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DER SPIEGEL

EssayDie Sünden der Konzerne

Krebs könnte in naher Zukunft eine heilbare Krankheit sein – doch die Pharmaindustrie behindert die Forschung. Von Karl Lauterbach
Lauterbach, 52, ist Mediziner, Professor für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Universität Köln und Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion. Sein neues Buch "Die Krebs-Industrie – wie eine Krankheit Deutschland erobert" (288 Seiten; 19,95 Euro) erscheint kommende Woche im Rowohlt Verlag.

Bei Herausforderungen für das deutsche Gesundheitssystem denken die meisten Menschen an Demenz oder Pflegenotstand. Krebs hingegen ist ein Tabuthema. Zwischen 60 und 70 Prozent der Krebsfälle sind aber durch noch so gute Vorbeugung nicht zu vermeiden; jeder zweite Erwachsene aus der Generation der Babyboomer wird im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken. Menschen in den Generationen davor sind oft an anderen Erkrankungen gestorben – und die Kinder der Babyboomer wiederum werden wahrscheinlich die Ersten sein, die fast alle geheilt werden können.
Forscher aus der Babyboomer-Generation entschlüsseln derzeit die faszinierend logischen, aber tödlichen Gesetze der Krankheit. Sie werden allerdings oft noch nicht durch diese Erkenntnisse gerettet werden können. Sie sind eine Sandwich-Generation. Krebs wird ihre Epidemie sein.
In den vergangenen zehn Jahren sind bereits viele neue Medikamente gegen Krebs entwickelt worden, die man gezielte oder personalisierte Therapie nennt. Chemotherapie greift gesunde wie kranke Zellen an, die neuen Medikamente nur die für bösartiges Wachstum notwendige interne Kommunikation der Krebszelle oder die Kommunikation mit dem Immunsystem. All diese Hightech-Arzneimittel – egal ob Antikörper, Tyrosinkinaseinhibitoren und Checkpoint-Inhibitoren – kosten allerdings pro Patient und Jahr zwischen 50 000 und 150 000 Euro.
Bisher sind in Deutschland nur wenige dieser Mittel auf dem Markt, und sie helfen auch nur einer Minderheit der Krebspatienten. Schon 2017 sollen in den USA 120 weitere Medikamente die letzte Phase der klinischen Prüfung erreichen, und es werden künftig noch viel mehr werden. Bei den Pharmakonzernen herrscht Goldgräberstimmung, die neuartigen Krebsmedikamente treiben die Aktienkurse der Firmen in die Höhe, und selbst mit einem Medikament für seltene Krebserkrankungen werden Milliardengewinne gemacht. Es ist der mit Abstand lukrativste Markt für die gesamte Branche – mit Gewinnspannen zwischen 25 und 50 Prozent.
Mit innovativer Medizin hohe Umsätze zu machen kann zwar nicht kritisiert werden, weil es ein Wachstumsmarkt in einer alternden Gesellschaft ist und es erste Erfolge gegen eine bisher unheilbare Krankheit gibt. Trotzdem stehen die Konzerne der Krebsindustrie derzeit massiv in der Kritik – führende Krebsärzte und Wissenschaftler, die diese Medikamente einsetzen und zum Teil sogar entwickelt haben, sind empört. In der Tat muss man den Pharmafirmen fünf Vorwürfe machen:
1. Die hohen Preise haben nichts mit dem tatsächlichen Nutzen der jeweiligen Medikamente zu tun. Im Durchschnitt verlängern sie das Leben der Patienten nur um wenige Wochen oder Monate. Seltene Ausnahmen wie Imantinib (Glivec) bei der Chronischen Myeloischen Leukämie ändern an diesem Befund nichts. Zu Heilungen kommt es fast nie, weil sich gegen diese Medikamente meist nach kurzer Zeit Resistenzen bilden; der Tumor kehrt dann oft umso stärker zurück. Durch aggressives Marketing und darauf zugeschnittene Studien wird der Nutzen der Medikamente durch Ärzte und durch Patienten systematisch überschätzt, es werden unrealistische Hoffnungen geweckt.
2. Die hohen Preise sind nicht mit hohen Forschungskosten zu rechtfertigen. Die Pharmaindustrie behauptet zwar, Entwicklungskosten pro Medikament von mehr als einer Milliarde Dollar zu haben (so äußerten sich Lobbyisten etwa gegenüber Mitgliedern des Deutschen Bundestags). Die tatsächlichen Forschungskosten liegen jedoch nur zwischen 100 und 200 Millionen Dollar pro Medikament, was in den ersten Monaten nach der Marktzulassung schon eingespielt ist.
3. Die Konzerne missbrauchen ihre Marktmacht. Es gibt nur fünf bis zehn große internationale Unternehmen, die neue Krebsmedikamente auf den Markt bringen können. Kleinere Firmen sind zu langsam im Zulassungsverfahren. Ihnen fehlen Geld und Einfluss auf die Wissenschaftler und Behörden. Die Kernkompetenz der Krebsindustrie ist nicht ihre Forschung, es sind ihr Kapital und ihre Kontakte. Krebsstudien werden unter enormem Zeitdruck und daher mit sehr hohen Ausgaben gemacht, und die Zulassung erfolgt immer schneller, meist schon nach nur einer klinischen Studie. Der deutsche Pharmamittelstand ist bei diesem Zulassungsrennen völlig abgeschlagen. Nur wenige Großkonzerne in Kooperation mit amerikanischen Spitzenuniversitäten diktieren die Preise der neuen Krebsmedikamente für die ganze Welt. Ihre Marktstellung ist so mächtig wie die von Google oder Amazon.
4. Die Pharmafirmen behindern die Forschung oft sogar. Laien glauben, die wichtigsten neuen Medikamente in der Krebsmedizin kämen aus den Forschungsabteilungen der Industrie. Tatsächlich aber sind sie das Ergebnis der Forschung an Universitäten und staatlichen Forschungsinstituten. Die wichtigsten neuen Krebsmedikamente wurden von der Harvard Medical School, der University of California in Berkeley und der Universitäten von Oregon und Texas entwickelt, fast alle vom National Cancer Institute in Maryland unterstützt. Die Pharmafirmen dagegen geben nur 1,3 Prozent ihres Umsatzes für die Grundlagenforschung aus. Sie wollen schnell zu neuen lukrativen Produkten kommen. So werden bereits bekannte Wirkstoffe leicht verändert und für neue Indikationen zugelassen, was Geld und Wissenschaftler von der dringend benötigten Grundlagenforschung abzieht. Während die Konzerne die höchsten Gewinne der Geschichte erzielen, beklagt der ehemalige Direktor des amerikanischen National Cancer Institute, Harold E. Varmus, dass wegen Geldmangels wichtige Grundlagenforschungen aufgegeben werden – Projekte, die darüber entscheiden, wann Krebs heilbar sein wird. In Deutschland ist die Grundlagenforschung sogar so unterfinanziert, dass nur Nischenentwicklungen möglich sind. Dazu kommen überzogene Hürden beim Datenschutz, welche die Erhebung der notwendigen genetischen Daten von Patienten erschweren. Unterm Strich muss weit mehr Geld in die Grundlagenforschung bei Krebs fließen als heute, um etwa die Resistenzbildung zu verstehen; erst dann wird die Krankheit in naher Zukunft tatsächlich heilbar sein.
5. Die hohen Preise sprengen das Gesundheitssystem. Führende amerikanische Krebsärzte und die Krebsgesellschaft ASCO appellieren an Politik und Industrie in öffentlichen Aufrufen, die Preise zu senken, weil sie sonst ihre Patienten nicht mehr behandeln könnten. Die "Financial Toxicity" der neuen Medikamente ist gefährlich auch für unser Gesundheitssystem. In Deutschland sind die neuen Krebsmedikamente bis zu 40-mal teurer als die alten. Die zusätzlichen Kosten werden gerade durch die zu erwartende Kombination der Wirkstoffe weiter explodieren. Wenn wir von jährlich zu erwartenden 600 000 neuen Krebspatienten nur rund die Hälfte mit den neuen Medikamentenkombinationen behandeln, sind Mehrkosten von bis zu 45 Milliarden Euro pro Jahr zu erwarten – mehr als die Ausgaben der Pflegeversicherung.
Im Ergebnis würden die Patienten häufig nur wenige Wochen oder Monate länger leben. Hinzu kommt, dass sich ihre Lebensqualität durch die Hightech-Behandlung im Vergleich zu einer Palliativbehandlung oder einer weniger aggressiven Chemotherapie oft sogar verschlechtert. Es liegen bislang auch keine Daten vor, ob sich die an amerikanischen Spitzenuniversitäten erreichten, meist nur geringen Lebensverlängerungen im klinischen Alltag überhaupt zeigen lassen. Es fehlt an Daten, Experten, Qualitätssicherung und vor allem an industrieunabhängigen Studien auch nach der Zulassung.
In der Großen Koalition haben wir das Megathema bisher ausgeklammert; es findet ein eher zäher "Pharmadialog" statt, bei dem es bisher nie um die neuen Krebsmedikamente ging. Die Industrie weicht dem Thema aus. Heutige Erstattungsregeln der Krankenkassen funktionieren nicht mehr. Wir müssen daher sofort handeln.
Notwendig ist eine bessere, längere Prüfung neuer Krebsmedikamente vor der Zulassung an mehr Patienten. Die Regeln der Europäischen Zulassungsbehörde müssen industrieunabhängig erneuert werden. Und wir brauchen Studien, die den tatsächlichen Behandlungserfolg der Medikamente auch nach der Zulassung weiteruntersuchen, damit nicht hinterher die falschen Patienten behandelt werden.
Die Patienten müssen realistisch und industrieunabhängig über die neuen Therapien aufgeklärt werden; dann würden sich viele gegen die Behandlung entscheiden.
Die Palliativmedizin muss für unheilbare Fälle massiv verstärkt werden, der Kampf für bessere Vorbeugung und Früherkennung härter geführt werden, insbesondere gegen die Tabakindustrie. Das Rauchen verursacht in Deutschland noch immer ein Vielfaches der Krebstodesfälle, die durch die gezielte Therapie insgesamt gerettet werden könnten.
Und schließlich muss eine Senkung der überhöhten Preise durchgesetzt werden. Damit die Länder Europas nicht gegeneinander ausgespielt werden können, sollte ein europäischer Erstattungspreis durch eine zentrale neue Einrichtung ermittelt werden, ähnlich wie bei der Zulassung. Dabei sollte der tatsächliche Nutzen der Medikamente im Vergleich zu allen Alternativen geprüft werden.
Wenn wir uns die Preise für die neuen Krebsmedikamente weiter von der Industrie diktieren lassen, müssen die Milliarden an anderer Stelle eingespart werden, beispielsweise in der Pflege oder bei der Vorbeugung. Für den Preis einer Behandlung, die das Leben oft nur um wenige Wochen verlängert, können mehrere Pflegekräfte ein Jahr lang bezahlt werden.
Von Karl Lauterbach

DER SPIEGEL 35/2015
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