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DER SPIEGEL

Brauchtum„Koalition des Anstands“

BAP-Gründer Wolfgang Niedecken, 64, über seine Verehrung für Angela Merkel, Karneval unter Polizeischutz und das Erbgut des Kölners
SPIEGEL: Herr Niedecken, Sie haben Ihr halbes Musikerleben lang gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gekämpft. Wenn Sie nun die massive Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik betrachten: War Ihr Engagement vergebens?
Niedecken: Nein, ich bin weit davon entfernt, zu resignieren. Ich habe "Kristallnaach" 1982 geschrieben, damals gab es "Rock gegen Rechts", wir traten gegen Neonazis und Skins an. Zehn Jahre später, nach den pogromartigen Bränden von Rostock und Mölln, starteten wir die "Arsch huh"-Bewegung, und wieder war mir bewusst: Diese Probleme bleiben uns erhalten. Alles andere wäre blauäugig gewesen.
SPIEGEL: Aber möchte man nicht – indem sich die Verhältnisse bessern – auch mal belohnt werden?
Niedecken: Was kann ein Musiker tun? Er kann seinen Teil dazu beitragen, dass die Menschen nicht verhärten. Musik handelt von und mit Gefühlen. Ich predige keine Gewissheiten. Ich bilde mir nicht ein, dass ich als Künstler schlauer bin als mein Schuster oder mein Zahnarzt. Sagen zu wollen, wo es langgeht, wäre anmaßend.
SPIEGEL: Sie sind frei von Eifer, die Menschen zu überzeugen?
Niedecken: Ich kann Songs schreiben und auf der Bühne präsentieren, die bei den Leuten einen Impuls setzen. Nachzudenken. Nachzufragen. Dinge zu hinterfragen. Ich habe viel erreicht, wenn die Leute sich bei einem Song vorstellen, wie es wäre, wenn in Deutschland ein Bürgerkrieg toben würde. Und keiner fliehen könnte, weil die Grenzen nach Frankreich oder Dänemark dicht sind. Was das bedeutet, würde ich wahrscheinlich sogar einem AfD-Wähler klarmachen können.
SPIEGEL: Also ist Ihr Sendungsbewusstsein doch noch intakt.
Niedecken: Jene, die jetzt der AfD folgen, sind hoffentlich nicht alle so verbohrt wie die Typen am Mikrofon, wie Petry, Höcke oder wer sich da sonst noch hervortut. Zum AfD-Publikum gehören ganz viele ratlose, schlecht informierte Menschen, die eventuell gar nicht so verhärtet sind, dass sie nicht mehr erreichbar wären. Und um die lohnt es sich zu kämpfen.
SPIEGEL: Was haben Sie empfunden, als Ihre Heimatstadt Köln nach der Silvesternacht weltweit als Hort sexueller Übergriffe Schlagzeilen machte?
Niedecken: Ich war überrascht, dass dies ausgerechnet in diesem Melting-Pot Köln passieren konnte. Und erstaunt, wie schnell sich ein Keil in unsere Gesellschaft treiben lässt. Wie schnell das Pendel umschlägt von der Willkommenskultur im Herbst zu den Reaktionen nach Silvester.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung?
Niedecken: Wahrscheinlich setzen sich zu wenige Menschen mit politischen Fragen auseinander. Was im Nahen Osten passiert, hat uns viel zu lange nicht interessiert; das konnte man ja auch bequem wegzappen. Jetzt sind die Flüchtlinge aber bei uns angekommen. Und auch der Terrorismus schlägt nun unübersehbar hier in Mitteleuropa zu. Wegzappen geht nicht mehr.
SPIEGEL: Aber Zurückschicken ginge – und Mauern bauen.
Niedecken: Das ist doch nur Wahlkampf, und zwar ein ganz spießiger. Ich habe einen großen Respekt vor Angela Merkel, wie sie sich positioniert hat und das durchhält. Zum ersten Mal seit ewigen Zeiten sehe ich das C in dem Parteinamen nicht als Etikettenschwindel an. Ich bin froh, dass sich aus allen ernst zu nehmenden, demokratischen Parteien eine Koalition des Anstands gebildet hat.
SPIEGEL: Köln hat diesmal Karneval unter Polizeischutz gefeiert. Die Jecken haben sich in ihrem Frohsinn davon nicht stören lassen ...
Niedecken: ... was anderes hätte ich von meinem Stamm auch nicht erwartet. Karneval ist hier eine Naturgewalt. Als nach Beginn des Irakkriegs 1991 der Rosenmontagszug abgesagt wurde, haben die Kölner, ungehörig wie sie sind, sofort eine Alternative ins Leben gerufen: den Geisterzug, ohne Mottowagen, ohne Kamelle, nur mit Trommlern und einer durchaus politischen Botschaft. Diesen "Jeisterzoch" gibt es seitdem jedes Jahr am Karnevalssamstag.
SPIEGEL: Wieso ist es den Kölnern gelungen, mit den Vorfällen am Hauptbahnhof vergleichsweise unbeeindruckt umzugehen?
Niedecken: Kölner sind per se Weltmeister im Verdrängen. Aber sie reagieren auch besonnen. Als vor anderthalb Jahren die "Hooligans gegen Salafisten" am Breslauer Platz wüteten, haben alle gepennt, die Bürger, die Stadt, die Polizei. Bei ihrer zweiten Demonstration hatte Hogesa schon keine Chance mehr – die Gegendemonstration war um ein Vielfaches größer. Was ich sagen will: Die Silvesternacht war furchtbar, aber sie hat die kölsche Seele nicht auf einen anderen Trip bringen können.
SPIEGEL: Wie ist diese Immunisierung gegen rechte Parolen erklärbar?
Niedecken: Wenn ich hier an meinem Schreibtisch sitze und rausgucke, sehe ich den Rhein. Das ist die eine Verkehrsader, die seit Jahrhunderten die Leute hierherbringt. Und die andere war hier seit der Römerzeit über viele Jahrhunderte die einzige Brücke über den Fluss, das ist die Rheinüberquerung, wo heute die Deutzer Brücke steht. Zwei Handelswege, die sich kreuzen, haben Köln zu einer Metropole gemacht, in der man immer mit Fremden klarkommen musste. Notgedrungen.
SPIEGEL: Das Erbgut des Kölners ist fremdenfreundlich?
Niedecken: Ich bin 1971 als Kunststudent in die Teutoburger Straße gezogen, Hausnummer 5, Hochparterre. Ich war der einzige Deutsche in dem Haus. Es gab eine griechische Familie, eine türkische, die übrigen waren Italiener. Zehn Jahre bin ich dort geblieben und denke immer noch gern an die Zeit mit all den Nicolettis, den Guccugliatas und den Belürs, die mich Jungspund unter ihre Fittiche nahmen.
Interview: Alfred Weinzierl
Von Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 7/2016
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