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DER SPIEGEL

ROCKMUSIKGewaltige Chöre

Der Kölner Band „Bap“ gelangen überraschende Hit-Erfolge mit Dialekt-Rock.
Bis zum ersten Coup dauerte es 44 Wochen: So lange hielt sich die Platte mit dem Titel "Für usszeschnigge!" auf mittleren Positionen in der bundesdeutschen LP-Bestsellerliste auf, bis sie die Nummer eins war. Innerhalb eines Jahres verkaufte sie sich 500 000mal.
Zwei Wochen später, am 13. September, war sie den Spitzenplatz wieder los und rückte auf Nummer zwei. Denn ganz oben thronte nun die Platte "Vun drinne noh drusse". Von dieser LP waren in der Rekordzeit von vier Wochen 400 000 Stück abgesetzt. Der Kölner Band "Bap" war der zweite Coup gelungen.
Noch vor zwei Jahren war der Dialekt-Rock der Gruppe außerhalb der Dom-Schatten kaum bekannt. In Köln aber lag S.277 man den Lokalmatadoren längst zu Füßen.
Der Bap (Vater) von "Bap" ist Wolfgang Niedecken, 31. Er ist der Frontmann der Band, er singt und schreibt die Texte. Sie sind in Kölner Umgangssprache abgefaßt, miefen aber keinen Schunkelfrohsinn aus, sondern reagieren kritisch und empfindsam auf die Ungereimtheiten der Welt.
Wie ein deutscher Bob Dylan singt Niedecken im Song "Kristallnaach" bittere Anmerkungen zum dumpfen "Ausländer raus"-Gebrodel. Dabei rettet er mit phantasievollen Bildern sein Stück vor der platten Vordergründigkeit abgestandenen Polit-Rocks.
Auf der Bühne verausgabt sich Niedecken in der Manier von Stars der Fraktion "ehrlicher Rock" und bleibt bis zum Ende der zwei- bis dreistündigen "Bap"-Konzertmarathons ungemein freundlich. Auf zwei ausgedehnten Deutschland-Tourneen und bei zwei spektakulären Fernsehauftritten teilte der charismatische Sänger seinem anhänglichen Publikum, hauptsächlich Jugendlichen um die 20, euphorisierende Kicks aus. Gewaltige Fan-Chöre singen in "Bap"-Konzerten Zeile für Zeile mit.
"Wir sind selbst lang genug Publikum gewesen und haben uns von arroganten Leuten auf der Bühne abfucken lassen", erklärt Niedecken. "Die sind dann auf ihrer Wolke wieder weggeschwebt." So wollen die sieben Mitglieder der Gruppe die Bap-tisten nicht behandeln.
Trotzdem kann es sich Niedecken nicht verkneifen, auch einmal von oben herab zum Publikum zu singen und dabei den Zeigefinger zu heben. Im Song "Wellenreiter" steht er über dem Getümmel und mahnt die Jugend, sich nicht an jede neue Modewelle anzuhängen und nicht "pausenlos dä Trends wie 'ne Komparse hingerher" zu laufen.
Seinen eigenen Musikstil hatte Niedecken gefunden, als er so alt war wie sein Publikum, und den pflegt er heute noch. Als er 1980 in New York vor dem Folk-Laden stand, in dem 1961 Bob Dylan aufgetreten war, erinnerte sich der frühere Kunststudent an das Werk des lange verehrten Vorbilds und schrieb die Kölner Version des Dylan-Klassikers "Like a Rolling Stone": "Wie 'ne Stein".
Auch sonst fühlen sich Niedecken und "Bap" dem störrischen Impetus des Sechziger-Jahre-Rock verpflichtet. Ganz oben auf der Liste der "Bap"-Einflüsse stehen die "Rolling Stones". Ihnen waren sie ganz nahe, als sie im Juli in Köln im Stones-Vorprogramm auftraten und den Jubel des riesigen Arena-Publikums kassierten.
Schon vorher, am 10. Juni, hatte die Band Erfahrung mit einer größeren Zuhörerzahl gemacht. Weil sie in den sechziger Jahren, den Jahren des politischen Engagements, gegen den "No Future"-Nihilismus geimpft worden waren, spielte "Bap" vor jenen 350 000 Leuten, die in Bonn gegen die Nachrüstung protestierten.
Von politischen Bewegungen oder der Alternativ-Szene möchte sich die Gruppe aber nicht vereinnahmen lassen. Der "Interessengemeinschaft alternative Marktlücke" mag Niedecken nicht angehören, und er versteht sich nicht als Teil der "alternativen Industrie".
"Wenn man sich bemüht, zum Bestehenden etwas Alternatives zu finden, einfach zu probieren, ob's irgendwie bessergeht", S.279 erläutert Niedecken, "würd' ich sagen, sind wir alternativ."
So macht sich Niedecken lustig über Anzeichen einer muffigen Kontrolleursgesinnung in Alternativ-Zirkeln, wenn er seine Ballade vom "Müsli-Män" singt. Das ist ein Blockwart-Typ, der immer einschreitet, wenn er Abweichungen vom amtlichen Alternativ-Kanon wittert:
"Ich stund friedlich en der Frittenbuud / plötzlich woor hä do, / met su 'nem Feuerschwert un Heil'jenschein, / lange, blonde Hoor, / bläcke Fööß met nur Sandale drann / schweb hä op mich zo, / speut messjanisch op ming Currywoosch."
Noch sperren sich die Mitglieder des "Bap"-Clans dagegen, mit ihren Platin-Platten auch das adäquate, von schwerreichen Rock-Superstars vorexerzierte Luxusleben anzunehmen. Obwohl ein Haufen Tantiemen-Geld aus den Plattenverkäufen zu erwarten ist, wollen sie sich weiterhin mit 2000 Mark im Monat als Fixum fürs Leben begnügen. Was mit dem Löwenanteil der Einkünfte geschehen soll, ist ihnen im Augenblick des überraschenden Erfolgs noch ein Rätsel.
So lassen sie sich die Voraussetzung für die überschwengliche Publikums-Begeisterung, ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Fans, nicht abgezockt zu werden, etwas kosten.
Trotz wachsender Popularität kassierten die neuen deutschen Rock-Idole auf ihrer jetzt gestarteten Deutschland-Tournee für die Eintrittskarte nur 13 Mark, während sich durchschnittliche Konzertpreise inzwischen bei 20 Mark eingependelt haben.
Die Tournee, sie dauert bis in den März 1983, ist ausverkauft. "Bap" spielt in kleinen Zweitausender-Hallen, um den direkten Publikumskontakt nicht zu verlieren. Noch haben es sich die Rock'n'Roller aus der Kölner Südstadt nicht auf ihrer Wolke bequem gemacht.

DER SPIEGEL 40/1982
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