Vampir" für ein Wort sei, ein polnisches, serbisches, türkisches, ist immer noch Streitsache, auch seine Bedeutung. Über das Abendland kam es, als zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Osten Europas eine epidemische Vampir-Hysterie tobte, die Gelehrten und Journalisten die Federn sträuben ließ.
Nach zwei besonders eklatanten Fällen - selbst 90 Tage nach dem Ableben, so bestätigten Zeugen, war das Blut der angeblich Untoten frisch und flüssig gewesen - widmeten sich gar aufgeklärte Forscher dem Phänomen: Die Preußische _(* Oben: Illustration von 1897; unten: ) _(Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, ) _(Holzschnitt nach Walter Crane um 1890 ) _((r.). ) Sozietät der Wissenschaften wurde um ein Gutachten gebeten; Michael Ranft, ein Pionier der Vampir-Kunde, machte 1728 in seinem Standardwerk "Über das Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern" geheime Naturkräfte dafür verantwortlich.
Fest stand: Vampire im Grabe sind daran zu erkennen, daß sie nicht verwesen, das linke Auge offenhalten und weiter unten eine "penis erectio" haben. Sie waren die Ufo-Männchen ihrer Zeit, zertrampelten aber keine Kornfelder. Normalsterbliche waren für sie ein problemlos nachwachsender Rohstoff, zu alsbaldigem Verzehr bestimmt. Ließ sich ein Vampir als solcher identifizieren, mußte gehandelt werden: Kopf abhacken und zwischen die Beine legen, im Sarg annageln, Erde in den Mund stopfen, verbrennen; oder, und das wurde in der literarischen und cineastischen Vampirologie das Mittel der Wahl - ein Pfahl ins Herz.
"Was! In unserem 18. Jahrhundert hat es Vampire gegeben!" Der Philosoph Voltaire zog, ums Jahr 1770, sarkastisch über den Aberglauben her: "Von 1730 bis 1735 war von nichts anderem als von Vampiren die Rede; man lauerte ihnen auf, man durchbohrte ihnen das Herz, und sie wurden verbrannt." Und je mehr man verbrannte, "desto mehr tauchten auf".
Die Aufklärung reckte damals ihre jungen Glieder, "Ecrasez l''infame", zerschmettert den Aberglauben, so ging Voltaires Schlachtruf. "Die wahren Sauger", schrieb er, "wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen."
In Paris und London bedürfe es keiner Vampire; da gebe es "Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute, die eine Menge Blut aus dem Volk heraussaugen". Die Herren seien keinesfalls tot, aber "ziemlich angefault". Diese Herren brachte später einer auf den Begriff und dekretierte: "Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt." Klar, Karl Marx.
Damals allerdings waren für den Vampir - wie für manch andere Spuk- und Schreckgestalt - längst nicht mehr die Naturwissenschaftler oder Theologen zuständig, sondern die Dichter: Vampire stillten den romantischen Bedarf an Über-Sinnlichkeit. Für seine "Braut von Korinth" zog Goethe 1797 eine antike Legende heran, nach der ein totes Mädchen den früheren Geliebten ins Jenseits zu den "alten Göttern" geholt habe, eine Ballade mit Biß: _____" Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,/ Noch zu suchen " _____" das vermißte Gut,/ Noch den schon verlornen Mann zu " _____" lieben/ Und zu saugen seines Herzens Blut./ Ists um den " _____" geschehn,/ Muß nach andern gehn . . . "
Reif für die massenhafte Vermehrung der Wiedergänger war Europa allerdings erst 20 Jahre später. Als könnten die realen Leichen der Napoleonzeit nicht ruhen, breitete sich der literarische Vampirismus aus wie eine Seuche.
"Kein Theater in Paris ist ohne seinen Vampir", meldete ein Kritiker um 1820 bestürzt. In Novellen, Schauerromanen und Vaudeville-Stücken waren Untote die Attraktion; selbst in Opern wie dem beliebten "Vampyr" von Heinrich Marschner entging niemand dem gebleckten Gebiß der Nachzehrer.
Ohne "allerlei Verruchtheiten" (Goethe), am besten gleich einen Wiedergänger eigener Fabrikation, mochte eben kaum ein romantischer Dichter auskommen - kochte doch sogar privat die Lust am ganz besonderen Saft über. "Öffne alle Adern deines weißen Leibes, daß das heiße, schäumende Blut aus tausend wonnigen Springbrunnen spritze, so will ich dich sehen und trinken . . ." schrieb Clemens Brentano in Liebesraserei an seine Dichterkollegin Karoline von Günderrode.
Denn bei allem Horror fanden gerade helle Köpfe im Vampir-Stoff einen Kern psychologischer Einsicht. So ließ Charles Baudelaire in einem Gedicht den Roman-Wiedergänger Melmoth gnadenlose Selbstanalyse treiben: "Ich bin der Vampir meines eignen Herzens." Und in Lautreamonts verruchten "Gesängen des Maldoror" (1868) - später ein Kultbuch der Surrealisten - empfahl der böse Engel als besten Durstlöscher Kinderblut, besonders "wenn man es noch ganz warm trinkt".
Charakteristischerweise mauserte sich der Beißer im Lauf der Jahre und der Bücher vom Nachtmahr zum süßen Schreck der Dämmerstunde, zum dämonischen Liebhaber, der sich durch die Boudoirs biß: Die Hauer wirkten nun verdächtig phallisch, der scharfe Kuß versetzte in höchste Wollust, die Opfer starben in Seligkeit dahin sowie in bleicher Schönheit. Auch blieb der Berufszweig nicht länger Bastion der Männer. Mit Sheridan LeFanus Novelle "Carmilla" (1872) brach die vampirische Quotenfrau über die Menschheit herein, die Femme fatale, auf deren Gefährlichkeit dann, besonders als Kino-Idol, der Name "Vamp" verwies: Männer umschwirren mich wie Motten das Licht . . .
Es war der Ire Bram Stoker, der 1897 in seinem "Dracula", dem letzten Klassiker des Genres, noch einmal alle Blutrequisiten und Schauereffekte zusammenrührte und dem transsylvanischen Grafen einen angemessenen letzten Gegner verschaffte: den Londoner Naturwissenschaftler Abraham van Helsing, der am Ende unheimlicher wirkte als der Blutsauger selbst.
"Dracula" verhalf dann auch dem Mythos zum Sprung ins Kino: Ein verschämtes Stoker-Plagiat ist der erste abendfüllende Vampir-Film, Murnaus "Nosferatu" von 1922. Wie er virtuos die Grusel-Ästhetik von verfallenen Häusern, Schlagschatten und Nebelschwaden zu einer expressionistischen "Symphonie des Grauens" verband, setzte Maßstäbe auf lange Zeit. Von seinen Erfindungen zehrte noch Hollywood in den dreißiger Jahren, als dort Bela Lugosi als Blutsauger vom Dienst seine Karriere begann: Der gebürtige Ungar, ein stets mondäner Edelvampir, wurde im Laufe der Jahre derart eins mit seiner Paraderolle, daß er endlich auch außerhalb der Studios nur noch im Sarg schlafen mochte.
Lugosis Nachfolge trat, als in den fünfziger und sechziger Jahren Gruselfilme aus englischer Fabrikation Serienerfolge feierten, Christopher Lee an: Die elegante Morbidezza, die er auf seinem Langschädel zur Schau trug, war stets auf der Kippe zur Lächerlichkeit. So schien es überfällig, das Genre selbst mit einem parodistischen Tritt ins Grab zu stoßen, und das tat mit quirligem Witz Roman Polanski in seinem "Tanz der Vampire" von 1967. Doch nicht einmal angesichts dieser definitiven Veräppelung haben die Leinwandvampire sich ins Jenseits gegrämt. Totgesagte leben länger, gerade in unruhiger Zeit. Jetzt weiß man: Sie haben einfach in aller Ruhe auf ihre Stunde gewartet.
Gutmütige Schmöker wie auch frühe, schlicht gestrickte Vampir-Filme ließen im unklaren, was eigentlich einen Lebenden in einen Untoten verwandelt. Noch vor 100 Jahren vertrat van Helsing, der führende Fachmann seiner Zeit, die Ansicht, daß jeder, den ein Vampir beiße, zwangsläufig selber zum Vampir werde.
Dem widerspricht aus intimer Sachkenntnis Louis de Pointe du Lac, dessen "Interview" (im Roman von Anne Rice wie nun im Film von Neil Jordan) erzählend auf rund 200 Jahre Vampir-Sein zurückschaut. Was seinen Bericht so überraschend macht, ist der spezifische Blick.
Bisher trat der Vampir stets als Monster auf, als der gräßliche Unbekannte, der hinterrücks wie aus dem Nichts heraus angreift und seinem Opfer im selben Augenblick wie dem Leser oder dem Kinozuschauer Schauder des Grauens über den Rücken jagt. Diesmal, bei Louis de Pointe du Lac, ist das grundsätzlich anders. Diesmal ist ja der Erzähler selbst ein Vampir, steht also die Kamera nicht auf der Seite des überrumpelten Opfers, sondern teilt die Haltung des Täters, und das bedeutet: Alle Sympathie des Publikums ist bei ihm.
Er verrät uns: Vampir wird man nur, wenn man das Blut eines anderen Vampirs zu trinken bekommt, und Vampire sind nicht entsetzenerregend oder monströs, sondern schick, glamourhaft und verführerisch schön. Da sie nicht altern, sondern für immer so bleiben, wie sie im Augenblick ihrer Verwandlung waren, schwebt um sie - bei aller naturgegebenen Blässe - eine Aura ewiger Jugend.
Alle Hauptfiguren der Geschichte sind Vampire, mit Ausnahme jenes jungen Rundfunkreporters, vor dem Louis in einer Absteige in San Francisco eine Nacht lang seine Lebensbeichte ablegt. Der Junge vergißt beinahe, die Tonbandkassetten zu wechseln, denn er ist von der blassen Leidensgestalt so fasziniert, mesmerisiert, ja vampirisiert, daß ihn am Ende nach des Killers Kiss wie nach einem Gnadenstoß oder einer Letzten Ölung verlangt.
Falls man sich auf den Bericht von Louis verlassen kann, ist Lestat de Lioncourt, als er sich im Jahre 1791 aus dem revolutionswirren Paris nach Louisiana absetzt, wohl der erste Vampir auf dem Boden der Neuen Welt. Bei seinen Beutezügen durch die bessere Gesellschaft von New Orleans bevorzugt er als Vorspeise eine Dame - möglichst eine Aristokratin, die er nicht nur um ihr Blut, sondern auch um ihre Juwelen erleichtern kann -, als Hauptgang aber dann einen kräftigen Herrn.
So gerät er an Louis de Pointe du Lac, und da ihn dessen zarte Schönheit wie dessen fabelhafter Reichtum als Herr über Indigoplantagen am Mississippi locken, läßt Lestat ihn nicht ausgelutscht und tot wie seine üblichen Opfer liegen, sondern macht ihn durch einen orgiastischen Akt der Bluttransfusion zu seinem Geschöpf, seinem Partner, seinem Double, seinem Co-Vampir:
Es ist ein wahrlich erstaunliches Schöpfer-Geschöpf-Paar, das sich da fortan und jahrzehntelang durch die Nächte von New Orleans mordet, in innigster Haßliebe wie Mephisto und Faust aneinandergekettet. Und im Fortgang der Geschichte machen die beiden sich auch noch ein Kind: Louis hat, gegen alle humanen Vorsätze, ein kleines Mädchen angebissen, dessen Niedlichkeit er einfach nicht widerstehen konnte, und Lestat läßt das Kind nicht sterben, sondern adelt es durch seine Blutspende (sein "Viaticum") zur Vampirin.
Nun geht auch die kleine Claudia (im Roman ist sie fünfjährig, im Film, der die Grenzen des Darstellbaren nicht überschreiten kann, wird sie von der elfjährigen Kirsten Dunst gespielt) im Mondschein auf Jagd. Als müdes Kind, das sich angeblich verlaufen hat, weckt sie die Aufmerksamkeit von Passanten, und wenn jemand sie mitleidvoll auf den Arm hebt, beißt sie todbringend zu: Zusammen mit Lestat und Louis, die sie ihre "Eltern" nennt, bildet diese goldlockige Lolita mit Reißzähnchen eine unvergleichlich unheilige Familie.
In roher Nacherzählung läßt sich nicht vermitteln, daß das Treiben dieses Blutsauger-Trios als Roman keineswegs eisiges Grauen hervorruft, sondern mit seidig-samtig-sentimentaler Melodramatik seine Fans zu Tränen rührt, und daß auch der Film bei allem morbiden Glamour und Pomp, den er sich leistet, bewegendes Mitgefühl für seine Geschöpfe schafft. Nicht der Horror, diese Liebe erst macht den sensationellen Erfolg.
Es ist eine Frau, die sich dieses Schauerwerk ausgedacht hat, das alles Nekrophile bis in die Fingerspitzen erotisiert. Doch es gibt Grund zu glauben, daß Anne Rice, geboren 1941 in New Orleans, sich vor 20 Jahren auf keine Weise der Tragweite ihres Tuns bewußt war, als sie in San Francisco ihr erstes Buch zusammenzuphantasieren und niederzuschreiben begann. In ihrer Arbeit steckte ein verzweifelter Versuch der Selbsttherapie: Sie wollte über den Tod ihrer Tochter hinwegkommen, die mit fünf Jahren an Leukämie gestorben war, und natürlich gab sie dem verlorenen Kind in der Figur der fünfjährigen Claudia eine Art jenseitiger Unsterblichkeit.
Zugleich wollte Anne Rice sich schreibend vor dem Absturz in den Suff in Sicherheit bringen: Auch im fernen San Francisco holten sie Schuldgefühle und Alpträume aus ihrer sehr irisch-katholisch-kleinbürgerlichen Kindheit in New Orleans ein. Anne, merkwürdigerweise auf den Jungen-Vornamen Howard getauft, war eine von vier Töchtern eines Postangestellten, der sich gern für einen Dichter gehalten hätte, und einer sehr lebendigen, phantasievollen, exaltierten Mutter, die dennoch vor den Augen der Kinder trank und trank, bis sie tot war. Bei ihrem Begräbnis war Anne 15, und viele Jahre später hat sie, nun schon bewußter und inszenierender, in ihrem Werk auch die geliebte Mutter in die Unsterblichkeit erhoben als - was denn sonst? - "The Queen of the Damned".
Anne Rice, obwohl Schöpferin einer eigenen Halbgötter-Welt, ist keine Autorin mit priesterlicher Attitüde, sie stellt sich vielmehr als schlichte schriftstellernde Hausfrau dar, die sich im Dunkeln auf der Kellertreppe fürchtet. Seit sechs Jahren lebt sie wieder ganz nah den düsteren Orten ihrer Kindheit in New Orleans, mit Mann und Sohn in einem prächtigen alten Herrenhaus, wo es natürlich standesgemäß spukt.
Auch ihre Beziehung zu ihren Figuren erklärt Anne Rice hausfraulich als familiäre: Für den elegant-diabolischen Starvampir Lestat habe ihr Ehemann Stan Rice (von Beruf Maler, Lyriker, Universitätslehrer) Modell gestanden, und in die Figur des empfindsamen, vergrübelten Louis habe sie einfach sich selbst mit ihren Sehnsüchten und Gewissensqualen hineingeschrieben.
Die schwelgerische Erotisierung aller Ereignisse ist gewiß die eine Besonderheit ihres Buches, die andere ist ein Grundstrom der Trauer und des Verlustschmerzes, den nichts auf der Welt je stillen kann. Am Ende sind all ihre vampirischen Hauptfiguren von Erlösungssehnsucht überwältigt und dem Sterben nah.
Das bedeutet wohl: An ein Versprechen "Fortsetzung folgt" hat Anne Rice nicht gedacht, als sie ihren ersten Roman zu Ende brachte. Einer ihrer nächsten (er hieß nicht "Der Virtuose") handelte vom Schwelgen und Schmachten eines berühmten Opern-Kastraten im Venedig des späten 18. Jahrhunderts - und natürlich war da der Kastrat (wie zuvor der Vampir) ein Außenseiter und vom Leben Ausgeschlossener, dessen Sexualität, so berauschend sie auch ausschweift, doch immer irreal bleibt.
Anne Rice hat dann unter dem Namen A.N. Roquelaure eine pornographische "Dornröschen"-Romantrilogie für Sadomaso-Freaks geschrieben, zu der sie sich noch heute durchaus "mit Stolz" bekennt, dann auch zeitgenössische Erotica als Anne Rampling.
So dauerte es fast zehn Jahre, bis die Vampire, wohl auch beflügelt durch internationalen Erfolg (auf deutsch erschien das "Interview" zuerst 1978 unter dem Titel "Schule der Vampire"), im Werk von Anne Rice die Oberhand zurückgewannen: Durch viel frisches Blut wurde der "Fürst der Finsternis" Lestat dem Scheintod entrissen, um kreuz und quer durch die Jahrhunderte in (inzwischen drei) weiteren Bänden der "Vampire Chronicles" sein einträgliches Unwesen zu treiben. Band fünf mit dem Titel "Memnoch, the Evil" kommt nächstes Jahr auf den US-Markt.
Biß um Biß, Schritt um Schritt hat Anne Rice ihre Untoten-Welt zu einer weitverzweigten Privatmythologie ausgebaut, zu einem Eigen-Reich, als dessen Gründerfiguren ein ägyptisches Pharaonenpaar vor 6000 Jahren zu gelten hat, Königin Akasha und König Enkil, die über den Tod hinaus von ihrer kannibalischen Lust nicht lassen wollten. Im Jahr 1989 wurden allein in den USA 1,3 Millionen Anne-Rice-Romane verkauft, also gut 3500 Stück pro Tag oder alle 24 Sekunden einer, Tag und Nacht.
Eine Filmoption auf "Interview With the Vampire" wurde schon 1976 verkauft, und der Vorschuß kam der Anfängerin gewiß gelegen. Doch im Lauf der Jahre zerschlugen sich immer neue Kinoprojekte, als hätte der Teufel ein Händchen im Spiel. Und weil weitere Rice-Verfilmungspläne ebenso schiefgingen - kein anderer ihrer Romane ist bisher ins Kino gekommen -, munkelt man in Hollywood, es sei im Grunde die Autorin selbst, die gern die Vorschüsse nehme, dann aber durch Einwände oder Vorschläge die Kinoversionen ihrer Bücher sabotiere.
Vielleicht verstaubte auch das "Interview" weiter in irgendeinem Produktionsbüro, wenn nicht ein besonders begeisterter Rice-Leser die Sache an sich gerissen hätte: David Geffen, 51, der als stets sonniger, siegessicherer Midas der Popmusik zu Geld gekommen ist. Seit er vor vier Jahren sein Platten-Imperium für 660 Millionen Dollar verkauft hat, drängt er ins Kinogeschäft.
Das Rice-Projekt hat er gegen manche wohlmeinende Expertenwarnung durchgeboxt, und nun wird er einmal mehr als der Mann mit dem goldenen Händchen gefeiert. Vor zwei Monaten wurde publik, daß er zusammen mit Steven Spielberg und dem früheren Disney-Boß Jeffrey Katzenberg eine neue Produktionsfirma aufzieht, vor der die alten Hollywood-Studios erzittern sollen.
Die wohlmeinenden Warnungen erreichten Geffen, als bekannt wurde, wen er - weil aus der ersten Regie-Garde Amerikas niemand mitziehen wollte - für sein erstes großes Luxus-Prestige-Projekt ("Das ist kein Hollywood-Film, das ist mein Film") als Regisseur angeheuert hatte: Neil Jordan. Anne Rice allerdings riet ihm begeistert zu, doch das hätte manch anderen erst recht alarmiert. Und die Autorin, geschäftstüchtig wie nur je eine dichtende Hausfrau, verzichtete nicht darauf, Geffen dann für die bloße Verlängerung der Filmoption eine Extra-Million Dollar abzuzocken. Das hat ihn geärgert, weil er Geschäftsmann ist; andererseits ist der Abkömmling russischer Einwanderer ohne High-School-Abschluß heute mit einer Milliarde Dollar Privatvermögen "der reichste Mann in Hollywood" (New York Times) und hat schon im voraus alle Profite aus dem Vampir-Film karitativen Einrichtungen versprochen.
Der Ire Neil Jordan, 44, Schriftsteller, Saxophonbläser, Freizeit-Revoluzzer, Bohemien und nach irischen Moralmaßstäben ein Taugenichts (zu viele Kinder von zu vielen verschiedenen Frauen), hatte zwar mit seinem letzten Film, dem politisch-erotischen Terroristenthriller "The Crying Game", besonders in den USA einen sensationellen Erfolg.
Er gilt aber als querköpfiger Bilder-Poet, sehr europäisch, versponnen und egoman, dem schon vor einem Begriff wie "Mainstream" graust. In Irland hat er sich mit seinem IRA-Krimi "Angel" mißliebig gemacht, bei allen Märchentanten der Welt dann mit seiner polymorph-perversen Rotkäppchen-Filmversion "Die Zeit der Wölfe", und in Amerika ist er als Regisseur schon mit zwei Filmen nacheinander schwer auf die Nase gefallen (siehe Interview Seite 196).
Geffen aber ließ sich von Warnungen nicht schrecken. Er umwarb auch monatelang den Iren Daniel Day-Lewis, den sich Anne Rice als Lestat wünschte, brachte ihn aber nicht einmal dazu, das Drehbuch zu lesen. Geffens spektakulärstes Manöver schien gelungen zu sein, als er Tom Cruise für die Rolle des Verführers Lestat gewann.
Aber nein, Irrtum, niemand hatte mit Anne Rice gerechnet: Sie beschimpfte - wie in einem letzten Versuch, das ganze Projekt zu torpedieren - in Interviews den Superstar Cruise als Fehlbesetzung ("so unmöglich wie Edward G. Robinson als Rhett Butler"), stiftete ihre Anne-Rice-Vampir-Fanclubs zu Anti-Tom-Cruise-Demonstrationen an und hüllte sich fortan in dunkelsten Groll.
Vor zwei Monaten aber - diesen Theatercoup hätte sich auch der abgekochteste PR-Stratege nicht auszudenken gewagt - kam als doppelseitige Anzeige in Variety und New York Times Anne Rices pathetischer Widerruf, ihr Glückwunsch an Jordan und Cruise: Der Film habe sie zutiefst erschüttert und all ihre Erwartungen übertroffen. Jordan, tatsächlich, wütet in Luxus, Feuer und Blut wie keiner seit Coppola, und Cruise - sehr androgyn, goldblond gelockt und mit vergißmeinnichtblauen Augen - gibt sich seiner Strahlkraft hin wie noch nie: in jedem Augenaufschlag bis an den Schmelzpunkt in sich selbst verliebt.
Sein Herzensfreund und Gegenspieler Louis, der Sinnsucher, der nach Transsylvanien gereist und in Pharaonengräber gestiegen ist, flüchtet sich im Lauf des 20. Jahrhunderts vor der wachsenden Leere öfter und öfter ins Kino: Wenigstens dort kann er die Sonne sehen, deren Licht sonst für ihn tödlich wäre. Vielleicht hat ihn also nur der Filmtitel "Sunrise" auf den Regisseur F.W. Murnau neugierig gemacht, doch so kommt es - wie könnte es nicht dazu kommen? - zu einem Schlüsselmoment, der den Zeit-Bogen schließt: Der erste große Kinovampir Nosferatu (dargestellt, nomen est omen, von Max Schreck) begegnet Auge in Auge seinem letzten Nachfahr Louis (Brad Pitt).
Es gibt keinen vernünftigen oder gar zwingenden Grund auf der Welt, sich für das Glück oder Unglück von Vampiren zu interessieren. Es handelt sich wirklich um nichts als ein Stück Kunst, ein Spiel der Phantasie, ein Vergnügen. Bestenfalls ließe sich Louis, dem selbstmitleidigen Melancholiker, zugute halten, daß der Bildungsroman seines Lebens (auch als Film) Tieferes über Geist und Fleisch, Todessehnsucht und Ewigkeitslust sagt als manches Bekenntnis eines Sterblichen.
Lestat, der Dandy, singt einmal, den Blutkelch in der Hand, einen italienischen Schlager, der anno 1791 ganz frisch nach New Orleans herübergekommen sein muß: ein paar Takte aus "Don Giovanni". Und der Film schlägt dann den Zeit-Bogen zu einem anderen Schlager, seiner einzig möglichen Titelmelodie. Als Anne Rice ihr Buch schrieb, sangen ihn die Rolling Stones, jetzt im Film sind es die Guns N''Roses: "Sympathy for the Devil".
Möge er siegen. In zwei oder drei Jahren will, falls er dann noch nicht in der Hölle schmort, der sonnige Midas Geffen - am liebsten wieder mit Jordan und Cruise - den unsterblichen Lestat ein weiteres Mal auferstehen lassen. Y
Zwei prominente Figuren, um die Neugier des Publikums aufzustacheln
Der blutige Beißer mausert sich zum dämonischen Liebhaber
Der Fürst der Finsternis wird wieder und wieder dem Scheintod entrissen
* Oben: Illustration von 1897; unten: Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, Holzschnitt nach Walter Crane um 1890 (r.).

DER SPIEGEL 49/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung