Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

LiteraturMuseum der flehenden Bücher

Ein Antiquar verkauft Bücher aus Marcel Reich-Ranickis Bibliothek. Ein signiertes Exemplar von Walsers „Tod eines Kritikers“ ist auch dabei. Von Volker Weidermann
Wie ist dieses Buch da hineingeraten? Das will man natürlich sofort wissen, als bekannt wird, dass unter den signierten Büchern aus der Bibliothek des 2013 verstorbenen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, die gerade von einem Frankfurter Antiquariat verkauft werden, auch ein Exemplar von Martin Walsers "Tod eines Kritikers" dabei ist. Jenem Roman also, der noch vor seiner Veröffentlichung einen der größten Literaturskandale der vergangenen Jahrzehnte auslöste, nachdem Frank Schirrmacher den Vorabdruck in der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") in einem Artikel mit der Begründung abgelehnt hatte, hier werde der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki, im Roman in der Figur des André Ehrl-König kaum verhüllt dargestellt, unter Verwendung antisemitischer Klischees mit literarischen Mitteln exekutiert. Eine Rache. Eine Mordfantasie. Ein Angriff.
Warum sollte Walser dem Kritiker ausgerechnet dieses Buch signiert ins Haus schicken? Um die Wirkung des Angriffs noch zu erhöhen? Als Drohung? Als Bitte um Versöhnung?
Zu Besuch in der Wohnung des Frankfurter Antiquars Frank Fritzlen, der mit dem Versandantiquariat Castellum den Verkauf und die Verschickung der Bücher von einem Kollegen übernommen hat. Er ist eigentlich auf den Handel von Schildkröten- und Hundebüchern spezialisiert. Das älteste enzyklopädische Hundebuch der Welt aus dem Jahr 1685 wird auf einem Regal aufgeschlagen stolz präsentiert. Alle Wände bis oben voller Bücher und am Ende des Flures die Bände aus Reich-Ranickis Bibliothek. Einige noch in Kisten, einige in Regalen, einige aufgestapelt, mit weißen Bestellzetteln dazwischen, die wurden schon verkauft.
Signierte Bücher von Siegfried Lenz, Rolf Hochhuth, John Updike, Ludwig Marcuse, Siegfried Unseld, Hilde Spiel, Hellmuth Karasek, jede Menge von Günter Grass und viele andere. Walsers Buch ist nicht mehr da. Die Bücher werden über die Internetplattform zvab.com angeboten, "Tod eines Kritikers" wurde als eines der ersten verkauft, klar. Fritzlen sagt, das Exemplar sei komplett ungelesen gewesen. In vielen anderen Büchern sind Anstreichungen, Lektüre-Spuren des Kritikers, in diesem nichts. Aber es gibt ein Foto der Signatur, ohne persönliche Widmung, nur Walsers Unterschrift und das Datum 10/10/03.
Also erst einmal in den anderen Büchern herumlesen. Von Grass sind zum Beispiel die vom Autor signierten "Unkenrufe" da, Reich-Ranickis fundamentaler Verriss dieses Buches, im SPIEGEL damals, hatte ein riesiges Echo hervorgerufen. "Wie konnte das passieren?" war der Text überschrieben, und auf Seite 98 des Buches, so schrieb Reich-Ranicki, habe er die fantastische Hoffnung gehabt, Grass habe ein Einsehen und Mitleid mit den Lesern und würde seine blutleeren Figuren einfach dahinmorden und das Buch beenden. "Was reizt mich an ihrer Geschichte noch?", hatte Grass auf dieser Seite geschrieben und Reich-Ranicki damit die Pointe geliefert, dass danach leider noch weitere 201 Seiten Langeweile folgten. Das frisch herausgestöhnte Entsetzen zeigt sich in einem außerordentlich schwungvollen Ausrufezeichen, das diese Stelle im Leseexemplar ziert, unten mit einer Art Pfeilspitze.
Insgesamt 425 Bücher aus Reich-Ranickis Bestand stehen zum Verkauf. Fritzlen hat die Bücher von dem befreundeten Antiquar und Buchhändler Andreas Brahm von der Buchhandlung Chimaira in Frankfurt-Heddernheim übernommen. Der war so etwas wie der Hofbuchhändler des Literaturpapstes.
Marcel Reich-Ranicki, so schildert es Brahm heute, rief ihn an, wann immer er ein Buch brauchte, und der Buchhändler brachte ihm das gewünschte Exemplar persönlich vorbei. "In Buchläden zu gehen war nicht so sein Ding", sagt Brahm. Und dann erzählt er, dass der Kritiker regelmäßig Rezensionsexemplare an ihn weitergegeben hat, auch signierte Exemplare. Das ging so lange gut, bis der Mitherausgeber der "FAZ", Frank Schirrmacher, eines Tages ein von ihm signiertes und Reich-Ranicki zugeeignetes Exemplar in der Grabbelkiste eines Altbuchhändlers fand. Schirrmacher war gar nicht amüsiert, beschwerte sich bei Reich-Ranicki, der daraufhin seinen Buchhändler bat, die signierten Bücher erst nach seinem Tode zu verkaufen. Er wolle sich den Ärger zu Lebzeiten gern ersparen.
Diese Bücher also sind jetzt hier versammelt. Hellmuth Karaseks Lebenserinnerungen "Auf der Flucht" aus dem Jahr 2004, mit der Widmung "Lieber Marcel! mit herzlichem Gruß und vielen Dank für die schöne lange Zusammenarbeit und Freundschaft! Dein Hallodri und Halunke sehr herzlich". Ein Exemplar von Maxim Billers Erzählungsband "Bernsteintage", mit den Worten: "Für Teofila und Marcel Reich-Ranicki – in Erinnerung an einen schönen, friedlichen Nachmittag fast im Mai". Hilde Spiel schrieb in ein Exemplar ihres Buches "Anna & Anna" fast flehentlich bittend hinein: "Für Tosia und Marcel, mit der Bitte, zumindest den Anfang, die Kluft, zu lesen, sehr herzlich Hilde".
Am ausführlichsten fielen die Widmungen Rolf Hochhuths aus, der die gelben Reclam-Bände seiner "Anekdoten und Balladen" wie Postkarten gebrauchte und sich dort für den Abdruck eines Gedichtes in der Frankfurter Anthologie bedankte, auf zu Unrecht missachtete Verse hinwies und vor allem immer wieder um direkten Kontakt mit dem Kritiker bat: "Ich bedaure, daß wir nie miteinander reden", schreibt er vorn in seinen Essayband "Und Brecht sah das Tragische nicht", und auch seine zwei Telefonnummern mit Adresse in Grenzach gleich dazu. Einmal hatte ihn Reich-Ranicki wohl doch angerufen und Hochhuth nach seiner Meinung zu Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" befragt. Der Kritiker plante damals einen Essay über das Werk, im August 2002 erschien der Text als Vorabdruck im SPIEGEL. Hochhuth sendete auch zu dieser Frage sein Reclam-Bändchen und schrieb darauf: "S. 72! Zu Ihrer Frage gestern, ob ich Mann ohne Eigenschaften gelesen habe. Sehr herzlich Ihr Hochhuth". Der Kritiker durfte sich die Antwort aus einer Anekdote heraussuchen.
Die meisten Widmungen hier, in diesem temporären Kritikermuseum in Frankfurt, sind dringende Bitten um Aufmerksamkeit. Besonders schön, besonders dringlich, die Worte all der Unbekannten. Eine in Polen geborene Domina legte ihren Lebenserinnerungen "Like a Black Rose" eine Flamingo-grelle Postkarte aus Miami Beach bei, auf der sie in Kurzform ihr Leben skizzierte. "Ich möchte gerne, egal wie es ausgeht, dass Sie mir mein Buch kritisieren könnten", schreibt sie. Leider finden sich keine Anstreichungen darin. Eine stolze Dame im Hausfrauenkittel unter einem Regenschirm in der Sonne ziert den Umschlag des Buches "Ich war eine Naive. Ein Hanauer Frauenleben". Ein unbekannter Autor schickte sein Buch gleich mehrfach, mit jeder neuen Widmung verlor er an Freundlichkeit. Von Christa Wolfs Erzählungsband "Mit anderem Blick" besaß Reich-Ranicki gleich vier signierte Exemplare. Warum? Dass die Autorin, deren Werke der Kritiker eher nicht schätzte, ihm Buch um Buch selbst zugeschickt hat, scheint doch sehr unwahrscheinlich.
Sonderbar. Was uns zurückführt zu jenem anderen Buch, dem ungewollt hier eingestellten, signierten Todesbuch.
Mail an Martin Walser mit der Frage, ob er tatsächlich Reich-Ranicki das Buch signiert zugeschickt habe. Walsers Antwort: "Nein, ganz sicher habe ich Herrn Reich-Ranicki dieses Buch nie signiert."
Wie denn dann? Ob der Verlag ein Kontingent signierter Bücher an ausgewählte Kritiker verschicke?
"Der Verlag hat ganz sicher kein Kontingent signierter Bücher, die er verschicken kann." Bleibt es also offen?
Walser meldet sich noch mal und schreibt: "Die Sache ist viel einfacher: Große Buchhandlungen lassen sich vom Autor 50 Bücher signieren, die sie dann leichter verkaufen. Da hat sich R-R ein Exemplar besorgen können. Gelesen hat er es. Er hat in München öffentlich gesagt, das sei kein guter Roman, aber er sei nicht antisemitisch! Das war mir damals unendlich wichtig, weil die hiesigen Politheuchler, die zum Teil aus hochaktiven Nazi-Familien stammten und an mir Wiedergutmachung betrieben, das Buch skandalisierten."
Wann das genau gewesen ist? Eine solche Äußerung jedenfalls ist damals von niemandem vermerkt worden. Walser erinnert sich: "Das muss im Erscheinungsjahr des Romans gewesen sein. Meine Erinnerung, auf die ich mich, was Tatsächliches betrifft, nicht verlassen kann, diese immer dienen wollende Erinnerung, sagt mir: Es war in München, R-R durfte einen Ehrendoktor in Empfang nehmen, und dabei, vielleicht beim Presse-Drumherum, hat er, wahrscheinlich weil er gefragt wurde, das für mich so Erfreuliche gesagt. Genauso hat sich damals Frau Berkéwicz (die spätere Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz –Red.) geäußert. Diese zwei Aussagen haben sich in mir denkmalhaft erhalten."
Vielleicht war es so, vielleicht auch anders. 2010 hatte Reich-Ranicki in einem Interview mit "Focus" gesagt: "Dabei war sein Roman 'Tod eines Kritikers' ein antisemitisches Buch, und es war dezidiert gegen mich gerichtet. Warum hatte er nicht die Größe einzugestehen, dass das Buch ein Fehler war?"
Alte Kämpfe. Lange vorbei. "Denkmalhaft" hat sich Walser Reich-Ranickis Entlastung eingeprägt. Denkmalhaft liegen und stehen hier diese Bücher herum, die einst um die Aufmerksamkeit eines Kritikers flehten und nun darauf warten, in alle Welt verschickt zu werden. Walsers Buch mit der Unterschrift, die auf mysteriöse oder ganz banale Weise hierhergelangt war, ist schon weg. All die anderen folgen bald.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 48/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung