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DER SPIEGEL

Medizin„Märchen von den Wunderheilungen“

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, 53, über den Schutz von Patienten vor gefährlichen Therapien von Heilpraktikern
SPIEGEL: An einem alternativen Krebszentrum im niederrheinischen Brüggen wurden Patienten unter anderem mit dem Wirkstoff 3-Bromopyruvat behandelt. Drei Menschen starben nach einer Therapie. Wieso durfte der dort praktizierende Heilpraktiker mit diesem hochreaktiven Molekül behandeln, das zuvor nur an einzelnen Menschen erprobt worden war?
Lauterbach: Wir haben hier eine riesige Rechtslücke. Die über 40 000 Heilpraktiker in Deutschland dürfen alles einsetzen, was nicht nachgewiesenermaßen schädlich ist. Wir wissen nichts über das medizinische Wissen dieser Leute, nichts über ihre Methoden, nichts über die Komplikationen ihrer Therapien. Es ist alles eine riesige Blackbox. Register einzuführen, in denen Heilpraktiker-Behandlungen dokumentiert werden, wäre ein erster Schritt, Licht ins Dunkel zu bringen.
SPIEGEL: Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens von den Grünen unterstützt die Idee, dass Heilpraktiker in Zukunft ein Studium absolvieren sollen. Was halten Sie davon?
Lauterbach: Nichts. Ich warne sogar vor der Pseudoaufwertung dieses Berufs. Warum sollte man ein Fach mit einem universitären Abschluss belohnen, das sich nicht an die Regeln der Wissenschaft hält? Ich bin ja auch gegen einen Master in Astrologie oder Alchemie.
SPIEGEL: Und den Heilpraktikerberuf einfach ganz verbieten?
Lauterbach: Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Ich glaube aber, dass das Verbot rechtlich schwer durchsetzbar wäre. Und man würde die Heilpraktiker zu Märtyrern machen, zu vermeintlichen Opfern der Pharmaindustrie.
SPIEGEL: Was bleibt noch?
Lauterbach: Ich bin dafür, dass sich jeder schwer kranke Patient, der sich von einem Heilpraktiker behandeln lassen will, zuvor von einem neutralen, schulmedizinischen Arzt beraten lassen muss. Dieser Arzt könnte nicht nur in Ruhe erklären, was die Schulmedizin zu bieten hat, sondern dem Patienten auch helfen, die typischen Märchen der Heilpraktiker zu durchschauen: das Märchen vom "Aushungern" des Krebses, von Wunderheilungen und der bösen Pharmaindustrie. Apple-Mitgründer Steve Jobs würde vielleicht noch leben, wenn er bei seinem eigentlich gut behandelbaren Krebs nicht zunächst auf alternative Methoden gesetzt hätte.
Von Vh

DER SPIEGEL 36/2016
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