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DER SPIEGEL

Alkoholismus: „Mit der Krankheit leben lernen“

Horst Zocker über Alkoholkranke und die Selbsthilfe-Organisation „Anonyme Alkoholiker“ (II) *
Das Telephon schrillt, es ist vier Uhr nachts. Eine stockende, verwaschene Stimme von weither. Gerda. Ich muß mich erst mal zurechtfinden. Gerda? Gerda? Es ist die Neue aus meiner Gruppe. Sie ist Sekretärin und mußte dienstlich zu einem Kongreß in Freiburg. Jetzt sitzt sie in ihrem Hotelzimmer und starrt auf einen dieser verdammten Kühlschränke voller Flaschen.
Sie will nicht trinken. Aber sie hat Angst. Die vielen Fremden auf dem Kongreß, die neue Umgebung, die Arbeit, das ist alles zuviel für sie nach ein paar Wochen Trockenheit. "Was soll ich bloß machen", heult sie, "ich nehm'' mir ein Taxi und komme." Von Freiburg bis hier, 500 Kilometer. Geistig ist die schon besoffen. "Ich weiß nicht, was ich machen soll, Horst, ich habe so ''ne Angst."
Wir reden eine halbe Stunde. Ich habe mein Kontaktheft griffbereit, gebe ihr die Nummer von Ingeborg und Dieter am Ort. Später erzählt Gerda, daß sie die tatsächlich angerufen hat, und die fremden Leidensgenossen sind zu ihr ins Hotel gekommen, morgens um fünf. Sie hat nicht getrunken.
"Habe ich dich sehr gestört?" hat Gerda hinterher gefragt. Sie hat mich nicht gestört, ich bin zufrieden gewesen, ihr helfen zu können. Es hat mir auch geholfen.
Auch ich habe schon nach Mitternacht Freunde aus dem Bett geklingelt, wenn ich nicht schlafen konnte und Angst bekam. Auch ich bin schon um drei Uhr nachts zu einem Fremden gefahren, der in Not war. Allerdings vergeblich - der war schon voll.
Wenn einer getrunken hat, gehe ich nicht mehr hin, höchstens bei Suiziddrohungen, aber dann mindestens zu zweit. Ich rede auch am Telephon nicht lange mehr mit einem, der "zu" ist, sondern bitte ihn, in die Gruppe zu gehen oder wieder anzurufen, wenn er klar im Kopf ist. Es ist zwecklos, gegen das Gelalle anzukämpfen. Ich weiß doch, was ich am nächsten Morgen noch wußte - nichts.
Nicht materielle Unterstützung ist gemeint, wenn bei den Anonymen Alkoholikern von Hilfe die Rede ist. Da ist der einzelne AA - aus seiner Saufzeit ein erfahrener Nassauer - so unzugänglich wie die Gemeinschaft insgesamt, die in einem Informationsblatt "falsche Vorstellungen" korrigiert: "Die Gemeinschaft AA bietet keinen Sozialdienst an, stellt weder Unterkunft noch Verpflegung, Kleidung, Arbeit oder Geld zur Verfügung. Sie hilft dem Alkoholiker nüchtern zu bleiben, so daß er für alle diese Dinge selber sorgen kann."
Hilfe zur Selbsthilfe heißt die AA-Formel, und das wichtigste Hilfsmittel ist das Anteil nehmende Gespräch.
Das findet nicht nur in den Gruppen statt. Die Telephonleitung ist eine Lebensader der AA-Gemeinschaft. Partner stehen immer zur Verfügung - rund um die Uhr. Sie ermutigen zu Anrufen, und sie haben zuhören gelernt. AAs sind keine professionellen Helfer, sie sind Freunde, die selbst hilfsbedürftig sind. Jeder ist Therapeut, jeder ist Klient, jeder Lehrer, jeder Lernender, nicht abwechselnd, sondern immer zugleich. "Nie habe ich ein so enges Geflecht sozialer Beziehungen gesehen", staunt der Frankfurter Psychoanalytiker Michael Lukas Moeller beim AA-Treffen in Frankfurt.
AA-Beziehungen beschränken sich nicht auf Notrufe. Trockene Alkoholiker feiern Karneval zusammen, verreisen gemeinsam,
gehen ins Kino, quatschen am Telephon stundenlang über Sport und Einkäufe, Autos und Wetter. Freundschaften wachsen, Partnerschaften entstehen. "Arbeit im 13. Schritt" sagen AAs spöttisch, wenn zwei ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung im Bett zu teilen beginnen. Oft, besonders wenn einer noch nicht ganz fest im trockenen Leben steht, kann das gefährlich sein für beide.
Dennoch - die Ausweitung der Beziehungen auf das soziale Leben über AA hinaus ist nicht ein zufälliges Nebenprodukt, meint der britische Forscher David Robinson. Er hält es für einen "wichtigen integrativen Teil des Genesungsprozesses". AA wird Alltag und Lebensform.
Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Die bisherige Umwelt des Alkoholikers fühlt sich ausgeschlossen. Ehepartner, Freunde, Kollegen, die ihn während der "Säuferkarriere" oft unter schweren eigenen Entbehrungen und Leiden unterstützt haben, sehen sich jetzt mit Undank belohnt.
"Du mit deinem Knutschverein", empört sich Elisabeth, Frau eines Alkoholikers aus Trier, sobald ihr Mann AA erwähnt. Erklärungen will sie nicht hören. Sie ist so eifersüchtig auf die neuen Freundinnen und Freunde ihres Mannes wie Norbert aus Bremen, dessen AA-Frau sich vergeblich bemüht, ihm die Gemeinschaft zu erläutern: "Laß mich doch mit deinem Ku-Klux-Klan zufrieden. Hab'' ich gesoffen oder du?"
Margot, meine Frau, hat nie Depressionen gekannt in ihrem Leben. Als ich aufhörte zu saufen und in die Klinik ging, versackte sie in tiefe, leere Ratlosigkeit. Als sie durch war, wußte sie: "Dein Saufen und meine Lebenseinstellung hatten miteinander zu tun. Wenn wir gemeinsam noch eine Chance haben wollen, muß jeder seinen Weg allein gehen."
Sie hat von Anfang an AA für mich ohne Vorbehalte angenommen. Daß wieder "irgendeine Ulrike aus Pforzheim" angerufen hat, daß ich montags immer und oft auch noch sonst in die Gruppe gehe, hat sie als selbstverständlichen Teil eines neuen Lebensabschnitts gesehen. Sie geht auch in Gruppen, nicht meinetwegen.
Margots Leben hat sich mindestens so grundlegend verändert wie meins, genauso zum Besseren. Sie hat genauso hart dafür gearbeitet, wenn nicht härter. "Manchmal beneide ich euch", hat sie mal gesagt, "ihr habt mit der Flasche eine konkrete Gefahr, vor der ihr euch hüten müßt. Bei mir ist alles viel diffuser." Angehörige haben es oft schwerer.
Unsere Ehe, die Clinch und Symbiose war, ist eine Partnerschaft geworden. Wir glauben, daß das auch unseren Kindern guttut. Peter, heute 17, der ältere, hat lange Angst gehabt, ich würde rückfällig werden. In Köln wollten wir - ich war gerade ein Jahr trocken - nach einem Stadtbummel noch einen Kaffee trinken, aber wir fanden kein Cafe, nur Kneipen. Er sträubte sich, da reinzugehen, hielt mich fest und weinte: "Da gibt es doch bloß Bier."
Als ich im Urlaub in Lugano in eine AA-Gruppe ging, die im Hinterzimmer eines Restaurants tagte, stand er hinterher aufgeregt und kreideweiß am Eingang: "Ihr habt Bier getrunken. Ich habe es durchs Fenster gesehen." Tatsächlich hatten ein paar italienische AAs, trotz heftiger Proteste der anderen, darauf bestanden, alkoholfreies Bier zu trinken. Ich fand das besoffen - auch im sogenannten alkoholfreien Bier ist Alkohol - und habe mich an Wasser gehalten. Peter war nur schwer zu beruhigen und lange mißtrauisch.
Christine, die jüngere, ist erst elf. Sie weiß, daß ich Alkoholiker bin, aber sie hat, hoffen wir, nicht allzuviel mitgekriegt. Obwohl man sich da leicht täuscht: "Einmal hast du ganz furchtbar geweint", weiß sie noch, "und so komisch geschrien. Die Mama hat gesagt, du warst krank." Heute ist Christine AA-Fan. Wenn sie jemanden mag, fragt sie: "Bist du bei AA?" Nein, warum? "Du bist so nett."
Auch Margot hat manchmal noch Angst. "Wenn dein Auto am Tage plötzlich vor der Haustür steht, kommen Momente von Panik", sagt sie. Sie werden seltener. Aber bestimmte Bilder bleiben. Wie auch die Wunden, die ich ihr in meiner Saufzeit gerissen habe: "Damit muß ich leben", sagt sie, "es hilft mir nicht, wenn ich die Schattenseiten wegdrücke."
Als ich aus der Klinik kam, bevor ich in meine heimische AA-Gruppe ging, wollte ich ihr versprechen, alles wiedergutzumachen. "Das geht nicht", sagte Margot. "Du kannst es nur von jetzt ab anders machen, und ich auch."
Es ist lebenswichtig für jeden Alkoholiker, sagen Suchtexperten und AA, daß er sich nicht dem Druck der alten Umgebung beugt. Alkoholismus ist eine Umfeld-Erkrankung. Wer dem Trinker im Suff geholfen hat, ist keineswegs nur Zuschauer.
Alkoholiker sind äußerst geschickt darin, Angehörige, Freunde und Kollegen zu manipulieren und zur Verharmlosung ihrer Sucht einzuspannen. Kindlich und charmant wie sie sein können, finden sie in ihrem offenkundigen Elend immer Helfer. Co-Alkoholiker nennen die AAs solche Menschen.
Es gibt, so der Psychologe Martin Hambrecht in der Zeitschrift "Psychologie Heute", den "mütterlichen Co", der den Symptomträger umhegt und in der Sorge für ihn aufgeht, weil er ihn für schwach und schutzbedürftig gegenüber der bösen Welt hält.
Es gibt den "väterlichen Co", der die Aufgabe und Pflichten für den Partner übernimmt, weil er ihn für unfähig hält, Selbstverantwortung zu tragen. Es gibt den "kumpelhaften Co", der immer ein Auge zudrückt und um der Freundschaft und des lieben Friedens willen alles mitmacht. Und es gibt - vor allem im Gesundheits- und Sozialbereich - den "beruflichen Co", der sozial sein will und sich für verpflichtet hält zu helfen.
Alle diese Cos, so haben es die AAs im Suff erlebt und nachträglich durchschaut, verhindern, daß der Alkoholabhängige seine Realität wahrnimmt und Konsequenzen zieht. Ist der Alkoholiker trocken geworden und braucht und will sie nicht mehr, fühlen sie sich um ihre Aufgaben gebracht.
Auch sie müssen umlernen. Viele Angehörige von AAs haben früh erkannt,
daß ihnen nicht damit gedient ist, wenn sie am Genesungsprozeß des trinkenden Partners nur als eine Art Anhängsel teilnehmen. Nach dem Muster von AA haben sie sich deshalb in eigenen Gruppen zusammengeschlossen: zu Al-Anon die Erwachsenen, zu Al-Ateen die Kinder.
Chris aus Hamburg, ein 18jähriges Mädchen, tritt in Frankfurt vor 5000 Menschen ans Mikrophon und erzählt von ihrem Vater, der mit AA trocken zu werden versucht, zur Zeit aber noch "experimentiert". Sie kann über die große Stimmungskanone auf allen Festen längst nicht mehr lachen. "Ich kenne alle seine Witze", sagt sie. Nachts im Traum hat sie voller Wut auf ihn eingeschlagen. "Ich habe ihn gehaßt", sagt sie. Jetzt haßt sie die Krankheit.
Alkoholismus ist eine hartnäckige und heimtückische Krankheit. Nicht nur, wer mit Trinksystemen herumspielt, bricht unweigerlich wieder ein. Auch wer sich, bestärkt durch jahrelange Abstinenz in den Gruppen, zu sicher fühlt, ist stets in Rückfallgefahr.
Meist kommt die aber nicht aus heiterem Himmel. "Dat Pikolöschen", das den Kölner Fred nach siebenjähriger Trockenheit für Wochen wieder aus der Bahn wirft und ihn fast seinen Job kostet, "dat Pikolöschen hat schon monatelang in mir rumrumort", bekennt er später. Lange bevor Fred umfällt, ist er im "Trockenrausch". Seine AA-Freunde bemerken es sehr wohl, wie er beginnt, selbstgerecht und wehleidig aufzutrumpfen. Ihre Warnungen kommen nicht an.
Der Anruf hatte mir gerade noch gefehlt. Sie sei gerade in der Nähe, sagte eine Bekannte, ob sie nicht mal vorbeikommen solle? "Das wär'' doch schön, oder?" Ich hatte sie lange nicht gesehen, mochte sie gern und sagte: "Klar, ich freue mich."
Ich freute mich aber überhaupt nicht. Ich steckte bis über beide Ohren in Arbeit. Nach einem langen Urlaub hatte ich mir freiwillig viel zuviel aufgeladen. Fast fünf Jahre war ich trocken, aber das alte Gefühl, nur soviel wert zu sein, wie ich leiste, war wieder da.
Immer mehr war ich unter meinen selbstgemachten Druck geraten, hatte plötzlich keine Zeit mehr, AA-Freunde zu treffen, vergaß Anrufe zu beantworten und riß nicht mehr täglich das Kalenderblatt ab. Wenn ich mein Gefühl für Zeit verliere, ist das ein untrügliches Zeichen, daß ich wieder besoffen zu denken beginne.
Und nun auch noch der Anruf. Wir trafen uns in einem Cafe, und ich erzählte ihr, die meine Krankheit kennt, die wahre Situation. Mein Unbehagen wuchs aber eher. Ich bekam zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Jedes Wort klang falsch.
Plötzlich bemerkte ich, daß ich das Glas mit Sprudel in der Hand hielt wie früher mein Whiskyglas. Auf einmal roch ich auch Whisky, sah im Glas die vertraute braune Flüssigkeit schwappen, überdeutlich - bis hin zu dem Fettrand, der entsteht, wenn man das Glas ein bißchen schwenkt.
Ich stellte das Glas nieder, stand auf und sagte: "Ich gehe jetzt zum Bahnhof." Bahnhof heißt für mich saufen: Immer wenn ich meine exzessiven Trinkphasen startete, fing ich im Wartesaal an. Irgendwie brauchte ich das Gefühl, abhauen zu können, auf den nächsten Zug zu springen und zu fliehen.
Soweit ist es diesmal nicht gekommen.
Die verhaltenstherapeutischen Mechanismen, die ich mir in jahrelangen AA-Gesprächen eingebleut hatte, funktionierten. "Heb den Telephonhörer, bevor du das erste Glas hebst." Ich sah eine gelbe Zelle und steuerte wie eine Marionette darauf zu. Tatsächlich war der Freund, den ich anrief, eine Viertelstunde später zur Stelle. Das war schön, aber im Grunde nicht mehr wichtig. Der lebensgefährliche Rückfallbann war schon gebrochen, als ich zum Telephon ging und nicht in den Wartesaal.
Nach einer amerikanischen Umfrage von 1974 verlassen von denen, die sich einmal mit den Anonymen Alkoholikern eingelassen haben, nur fünf bis zehn Prozent die Gemeinschaft für immer. Viele fallen zunächst wieder um, manche schaffen es erst nach Jahren, trocken zu bleiben. "Meine säuferische Unschuld hatte ich verloren, als ich zum erstenmal eine Gruppe ganz durchstand", sagt Paul aus Mannheim, "ich hab'' noch gesoffen, aber es hat keinen Spaß mehr gemacht."
Von denen, die gehen, können sich manche nicht mit den Lebensgeschichten der AAs identifizieren: die einen nicht, "weil ich so tief noch nicht war", die anderen nicht, "weil ich soviel Veränderung einfach nicht schaffe". Manchen ist der unverblümte Ton zu direkt, die Konfrontation in manchen Gruppen zu hart.
Dem einen wird zuviel Psychologie betrieben, der nächste ärgert sich über Tratsch, der dritte hat für "die mit ihrem komischen Gott" ohnehin nichts im Sinn.
"AA ist nicht für alle Alkoholiker geeignet", sagt Professor Wilhelm Feuerlein vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Nur, für wen AA geeignet ist und für wen nicht, kann er so wenig sagen, wie, wer Alkoholiker wird und wer nicht. Einen AA-Einheitstyp gibt es nicht.
Meist ist der erste Eindruck wichtig. Zwar rät AA dem Neuen, mindestens zehn Meetings mitzumachen und verschiedene Gruppen zu besuchen, bevor er ein Urteil fällt, aber diese Geduld haben "Nasse" kaum. Da muß es auf Anhieb funken.
Es gibt Gruppen, die machen es Anfängern schwer. Sie beschränken sich darauf, AA als eine soziale Nische zu betrachten, in der sie es sich gemütlich machen. Solche Jammerklubs oder Trockenstammtische werden meist von einem "Vier-Sterne-Alkoholiker" beherrscht. "Gruppenkönige" bestimmen Ton und Thema der Sitzungen. Das Programm reduziert sich auf die Schritte eins und zwölf: Flasche stehenlassen und das stolz weitersagen.
Rückfälle sind, wie der Psychosomatiker Walther Lechler anmerkt, in diesem Klima "sozialpathologischer Exklusivität" häufig. Aber auch das Gegenteil ist nicht ungewöhnlich: Die trockenen Alkoholiker vertrocknen auch seelisch und geistig. Sie sind nicht trocken, um zu leben, sie leben, um trocken zu bleiben;
sind solche Gruppen zudem noch religiös inspiriert, besteht die Gefahr, daß sie tatsächlich zur Sekte degenerieren und abheben. Mit ihrem Missionsgefühl oder ihrer Märtyrermentalität stoßen sie Neuankömmlinge und Außenstehende ab. Eine exhibitionistische Ader haben Alkoholiker, auch trockene, sowieso.
Sekten und Selbsthilfegruppen ist gemeinsam, daß sie, wie Michael Lukas Moeller sagt, eine Antwort auf die allgemeine Sinn- und Perspektivlosigkeit darstellen. Das gilt auch für AA.
Aber die Unterschiede sind deutlich: Wo Sekten eine vorgefertigte Identität zur Auflage machen, die akzeptiert werden muß, läßt AA jedem seine Individualität, fördert sie sogar. Wo Sekten durch ein genormtes Ritual der Verehrung gegenüber einem autoritären Götterwesen geprägt sind, leistet sich AA eine Art demokratischer Gottesvorstellung - jedem seine eigene höhere Macht.
Während Sekten hierarchisch gegliedert sind, auf Führung und Gehorsam aufbauen, kennt AA nur gleichberechtigte Partner, die ihren Weg aus eigenen Erfahrungen entwickeln und sich untereinander und mit dem Programm auseinandersetzen.
Eher als zu Sekten drohen deutsche AA-Gruppen zu Vereinen zu verkommen. Bei der tiefverwurzelten deutschen Neigung zu hierarchischem Denken - das der AA-Struktur völlig wesensfremd ist - bleibt die Gefahr immer groß, daß das Programm nicht als Anregung, sondern als Befehl verstanden wird, und daß Bill und Bob zu mythischen Führungssäufern hochstilisiert werden.
Lange versuchen sich viele AAs um die Erkenntnis herumzudrücken, daß ihr Zwölf-Schritte-Programm ein spirituelles Element enthält, daß es auch ein theologisches Programm ist. "Wir kamen zu dem Glauben, daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann", heißt es im zweiten Schritt. Der dritte lautet gar: "Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir ihn verstanden - anzuvertrauen."
Es ist dieser Teil des Programms, der die Anonymen Alkoholiker bei Außenstehenden und auch bei manchen Mitgliedern in den Geruch einer frömmelnden Loge bringt. Es ist freilich auch dieser Teil, von dem nicht nur die Gründungsväter, sondern auch viele Fachleute glauben, daß auf ihm der therapeutische Erfolg der Gemeinschaft beruht.
Die Anonymen Alkoholiker berufen sich auf den Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung als geistigen Anreger ihres spirituellen Programms. 1931 hatte der einen Freund des späteren AA-Gründers Bill Wilson behandelt und nach langen vergeblichen Versuchen aufgegeben. Nur eine tiefere geistige Erfahrung, im Grunde eine Art religiöses Erweckungserlebnis, könne ihn vom Alkohol befreien, hatte Jung ihm gesagt.
In einem Briefwechsel mit Bill schrieb Jung dreißig Jahre später über seinen damaligen Patienten: "Sein Drang nach Alkohol war, auf niederer Stufe, ein Ausdruck unseres spirituellen Durstes nach Ganzheit, oder, wie es die Sprache des Mittelalters sagt, nach der Vereinigung mit Gott." Jung verkürzt diesen Gedanken auf die lateinische Faustformel: "Spiritus contra Spiritum" - Geist gegen Weingeist.
Wissend, daß AA sich von Anfang an selbst ruinieren würde, wenn diese Einsichten eine Form fänden, die Agnostiker oder Atheisten von der Teilnahme ausschlössen, einigten sich die Väter der Anonymen Alkoholiker auf die Formel: "Gott, wie wir ihn verstehen." Die läßt jedem die Chance, sich auf die - ohnehin unausweichliche - Erkenntnis zu beschränken, daß er selbst nicht der Größte ist in seinem Leben und nicht alles in der Hand hat, wie er in seinem Alkoholwahn geglaubt hat.
Für viele ist die "höhere Macht" die Gemeinschaft der AA insgesamt, für manche die Gruppe. Der "aggressive Atheist und Sozialist" Wilhelm aus Aachen übersetzt "höhere Macht" mit Solidarität.
Daß sie am Schluß eines Meetings immer beteten, hat mich anfangs mächtig genervt. "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann", murmelten sie im Chor, "den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."
Ja, ja. Mußte das sein? In manchen Gruppen faßten sie sich sogar reihum an dabei. Ich war eher geniert als verärgert. Plötzlich wurde mir bewußt, daß die Gruppe sich in einem Raum des christlichen Kindergartens versammelt hatte.
Dann ließ einmal eine, die das Meeting leitete, Gott weg. Sie sagte das Gebet so, daß ich aufhorchte: "Ich wünsche mir die Gelassenheit ..."
Mir ging auf, daß dieses Gebet des Pfarrers Friedrich Christoph Oetinger aus der Barockzeit eine Lebensphilosophie enthält, mit der sich umgehen läßt, auch wenn man mit seinem christlichen Kindergott nichts mehr im Sinn hat.
Was bleibt, ist eine Haltung - Demut. Die mag man christlich nennen. Ich halte mich lieber an die ritterliche Definition, in der Mut, Stolz und Bescheidenheit zusammenfließen zu einer unarroganten Lebenseinstellung gegenüber meinen Mitmenschen. "Absteigen, runter vom hohen Roß, einreihen in das Heer der Alltagsmenschen, aufhören, sich als Sonderfall einzuschätzen", heißt es in einem Kommentar der AA. Das fällt mir schwer genug.
Die Solidarität meiner AA-Freunde als "eine Macht, größer als ich selbst" zu
akzeptieren, macht mir dagegen keine Mühe. Allein habe ich es nun einmal nicht geschafft, von der "höheren Macht" Alkohol wegzukommen. Darauf bin ich nicht stolz, dafür bin ich dankbar.
Gottvertrauen, Solidarität und die verzweifelte Erkenntnis jedes einzelnen, nicht mehr wählerisch sein zu können, müssen schon zusammenkommen, um eine Millionen-Gemeinschaft von unorganisierbaren Säufern in über hundert Ländern am Leben zu erhalten. Die Grundmaxime hängt in der Bremer Kontaktstelle an der Wand: "Tu, was getan werden muß, selber, gründlich und gleich."
Das kann natürlich nicht klappen. In die Telephonzentrale der Frankfurter Kontaktstelle stürzt ein AA-Freund mit hochrotem Kopf und schimpft: "Hier funktioniert nichts. Keine Hierarchie, keine Ordnung, keiner hat das Sagen." Ungerührt grinst Elisabeth, die das Telephon bedient: "Eben, draußen haben alle das Sagen, aber es funktioniert auch nichts." Dann nimmt sie einen von monatlich etwa 300 Hilferufen entgegen, die an die Frankfurter gerichtet werden.
Es klappt eben doch: Seit nun fast fünfzig Jahren gibt es AA. Mit knirschender Lebendigkeit, die sich nur regt, wenn irgend jemand sich selbst für verantwortlich erklärt, arbeitet die Gemeinschaft. Wenn Anarchie Ordnung ohne Herrschaft heißt, dann sind die Anonymen Alkoholiker eine funktionierende anarchische Gruppe.
So sieht es auch der Münchner Rechtsanwalt Peter Borlein, der gleichwohl durch seine Funktionen und Aufgaben dieses Prinzip ad absurdum zu führen scheint. Wenn er sein Münchner Postamt gleich um die Ecke von seiner Kanzlei betritt, dann schiebt der Schalterbeamte eilig seine Bierflasche unter den Tresen und sagt ins Telephon: "Ich habe hier den Präsidenten von die Anonyme Alkoholiker."
Borlein ist aber kein Präsident, er ist nicht mal Alkoholiker. Der Anwalt ist vielmehr der Geschäftsführer eines eingetragenen Vereins, der AA in der Öffentlichkeit vertritt. "Es ist richtig", sagt er, "daß AA eine Art organisierte Anarchie ist, aber die trifft immer wieder auf eine geregelte Welt, die mit dieser Gemeinschaft nicht umgehen kann." Das Finanzamt zum Beispiel, das vor Jahren eine Viertelmillion Mark Steuern nachkassieren wollte, weil AA in die deutschen Definitionen von Gemeinnützigkeit nicht paßt.
Die Erfahrung, daß es ganz ohne eine Art Satzung nicht gehen kann, machten die AAs bereits wenige Jahre nach den ersten Gruppengründungen. Es war eine dramatische Zeit. "Alles, außer Mord, passierte", erinnerte sich Bill. Zunächst übernahm er zusammen mit Bob "ein gewisses Führertum". Dann formulierten sie - sechs Jahre nach den programmatischen "Zwölf Schritten" - allgemeine Prinzipien für den Zusammenhalt der Gruppen und das Auftreten der AA nach draußen: die "Zwölf Traditionen".
Ein zentrales Büro entstand in New York zur Bewältigung der vielen Anfragen, die Zeitung "Grapevine" erschien; ein Literaturvertrieb wurde aufgebaut. Die Verantwortlichen wurden von den Gruppen gewählt. Sie haben keine Weisungsbefugnis. Die Anleitungen, die keine Anordnungen sein konnten, versuchten eine Balance zu finden zwischen dem größtmöglichen Freiheitsspielraum für jeden einzelnen und jede einzelne Gruppe sowie einem Höchstmaß an Einigkeit untereinander und im Umgang mit der Außenwelt.
Auf diese Weise ist kein Verband entstanden, sondern ein Netz von lokalen, _(An der Stirnwand die "Zwölf Schritte" ) _(des AA-Programms. )
autonomen Gruppen ohne statuarisch abgesicherte Rechte und Pflichten, ohne Beitragsverpflichtungen und ohne Karteien. Die Zentrale in New York, das General Service Office, vermittelt ein weltweites Netz von Kontakten.
Wenn Mike aus Los Angeles dieser Tage zum ersten Mal in Deutschland ist, dem Land, auf das er sich zeit seines Lebens wegen des herrlichen Bieres gefreut hat und das ihm jetzt genau aus diesem Grunde erhebliche Schwierigkeiten macht, weil er inzwischen trocken geworden ist, dann weiß er, wohin er sich wenden kann. Zur Verblüffung seines Geschäftspartners, dem er erzählt hat, er sei zum ersten Mal in Europa, zieht Mike bei seiner Ankunft in München einen Zettel mit mehreren Dutzend Telephonnummern aus der Tasche: mit lauter Vornamen.
Gleich am ersten Abend sitzt er in einer deutschen Gruppe, versteht kein Wort und ist doch zufrieden: "Ich weiß doch, worüber ihr redet, ich sehe und fühle, was euch bewegt. Das bewegt mich auch." Von München reist Mike nach Bonn, von Bonn nach Hamburg, von Hamburg nach London. Für alle Orte hat er Telephonnummern. "Bei AA", sagt er, "gibt es keine Fremden, nur Freunde, die ich noch nicht kenne."
Der Mann neben mir im Flugzeug von New York nach Frankfurt bestellte Milch, sein Nachbar zur Linken einen doppelten Martini. Ich sah den Milchtrinker verstohlen von der Seite an - Geschäftsmann offenbar, Südamerikaner. Ich bestellte auch Milch. Da guckte er einmal kurz auf.
Zum Essen wählte mein Nachbar Sodawasser, sein Nachbar Rotwein, ich auch Soda. Da grinsten wir schon mal kurz. Dann kam der Kaffee, beide ließen wir uns schnell zum zweitenmal nachschenken, rauchten auch schon jeder die dritte Zigarette. Sein Nachbar zog sich einen Cognac rein, dann noch einen. Wir grinsten, nun schon fast Verschwörer. Plötzlich fragte er: "Sie trinken nichts?" Nein. Er zögerte, dann fragte er direkt: "AA?" Ja. Es wurde ein schöner Flug. Jetzt habe ich auch in Mexiko-Stadt eine Telephonnummer.
Die Gewißheit, in Fällen seelischer Not und Einsamkeit gleichgesinnte Freunde finden zu können, gibt mir auf Reisen ein großes Gefühl von Sicherheit.
Nach zwei Wochen voller Arbeit in alkoholbeflügelter Umgebung mit Konferenzen, Partys, Arbeitsessen befiel mich in Madrid plötzlich, an einem Samstagmorgen, eine solche Unruhe, daß ich im Telephonbuch nachschlug. Ich fand eine Kontaktadresse und machte mich auf den Weg. In einem Mehrfamilienhaus in nicht sonderlich vertrauenerweckender Gegend fand ich die Buchstaben AA neben der Haustür. So lächerlich es klingen mag, mir kam das Wort Heimat in den Sinn. Ein Pfeil wies in den Keller. Am Ende eines Ganges stand ich vor einer verschlossenen Tür. Es waren aber Meetingzeiten angegeben und Telephonnummern. Das reichte. Meine Unruhe war weg: Ich wußte, wo ich hingehen könnte, wenn der Druck wiederkäme. Suchtdruck.
Ob in New York bei den "Rhinelanders", einer traditionsreichen Gruppe im Basement einer Kirche in der feinen Park Avenue, wo das Meeting auf einem intellektuellen und literarischen Niveau ablief, als träfe sich dort eine ungewöhnlich herzliche "Gruppe 47", oder in Cody/Wyoming, in Wien oder Dubrovnik - AAs sind überall und wissen einander zu finden. Auch in der DDR gibt es AA-Gruppen, sie dürfen nur nicht so heißen.
Nach US-Vorbild hat sich AA auch in der Bundesrepublik organisiert. Die zentrale Kontaktstelle ist heute in München. _(Anonyme Alkoholiker, gemeinsames ) _(Dienstbüro; Postfach 422, 8000 München ) _(1. )
Die einzelnen Gruppen wählen, wenn sie Lust haben und sich ein Interessierter findet, einen Vertreter für die Landes- oder Bezirksgruppe. Die wählt Delegierte für fünf "Intergruppen": Berlin, Mitte, Nord, Süd und West.
Daraus konstituiert sich der Hauptausschuß, dem außer je zwei Alkoholikern aus jeder Region zusätzlich fünf Nichtalkoholiker
angehören: Spezialisten in Sachen Alkoholismus - Ärzte also, Sozialarbeiter, Richter, Pastoren.
Alkoholiker, die sich freiwillig für solche Aufgaben zur Verfügung stellen, opfern viel Zeit. Heino, von der Intergruppe West, sagt: "Ohne AA wäre ich nicht mehr am Leben, und so finde ich es völlig in Ordnung, daß ein Drittel meiner Zeit für den Beruf draufgeht, ein Drittel für die Familie und ein Drittel für AA."
Natürlich steigern solche Ämter, so dienend sie auch gemeint sind, nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern sie verführen auch zur Machtausnutzung. Der AA-Funktionär ist nicht nur eine potentielle Gefahr, es gibt ihn. Er redet in Insider-Kürzeln davon, daß der RA-NA im HA über ein LG/AM-Papier referiert hat, daß der GDK vorgelegt werden soll. Dabei beruft er sich auf das "informierte Gruppengewissen". So spricht, spottet ein Robert in den internen Mitteilungen, der "AA-Überbau-Vereins-Apparat".
Daß dennoch - trotz unverkennbarer Neigung zu hierarchischem Denken bei "denen da oben" wie "unten an der Basis" - auch in der deutschen AA keine alkoholischen Führer groß werden können, dafür sorgt nicht nur das Rotationsprinzip, das in den überregionalen Gruppen niemanden länger als zwei Jahre in einer Funktion duldet. Dafür sorgt vor allem die Forderung nach Anonymität.
Viele Außenstehende sehen im Anonymitätsprinzip der AA vor allem eine Schutzfunktion für den einzelnen, was auch richtig ist. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Professor Manfred Franke, interpretiert diese Schutzhaltung sogar als Ausdruck eines Minderwertigkeitsgefühls: "Die verkriechen sich doch." Tatsächlich aber ist in Deutschland, ähnlich wie es David Robinson aus England berichtet, in den Gruppen eher ein Trend zu verspüren, sich so öffentlich zu seiner Krankheit zu bekennen, wie es der Schriftsteller Ernst Herhaus mit seinem Buch "Kapitulation, Aufgang einer Krankheit" getan hat.
Befürworter dieser Haltung argumentieren, daß AA damit mehr über sich und über die Krankheit unter die Leute bringen könnte, daß das positive Beispiel gelungener "Genesungen" ermutigend sei und daß überdies die Zusammenarbeit mit der professionellen Suchtkrankenhilfe erleichtert werde.
Nichts deutet darauf hin, daß AA als Gemeinschaft bereit wäre, diesen Vorschlägen zu folgen. Jedem einzelnen steht frei, seine Anonymität nach eigenem Ermessen zu lüften. Nach großen Anfangsschwierigkeiten - Bill Wilson war arg in Versuchung, sich für die Titelseite des Nachrichtenmagazins "Time" photographieren zu lassen, allerdings nur von hinten - kamen die AAs überein, die Anonymität als einen Akt der Demut zu betrachten.
Sie beschlossen, sich selbst als Personen den Prinzipien der Gemeinschaft zu unterwerfen und sich aus allen Fragen
der medizinischen Fachdiskussion, der politischen Erörterung und der religiösen Auseinandersetzung herauszuhalten. Bill: "Wir sind sicher, daß Demut, ausgedrückt durch die Anonymität, der größte Sicherheitsfaktor ist, den die Anonymen Alkoholiker jemals haben können."
Was für die Auswirkung gilt, gilt auch für den Stil der Gemeinschaft in den Gruppen: AA wäre in kürzester Zeit keine klassenlose Gesellschaft mehr, wenn jeder seinen Rang und seinen Reichtum, seinen akademischen Grad und seinen Namen mit in den Meetingsraum brächte. So heißen sie alle Hans und Franziska, ob sie nun Herr Hinz oder Frau Kunz sind, Herr Dr. Krethi oder Frau von Plethi.
Natürlich heiße ich nicht Horst Zocker. Natürlich habe ich die Namen aller erwähnten AA-Freunde und ihre Herkunftsorte verändert. Aus den Gruppen erzähle ich nur, was ich dort erlebt, empfunden und gesagt habe. "Was du hier siehst, was du hier hörst, laß es in diesem Raum." Ein solches Schild hängt in vielen Meeting-Zimmern.
Soweit Freunde zitiert werden, haben sie sich außerhalb der Gruppe geäußert, wissend zu welchem Zweck. Meine Urteile und Einschätzungen dessen, was in AA vorgeht, sind keine offiziellen oder halboffiziellen Verlautbarungen der Anonymen Alkoholiker. So etwas gibt es nicht, jeder redet nur für sich und in eigener Verantwortung über das, was er bei AA erlebt.
In meinem Freundeskreis und am Arbeitsplatz mache ich kein Geheimnis daraus, daß ich Alkoholiker bin und zu den AAs gehe. Ich schäme mich nicht, eher im Gegenteil. Aber ich verzichte dort auch deshalb auf meine Anonymität, weil ich so für noch trinkende und notleidende Kollegen und Freunde als Anlauffigur sichtbar bin.
"Diese Botschaft weitergeben", empfiehlt der 12. und letzte Schritt des AA-Programms - diese Hilfe für andere ist auch Selbsthilfe. Ich kann niemanden überzeugen, daß er Alkoholiker ist. Ich kann niemanden retten. Dem Alkoholismus anderer stehe ich so machtlos gegenüber wie meinem eigenen. Aber ich kann durch mein Leben zeigen, daß ein Weg aus dem Elend des Suffs möglich ist, auch: daß es sich lohnt.
Der zunehmende Bekanntheitsgrad der AA in Deutschland irritiert manchen, der schon lange dabei ist. Im Hauptausschuß sorgen sich die AAs und auch die zugewählten Nichtalkoholiker, ob die Gemeinschaft das schnelle Wachstum verkraften kann. Für 650 000 Mark hat AA im vergangenen Jahr Literatur umgesetzt, das sind 40 Prozent mehr als 1980.
Lothar Schmidt, Chefarzt der Psychosomatischen Abteilung des Jüdischen
Krankenhauses in Berlin und lange Mitglied des Hauptausschusses von AA, sagt: "AA in Deutschland wächst zu schnell in die Breite und zuwenig in die Tiefe." Und sosehr sich Manfred, der gewählte Delegierte der AA für Öffentlichkeitsarbeit, auch mehr Publizität wünscht, so besorgt fragt er sich, ob die Gemeinschaft verkraften kann, so bekannt zu werden wie das Rote Kreuz, was manche AAs wünschen.
Ausgeschlossen ist das nicht. In den USA sind die AAs so etabliert, daß Politiker wie der Demokrat Wilbur Mills - einst Mitbewerber um die Präsidentschaftskandidatur und viele Jahre der mächtigste Abgeordnete im Kongreß - und Politiker-Ehefrauen wie Betty Ford und Joan Kennedy ungeniert über ihre Mitgliedschaft reden.
Auch sprechen die Zeitläufte für AA: Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen entwickeln sich allenthalben, und AA gilt dem deutschen Selbsthilfespezialisten Moeller geradezu als die Urzelle für solche Gruppen.
Vor allem aber: Es wird weitergesoffen. Alkoholismus, glauben Fachleute, ist ein extremer Ausdruck für das durchgängige Lebensgefühl - wir leben in einem Suchtzeitalter.
Längst hat sich das Erfolgsprogramm der Anonymen Alkoholiker zur Selbsthilfe als Muster ausgebreitet. Nach dem Beispiel der AAs sind inzwischen nicht nur die Angehörigen von Alkoholikern organisiert, sondern auch Rauschgift- und Medikamentenabhängige (Narcotics Anonymous), Freßsüchtige (Overeaters Anonymous), Menschen mit seelischen Schwierigkeiten (Emotion Anonymous), Spieler (Gamblers Anonymous) und Eltern mit Erziehungsschwierigkeiten (Parents Anonymous).
Inhaltlich, so Herbert Ziegler von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, arbeiten inzwischen auch die Abstinenzlervereinigungen, wie Guttempler, Kreuzbund, Blaues Kreuz, ähnlich wie die AA, doch bleiben sie im Gegensatz zu dieser Gemeinschaft kirchlich oder weltanschaulich gebunden und nehmen auch Nichtabhängige auf. Auch fast alle Alkoholismustherapien in den Fach- und Landeskrankenhäusern sind ohne die Erfahrungen der AAs kaum mehr denkbar.
Aber die Anonymen Alkoholiker haben gelernt, öffentliches Lob als eine fragwürdige Angelegenheit zu erkennen. Bei ihrem deutschsprachigen Treffen in Frankfurt kam der Preisgesang für die AAs besonders dick - nicht zuletzt von den regierenden Konservativen. Kein Wunder: Unionspolitiker wie Unternehmer sehen im Selbsthilfekonzept ein gutes Alibi, um eigene soziale Leistungen zu reduzieren.
Der Hauptausschuß der AA hat sich unlängst mit der Frage befaßt, ob Gruppen Arbeitnehmern Teilnahmebescheinigungen ausstellen sollten, die sie zur Vorlage beim Arbeitgeber als Schutz vor Kündigungen haben wollten. Ergebnis: "AA kontrolliert ihre Mitglieder in keiner Weise. Deshalb kann eine Meetings-Teilnahme oder Alkoholenthaltsamkeit nicht bescheinigt werden."
Nicht nur Versuche politischer und sozialer Benutzung stecken hinter dem öffentlichen Schulterklopfen. Oft sind gerade besonders überschwengliche Lobhudeleien Ausdruck eines tiefen, uneingestandenen Mißbehagens. Unverkennbar ist, daß bei allen Lippenbekenntnissen zum Krankheitsbegriff des Alkoholismus die alte moralische Verurteilung noch tief sitzt. Dazu kommt, gerade bei den Profihelfern, eine nicht minder große Sperre gegen die Idee der Selbsthilfe.
Diskriminiert fühle ich mich nicht. Solange ich trocken bin und mich Alkoholiker nenne, habe ich nicht ein einziges Mal kritische oder gar abwertende Bemerkungen darüber zu hören gekriegt. Freilich - ich trinke ja auch nicht mehr. Auch gehöre ich zu den privilegierteren Mitgliedern der Gesellschaft. Je höher auf der sozialen Rangleiter einer steht, desto größer ist offenbar der Respekt, der ihm für seine Trockenheit entgegengebracht wird.
Allerdings erlebte ich einen anderen Effekt: Je besser meine beruflichen Leistungen wieder waren, desto stärker wurde auch die Neigung vieler Mitmenschen, meinen Alkoholismus als eine Art selbstbeschwörerischer Macke anzusehen. Sie tolerierten den "Alkoholiker", zwinkerten aber dabei unmerklich: Laß ihn doch,
wenn er das braucht. Von AA-Freunden weiß ich, daß es auch anders sein kann. Ist einer Pförtner, ist eine Reinmachefrau, dann scheint es schon schwerer, ihnen ihre Trockenheit zu glauben. Sie werden mit Argwohn angesehen, oft veräppelt, bei Betriebsfesten animiert und geraten leicht in Isolierung.
Sobald ich es freilich wage, in akademischer Gesellschaft, besonders unter Medizinern, ernsthaft den Wert von Selbsthilfegruppen zu preisen, gar die Arbeit in AA-Gruppen als "therapeutisch" zu bezeichnen, dann finde ich mich ebenfalls schnell isoliert.
Als Lothar Schmidt, mittlerweile Chefarzt einer Abteilung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin mit Lehrauftrag an der Freien Universität, vor 28 Jahren mit Alkoholabhängigen zu arbeiten begann, fragte ihn ein Kollege: "Lothar, kannst du Alkoholiker liebhaben?" Schmidt bejahte und sagt heute: "Wenn ich das einem Wissenschaftler sage, hält der mich für doof, aber das macht nichts."
Schmidt hat sein therapeutisches Programm eng an AA angelehnt und klagt über große Unkenntnis bei Ärzten und Psychiatern: "Zum Teil haben die nichts verstanden."
Die meisten Fachleute aus Medizin und den Psychoberufen wehren sich dagegen, die AA-Methode als Therapie gelten zu lassen. Empört sagte Franke vom Bonner Gesundheitsministerium: "In dieser Hinsicht werden die Selbsthilfegruppen ja überschätzt, man kann Therapie doch nicht ungelernten Kurpfuschern überlassen."
Auch Professor Feuerlein vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, der ohnehin nicht verstehen kann, daß Alkoholiker schon vor dem Frühstück Schnaps trinken, mag im AA-Prozeß keine Therapie-Methode sehen. "Mehr und weniger zugleich" sei AA, eine "Art Ideologie", "eine Bewegung, die auch den emotionalen Bereich erfaßt" - kurz, alles andere als eine seriöse, wissenschaftliche Methode. Feuerlein fehlen Fachleute, er vermißt Karteien und damit nachprüfbare Erfolgsstatistiken.
Die Gerichte, obwohl seit dem Grundsatzurteil von 1968 dazu genötigt, Alkoholismus als eine Krankheit zu bewerten, verlegen sich zunehmend darauf, ihre Urteile in der ganz frühen Phase des Trinkens anzusetzen.
"Eine chronische Trunksucht ist in aller Regel selbst verschuldet", entschied das Oberverwaltungsgericht Münster im August 1981 und bestätigte damit eine Disziplinarentscheidung, die einer Beamtin das Ruhegehalt verweigerte. "Jeder verständige Mensch weiß, daß längerer übermäßiger Alkoholgenuß zur Trunksucht führen kann", moralisieren die Richter und lassen sich auf die Charakteristiken des Alkoholismus, auf Trinkzwang und Kontrollverlust, gar nicht erst ein. Damit freilich kann kein Alkoholiker jemals ein Arbeitsgerichtsverfahren gewinnen.
Taxifahrer, die sich freiwillig in Behandlung wegen Alkoholismus begeben, werden ihre Führerscheine los. Die zuständigen Amtsärzte sind mit dem Datenschutz da nicht zimperlich. Hohe Beamte, die nach einer Therapie in den Dienst zurückkehren oder nur mit Hilfe der AAs trocken werden, machen die Erfahrung, daß die meisten Vorgesetzten und Kollegen es vorziehen, Alkoholismus weiter für ein Problem zu halten, das nur auf der Botenebene vorkommt. Insgesamt, stellt AA-Geschäftsführer Peter Borlein, als Anwalt Spezialist für Prozesse im Zusammenhang mit Alkohol, "weiterhin eine ganz affektive Haltung" gegenüber dem Problem fest - "vom Gerichtssaal bis in die Familien". Bis zum vergangenen Jahr auch war es ihm nicht möglich, für die AA seriöse Büroräume anzumieten.
Ich erschrecke immer noch, wenn in AA-Gruppen jemand schwungvoll ausruft: "Ich bin glücklich, daß ich Alkoholiker bin." Nein, glücklich bin ich darüber nicht. Dafür habe ich zuviel Unheil angerichtet, auch zuviel Leben verplempert, mindestens fünfzehn Jahre.
Aber verstehen kann ich gut, was der Freund meint. Wäre ich nicht durch
meine Krankheit gezwungen worden, mein Leben zu ändern, ich hätte nie viel über mich und andere erfahren. "Schade, daß du gestorben bist, ohne je gelebt zu haben", hat ein Freund am Grab eines anderen geflüstert. Und: "Schade, daß du gestorben bist, ohne mich je gekannt zu haben." Das hätte er vor sieben Jahren an meinem Grab sagen können, viel hat ja nicht gefehlt.
Krise als Chance. Es ist harte Arbeit. Bei AA habe ich in vielen hundert Stunden eine Menge über mich und andere und das Leben gelernt. Von dem Freund etwa, der einen Obststand auf einem Markt hat, sich in Gruppen aber ganz unmarktschreierisch vorstellt: "Ich heiße Paul, ich bin abhängig von Alkohol, Medikamenten und anderen Menschen." Abhängigkeit ist eine Lebenshaltung, sie beschränkt sich nicht auf Alkohol. Auch Sucht ist eine Haltung.
Bei manchem meiner alten Bekannten und Freunde gelte ich jetzt manchmal als "komischer Vogel", wobei alle eiligst versichern, sie meinten das positiv.
Spürbar ist aber doch fast stets eine unterschwellige Abwehr, verbunden mit einer offenkundigen Faszination, sobald das Gespräch auf das Thema Alkoholismus kommt. Es ist nicht schwer zu erkennen, daß die Abwehr mit Angst zu tun hat.
Die Sucht - und die Angst davor lauern offenbar in jedem. Worte wie Sehnsucht oder Eifersucht verraten es. "Die Sucht", sagt der Psychologe und Analytiker Wolfgang Schmidbauer, "das ist das Unheimliche in uns." Wer mag sich darauf schon einlassen? Bequem und beruhigender ist es, diese eigenen Anteile nur bei anderen zu sehen und sie dort moralisch abzuqualifizieren.
Der Suchtbegriff wird von Fachleuten zunehmend breiter interpretiert, nicht mehr nur im Zusammenhang mit Rauschmitteln gesehen. Das stimmt mit jedermanns Lebenserfahrung überein: Daß Arbeit eine Droge sein kann, daß Hochleistungssportler und andere Leistungsakrobaten rekordsüchtig sind, daß Konsum mit Habsucht zu tun hat und Macht mit Herrschsucht, ist jedem geläufig.
"Drogen machen nicht süchtig", sagt Walther Lechler, "Alkohol verursacht nicht den sogenannten Alkoholismus." Die "Metapher Alkohol", so Lechler, "ist ganz schlicht Synonym von Lebenslüge, _(Oben: Jessica Lange und Jack Nicholson ) _(in "Wenn der Postmann zweimal klingelt"; ) _(rechts: Szene aus "Das große ) _(Fressen". )
Selbstbetrug und Selbsttäuschung. Sie bezeichnet alles, was dazu dienen kann, unseren Blick vor der Wirklichkeit zu verstellen".
Diesem Zweck kann vieles dienen. Nicht nur Fressen, Rauchen und Kaffeetrinken - beliebte Mittel der Suchtverlagerung bei Alkoholikern - sind tauglich, sich unliebsame Realitäten vom Leibe zu halten. Es läßt sich auch Tierliebe verwenden oder Tourismus, Sex oder eine Sammelleidenschaft, Joggen und Putzen, Psychotherapie oder Suchtbekämpfung. Auch Arbeitswut oder AA kann als Sucht herhalten, um sich einem verantwortlichen Umgang mit dem Leben nicht stellen zu müssen.
Das Wort "Sucht" ist verwandt mit dem Wort "siech" und dem englischen "sick" und heißt krank. Mit Suchen hat der Begriff nichts zu tun, im Gegenteil. Süchtige begnügen sich mit inadäquaten, unerfüllten, nichtlohnenden Antworten auf das Leben.
Diese Sehweise verwischt die Grenze zwischen Alkoholikern und dem normal trinkenden Bürger bewußt. Lechler pflegt seine Mediziner-Kollegen auf Fachkongressen mit der Einleitung zu erschrecken: "Ich denke, daß der Suchtkranke uns durch sein Verhalten Fragen stellt, die uns peinlich sind. Sein Verhalten macht uns betroffen, weil wir erkennen müssen, daß er sich von uns nur wenig unterscheidet. Bei ehrlicher Betrachtung stellen wir fest, daß unsere Form des ''Süchtigseins'' sich besser verschleiern läßt, erlaubt ist, uns vielleicht sogar Anerkennung verschafft oder mindestens geduldet wird."
AAs haben, sobald sie nüchtern wurden, immer mehr Ähnlichkeiten zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft gesehen als der mit ihnen. Der frühere amerikanische AA-Rechtsvertreter Bernard Smith, Nicht-Alkoholiker wie sein deutscher Kollege Borlein, hat behauptet: "Das Mitglied (der AA) befand sich niemals in einer sklavischen Abhängigkeit vom Alkohol. Alkohol diente ihm einfach nur als ein Ausweg aus der persönlichen Versklavung durch die falschen Ideale einer materialistischen Gesellschaft."
Nicht zuletzt unter Berufung auf die Anonymen Alkoholiker gibt Lechler eine quasi religiöse Anwort auf die Frage, was dem Süchtigen eigentlich fehle. Für ihn ist das AA-Programm eine "Theo-Sozio-Psychosomatik". Die Frage nach dem fehlenden Sinn beantwortet er individuell und christlich. In seiner Klinik hält Chefarzt Lechler Bibelstunden ab.
Für andere ist süchtiges Verhalten und die Bemühungen, das zu korrigieren, ein gesellschaftliches Phänomen. "Ob die AAs das so sehen oder nicht, sie sind politisch", sagt Michael Lukas Moeller. Von den Selbsthilfegruppen bis zu den Bürgerinitiativen ist es für ihn nur ein Schritt.
Als politisch bezeichnet Moeller Selbsthilfegruppen, weil ihre Mitglieder für ihre Selbstbestimmung eintreten, sich miteinander solidarisieren, ihre eigenen Bedürfnisse artikulieren, in den Gruppen lernen, durch Dialog Schwarz-Weiß-Malerei und Freund-Feind-Bilder zu überwinden. Immer sei die Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe der erste Schritt zu einer nicht ausschließlich "privaten Aktion".
Lange Zeit habe ich schweigend dabeigesessen, wenn meine Freunde außerhalb AA sich in politischen Diskussionen die Köpfe heißredeten. Ich war einfach zu sehr mit mir selbst beschäftigt, mit meiner Krankheit, um mitmischen zu können.
Dabei habe ich mich früher immer für einen politischen Menschen gehalten, war bei Vietnam-Demonstrationen dabei, habe mit ohnmächtiger Wut den sowjetischen Einmarsch in Prag am Fernseher verfolgt. Gegen beide Aktionen habe ich vor allem kräftig getrunken.
Jetzt hatte ich Skrupel, daß ich mich zu sehr mit meinen Privatangelegenheiten beschäftigte. Vorwürfe alter 68er gegen "die neue Innerlichkeit" zog ich mir an. Langsam dämmerte mir aber in Gesprächen mit AA-Freunden dann, daß unsere Verkorkstheiten ähnliche Wurzeln hatten.
Daß meine Eltern mir Liebe zeigten, wenn ich ihren Erwartungen gerecht wurde, wenn ich arbeitete und etwas leistete, mich aber straften und enttäuscht waren, wenn ich nicht tat, was "man" von mir erwartete - das war nicht Ausdruck ihrer besonderen Bosheit. Das entspricht der in der kapitalistischen wie in der kommunistischen Industriegesellschaft
vorherrschenden Erziehungsnorm.
Mein Leben lang versuchte ich "gut" zu sein, um geliebt zu werden. In der Konkurrenzgesellschaft wird aber niemand dafür geliebt, daß er gut ist, er wird allenfalls bewundert, beneidet, oft auch gehaßt. Ich hatte versucht, es allen recht zu machen, und bekam immer zu wenig. In das Loch zwischen meinen Wünschen und den Realitäten goß ich Alkohol. War das allein meine Privatangelegenheit?
Die Anonymen Alkoholiker, von ihren Urvätern bis zum jüngsten Mitglied in der kleinsten Dorfgruppe, weisen das Ansinnen, eine politische Vereinigung zu sein, entsetzt von sich. "Es wäre eine Katastrophe, würden wir jetzt irgendwie am Rand der alternativen Szene angesiedelt", sagt Claus aus Kaiserslautern. Schnell hat jeder AA die Empfehlung der zehnten Tradition zur Hand: "AA nimmt niemals Stellung zu Fragen außerhalb ihrer Gemeinschaft, deshalb sollte auch der AA-Name niemals in öffentliche Streitfragen verwickelt werden."
Nicht nur nach außen enthält sich die Gemeinschaft jeder Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten. Auch in den Gruppen ist Politik direkt kaum je ein Thema. Zwar kommt es vor, daß einer seine depressive Grundstimmung oder seine Aggression mit dem Bonner Regierungswechsel begründet oder mit dem Stand der Genfer Verhandlungen, doch meldet sich gewiß dann gleich einer, der erklärt, genau aus diesem Grunde könne er zum erstenmal seit langem wieder ruhig schlafen. Die Toleranz in den Gruppen verkraftet solche seltenen Ausflüge in die Tagespolitik.
Dennoch schlägt sich Politisches intensiv nieder. Einmal sind Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Schwierigkeiten, Änderungen der Mietgesetze, Auseinandersetzungen mit der Polizei bei Demonstrationen für Betroffene bedrohliche, persönliche Themen, die zum Rückfall führen können.
Zum anderen sind AA-Gruppen ein vorzüglicher Seismograph für Stimmungsschwankungen in der Bevölkerung. Wann immer durch Zeitungen oder Fernsehen Kriegsangst oder Furcht vor Umweltkatastrophen geweckt werden, steigt der Angstpegel in den Meetings. Es scheint, daß die Sensibilität für existentielle Gefährdungen des einzelnen und der Gemeinschaft in diesen Gruppen ausgeprägter ist als in der übrigen Bevölkerung. Alkoholiker sind eben Experten für Selbstmord auf Raten.
An diesem Punkt setzt eine Denkschule an, die Parallelen zwischen der zunehmenden Zahl von Suchterkrankten und dem Verhalten der Gesellschaft insgesamt sieht. Karl A. Geck, Suchtexperte und Arzt, glaubt, daß die Suchterkrankungen heute "individuelle Manifestationen eines gesellschaftlichen Zustandes"
seien. Auch "unsere Welt torkelt wie ein Alkoholiker von Krise zu Krise".
Der einzelne Süchtige stellt in seiner Sicht eine "karikaturhafte Extremvariante des dominierenden Menschentyps unserer Zeit dar". Der Analytiker Wolfgang Schmidbauer verweist auf einen Trend, der diese Extremvariante sogar zum Normalfall wachsen sieht: "Es gibt Hochrechnungen, nach denen es in etwa 200 Jahren in den USA mehr Alkoholiker als Nichtalkoholiker geben wird." Vorausgesetzt, die Welt hat soviel Zeit.
Die krampfhaften Bemühungen, atomares Wettrüsten und physische wie psychische Verelendung von Millionen Menschen, Baumsterben und Nahrungsmittelvergiftung zu verleugnen oder zu verharmlosen, sind, darin wissen sich die Spezialisten dieser Schule einig, reines Suchtverhalten. "Wir Fixer", überschreibt Schmidbauer einen Aufsatz in der Zeitschrift "Natur", in der er behauptet, daß die "gegenwärtige Lebensform" soviel Zukunft habe "wie die Dinosaurier in den Sümpfen der Jurazeit".
Auch der 1980 gestorbene Amerikaner Gregory Bateson, Anthropologe und Psychologe, glaubte, daß die Welt - bewohnt von einer Gattung, die sowohl eine fortgeschrittene Technologie besitzt, als auch diese eigenartige Weltanschauung der Trennung von Geist und Materie, die den Menschen gegen seine Umgebung stellt - kaum überleben könne. Nicht von ungefähr kommt er zu dieser Erkenntnis in einer auf AA-Erfahrungen basierenden kybernetischen "Theorie des Alkoholismus".
Ich denke an die gezeichneten Gesichter meiner AA-Freunde, erlebe ihren täglichen Kampf gegen die Flasche, sehe, wie jeder für sich - aber nicht mehr allein - ums eigene schiere Überleben kämpft. Nein, in die Gruppe gehört dieses Thema nicht, es sei denn, ich geriete darüber ans Saufen.
Dann wäre es aber auch kein Thema. Sie würden mich an meine Machtlosigkeit erinnern, würden sagen: "Nimm dich nicht so wichtig." Nein, die AA-Gruppe ist kein Ort, um zu Friedensmärschen oder Öko-Camps aufzurufen. Das darf sie auch nicht werden.
Und doch empfinde ich Nüchternwerden als politisch, ist mein Blick auf die Welt, sind mein Leben und meine Arbeit durch die Selbsterfahrung geprägt, die ich AA verdanke. Meine einst hochentwickelte Fähigkeit, mich bei eigenen und fremden Selbstzerstörungsprozessen zu belügen, hat in diesen sieben AA-Jahren stark gelitten. Darauf bilde ich mir nichts ein; gebrannte Kinder haben keinen Grund zum Hochmut. Ich bin trocken, und sehe, wie besoffen es in der Welt zugeht.
"Wir haben es uns angewöhnt, gut funktionierende Verleugnungsmechanismen mit seelischer Gesundheit gleichzusetzen", sagt Schmidbauer. Wir, die Suchtgesellschaft. Alkoholiker gehen nur dann an ihrer Sucht zugrunde, wenn sie darauf beharren, lieber sterben zu wollen, als Veränderung zu riskieren. _(Links: Opfer des Massakers im ) _(Palästinenser-Lager Chatila im September ) _(1982; rechts: hungernde Kinder in ) _(Indien. )
An der Stirnwand die "Zwölf Schritte" des AA-Programms. Anonyme Alkoholiker, gemeinsames Dienstbüro; Postfach 422, 8000 München 1. Oben: Jessica Lange und Jack Nicholson in "Wenn der Postmann zweimal klingelt"; rechts: Szene aus "Das große Fressen". Links: Opfer des Massakers im Palästinenser-Lager Chatila im September 1982; rechts: hungernde Kinder in Indien.
Von Horst Zocker

DER SPIEGEL 39/1983
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