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DER SPIEGEL

SPIEGEL-Gespräch„Leiden ist mein Antrieb“

Der neue Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, 31, über heilsame Niederlagen und darüber, was ein Zen-Meister in Japan damit zu tun hat
SPIEGEL: Herr Rosberg, kein Formel-1-Pilot hat so viele Rennen benötigt, um Weltmeister zu werden. Hatten Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?
Rosberg: Nein, Aufgeben gibt es bei mir nicht. Aber ich hatte einen heftigen Tiefpunkt. Vor einem Jahr in Austin, Texas. Nachdem ich zum zweiten Mal den Kampf um den Titel gegen Lewis Hamilton verloren hatte. Ich habe mich zwei Tage lang verkrochen und nachgedacht.
SPIEGEL: Was ging Ihnen durch den Kopf?
Rosberg: Die Niederlagen gegen Lewis waren hart. Ekelhaft. Ich habe mir gesagt: So etwas will ich nie wieder erleben. Das war der Wendepunkt. Es war der Anfang dessen, was ich nun erreicht habe.
SPIEGEL: Wie wurde innerhalb eines Jahres aus dem Verlierer Rosberg ein Gewinner?
Rosberg: Ich habe versucht, mich zu verbessern, wo ich nur kann. Ich meditiere zum Beispiel schon lange. Mein Traum war es, einmal einen Zen-Meister zu treffen. Mir wurde einer aus Japan empfohlen, dem habe ich geschrieben. Formel-1-Fahrer zu sein ermöglicht es, dass so ein Zen-Meister irgendwann tatsächlich antwortet. Ich bin zu ihm nach Kyoto gereist, vor dem Rennen in Japan.
SPIEGEL: Ist das Ihr Ernst?
Rosberg: Mein voller Ernst. Das Rennen danach habe ich gewonnen. Ein wichtiger Sieg, danach lag die WM in meiner Hand.
SPIEGEL: Was lernt man bei einem Zen-Meister?
Rosberg: Vereinfacht gesagt geht es darum, die Achtsamkeit zu trainieren. Du nimmst dir Momente, in denen du dich entspannst und auf deine Gefühle konzentrierst. So lernst du, diese früh zu erkennen. Dadurch überraschen sie dich nicht so.
SPIEGEL: Wann machen Sie das?
Rosberg: Du kannst es jederzeit und überall machen, auch beim Gehen. Zack, Achtsamkeit, wie fühle ich mich gerade?
SPIEGEL: Auch im Rennauto?
Rosberg: Es ist nicht einfach, es geht nicht immer, aber es geht auch dort.
SPIEGEL: Was bringt einem das?
Rosberg: Du lernst, Emotionen zu akzeptieren, sogar negative wie Wut oder Angst. Die Niederlagen gegen Lewis haben mir nicht geschadet, sondern mich vorangebracht. Sonst wäre ich heute nicht Weltmeister.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, Sie seien Hamilton heute dankbar dafür, dass er Sie häufig besiegt hat?
Rosberg: In gewisser Weise schon. Ich sehe das so: Leiden ist mein Antrieb, um besser zu werden. Wir alle wollen es reduzieren. Deswegen arbeiten wir an uns. Es ist ultimativ wichtig, unser Leiden zu erkennen und es anzunehmen, statt sich dagegen zu sperren und sich ständig zu ärgern: Was ist das hier für eine Scheiße, wieso muss ich so etwas fühlen?
SPIEGEL: Sie wirken schwerer zu erschüttern als früher. Und noch eine Veränderung fällt auf: Sie fahren aggressiver und härter im Zweikampf. Das haben Sie aber nicht vom Zen-Meister gelernt, oder?
Rosberg: Das habe ich durch nüchterne Analyse begriffen. Andere waren da einfach besser. Lewis zum Beispiel. Diese Eins-zu-eins-Duelle sind seine Stärke. Ich habe mich entschieden, mehr Risiko einzugehen. Und schnell gemerkt: Das funktioniert ja. Geht doch.
SPIEGEL: Was bedeutet es Ihnen, erst spät in der Karriere ganz oben anzukommen?
Rosberg: Ich hatte zumindest nicht das Problem, mit schnellem Erfolg zurechtkommen zu müssen. Definitiv nicht.
SPIEGEL: Dabei sah es zunächst anders aus. Schon mit 20 kamen Sie in die Formel 1, nachdem Sie in den Nachwuchsklassen immer zu den Allerbesten gehört hatten.
Rosberg: Dort hatte ich alles gewonnen. Als ich 2006 in die Formel 1 kam, galt ich als neuer Schumacher. Doch dann kam der Schock. Ich habe gemerkt: Mit Gewinnen ist hier erst mal nichts. Daran musste ich mich gewöhnen.
SPIEGEL: Die Erwartungen an Sie waren gewaltig, auch weil Ihr Vater, Keke Rosberg, 1982 den Weltmeistertitel gewonnen hatte.
Rosberg: Viele haben mich nur als "der Sohn von ..." gesehen. Mein Vater schien das einzig Interessante an mir zu sein.
SPIEGEL: Versuchten Sie, das zu ignorieren?
Rosberg: Ja, das ging. Ich hatte es ja schon mein Leben lang gehört. War nicht schlimm, aber leicht nervig.
SPIEGEL: Damon Hill, der Weltmeister von 1996, litt darunter, der Sohn von Graham Hill zu sein, einem zweimaligen Champion aus den Sechzigern. In seiner Autobiografie schreibt er: "Den größten Teil meines Lebens suchte ich nach einer Antwort auf die große Frage: Bin ich nur eine Wiederholung von Graham Hill, ein Graham Hill, Teil zwei? Oder bin ich Damon Hill, Teil eins?" Kamen Ihnen jemals ähnliche Selbstzweifel?
Rosberg: Nein, die Formel 1 war mein Kindheitstraum. Mein Vater hat mich inspiriert. Die Rennen, die Autos, die Fans, die Siege – das wollte ich auch haben. Anders als ich musste Damon Hill damit zurechtkommen, dass sein Vater gestorben war, als er selbst erst 15 Jahre alt war. Das hat es für ihn schwierig gemacht, denke ich.
SPIEGEL: Worin liegt der Unterschied?
Rosberg: Mein Vater hat mir sehr dabei geholfen, meinen Weg zu gehen. Sponsoren aufzutreiben, das richtige Rennteam zu finden, den nächsten Schritt zu planen. Und was er richtig toll hinbekommen hat, das war, im richtigen Moment loszulassen.
SPIEGEL: Wie lief das ab?
Rosberg: In meinem ersten Jahr in der Formel 1 haben wir gemerkt, dass es besser ist, wenn er sich komplett rauszieht.
SPIEGEL: Besser für wen?
Rosberg: Für uns beide. Wir neigen beide zu starken Meinungen. Es gab schwierige Diskussionen. Was lehrreich war, aber nicht so easy für mich. Mein Vater ist eher der Latino, instinktgesteuert. Ich bin ganz anders, ein rationaler Typ. Ich überlege erst, bevor ich reagiere.
SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Konflikte gelöst?
Rosberg: Durch Reden. Es war ein gemeinsam geführter Prozess. Ich durfte meine eigenen Fehler machen und daraus lernen. Das hat sich sehr gut angefühlt.
SPIEGEL: Sie haben Ihren Vater, der stur sein kann, überredet, sich rauszuhalten?
Rosberg: Er ist weise. Manchmal dauert es nur ein bisschen, bis die Einsicht kommt.
SPIEGEL: Bei Ihren Rennen taucht er selten auf. Sogar in Abu Dhabi, wo Sie vor einer Woche Weltmeister geworden sind, kam er erst zum Feiern an die Strecke.
Rosberg: Er wollte nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Aber jetzt habe ich auch geschafft, was er geschafft hatte. Wir können das Glück miteinander teilen. Das ist so verdammt cool.
SPIEGEL: Sie mussten immer aus dem Schatten anderer heraustreten. Als Sie 2010 zu Mercedes wechselten, verpflichtete das Team kurz nach Ihnen Michael Schumacher. Mit dem konnten Sie nicht aushandeln, dass er sich zurückhält.
Rosberg: Alles drehte sich um ihn. Wir saßen für Fotos auf den Vorderreifen unseres Rennwagens, aber alle fotografierten ihn. Und bei mir? Nix. So ging es weiter. Du gehst zu einer Besprechung mit den Ingenieuren, beide Fahrer werden angesprochen, aber mich guckt niemand an. Nur den Michael. Wenn er in den Raum kam, sind alle aufgesprungen. Eigentlich sollten wir gleichrangig behandelt werden.
SPIEGEL: Wie haben Sie darauf reagiert?
Rosberg: Ich musste mir erst Respekt verschaffen. Ich habe die Leute direkt angesprochen: "Bitte beachtet uns beide, schenkt mir genauso viel Zeit und Aufmerksamkeit. Das habe ich verdient." Meistens habe ich Michael auf der Strecke geschlagen.
SPIEGEL: Nach drei Jahren kam Lewis Hamilton als Schumachers Nachfolger zu Mercedes. Wieder ein Superstar. Wurde es dennoch leichter für Sie?
Rosberg: Da hatte ich meine Position im Team bereits gefestigt. Aber es blieb schwierig, schließlich war Lewis schon Weltmeister gewesen.
SPIEGEL: Gegen ihn haben Sie, anders als bei Schumacher, oft verloren. Sogar zweimal die Weltmeisterschaft. Jetzt haben Sie unerwartet zurückgeschlagen. Hat sich Hamilton zu sicher gefühlt?
Rosberg: Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es hart ist für ihn. Vielleicht noch härter als für mich in den vergangenen Jahren. Er ist ja der Weltmeister – Entschuldigung: Er war der Weltmeister.
SPIEGEL: Mehr denn je wirken Sie bei den Rennen auf sich fixiert, manchmal unnahbar. Selbst Ihr Teamchef Toto Wolff sagt: "Ich sehe den echten Nico Rosberg nur selten. Und ich bezweifle, dass es da draußen irgendjemanden gibt, der das tut." Warum verhalten Sie sich so?
Rosberg: Um mich zu fokussieren. Mein Blick war darauf gerichtet, möglichst jedes Rennen zu gewinnen statt an den möglichen Titel zu denken. Ich habe nicht nach links und rechts geschaut, und alles, was nicht hundertprozentig nötig war, ausgeblendet. Diesen Abstand braucht man. Das geht nicht anders, sonst wirst du wahnsinnig. In der Formel 1 prasseln so viele Meinungen auf dich nieder, so viel Polemik, da geht es drunter und drüber.
SPIEGEL: So schlimm?
Rosberg: Es ist teilweise eine bekloppte Welt. Es treffen viele Egos aufeinander. Jeder denkt an sich selbst und versucht, sich einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. So wie in jedem Business. Aber die Formel 1 ist ein Extremfall, weil sie eine kleine Welt ist, in der viel Geld steckt.
SPIEGEL: Wo haben Sie Freunde? In Monaco, wo Sie aufgewachsen sind?
Rosberg: Da habe ich großes Glück. Ich hatte eine tolle Schulklasse in Nizza, viele von damals sind heute meine Kumpels. Wir haben einen ähnlichen Hintergrund: Wir kommen aus wohlhabenden Familien, haben aber alle unser Leben selber in die Hand genommen. Niemand hat sich auf das zurückgezogen, was die Eltern erreicht hatten. Unsere eigenen Erfolge, die teilen wir miteinander. In Monaco gibt es auch Jungs, die noch keine 18 sind und zum Geburtstag schon einen Ferrari geschenkt bekommen.
SPIEGEL: Ihr Vater stammt aus Finnland, Ihre Mutter aus Wiesbaden. Anders als Michael Schumacher und Sebastian Vettel haben Sie nie in Deutschland gelebt. Was bedeutet es Ihnen, als Deutscher wahrgenommen zu werden?
Rosberg: Ich bin deutsch aufgewachsen, zu Hause haben wir deutsch gesprochen und deutsches Fernsehen geschaut. Mir ist es wichtig, dass mich die Leute in Deutschland in ihr Herz schließen. Wir sind bekannt in der Welt für unsere Tugenden wie Fleiß, Disziplin, Ehrgeiz. Wenn Menschen diese Attribute in mir sehen, macht mich das stolz. Ich habe immer versucht, mich in schwierigen Phasen durchzubeißen und nicht aufzugeben.
SPIEGEL: In dieser Saison waren Sie bis zum Schluss gefordert. Beim letzten Rennen in Abu Dhabi ging es um alles oder nichts. Hamilton führte, Sie lagen dicht dahinter. Von hinten schlossen Vettel und Max Verstappen auf. Hamilton fuhr immer langsamer, um den beiden hinter Ihnen die Chance zum Überholen zu bieten. Wäre das passiert, dann wäre der Titel für Sie futsch gewesen.
Rosberg: Ich habe in den letzten beiden Runden mit allem gerechnet. Ich wusste nicht, wie verrückt mein lieber Lewis ist und wie weit er sein Spielchen treiben wird. Ein kleiner Fehler von mir, und es wäre vorbei gewesen. Die Arbeit des ganzen Jahres für die Katz, mehr noch: von 25 Jahren als Rennfahrer. Jesus!
SPIEGEL: Verzwickte Situation.
Rosberg: So optimistisch und kämpferisch ich auch sein möchte, aber in dem Moment kamen Ängste hoch, einfach nur Ängste.
SPIEGEL: Ein Fall für eine spontane Zen-Meditation?
Rosberg: Da? Können Sie vergessen.
SPIEGEL: Herr Rosberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Aktualisierung

Rosberg beendet seine Karriere

Nach Redaktionsschluss für die gedruckte SPIEGEL-Ausgabe teilte Weltmeister Nico Rosberg mit, dass er mit sofortiger Wirkung seine Formel-1-Karriere beendet. „Ich spüre eine große Erleichterung. In den nächsten Wochen werde ich bestimmt noch mehr verstehen, was und wie dieses Jahr alles passiert ist. Danach werde ich das nächste Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Ich bin gespannt, was es bereithält für mich“, schrieb der Mercedes-Pilot auf seiner Facebook-Seite. red
Stand: 17:30 Uhr

* Detlef Hacke und Lukas Eberle in Wiesbaden.
Von Detlef Hacke und Lukas Eberle

DER SPIEGEL 49/2016
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