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DER SPIEGEL

LiteraturDie Diktaturen

In seinem neuen Roman „Unschuld“ beschreibt Jonathan Franzen das Internet als totalitäres System – und einen früheren DDR-Bürger als dessen schillernden Helden.
In diesem Roman geht es um ungefähr alles. Um die Zukunft des Journalismus, um die Möglichkeit, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen, um die DDR, den Feminismus, die Unmöglichkeit, Widerstand zu leisten, den Terror der Erziehung, die Sucht nach Sex, Vögel als Glückssymbole, Erderwärmung, atomare Bedrohung, einen Jesus von heute, gute Taten aus schlechten Motiven und vor allem um das Internet als totalitäres System unserer Zeit. Den neuen Roman von Jonathan Franzen, der auf Deutsch den Titel "Unschuld" trägt, also nur ein ehrgeiziges Projekt zu nennen wäre die Untertreibung der Saison. Es ist ein Wirbel aus großen Fragen, großen Thesen, großen Ereignissen.
Jonathan Franzen, 56, nimmt sie einfach an, die Rolle des großen amerikanischen Schriftstellers unserer Zeit. Die Leser und Kritiker sehnen sich ja nach dieser einen Figur, die die großen Themen der Gegenwart in epischer Breite, mitreißend, einfühlsam, politisch klug, moralisch wach erzählt und am Ende sogar noch einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma unserer Zeit weist. Seit im September 2001 sein Familienroman "Die Korrekturen" erschien und bei Kritikern und Lesern so einen ungeheuren Erfolg hatte – über drei Millionen Mal hat sich das Buch bis heute verkauft – und er diesen Erfolg mit dem neun Jahre später erschienenen Roman "Freiheit" fast wiederholen konnte, ja, seitdem hat er diesen Posten inne. Und mit seinem neuen Roman, der in der kommenden Woche in den USA und Deutschland veröffentlicht wird, scheint er entschlossen, diesen Posten verteidigen zu wollen.
Aber zunächst ist es einfach ein Familienroman aus dem Amerika von heute. Pip Tyler lebt in einem besetzten Haus in Oakland, Kalifornien, zusammen mit einem schizophrenen und mit einem körperbehinderten Mitbewohner, aus ihrer College-Zeit hat sie 130 000 Dollar Schulden, sie arbeitet im Callcenter einer Firma, die mit Ökostromsubventionen undurchsichtige Geschäfte macht, sie liebt einen verheirateten Mann, der womöglich das Alter ihres Vaters haben könnte, wenn sie nur wüsste, wer ihr Vater ist. Aber ihre Mutter, die Pip mit luftabpressender Liebe liebt, weigert sich, ihrer Tochter die Identität ihres Vaters preiszugeben. Auch ihren Geburtsort und den richtigen Namen ihrer Mutter darf Pip nicht erfahren. Es heißt, das geschehe nur zu ihrem Schutz. Doch Schutz wovor und Schutz warum?
Ein Leben unter solch geheimnisvollen Voraussetzungen ist ihr eine Qual. Sie fühlt sich gefangen in den Fängen der Mutterliebe, der gigantischen Schulden, der Frage nach ihrer Herkunft. Wie zum Hohn hat ihre Mutter ihr den Namen Purity gegeben, es ist auch der englische Titel des Romans, den man auf Deutsch besser mit Reinheit als mit "Unschuld" übersetzen würde. Rein soll ihre Herkunft sein, quasi vaterlos, quasi ohne Sex. Zum moralisch rigorosen Lebensprogramm ihrer Mutter gehört auch ein radikaler Feminismus. Die Rolle des Vaters bei der Zeugung werde überschätzt. Naturgemäß hasst Purity ihren Namen, nennt sich Pip, wie der Waisenjunge in Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen", führt ein lustloses Sexleben, bei dem sie sich zwanghaft selbst beobachtet, und stößt ihre Mitmenschen mit ihrem Drang, stets die reine Wahrheit zu sagen, immer wieder vor den Kopf.
Aus ihrem Schulden-, Liebes- und Geheimnisgefängnis wird sie eines Tages durch den Ruf eines Gurus befreit. Er heißt Andreas Wolf, wurde 1960 in der DDR geboren, ist ein Neffe zweiten Grades des ehemaligen Spionagechefs Markus Wolf, war in seinem sozialistischen Heimatland eine Art Dissident, jetzt ist er so etwas wie der König der guten Menschen im Internet. Er hat eine Enthüllungsplattform gegründet, das sogenannte Sunlight Project. Er wird per Haftbefehl gesucht, hat sich mit seinen Mitarbeitern in ein paradiesisches Tal in Bolivien zurückgezogen und wird von seinen Jüngern wie eine Gottheit verehrt. Und aus irgendwelchen Gründen wünscht er sich Pip Tyler als Praktikantin. Sie hält von Gurus wie ihm aber gar nichts und teilt ihm das in ihrer bezaubernden Wahrheitssucht auch per Mail gleich mit. Was den von aller Welt Umschwärmten und Vergötterten nur noch mehr für sie einnimmt. Schließlich hofft Pip mithilfe jenes Mannes, der die ganze Welt enthüllt, der jedes Geheimnis zu kennen scheint, das Rätsel ihres Lebens zu lösen und ihren Vater zu finden. Der Guru sagt: kein Problem für mich. Und Pip reist an.
Das ist das Tableau, das Franzen vor uns ausbreitet. Das ist die Welt, um die es geht. Was ist Wahrheit? Wer verbirgt sie? Wer sind wir? Die Wurzeln der Geschichte, die Wurzeln des Wahrheitsrigorismus einerseits und der pathologischen Lügen der Figuren des Romans andererseits, liegen in Deutschland, liegen in der DDR. "Die Republik des schlechten Geschmacks" nennt Franzen das zweite Kapitel seines Romans, es ist ein kühles, recht artifiziell zu lesendes Kapitel über diesen untergegangenen Teil Deutschlands. Jonathan Franzen kennt sich hier aus, sein Interesse an Deutschland und deutscher Literatur wird eigentlich nur noch von dem für Vögel übertroffen. 1981 war er zum ersten Mal in Berlin. Er nennt es im Rückblick sein "poetisches Jahr", das er in einem Zimmer mit kaltem Kohleofen und in einem Haus mit bedrohlich aussehenden Altberliner Mitbewohnern verbrachte. Das harte Leben in dem verwundeten, hässlichen Westteil der Stadt habe ihn zum Dichter gemacht. Die Schönheit des schicken München, wo er damals auch für kurze Zeit lebte, habe ihn dagegen nur gelähmt.
Jetzt also der Osten, Hauptstadt der DDR, sie erscheint nur schemenhaft. Es geht Franzen um diesen Mann, Andreas Wolf, sie nennen ihn den "blonden Prinzen der Karl-Marx-Allee", er ist Dissident mit privilegierten Eltern, Eltern, die beide auf ihre Art und Weise in einer Welt der Fiktion leben. Seine Mutter ist linientreue Professorin für Anglistik, sie lebt ein Leben in Shakespeare-Zitaten und ist auf krankhafte Weise in ihren Sohn verliebt, der Vater ist oberster Staatsökonom des Landes und somit für die zentrale Fiktionsproduktion der DDR verantwortlich: für die Behauptung, dass die Wirtschaft stabil und der westlichen Konkurrenz unbedingt gewachsen ist.
Auch der Sohn lebt ein Leben in vollendeter Fiktion. Er ist ein sexsüchtiger, selbstverliebter Ironiker, mit 15 schickt ihn sein Vater wegen exzessiven Onanierens zum Psychologen, der zeigt sich hilflos; Andreas Wolf zieht sich in den Keller einer Kirche zurück, die als Zentrum der Opposition gilt, er schreibt Gedichte, kritisiert die Regierung und verführt junge Mädchen. Das Regime will sich seiner bald schon mittels Ausreisegenehmigung entledigen, doch der Mädchenfreund lehnt ab. Seine Mitdissidenten verachtet er ob ihrer geschmacklosen Kleidung. Er ist nicht im politischen, sondern im modischen, vor allem aber im erotischen Widerstand. Bis er schließlich auf ein Mädchen trifft, das durch seine Schönheit die ganze Republik der Hässlichkeit zu widerlegen scheint.
Er begeht einen Mord für das Mädchen, und die Erinnerung an diese Tat beherrscht fortan sein Leben. In seinem Größenwahn glaubt er, der Schatten seiner monströsen Tat habe das ganze Land verdunkelt: "Als ersticke der Staat an seinem, Andreas', Verbrechen und müsste, da er entweder nicht willens oder nicht in der Lage war, ihn zu verhaften, alle anderen ins Elend stürzen." Alles darf passieren, nur diese Republik nicht untergehen. "Ohne die Republik, die ihn definierte, wäre er ein Nichts." Und der Nachschub an Mädchen würde versiegen, und seine Tat, seine Schuld, käme womöglich ans Licht.
Es liest sich irritierend, wie Franzen den Widerstand in der DDR hier auf diesen sexbesessenen, narzisstischen Mörder zusammenschnurren lässt. Am Ende des Kapitels sind wir beim Sturm der Stasizentrale in der Normannenstraße dabei. Mittendrin auch Andreas Wolf, dem es aber natürlich nur um seine eigene Akte, vor allem die unter Verschluss gehaltene Ermittlungsakte seines Mordes geht. Er findet sie, nimmt sie an sich und trifft vor dem Gebäude auf ein Kamerateam, dem er erklärt: "Ich arbeite nicht mit, sondern dagegen. Dies ist ein Land schwärender Geheimnisse und giftiger Lügen. Nur das stärkste Sonnenlicht kann es desinfizieren."
Mit diesem falschen Pathos erobert er die Welt. Es ist der erste Moment medialen Ruhms für Andreas Wolf, und aus dem öffentlich vorgetragenen Wunsch nach Desinfektion durch Sonnenlicht entsteht einige Jahre später sein Sunlight Project, seine Enthüllungsplattform. Und er, Andreas Wolf, wird der leuchtende Aufklärer unserer Zeit. Sein Projekt ist – nach seiner Meinung anders als Julian Assanges WikiLeaks – ein zielgerichtet arbeitendes Enthüllungsprojekt. Während es WikiLeaks, so wie es in Franzens Roman beschrieben wird, einfach nur um das Herstellen von Öffentlichkeit geht, um das Enthüllen von Geheimnissen, gleichgültig, was die Konsequenzen dieses Enthüllens sein mögen, ist Wolfs Sunlight Project gezielt auf der Suche nach Ungerechtigkeiten und Schweinereien im Netz, vor allem gegen Frauen. Wolf gilt als radikaler Feminist.
Das Kapitel, in dem Franzen die Welt dieses Andreas Wolf beschreibt, seine Motivation, seine Ideologie, seine Lügen, seine Frauen und die Umgebung, in der er lebt, ist das kraftvollste und interessanteste und sonderbarste Kapitel des Buchs. Man spürt hier das Kraftzentrum, den Antrieb seines Schreibens, und das ist für den Romanautor Franzen doch einigermaßen überraschend: Ressentiment, Abwehrkampf, wütende Verteidigung einer Welt jenseits des Netzes und seiner Helden. Jonathan Franzens Kampf für die analoge Welt.
Es wird schnell deutlich, wozu ihm das ausführliche DDR-Kapitel dient: Der sozialistische Totalitarismus ist für den Enthüller Wolf eine Art Vorstufe des Totalitarismus von heute. "Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet. Dessen miteinander konkurrierende Plattformen einte der Ehrgeiz, jeden Aspekt deiner Existenz zu definieren." Damals, so Wolf, waren die Privilegien ein Telefon, eine Wohnung mit etwas Licht und eine Reisegenehmigung. Ja, das sei kümmerlich gewesen, "aber vielleicht nicht kümmerlicher, als x Twitter-Follower, ein vielfach ge liketes Facebook-Profil und einen gelegentlichen Vier-Minuten-Spot auf CNBC zu haben".
Jonathan Franzen dekliniert die Parallelen zwischen deutschem Sozialismus und Internet immer weiter durch: die allgegenwärtige Angst. Die verlogene Behauptung, Freund der Massen zu sein und Feind der Eliten. Furcht vor dem Wesen der Natur. Ungeduld gegenüber Irrationalität. Ein Traum für Leute wie Andreas Wolf: "Der beste Freund, den er je gehabt hatte, war die Stasi – bis er das Internet kennenlernte."
Aus diesem Totalitarismus gibt es, in der Logik des Romans, kein Entkommen. Am schlimmsten seien die, die scheinbar Widerstand leisten, vor allem jene Oppositionellen, die im Internet operieren. Sie dienten nur der Stabilisierung des Systems, indem sie die Möglichkeit von Widerstand vorgaukeln. Eine Möglichkeit, die es nicht gibt. Wer dies erkennt, gilt in Franzens Romanwelt als "kluger Mensch", im Gegensatz zu jenen anderen: "Doch kluge Menschen fürchteten das neue Regime in Wahrheit weit mehr als das, was fürchten zu müssen, es den weniger klugen Menschen eingebläut hatte, nämlich die NSA, die CIA – die eigenen Terrormethoden zu verschleiern, indem man sie dem Feind zuschrieb und sich als einzig wirkungsvolle Verteidigung dagegen präsentierte, war ein Verfahren, wie es im totalitären Lehrbuch stand."
Vieles in diesem Roman ist auf beinahe rührende Weise holzschnittartig. Wie die reine Pip, die in das grüne Tal in Bolivien kommt, wo die Sunlight-Enthüller arbeiten, und wie sie dort alles sektenartig organisiert findet und feststellt, dass dieser Andreas Wolf immer noch vor allem junge Frauen, die für ihn arbeiten, enthüllt. Wie Franzen die Natur, die überwältigende Schönheit dieses Tales mit der Leere des Internets kontrastiert, den alten, traditionellen Journalismus gegen das moralisch aufgeladene Whistleblowing von heute ausspielt, echte Liebe gegen virtuelle und die heillos in moralische Grundsatzkonflikte verwickelte alte Generation gegen die junge, freie, neue, das macht es Franzens Gegnern leicht, diesen Roman zu verspotten.
Aber gerade das Pathos verleiht dem Buch Kraft. Jonathan Franzens "Unschuld" ist eine Art Geschwisterbuch zu Dave Eggers' Roman "Der Circle", doch anders als die kühle, stets um Eindeutigkeit bemühte Versuchsanordnung von Eggers' Zukunftswelt eröffnet Jonathan Franzen den Kampf gegen den Totalitarismus unserer Zeit mit literarischeren Mitteln. Als Leser schwankt man stets zwischen Verwunderung, Staunen und Widerwillen gegen das Pathos der Eindeutigkeit auf der einen Seite und Bewunderung für die Entschlossenheit, den Mut, mit großem Hallo durch die Türen dieser überraschenden Analogien hindurchzustürmen, auf der anderen. Diese Ambivalenz ist nicht der schlechteste Eindruck, den ein Roman beim Leser hinterlassen kann. Es ist eine literarische Qualität.
Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek; 832 Seiten; 26,95 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 36/2015
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