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DER SPIEGEL

Notrufe„Große Hürde“

Die Leiterin des Hilfetelefons beim Bundesamt für Familie, Petra Söchting, über zunehmende Gewalt gegen Frauen
SPIEGEL: Laut Bundeskriminalamt ist die Zahl der Opfer partnerschaftlicher Gewalt gestiegen, in mehr als 80 Prozent der Fälle trifft es Frauen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen beim Hilfetelefon?
Söchting: Das BKA bezieht sich auf Taten, die zur Anzeige kommen. Das ist aber nicht die ganze Dimension: Wir beraten auch Frauen, die sich in dieser Statistik nicht wiederfinden. Bei uns steigt die Zahl der Kontakte jedes Jahr, wir sind jetzt bei über 27 000 Beratungen im Jahr 2016.
SPIEGEL: Welche Art von Gewalt erleben die Menschen, die Ihre Nummer 08000 116 016 anrufen?
Söchting: Leider alle Formen der Gewalt. In 56 Prozent der Fälle im vergangenen Jahr ging es um häusliche und Partnerschaftsgewalt. Wir haben zu tun mit Stalking, Zwangsheirat, Beschneidung oder Gewalt gegen Prostituierte.
SPIEGEL: Gewalt wird gern als ein soziales oder Unterschichtenproblem dargestellt. Trifft das zu?
Söchting: Unserer Erfahrung nach nicht. Gewalt erleben Frauen in jedem Alter und auch in jeder sozialen Schicht.
SPIEGEL: Gibt es Warnsignale, wann es gefährlich wird?
Söchting: Gewalt folgt oft einer bestimmten Dynamik. Manchmal fängt es harmlos an. Mein Partner fragt mich 20-mal am Tag: Wo bist du? Ist das Interesse oder Kontrolle oder Eifersucht? Dann beginnen verbale Übergriffe oder Verbote. Und schließlich gipfelt es in körperlicher Gewalt.
SPIEGEL: In welchen Situationen rufen Frauen bei Ihnen an?
Söchting: Manchmal bei konkreter Gefahr. Dann geht es um schnelle Hilfe durch einen Polizeieinsatz. Es melden sich aber auch Frauen, deren Gewalterfahrung schon länger zurückliegt, die lange brauchen, um darüber zu sprechen. Aber bei ungefähr der Hälfte aller Anrufe war der letzte Übergriff am selben Tag oder in derselben Woche.
SPIEGEL: Warum dauert es oft zu lange, bis Menschen um Hilfe bitten?
Söchting: Gewalt verletzt nicht nur körperlich, sie demütigt und erniedrigt auch. Und wenn diese Erfahrung aus dem unmittelbaren Umfeld kommt, vom Partner, Kollegen, Freund, neigen Frauen dazu, sich selbst eine Mitschuld zu geben. Viele fürchten auch, nicht ernst genommen zu werden. Weil der Partner nach außen hin freundlich ist und nur hinter verschlossenen Türen aggressiv wird. Manchmal ist es auch die Angst vor weiterer Eskalation.
SPIEGEL: Nur etwa ein Drittel der Betroffenen zeigt die Gewalttaten bei der Polizei an – aus welchem Grund?
Söchting: Dahinter steckt die Scham, dass sehr persönliche Geschichten öffentlich werden, auch die Angst vor dem juristischen Verfahren. Sich zu lösen aus der Beziehung und handlungsfähig zu werden ist ein Kraftakt, eine strafrechtliche Verfolgung steht dabei nicht immer an erster Stelle, sondern erst mal die Hoffnung auf Änderung, Besserung.
SPIEGEL: Wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?
Söchting: Wir leisten eine erste Beratung, anonym, niedrigschwellig, kostenlos, rund um die Uhr. Ein Großteil der Frauen meldet sich abends oder nachts. Wenn das gewünscht wird, vermitteln wir in jedem einzelnen Fall passgenau weiter an Unterstützungsangebote vor Ort. Wir sind gut vernetzt mit Frauenhäusern, Interventionsstellen, Beratungsstellen, der Polizei. Aber es kommt vor, dass wir keine passenden Hilfsangebote finden: weil kein Dolmetscher da ist, die Frauenhäuser überfüllt sind oder Frauen mit Behinderung auf zu viele Barrieren stoßen.
SPIEGEL: Gibt es mehr Hilferufe aufgrund der gestiegenen Flüchtlingszahlen?
Söchting: Geflüchtete Frauen sind in besonderem Maße von Gewalt betroffen, schon in ihrer Heimat oder der Herkunftsgesellschaft. Das setzt sich hier fort mit Gewalt in der Familie oder in der Unterkunft. Für sie ist es schwieriger, Hilfe zu finden. Wir bieten deshalb Unterstützung in 15 Fremdsprachen. Frauen berichten oft erstmals in ihrer Sprache über ihre Erfahrungen. Wir klären sie dann auch über ihre Rechte als Frau in Deutschland auf.
SPIEGEL: Das BKA schlüsselt die Gewalt auf nach deutschen Tatverdächtigen mit rund 72 Prozent und nichtdeutschen von rund 28 Prozent. Spiegelt sich das bei Ihnen auch so wider?
Söchting: Das BKA geht von den angezeigten Taten aus. Eine Anzeige ist für eine geflüchtete Frau eine noch größere Hürde. Wir wissen nach unserer Erstberatung auch nicht, ob es zu einer Anzeige kommt. Aber wir wissen: Die Nachfrage nach Gesprächen mithilfe einer Dolmetscherin hat sich bei uns von 2014 auf 2015 verdoppelt.
SPIEGEL: Haben Gewalttaten wie die in Hameln, wo ein Mann seine Expartnerin niederstach und hinter dem Auto durch die Straßen schleifte – was bundesweit Entsetzen auslöste –, einen Effekt auf Ihre Arbeit: Trauen sich danach eventuell mehr Menschen, sich rechtzeitig bei Ihnen zu melden?
Söchting: Die Darstellung so drastischer Fälle wie der in Hameln rüttelt viele wach. Aber Gewalt beginnt weit vorher und ist sehr alltäglich in verschiedensten Formen. Möglichst früh zu wissen, dass man Hilfe finden kann und wo, ist wirksamer als so eine Einzelfallschilderung.
SPIEGEL: Ist das Hilfetelefon selbst auch Ziel von Gewalt?
Söchting: Wir werden beschimpft, belästigt, beleidigt. Wir schützen unsere Beraterinnen so gut es geht durch Anonymität, Supervision, Weiterbildungen. Alle 60 Mitarbeiterinnen sind ausgebildete Fachkräfte. Das ist kein Ehrenamt, sondern harte und professionelle Arbeit.
Interview: Markus Deggerich
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 48/2016
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