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DER SPIEGEL

GEWERKSCHAFTENWird Zunder geben

Eine Gruppe von Oppositionellen in der IG Chemie möchte den Vorstand zu einem härteren Kurs zwingen.
Im August, auf der Feier zu seinem 60. Geburtstag, bekam IG-Chemie-Chef Karl Hauenschild nur Gutes zu hören.
Bundeskanzler Helmut Schmidt war des Lobes voll. Hauenschild sei ein Mann, der für die Arbeitnehmer etwas herausholt, "ohne verblasenen und vertrockneten Ideologien anzuhängen". Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach fand sogar, Hauenschild habe "aus dem gewerkschaftlichen Handwerk eine Kunst gemacht".
In dieser Woche, auf dem Bundeskongreß der IG Chemie-Papier-Keramik in Mannheim, wird Hauenschild wenig Schmeichelhaftes hören. Der linke Flügel der Gewerkschaft will gegen ihn und seine Politik mobil machen.
"Es wird Zunder geben", prophezeit ein Sprecher der Hauenschild-Opposition. "Eine grausame Schlacht" sagt auch Hauenschild selbst voraus.
In Mannheim wollen, ungewöhnlich für eine solche Wahl, sieben Kandidaten um vier Sitze im geschäftsführenden Hauptvorstand kämpfen. Noch ungewöhnlicher: Zu den Kandidaten zählt auch ein amtierendes Vorstandsmitglied, dem per Mehrheitsbeschluß das Mißtrauen ausgesprochen wurde. Der Kollege Paul Plumeyer hatte nämlich öffentlich Beschlüsse des Vorstandes kritisiert.
Plumeyer und die von ihm angeführte Opposition werfen Hauenschild vor, er praktiziere einen autoritären Führungsstil. Die demokratischen Rechte der Mitglieder würden durch Hauenschild und Genossen eingeschränkt.
Als Beispiel führen die Hauenschild-Kritiker einen Beschluß an, den der IG-Chemie-Vorstand erst vor einem Jahr durchgesetzt hatte. Danach brauchen gewerkschaftliche Vertrauensleute in den Chemiebetrieben nicht unbedingt von den Mitgliedern gewählt zu werden; sie können vielmehr in bestimmten Ausnahmefällen von den Verwaltungsstellen berufen werden.
Die Oppositionellen in der IG Chemie-Papier-Keramik wollen in Mannheim erreichen, daß diese Bestimmung, weil undemokratisch, bis 1983 abgeschafft wird. Der Vorstand dagegen hatte keine zeitliche Begrenzung vorgesehen.
Überdies wird es in Mannheim zum Streit über die Rechte des gewerkschaftlichen Beschwerdenausschusses kommen. Die gewerkschaftsinterne Opposition wehrt sich gegen Pläne, die Kompetenzen dieses Ausschusses zu beschneiden.
Hinter der vordergründigen Kabbelei um Kompetenzen und Satzungsfragen verbirgt sich ein ernster Konflikt. Den Oppositionellen geht es vor allem darum, daß die politischen Aktivisten an der Basis künftig mehr Spielraum bekommen und nicht der Kurs der IG Chemie gegenüber den Arbeitgebern weiterhin durch den kompromißbereiten Stil des Vorsitzenden Karl Hauenschild geprägt wird.
Worum es ihnen geht, wollen die Hauenschild-Kritiker auch durch die Auswahl ihrer Kandidaten für den Vorstand deutlich machen. Denn neben Plumeyer treten auch die hauptamtlichen Funktionäre Ferdinand Patschkowski und Dieter Kretschmer an.
Der eine, Patschkowski, ist zum Symbol des Widerstandes gegen Hauenschild geworden, weil er sich erfolgreich seiner von dem IG-Chemie-Chef betriebenen Kündigung widersetzt hatte (SPIEGEL 14/1979). Der andere, Kretschmer, profilierte sich dadurch, daß er mit einem Streik die Stillegung eines Chemiewerkes in Wuppertal verhinderte.
Niemand will offenbar Hauenschild die Führungsrolle streitig machen. Aber wenn sich die oppositionellen Kandidaten in Mannheim durchsetzen, könnte der Kurs der IG Chemie gegenüber den Arbeitgebern härter werden, als dem Vorsitzenden lieb ist.

DER SPIEGEL 37/1980
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