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DER SPIEGEL

„Im Jahr 2000 sehen wir uns wieder“

Die deutsche Industrie ist alarmiert: Europa könnte wirtschaftlich schon bald auf den Status einer japanischen Kolonie herabsinken. Die Japaner haben in der entscheidenden Zukunftsindustrie, der Chip-Produktion, einen gewaltigen Vorsprung herausgearbeitet. Wird Europa zur drittklassigen Industrieregion?
Sie sind schon jetzt überall, die kleinen Dinger: in Aufzügen und Waschmaschinen, in Autos und Telefonen, in Armbanduhren und Satelliten. Sie speichern Millionen von Daten, sie steuern die Autoproduktion in menschenleeren Hallen, sie regeln den Großstadtverkehr und bringen Flugzeuge sicher über den Ozean.
Sie sind unentbehrlich geworden, die fingernagelgroßen Chips. Sie verkörpern die Zukunft - und die Macht.
Europa im Jahr 2012: Die wirtschaftliche Macht ist eindeutig verteilt. Die führende Wirtschaftsnation ist Japan, in der alles entscheidenden High-Tech-Industrie spielen europäische Hersteller nur noch Statistenrollen.
Europas Computerhersteller haben schon vor Jahren aufgegeben, sie arbeiten nun als Filialen der EDV-Giganten Fujitsu, Hitachi und IBM.
In der Unterhaltungselektronik steht der letzte europäische Hersteller von Fernsehgeräten in Übernahmeverhandlungen mit Matsushita. Die Halbleiterhersteller finden ein bescheidenes Auskommen als Zulieferer für die europäischen Fabriken japanischer Multis.
Nur zwei europäische Autofirmen sowie einige mittelständische Hersteller von Werkzeugmaschinen haben bislang immer noch ein Schlupfloch gefunden, um dem Würgegriff der japanischen Konkurrenten zu entgehen. Doch auch das soll nun anders werden.
Die Japaner verhängen ein Embargo, Chips werden einfach nicht mehr geliefert. Die Produktion ganzer Industriezweige gerät ins Stocken, später werden Werke geschlossen, Zehntausende müssen entlassen werden.
In vielen Städten und Industrieregionen in ganz Europa gehen Menschen auf die Straße, um gegen die Japaner zu demonstrieren. Die Gewerkschaften beschwichtigen: Zu viele Arbeitsplätze in Europa sind von japanischen Konzernen abhängig, und die Manager in Tokio und Osaka drohen, die Produktion in die Niedriglohnländer zu verlegen.
Ein Alptraum, ein Horrorszenario? Sicher. Doch weitab von der Realität? Wohl kaum.
"Wenn Europas Unternehmer und Politiker nicht bald die Gefahr erkennen und entschlossen handeln", mahnt Konrad Seitz, Chef des Planungsbüros im Auswärtigen Amt in Bonn, "spricht einiges dafür, daß Europa in weniger als 20 Jahren zur technologischen Kolonie Japans wird."
Japanische Konzerne, sagt Pasquale Pistorio, Chef des italienisch-französischen Halbleiterherstellers SGS-Thomson, "werden dann bestimmen, wer in Europa wann, wie und mit welchen Produkten beliefert wird".
Düstere Ahnungen bedrücken auch Olaf Henkel, den Deutschland-Chef des Computergiganten IBM. Es bestehe die Gefahr, warnt Henkel, daß "Europa auf das Niveau einer drittklassigen Industrieregion absinkt".
Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat für die Bundesrepublik "Chip-Alarm" ausgelöst. Die Japaner, so heißt es in einem BDI-Papier, bereiteten einen Angriff auf die europäischen Elektronikmärkte vor. Nur eine Allianz von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik könne den Angriff abwehren.
Starke Worte werden inzwischen viel gebraucht, aber erst allmählich setzt sich eine Erkenntnis durch, die der japanerfahrene ehemalige Philips-Chef Cornelis van der Klugt als "Domino-Effekt" charakterisierte: Mit jeder Industriebranche, die Japan dem Westen entreißt, wird der Fall einer weiteren Branche vorbereitet. Das war bei Uhren so und bei Taschenrechnern, bei Schreibmaschinen und Motorrädern, bei Fotoapparaten, Videorecordern und Kopiergeräten.
Und die Japaner sind noch längst nicht mit ihren Eroberungen zufrieden. Die Europäer müßten "schon bald damit rechnen, auch dort hart getroffen zu werden, wo sie heute noch keine Gefahrenzeichen sehen", warnt Folker Streib von der Commerzbank in Tokio.
Der Planungschef des Bonner Außenministers greift schon zu martialischen Vokabeln, um den Ernst der Lage deutlich zu machen. Die "Schlacht um Europa", sagt Seitz, habe bereits begonnen: "Diesmal geht es ums Überleben."
Der jüngste Bericht des Genfer World Economic Forum bestätigt die These. Danach ist die Bundesrepublik in ihrer Wettbewerbsfähigkeit weltweit hinter die USA auf Platz drei abgerutscht. Die wettbewerbsfähigste Wirtschaft der Welt, so die Forscher, sei Japan.
Noch wollen die Optimisten von Gefahr nichts wissen. Sie verweisen auf Europas Autoindustrie, die noch immer die größte der Welt ist, und andere starke Industrien. Unter den zehn größten Chemiefirmen der Welt haben sieben ihren Sitz in Europa. In einigen Teilgebieten der Lasertechnik liegen die Deutschen klar vor den USA und Japan, in der Medizinelektronik sind die Europäer, mit dem Münchner Siemens-Konzern an der Spitze, nach wie vor führend. Selbst die Flugzeugindustrie hat mit dem Airbus wieder Weltrang erlangt.
Mit einem Überschuß in der Handelsbilanz von mehr als 20 Milliarden Mark zählen die Deutschen immer noch zu den größten Exportnationen der Welt. Deutsche Autos und Werkzeugmaschinen, Kraftwerke und Waschmaschinen sind weltweit gefragt. Im vergangenen Jahr wuchs die deutsche Wirtschaft um 3,4 Prozent, und sie soll auch in diesem Jahr, trotz der Belastungen im Osten, um 1,5 Prozent zulegen.
Sind also alle Warnungen vor dem Angriff aus Fernost, vor dem Existenzkampf der Europäer übertrieben? Steckt dahinter nur die Absicht, unliebsame Konkurrenz abzuwehren, vermengt vielleicht mit einem subtilen Rassismus?
Es ist mehr als das - Europa ist wirtschaftlich für die technischen Umwälzungen, die in den kommenden Jahren anstehen, schlecht gerüstet. Wohlstand und Wirtschaftskraft der EG beruhen im wesentlichen auf fast ausgereiften Technologien und den nahezu gesättigten Märkten der zweiten industriellen Revolution: Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Automobilbau.
Die heutige Wettbewerbsfähigkeit beweist jedoch keineswegs, daß die Europäer auch in 10 oder 20 Jahren noch genauso konkurrenzfähig auf den Weltmärkten sein werden. In der Elektronik jedenfalls liegen die Europäer längst nicht mehr an der Spitze.
Elektronische Bausteine gewinnen für alle Industriezweige stark an Bedeutung. Doch die europäische Elektronikindustrie kann mit dem wachsenden Innovationstempo der Japaner und Nordamerikaner nicht mithalten. Allzuoft ist die europäische Industrie inzwischen auf Gedeih und Verderb auf Zulieferungen und Know-how aus Amerika, vor allem aber aus Japan angewiesen.
"Die Lage der europäischen Industrie", heißt es in einem Memorandum der EG-Kommission über die Elektronikbranche, "ist in zentralen Bereichen besorgniserregend." Der Zustand der Computerhersteller, die fast alle mit Verlusten zu kämpfen haben, wird von der EG als "prekär" eingestuft. Allzu häufig konzentrierten sich die Firmen "auf sehr ausgereifte Technologien und nicht genügend auf die kommerzielle Nutzung innovativer Produkte".
Japanische Forscher und Hersteller haben bereits einen Vorsprung, der in vielen Fällen kaum noch aufzuholen ist. Ein typisches Beispiel sind die Bildschirme mit Flüssigkeitskristall (LCD) für Laptop-Computer und Mini-Fernseher. Demnächst werden die Flach-Bildschirme massenhaft als Kontrollanzeigen oder Displays in Flugzeug-Cockpits, im Auto, in medizinischen Geräten und Werkzeugmaschinen eingesetzt.
Weltweit führend ist die japanische Firma Sharp. Alle anderen Lieferanten hochauflösender LCD-Displays, deren Produktion kaum vorstellbare Präzision erfordert, sind ebenfalls in Japan ansässig. Erst 1993 will der niederländische Philips-Konzern als erste europäische Firma farbige LCD-Bildschirme herstellen.
Bedrohlicher noch als solche Monopole bei einzelnen Schlüsselkomponenten ist der wachsende Vorsprung der Japaner in der Mikroelektronik. Zwar erwirtschaftet die Industrie mit den kaum fingernagelgroßen Schaltkreisen, den sogenannten Chips, nicht einmal ein Prozent des Bruttosozialprodukts. Doch die Mikroelektronik wird neben der Biotechnik mit Sicherheit eine der strategischen Schlüsselbranchen der nächsten Jahrzehnte sein.
Chips sind, so Ingolf Ruge, Professor für Mikroelektronik in München, "das wichtigste Wirtschaftsgut, das es im Jahr 2000 geben wird". Chips werden "anstelle des Rohöls der alles entscheidende Rohstoff" sein - nicht nur für die Elektroindustrie. Die Mikroelektronik, sagt der deutsche Technologie-Forscher Leo Nefiodow, bestimme "das Wachstum der Volkswirtschaften, ihre Beherrschung entscheidet über den Rang der Industrienationen".
Die Informationstechnik, symbolisiert durch den Chip, ist auf dem besten Weg, zu einem zusätzlichen Produktionsfaktor zu werden, neben Kapital und Arbeit. Chips treiben den technischen Fortschritt im Maschinenbau und in der Feinmechanik voran, in der Büro- und Datentechnik, der Optik sowie der Automobilindustrie.
Zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung, so hat die EG-Kommission errechnet, sind direkt oder indirekt von der Mikroelektronik betroffen. In Deutschland sind rund drei Millionen Menschen in Branchen beschäftigt, die irgendwie mit Chips zu tun haben. Mit einem Umsatz von insgesamt 600 Milliarden Mark stellen sie gut ein Drittel des deutschen Industrieumsatzes.
Bedeutsamer noch ist, daß gut 50 Prozent der deutschen Exporte zu den forschungsintensiven Produkten zählen. Überall, im Maschinenbau wie in der Autoindustrie, in der Telekommunikation wie in der Feinmechanik und Optik, werden nur mit Hilfe der Chips die Ausfuhrüberschüsse der deutschen Wirtschaft erarbeitet.
Die kleinen komplizierten Schaltkreise, aufgedampft auf Siliziumplättchen, haben das Leben des Menschen dramatisch verändert. In Büros und daheim ist jeder von Geräten umgeben, die von Chips gesteuert werden. Im Auto regeln sie die Bremskraft (Anti-Blockier-System) und den Kraftstoffverbrauch. Auf Knopfdruck kann der moderne Mensch die Quadratwurzel von 788 544 erfahren, und er darf sich zur Entspannung von einer Maschine im Schach besiegen lassen.
Chips steuern Werkzeugmaschinen und Roboter, Elektroloks und Magnetschwebebahnen, Schiffe und Flugzeuge, sie überwachen Kernkraftwerke und Warenlager.
Täglich wird die Liste der Einsatzmöglichkeiten länger. Wahrscheinlich, so meinen Experten, ist bislang erst ein Fünftel aller möglichen Anwendungen verwirklicht. Erst in 20 oder 30 Jahren würden alle Möglichkeiten weitgehend erschlossen sein.
Erst dann, also etwa im Jahr 2015, dürfte die Mikroelektronik ihre Rolle als Motor technischer Innovationen verlieren. Die Zuwachsraten werden zwar abflachen, aber die wirtschaftliche Bedeutung der Chips wird sich möglicherweise erst dann voll erweisen.
"Die Halbleitertechnik", sagt Andrew Grove, Chef der amerikanischen Chip-Firma Intel, "ist die Technik, die zu anderen Techniken befähigt." Grove hält es für "reine Narrheit, das 21. Jahrhundert ohne funktionierende Halbleiterindustrie zu betreten".
Doch Westeuropa, wo 25 Prozent des Bruttosozialprodukts der westlichen Welt erarbeitet werden, ist offenbar so närrisch. "Wenn nicht Entscheidendes passiert", fürchtet Hans-Georg Junginger, Entwicklungschef bei Grundig, "wird Europa am Beginn des nächsten Jahrtausends mit Sicherheit ohne eigene Halbleiterhersteller, ohne Unterhaltungselektronik und ohne Computerindustrie dastehen."
Der drohende Verlust der Basistechnologie ist nach Ansicht von IBM-Chef Henkel "ein irreversibler Vorgang". Die Annahme, "das alles könne bei Bedarf wiederaufgebaut werden", warnt Henkel, sei "eine Illusion".
Schon heute existiert ein gewaltiges Gefahrenpotential: Europäische Firmen tragen zur weltweiten Wertschöpfung der Mikroelektronik und Computerindustrie kaum mehr als sieben Prozent bei. Und der Druck aus Übersee läßt die Anteile weiter schrumpfen.
Noch Ende der Siebziger war der niederländische Elektromulti Philips der drittgrößte Chip-Hersteller der Welt. Heute findet sich auf der Liste der zehn größten Halbleiterhersteller der Welt, angeführt vom Japan-Riesen NEC (siehe Grafik Seite 150), kein einziges europäisches Unternehmen mehr.
Im internationalen Vergleich sind die europäischen Chip-Riesen Philips, Siemens und SGS-Thomson allesamt Zwerge. Selbst gemeinsam erreichen die drei nicht einmal die Umsätze von NEC oder Toshiba.
Folge: Die europäische Wirtschaft kann ihren Chip-Bedarf, der ohnehin schon geringer ist als in den USA oder Japan, bestenfalls noch zu einem Drittel bei den europäischen Herstellern decken. Hauptlieferanten für die von den Technikern als integrierte Schaltkreise (IC) bezeichneten Chips sind japanische und amerikanische Unternehmen. Immer mehr Spezialchips, wie etwa die digitalen Bildwandler in Camcordern und Fernsehkameras, sind ausschließlich in Japan zu bekommen.
Bereits 1990 hatte die EG in der Elektronik ein Handelsbilanzdefizit von 37 Milliarden Dollar. Jahr für Jahr wird es nach Meinung von Experten um etwa 10 Milliarden Dollar wachsen.
Noch verschleiert das breite Sortiment europäischer Hersteller die schon jetzt bestehende Abhängigkeit. Doch Insider wissen, daß immer mehr High-Tech-Produkte überwiegend aus japanischen Komponenten gefertigt oder bereits komplett in Japan hergestellt werden - einschließlich des deutschen Firmenlogos.
So werden Siemens-Großrechner komplett von Fujitsu gefertigt. Alle unter europäischen Markennamen verkauften Camcorder, fast alle Telefaxgeräte, Kopierer und Laptop-Computer stammen aus japanischer Fabrikation. Selbst Fernseher oder Mikrowellenherde könnten europäische Firmen nicht ohne japanische Zulieferer herstellen.
Anders als viele europäische Manager haben die Konzernstrategen in Fernost sehr früh die grundlegende strategische Bedeutung der Mikroelektronik erkannt. Als die japanische Regierung 1971 ihren "Plan für eine Informationsgesellschaft" verkündete, wirkte er wie ein Stück aus der Science-fiction-Literatur. Die atemraubende Entwicklung der Mikroelektronik war schließlich erst in Ansätzen erkennbar.
Gut zehn Jahre zuvor hatte der amerikanische Physiker Robert Noyce die Idee, verschiedene miniaturisierte Transistoren, Dioden, Kondensatoren und Widerstände auf nur einer Leiterplatte aus Silizium zu vereinen und sie so zu einer integrierten Schaltung zusammenzufassen. Damit wurde es möglich, die entscheidenden Bauelemente für Computer und andere Elektronikprodukte enorm zu verkleinern.
Die erste auf elektronischer Basis gebaute Rechenmaschine, der 1946 entstandende Eniac, enthielt 18 000 Elektronenröhren, wog 30 Tonnen und benötigte den Platz eines kleinen Einfamilienhauses. Der vom US-Militär eingesetzte Koloß konnte an einem Wochenende 15 Millionen Multiplikationen ausführen - dazu hätten die damals üblichen Lochkartenrechner fast vier Jahre benötigt.
Heute übertrifft jeder kleine Homecomputer die Leistungen des Eniac. Superrechner von der Größe eines Aktenschranks schaffen sogar locker 250 Millionen Rechenaufgaben in einer einzigen Sekunde.
Der Durchbruch zu diesen leistungsstarken Maschinen war geschafft, als die integrierten Schaltkreise auf winzige Siliziumscheiben statt auf Leiterplatten gepreßt wurden. Auf diesen Chips braucht der elektrische Strom nur noch Bruchteile von Sekunden, um die Schaltelemente und Leitungen zu durchlaufen.
Seit Ende der Sechziger hat sich die Leistungsfähigkeit der Chips mit verblüffender Regelmäßigkeit etwa alle drei Jahre vervierfacht. Dieser Zyklus wird wohl zumindest noch für die nächsten zwei oder drei Chip-Generationen gültig bleiben. Erst dann ist nach derzeitiger Erkenntnis die physikalische Grenze zur Verdichtung der Leistung mit den heute üblichen Verfahren erreicht.
Derzeit haben die leistungsfähigsten Speicherchips, bestehend aus fast neun Millionen Schaltelementen, eine Kapazität von vier Millionen Bits (vier Megabit). Das entspricht fast der Textmenge einer kompletten SPIEGEL-Ausgabe, gespeichert auf einer Fläche, die weniger als die Hälfte eines Pfennigstücks ausmacht. Der 16-Megabit-Chip wird bald ausgeliefert. 1995 soll dann der 64-Megabit-Speicher folgen.
Technikfanatiker pflegen mit überraschenden Gedankenspielen den Fortschritt plastisch darzustellen - etwa mit diesem Vergleich: Hätte sich das Transportwesen genauso schnell verändert wie die Elektronikindustrie seit der Erfindung des Transistors (1948), dann würde der neueste Airbus gerade 1000 Mark kosten und mit 20 Litern Treibstoff in 20 Minuten einmal um den Globus fliegen.
Und die Japaner, so wird zunehmend deutlicher, haben alles wieder einmal viel früher gewußt. Der Chip, so die Prognose des mächtigen japanischen Ministry of International Trade and Industry (Miti) von 1971, würde zum "Reis der Industrie" werden.
Das Miti, eine Art nationales Planungsbüro unter Beteiligung der Wirtschaft, setzte der heimischen Industrie das Ziel, bis zum Jahre 1979 den mindestens fünfjährigen Vorsprung der Amerikaner in der IC-Technik aufzuholen. Als erstes kauften die Japaner in den USA Lizenzen, gleichzeitig wurden die Forschungsausgaben kräftig gesteigert.
Die Anstrengung lohnte - 1979 feierte das Miti tatsächlich "das erste Jahr einer Ära der technologischen Unabhängigkeit". Für die Amerikaner war Unglaubliches passiert: Die Japaner erreichten mit ihren Produkten auf Anhieb einen Anteil von 42 Prozent auf dem US-Markt für Speicherchips, den sogenannten D-Ram.
Es kam noch schlimmer. US-Forschungsinstitute stellten fest, daß die japanischen Speicherchips nicht nur billiger, sondern auch besser waren als die amerikanischen. Die Ausfallrate der besten US-Chips lag immer noch fünfmal höher als die der japanischen.
Mit gewaltigem finanziellem Aufwand bauten Hitachi, NEC und Toshiba ihre Position aus. Die Folge: Bereits 1981 gab es in Japan sechs Unternehmen, die in der Lage waren, den damals stärksten D-Ram herzustellen. In den USA hatten dagegen erst drei Firmen mit der Massenproduktion begonnen.
Mitte der achtziger Jahre schließlich wurden weltweit so viele Speicherchips hergestellt, daß die Preise zusammenbrachen. Ohne sich um kurzfristige Verluste in Milliardenhöhe zu kümmern, bauten die japanischen Konzernstrategen weiter ihre Marktanteile aus.
Die US-Konzerne bewiesen weniger Stehvermögen. Reihenweise gaben renommierte Firmen die Produktion von Speicherchips auf.
Sogar Intel, eines der berühmtesten Unternehmen der Halbleiterbranche, kündigte am 9. Oktober 1985 den Rückzug an. "Dieser Tag", sagte später Intel-Vizepräsident George Schneer, "sitzt in meinem Gedächtnis fest wie Pearl Harbor" - der Tag des japanischen Überfalls auf die amerikanische Pazifikflotte im Zweiten Weltkrieg.
Die Wirkung war auch diesmal verheerend. Seit Mitte der achtziger Jahre haben die Japaner auf dem Gebiet der Speicherchips fast ein Weltmonopol. Erst allmählich erwächst ihnen neue Konkurrenz in Korea.
Die Abhängigkeit von ihren Konkurrenten in Fernost bekamen Amerikaner und Europäer schon mehrfach zu spüren. So wurde 1986, auf dem Höhepunkt des ersten Chip-Krieges, der Speicherchip mit einer Kapazität von 256 Kilobit für 1,25 Dollar verschleudert - die Japaner machten sich daran, mit Dumping den Markt zu erobern. Als sie es geschafft hatten, zwei Jahre später, mußten die Abnehmer bis zu 12 Dollar für den gleichen Chip bei den gleichen Verkäufern zahlen.
Oft waren die begehrten Chips auch gar nicht oder nicht in den gewünschten Mengen zu bekommen. Das führte dann zu Lieferengpässen bei Nixdorf oder dem Schweizer Uhrenhersteller SMH (Swatch), zu Exportverzögerungen bei Daimler-Benz oder Umsatzeinbußen beim Musikinstrumentenhersteller Hohner.
Speicherchips machen zwar nur einen Teil des gesamtes Halbleitermarkts aus. Aber Hitachi, Toshiba, NEC, Mitsubishi, Fujitsu und Matsushita bauen ihre Position mit strategischer Weitsicht aus. Etwa die Hälfte der Weltproduktion an Chips aller Art kommt bereits aus japanischen Fabriken.
Die Speicher gelten als wichtige Triebkräfte des technischen Fortschritts: Sie haben die größte Packungsdichte, also das größte Fassungsvermögen für winzige Bauteile, und die feinsten Strukturen. Kann eine Firma diese Chips in Massen herstellen, kann sie im Prinzip auch jede andere Chip-Art fertigen. "Wer nicht bei den Speichern mitmacht, ist gewaltig im Nachteil", sagt Jerry Sanders, Chef der US-Halbleiterfirma AMD.
Das hatten auch die wissenschaftlichen Berater des US-Verteidigungsministeriums erkannt. Die Studie, in der sie 25 Bereiche der Halbleitertechnologie untersuchten, kam zu keinem erfreulichen Ergebnis. Amerikanische Firmen, so das Fazit, lagen nur noch in fünf Feldern an der Spitze. Das war der Stand Ende 1986.
Inzwischen sind die Japaner ein gutes Stück vorangekommen. Lediglich bei den Mikroprozessoren - den Chips, die Computer und Maschinen steuern - haben US-Firmen wie Intel oder Motorola noch klar die technologische Führung.
Die Japaner haben inzwischen ein Material weiterentwickelt, Gallium-Arsenid, das ihren Vorsprung in der Halbleiterfertigung noch vergrößern wird. Der neue Stoff, bei dessen Entwicklung die Deutschen führend waren, erlaubt deutlich schnellere Schaltgeschwindigkeiten als auf den Siliziumchips und kann Licht unmittelbar in elektrische Impulse verwandeln. Für militärische Supercomputer sowie für die optische Nachrichtentechnik dürfte Gallium-Arsenid unentbehrlich werden.
Die wohl größte Gefahr für den Westen liegt in der wachsenden Abhängigkeit der Produktionstechnik: Ohne japanische Reinstchemikalien und ohne japanische Herstellungsapparate ist heute kein Unternehmen auf der Welt mehr in der Lage, einen Chip zu fertigen.
Schon die Herstellung des Basis-Materials Silizium ist weitgehend unter japanischer Kontrolle. Das Ausgangsmaterial zur Herstellung von Chips, das aus gebrannter Kieselerde zu Silizium mit einem Reinheitsgrad von 99,99999999 Prozent aufbereitet wird, stammt zu etwa drei Vierteln aus Japan.
Noch vor fünf Jahren war die Münchener Wacker-Chemie der weltweit bedeutendste Hersteller von Reinstsilizium, das in Scheibenform als sogenannte Wafer (Waffel) an die Abnehmer geliefert wird. Inzwischen wurden die Münchener von der japanischen Firma Shin-Etsu abgehängt, und weitere Japaner drängen nach vorn. Das deutsche Silizium ist teurer und oft von minderer Qualität als das japanischer Firmen.
Bei fast jedem der bis zu 500 Prozeßschritte, in denen aus der Silizium-Waffel ein hochintegrierter Schaltkreis entsteht, zeigt sich, wie abhängig Europäer und Amerikaner von den Japanern bereits sind. Vielfach geht es ohne japanische Materialien gar nicht mehr. Spezialchemikalien wie Wolframhexafluorid oder Ätzmittel wie Stickstofftrifluorid sind nur in Japan erhältlich.
Im Siemens-Werk Regensburg etwa, einer der modernsten Chip-Fabriken Europas, werden monatlich ein paar Kilogramm der Spezialchemikalie Triethylorthoarsenat (Arsenglas) benötigt. Da das Substrat in Europa nicht zu bekommen ist, lassen die Siemens-Einkäufer ihre Monatsrationen aus Japan einfliegen.
Selbst Standardchemikalien wie Phosphor, Arsen oder Bor sind bei deutschen und amerikanischen Chemieriesen nicht in der nötigen Reinheit zu bekommen. Zwar sind die Chemiemultis Europas inzwischen problembewußt und wollen die ultrareinen Substanzen in ihr Sortiment aufnehmen. Aber damit ist der Notstand bei der Chip-Herstellung nicht beseitigt: Auch bei Präzisionsgeräten für die Fertigung sind japanische Unternehmen oft die einzige Lieferquelle.
Noch vor zehn Jahren stellten US-Konzerne wie Perkin-Elmer oder Applied Material fast 80 Prozent der weltweit benötigten Fertigungsgeräte für Chips her. Heute liegen japanische High-Tech-Werke, angeführt von Tokyo Electron, an der Spitze und versorgen mehr als 50 Prozent des Weltmarkts.
In den nächsten Jahren erwarten Experten einen weiteren Rückgang des Marktanteils der US-Firmen. Europäische Hersteller spielen, außer bei der Produktion von Reinstsilizium, in der Chip-Basistechnologie ohnehin kaum noch eine Rolle. Als einzige europäische Firma kann sich die niederländische ASM International noch unter den Top Ten der Chip-Ausrüster behaupten.
Nun zahlt sich auch das frühe Engagement der Japaner in der Optikbranche aus. Firmen wie Nikon und Canon, die vor 20 Jahren mit billigen Nachbauten die europäischen Fotohersteller vom Markt fegten, haben sich zu führenden High-Tech-Unternehmen gewandelt. Sie beherrschen die Technik der Elektronenstrahllithographie und zählen zu den bedeutendsten Anbietern von Belichtungsgeräten für die Waferscheiben.
Die Chip-Herstellung ist überaus kompliziert und erfordert große Erfahrung. Unter Reinraum-Bedingungen - die Luft muß tausendmal sauberer sein als in einem Operationssaal - wird ständig an der Grenze des technisch Machbaren gearbeitet.
Jeder Einzelschritt erfordert eine Genauigkeit von 99,9 Prozent. Selbst unter diesen Bedingungen ergibt sich lediglich eine Ausbeute von rund 60 Prozent. Wenn nur bei einem Prozeßschritt minimale Ungenauigkeiten oder gar Fehler auftreten, ist die gesamte Serie Schrott wert.
So gelang es Siemens 1987 erst mit japanischer Hilfe, die Massenproduktion von Speicherchips in den Griff zu bekommen. Für die geplanten 16- und 64-Megabit-Chips hat sich Siemens mit IBM verbündet. Ein Mißerfolg käme die Firmen teuer zu stehen. Eine Chip-Fabrik kostet heute fast eine Milliarde Dollar. Nur wer zu den ersten Lieferanten einer neuen Chip-Generation gehört, verdient Geld, denn die Preise verfallen schnell. Siemens gehörte bislang nicht zu den ersten.
Mit ihrer konsequenten Strategie und einer starken Unterhaltungselektronik als Hauptabnehmer von Chips hat sich die japanische Industrie eine einzigartige Position erarbeitet: Japan verfügt als einziges Land der Welt über eine vollständige und gut funktionierende Infrastruktur in der Schlüsseltechnologie des Informationszeitalters.
"Der japanische Sieg in der Halbleiterindustrie", urteilt Genscher-Intimus Seitz in seinem Buch "Die japanischamerikanische Herausforderung", "läßt sich in seiner Bedeutung gar nicht überschätzen, denn damit haben die Japaner die Basis der gesamten informationstechnischen Industrie erobert."
Schon klagen West-Manager, daß sie von japanischen Unternehmen bei der Belieferung mit High-Tech-Produkten benachteiligt werden. Es ist gängige Praxis, daß neue High-Tech-Komponenten frühestens ein halbes Jahr nach der japanischen Markteinführung exportiert werden. In einigen Fällen wurden ausländische Kunden sogar bis zu zwei Jahre von der Belieferung ausgeschlossen.
Oft müssen Auslandskunden auch deutlich höhere Preise zahlen als japanische Abnehmer. So verlangte etwa ein japanischer Hersteller von Thermo-Druckköpfen für Faxgeräte von einem amerikanischen Kunden Preise, die fast so hoch waren wie die Endverkaufspreise für das komplette Faxgerät.
Solche Probleme kommen demnächst mit Sicherheit auch auf andere Branchen zu. Schon heute macht die Mikroelektronik etwa ein Sechstel der Produktionskosten eines Autos aus. Der Anteil wird in den nächsten zehn Jahren mindestens auf ein Viertel steigen. In einem Mittelklassewagen werden dann Elektronikkomponenten im Wert von 2000 Dollar stecken.
Meistens können die Autokonstrukteure und die Hersteller von Werkzeugmaschinen ihre elektronischen Steuerungen noch aus der Kombination verschiedener Sensoren und Standardchips aufbauen. Doch mehr und mehr wird es aus Kostengründen erforderlich, solche Schaltungen auf einem einzigen Chip zusammenzufassen.
Diese sogenannten Asics werden nach den Bauplänen und Wünschen des Auftraggebers maßgeschneidert. Die Lösung des Problems und seine Umsetzung im Asic bilden eine Einheit. Mit den Bauplänen für den maßgeschneiderten Chip gibt der Auftraggeber das gesamte Knowhow über sein neuestes Produkt an den Chip-Hersteller ab. Das, meint ein Maschinenbau-Unternehmer, gleiche einem "gerätetechnischen Offenbarungseid".
Bei den Herstellern von Werkzeugmaschinen wächst denn auch die Angst vor der Abhängigkeit. Bei den elektronischen Steuerungen haben die Japaner bereits die Führung. "Wenn es die Werkzeugmaschinenindustrie nicht mehr gibt", warnt Verbandschef Helmut von Monschaw, "dann ist es nur eine Zeitfrage, wann die anderen Industrien auch kaputtgehen."
Natürlich können die Europäer nicht auf allen Gebieten führend sein. "Das Gebilde Nippon Incorporated einzuholen", meint Professor Ruge, "können wir uns abschminken." Doch Spitzen-Know-how in einigen Schlüsseltechnologien ist notwendig, damit die europäische Industrie nicht erpreßbar wird.
Ganz frei von Angst dürften die Europäer längst nicht mehr sein. Aber immer noch versuchen Politiker und Manager, die Gründe für den Siegeszug der Japaner und ihren bereits erreichten Vorsprung zu verharmlosen oder durch chauvinistische Bemerkungen vom eigenen Versagen abzulenken.
So verglich Frankreichs Premierministerin Edith Cresson die Japaner gern mit "arbeitswütigen Ameisen", die "Tag und Nacht darüber nachdenken, wie sie uns austricksen können". Beliebt ist auch der Vorwurf, die fernöstliche Exportmaschine walze mit unfairen Handelspraktiken die westliche Wirtschaft platt.
Natürlich haben die Japaner einige Märkte mit Dumpingmethoden aufgerollt, und natürlich hat Japan zu lange seine Märkte gegenüber ausländischen Konkurrenten abgeschottet. Sicher ist auch, daß japanische Arbeiter mehr Stunden im Büro und am Fließband verbringen als ihre europäischen und amerikanischen Kollegen.
Doch die Rabulistik der Edith Cresson geht am Thema ebenso vorbei wie die Tendenz deutscher Politiker, das Problem zu verharmlosen. Japans Erfolgsformeln sind heute vor allem strategische Weitsicht und unternehmerische Geduld sowie der enorme finanzielle Einsatz, mit dem die Spitzenstellung in der Hochtechnologie erkämpft wird.
Japanische Unternehmen beispielsweise investierten zwischen 1984 und 1990 rund 26 Milliarden Dollar in ihre Halbleiterindustrie. Europas Unternehmen steckten im gleichen Zeitraum nur etwa 7 Milliarden Dollar in die Chip-Fertigung (siehe Grafik Seite 151).
Hinzu kommen kulturelle Unterschiede in der Art, Handel und Wirtschaft zu betreiben. Für Japaner ist die Wirtschaft ein Kampf, in dem es darum geht, zu siegen und der Beste zu sein. Das gilt, wie der knallharte Verdrängungswettbewerb in Japan zeigt, gegenüber einheimischen Konkurrenten ebenso wie gegenüber Ausländern.
Der 1991 verstorbene Soichiro Honda war ein typischer Vertreter dieser japanischen Unternehmer-Mentalität. Ende der Fünfziger trieb Honda seine Motorradproduktion so gewaltig in die Höhe, daß schließlich der damalige Marktführer Tohatsu in die Pleite rutschte und 45 weitere japanische Motorradhersteller die Produktion aufgaben.
Solche Verdrängungsstrategien, hinter denen der feste Glaube an fortgesetztes Wachstum steht, werden durch die Normen der japanischen Gesellschaft gefördert. Weil die Banken vor allem das Wachstum und nicht das Profitstreben finanzieren, ist das ganze Denken und Planen japanischer Manager einseitig auf Expansion geeicht. Kredite bekommen nur Firmen, die sich durch Wachstum hervortun.
Mit herkömmlichen Methoden ist Japans unbändiger Drang an die Spitze längst nicht mehr zu stoppen. Seit immer mehr westliche Firmen auf japanische High-Tech-Komponenten angewiesen sind, schaden höhere Zölle und Dumpingstrafen den westlichen Abnehmern oft mehr als den Asiaten. Zunehmend greifen auch Einfuhrbarrieren ins Leere, da die Japaner große Teile ihrer Produktion nach Amerika und Europa verlegt haben.
"Die Japaner sind besser als wir", hat denn auch Frankreichs Finanzminister Pierre Beregovoy erkannt. Die Europäer, rät Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher, sollten "von den visionären, globalen Strategien der japanischen Konkurrenten lernen".
Es reiche natürlich nicht, warnt der Münchener Unternehmensberater Roland Berger, "wenn europäische Manager einfach den Kimono überziehen". Sie müßten die Inhalte verstehen, die zur fernöstlichen Überlegenheit geführt hätten. Ihre prekäre Situation hätten die Europäer zu einem beachtlichen Teil selbst verschuldet.
Die Liste der Fehler und Versäumnisse ist lang. Sie reicht von der allzu großen Nachsichtigkeit westlicher Politiker gegenüber den japanischen Einfuhrbarrieren bis hin zu schweren Defiziten und falschen Schwerpunkten in Forschung und Entwicklung.
So hat beispielsweise das Bundesministerium für Forschung und Technologie viele Milliarden in wirtschaftlich unsinnige Projekte wie den schnellen Brüter in Kalkar oder die Weltraumforschung investiert. Auch für die kommenden Jahre hat Forschungsminister Heinz Riesenhuber Milliarden für das Abenteuer im All reserviert - "ohne klare wissenschaftliche oder wirtschaftliche Ziele", wie SPD-Chef Björn Engholm meint.
Gleichzeitig werden die Landwirtschaft und sterbende Industriezweige wie der Kohlebergbau, die Werften und die Stahlindustrie mit gewaltigen Summen subventioniert. Allein die direkten Agrarzuschüsse des EG-Haushalts und seiner Mitgliedstaaten betragen rund 134 Milliarden Dollar, mindestens noch einmal den gleichen Betrag bezahlen die europäischen Verbraucher durch überhöhte Preise.
Dagegen gibt die EG gerade drei Prozent ihrer Subventionen für Energie, Industrie und Technologie aus. Die Mikroelektronik bekommt nur zwei Promille der EG-Subventionen.
Dabei ist die Schwäche der Europäer nicht die Folge mangelnder Subventionen. Sie ist vor allem auf fehlende Einsicht in die Notwendigkeiten einer modernen Wirtschaft zurückzuführen: Noch heute sehen viele Wirtschaftstheoretiker keinen Unterschied darin, ob eine Volkswirtschaft Kartoffelchips oder Computerchips produziert.
Noch bis vor kurzem waren Chips bei den Gewerkschaften und bei vielen Politikern als Jobkiller verschrien. Hochbezahlte europäische Manager, die in Japan inzwischen gern als "alternde Primadonnen" bezeichnet werden, verpaßten in ihrer Ignoranz und Arroganz gegenüber den japanischen Erfolgen jahrelang ihre Chancen.
Erst allmählich wird deutlich, daß es nicht reicht, so Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter, "mit den Fingern zu schnalzen und den frechen Newcomer zu beschimpfen". Noch schwerer fällt die Einsicht, daß die Europäer, so ein VW-Manager, "die letzten Jahre strategisch verschlafen" haben.
Etliche Firmenlenker sind inzwischen aufgewacht. So suchen europäische Automanager die kostensparenden Produktionsmethoden der Japaner nachzuahmen, begreifen Computer- und Halbleiterhersteller die Notwendigkeit von Fusionen. So werden demnächst die Daimler-Benz-Töchter AEG und Deutsche Aerospace auf dem Gebiet der Mikroelektronik zusammenarbeiten. Als Kooperationspartner des neuen Verbundes ist die US-Firma Intel im Gespräch.
Nun drängen auch die ehemaligen Hoflieferanten der Postverwaltungen auf einheitliche europäische Normen in der Telekommunikation. Nun erkennen Forschungsleiter, daß die Zeit zwischen Entwicklung und Produktion drastisch verkürzt werden muß.
Aus eigener Kraft werden die Europäer den Anschluß an die Weltspitze nicht mehr schaffen. Kooperationen mit japanischen und amerikanischen Unternehmen sind ebenso unverzichtbar wie ein größerer Beitrag des Staats.
Dabei geht es, wie das Beispiel Miti zeigt, nicht um milliardenteure Forschungsprogramme oder Subventionen für sterbende Industrien. Notwendig ist eine europäisch abgestimmte Industriepolitik. Es geht, wie etwa EG-Forschungskommissar Filippo Pandolfi fordert, um strategisch plazierte öffentliche Aufträge, um neue Technologien und Märkte zu erschließen.
In der SPD, aber auch bei der CDU mehren sich zum Entsetzen von Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann und anderer strenggläubiger Liberaler die Befürworter einer solchen Politik. SPD-Chef Engholm etwa fordert eine "interdisziplinäre Verantwortungsgemeinschaft, einen runden Tisch, an dem Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Verbände und Wissenschaft ihren Platz haben".
Auch in der Industrie finden solche Ideen immer mehr Anhänger. "Die reine Lehre der Marktwirtschaft", meint IBM-Chef Henkel, "hilft hier nicht weiter." Die Franzosen, sagt Grundig-Vorstand Junginger, "bringen durch ihre protektionistischen Parolen die Industriepolitik in Verruf - doch sie ist notwendiger denn je". Staatliche Investitionsprogramme in Bereichen, in denen die Europäer noch gut im Rennen liegen, wären nach Ansicht vieler Manager dabei ein vernünftiger Weg.
In Betracht kommt zum Beispiel ein europaweites Glasfasernetz für die Breitband-Kommunikation oder ein computergesteuertes Verkehrsleitsystem für die überlasteten europäischen Straßen. Dadurch würde die Schlagkraft der Europäer erhöht und gleichzeitig die Infrastruktur für das kommende Jahrtausend geschaffen. Doch angesichts der Belastungen im deutschen Osten sind die Chancen für milliardenschwere Beschaffungsprogramme gleich Null.
Die Japaner kennen dieses Handikap. "Das Haus der deutschen Volkswirtschaft", sagt ein japanischer Unternehmensberater, "ist unterspült und weist schon Erosionen auf." Nun bremse das Engagement im Osten die dringend notwendigen Sanierungsmaßnahmen.
Aus der Sicht der Japaner ist der Ausgang des Technologie-Marathons deshalb schon klar: "Ihr baut Straßen und Häuser", bekam der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi kürzlich von einem Japaner zu hören, "und wir investieren in Hochtechnologie - im Jahr 2000 sehen wir uns wieder."
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_150_ Chip-Produktion: Die zwölf größten Hersteller der Welt
_151_ Chip-Produktion:
_____ / Weltweite Kapitalinvestitionen der Halbleiter-Anbieter
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DER SPIEGEL 11/1992
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