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DER SPIEGEL

AnalyseMittelalter oder Moderne

Warum wir zu 90 Prozent das Falsche über Pakistan denken
Vielen im Westen gilt Pakistan als ein Synonym für Terror und Unterdrückung, Armut und Chaos. Doch vor Kurzem erließ das Parlament der bevölkerungsreichsten Provinz, des Punjab, ein sehr fortschrittliches Gesetz zum Schutz von Frauen – und es zeigt, dass unser Bild des Landes in vielen Punkten falsch ist.
Männer, die ihre Frauen schlagen oder emotional misshandeln, können künftig vor Gericht gezerrt und etwa ihres Hauses verwiesen werden. In schweren Fällen sollen sie sogar Armbänder oder Fußfesseln mit Überwachungsfunktion tragen. Punjabs Regierungschef Shebaz Sharif setzt damit ein Zeichen. Er zeigt, dass die meisten Pakistaner keineswegs rückständige Extremisten sind. Pakistanische Frauen fliegen Kampfjets, leiten Firmen, eine Frau hat zwei Oscars für ihre Filme bekommen. Das Wachstumspotenzial von Indiens westlichem Nachbarn ist riesig und seine geografische Lage zwischen der Weltmacht China und dem Arabischen Meer günstig. Die Mittelschicht wächst.
Natürlich gibt es auch die anderen, die Extremisten, die dieses Bild regelmäßig beschädigen, wie die Taliban oder Maulana Fazl Ur Rehman, den Chef der Taliban-freundlichen Jamiat Ulema-e-Islam-Partei. Sie repräsentieren vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung, aber mit ihren Verbindungen zu Terroristen halten die Ultrakonservativen das Land als Geisel. Männer wie Rehman betrachten das Gesetz als schmerzhafte Niederlage, weil es "im direkten Konflikt mit der Scharia" (Rehman) stehe.
So prallen in Pakistan täglich Mittelalter und Moderne aufeinander. Die Gesetzesnovelle weist jedoch deutlich die Richtung, in die Pakistan mehrheitlich strebt. Sollten Männer wie Regierungschef Sharif sich durchsetzen, kann dem Land der Fortschritt endlich gelingen.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 15/2016
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