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DER SPIEGEL

So gesehenYes we Gauck

Wie sich der Bundespräsident ein Beispiel an Obama nehmen könnte
Spätestens seit dieser Woche wissen wir, dass der "Mic Drop", auf Deutsch: das Mikrofonrunterfallenlassen, die ultimative, ja coolste Abschiedsgeste ist, die man sich denken kann: letzter Satz, Arm ausstrecken, Mikrofon fallen lassen, Ende.
So hat sich der amerikanische Präsident Barack Obama auf seinem letzten Correspondents' Dinner seiner Amtszeit von den Journalisten des Weißen Hauses verabschiedet. Und gerade wir Deutschen, die sonst jede seiner Reformen kleingeredet haben, müssen es ihm lassen: Wenn es um Stilfragen geht, ist Obama der coolste Präsident überhaupt.
Es ist natürlich ungerecht, Obama mit anderen Präsidenten zu vergleichen, allein schon deshalb, weil sein Mic Drop unausweichlich war. Nach acht Jahren ist in Amerika für jeden Präsidenten Schluss, weshalb sich Obama, 54, nie die Frage stellen musste, ob er weitermacht, sagen wir bis 82. Vor dieser Frage steht jetzt Joachim Gauck, 76. Seit Monaten darf, will oder kann er nicht sagen, ob er für eine zweite Amtszeit Präsident bleiben will, also bis zu seinem 82. Geburtstag. Nicht nur ihn beschäftigt die Frage: Ist er zu alt?
Ist er natürlich nicht, sagen die, die unbedingt wollen, dass Gauck weitermacht. Sie finden sogar, dass er gerade wegen seines Alters Bundespräsident bleiben sollte, sozusagen als Signal an alle Senioren, dass man sich heute wegen seines Alters nicht mehr diskriminieren lässt. Es gäbe da aber noch eine ganz andere, viel coolere Idee: Mic Drop mit 76.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 19/2016
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