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DER SPIEGEL

„Wir haben euch satt“

Montag, 25. September 1989
Spremberg
Seit zehn Jahren träumen der Kraftfahrer Volkmar Stellmach und seine Frau Carola, beide 31, vom goldenen Westen. Gurken kaufen, ohne anzustehen, gute Medizin für den lungenkranken Sohn besorgen und auch mal an die Adria fahren - das ist ihre Vision vom besseren Leben.
Das Glück scheint für das Ehepaar aus Spremberg bei Cottbus und die Kinder Doreen, 9, und Oliver, 5, zum Greifen nahe.
Schon 60 000 DDR-Bürger durften seit Jahresbeginn - wenn auch häufig erst nach üblen bürokratischen Schikanen - legal in den Westen ausreisen. Am 19. August gelang 668 DDR-Urlaubern in Ungarn die Massenflucht nach Österreich. Und vor 14 Tagen hat die liberale Budapester KP-Regierung überraschend die Westgrenze geöffnet. Seither drängen durch das Loch im einstmals Eisernen Vorhang mehr und mehr Ungarn-Urlauber aus der DDR, allein in den letzten acht Wochen über 20 000.
"Honecker hat im ,Neuen Deutschland' eine Anzeige aufgegeben", beginnt einer der Flüsterwitze, die in den Kneipen und Kantinen des Arbeiter-und-Bauern-Staates kursieren: "Biete Staat, suche Arbeiter und Bauern."
Noch'n Witz: "Weißt du schon, dass nächstes Jahr die Personalausweise abgeschafft werden?" - "Wieso?" - "Na ja, die paar Leutchen, die dann noch da sind, kennt Honecker persönlich."
Die Stellmachs wollen nicht zu den Letzten zählen. Sie glauben nicht mehr an die Reformfähigkeit der überalterten Führungsspitze um den 77-jährigen SED-Generalsekretär, der, gerade an der Gallenblase operiert, von Gerüchtemachern totgesagt und von Spaßvögeln verspottet wird: "Was ist der Unterschied zwischen einer Kaffeemaschine und dem Politbüro?" Antwort: "Eine Kaffeemaschine kann man wenigstens entkalken."
Die Stellmachs haben vor Wochen ein Visum für eine Ungarn-Reise beantragt, um in den Westen entwischen zu können. Der cremefarbene Trabi ist frisch überholt, die Koffer stehen gepackt im Schlafzimmer der engen Plattenbauwohnung, die im Volksmund "Arbeiterschließfach" heißt.
Was den Stellmachs noch fehlt, ist der Bewilligungsbescheid der Volkspolizei.
Leipzig
Freigebig kredenzt der Zahnmedizinstudent Michael Arnold, 25, seinen Freunden in dieser fröhlichen Nacht ein ganz besonderes Getränk: "Brotwein", gebraut aus Zucker, Wasser, Backwerk und vergorenen Früchten.
Denn es gibt Anlass zu feiern in Arnolds Küche im Leipziger Osten: Mit dem Arme-Leute-Gesöff stößt die junge Runde auf den Erfolg der bislang größten oppositionellen Demonstration in der sächsischen Metropole an.
Wie an jedem Montag seit der Messe am Monatsbeginn sind am Nachmittag nach dem traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche Christenmenschen zu unangemeldetem Protest zusammengekommen. Doch diesmal waren es nicht 1000 Demonstranten (wie beim ersten Treffen am 4. September) und auch nicht 3000 (wie vor einer Woche), sondern - ei guggemol do! - an die 8000 Leipziger.
Sie lassen sich nicht einschüchtern von den grün uniformierten "Schnittlauchen" mit ihren wütend kläffenden Schäferhunden und auch nicht von den Greiftrupps, die noch am Montag zuvor auf einen Schlag 128 Demonstranten festgenommen und auf Lastwagen abtransportiert haben - wegen "Zusammenrottung", wie Demonstrationen im DDR-Deutsch heißen.
Doch je härter die Staatssicherheit zupackt, desto beherzter singen die Protestler "We shall overcome", die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, desto häufiger strecken sie den Arm zum "Victory"-Zeichen empor, desto lauter rufen sie ihre Parolen, die - Leipziger Allerlei - kein Komitee koordiniert.
Die Minderheit der "Ausreiser", einige mit Gorbatschow-Stickern, schmettert auch an diesem Montag "Wir wollen raus". Die Mehrheit der "Bleiber" dagegen - "Wir bleiben hier" - schreit nach besseren Lebensbedingungen: "Reisefreiheit statt Massenflucht".
Die Bleiber scheuen den Sprung in den glitzernden Westen. Doch sie wollen nicht ewig "DDR" sein, "Der Doofe Rest".
Alle Demonstranten eint der kaum verhüllte Zorn auf die Ost-Berliner Führung. Noch frisch ist der Ärger über die Kommunalwahl am 7. Mai, als die Regierenden behaupteten, 98,85 Prozent der Stimmen kassiert zu haben. Doch die Bürgerrechtler haben erstmals mitgezählt - und vielfach mehr als 20 Prozent Ablehnung registriert.
Ebenso wie über die dreiste Wahlfälschung empören sich die Leipziger über den jüngsten Streich der Herrschenden: Gerade erst, rechtzeitig zur vierten Montagsdemonstration, ist publik geworden, dass die Regierung den Antrag abgelehnt hat, erstmals eine landesweite, von Staat und Kirche unabhängige Oppositionsbewegung zuzulassen.
"Neu-es Fo-rum, Neues Fo-rum", rufen die Leipziger den Namen der Gruppe, die vor 14 Tagen um die Malerin Bärbel Bohley entstanden ist (siehe Porträt Seite 78). "Reisefreiheit ja, Wiedervereinigung nein", umreißt die Initiatorin ihre Vorstellungen - was die Regierung nicht hindert, das Neue Forum (NF) als "staatsfeindliche Plattform" zu kriminalisieren und jede Aktion zu ihrer Unterstützung als "illegal" zu bewerten.
Geradezu verhöhnt fühlen sich die NF-Unterstützer durch das "Neue Deutschland (ND)". Das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die plötzlich um ihre Monopolstellung bangt, hat soeben erklärt, das Neue Forum sei überflüssig. Begründung: In der DDR gebe es bereits "mehr als 200 gesellschaftliche Organisationen" - und damit genügend "Vielheit".
Namentlich aufgeführt sind "Briefmarkensammler, Hundehalter, Bücherfreunde, Rosenfreunde".
"Weitermachen mit den Montagsdemonstrationen", "Unterschriften sammeln für die Zulassung des Neuen Forums": Über die nächsten Etappenziele sind sich die Bürgerrechtler einig. Dabei weiß auch von ihnen niemand, wie die starrsinnigen Greise im SED-Politbüro reagieren werden, wenn der Druck weiter wächst.
Chinas KP-Führung hat erst am 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking demonstrierende Studenten erschießen lassen. Jeder in Arnolds Leipziger Küche weiß, dass die deutschen Kommunisten der Bruderpartei gleich nach dem Massaker ihre Solidarität bekundet haben.
Und ihnen allen ist bewusst, dass die Popelinejackenträger von der Staatssicherheit auch die Leipziger Opposition genau im Visier haben.
Vergangene Woche erst ist Arnold, einer der Sprecher des Neuen Forums, "den Sicherheitskräften zugeführt" worden. Die Polizei beschuldigt den schlaksigen jungen Mann, "polizeiliche Maßnahmen" fotografiert zu haben; dabei hatte er weder eine Kamera noch Filme bei sich gehabt.
Gegenüber von Arnolds Wohnung, im Stadtteil Anger-Crottendorf, hat die Stasi vor einigen Monaten eigens ein Ladenlokal angemietet, um ihn und seine Gäste rund um die Uhr abhören und observieren zu können. Um die Oppositionellen einzuschüchtern, ziehen die Dunkelmänner von "Horch und Guck" häufig demonstrativ die Gardinen auseinander und postieren sich sichtbar am Fenster.
Doch an diesem Abend scheint trotz alledem die Zuversicht stärker als die Angst. Schließlich gilt es zu feiern - den größten Leipziger Protestzug seit dem blutigen 17. Juni 1953.
Amen, Venceremos, Prost Brotwein.
Dienstag, 26. September 1989
Ost-Berlin
Im dem düster marmorierten ZK-Gebäude am Werderschen Markt beginnt das Ritual der Machtausübung wie an jedem Dienstag um 10 Uhr, Woche für Woche, Jahr um Jahr.
Die 26 Mitglieder und Kandidaten des SED-Politbüros betreten den 300 Quadratmeter großen Sitzungssaal im "Großen Haus" und machen es sich bequem auf ihren roten Polsterstühlen. Schläfrig lassen sie die obligatorischen Monologe über sich ergehen - mal zum Stand der Weizenernte, mal zu den Perspektiven der volkseigenen Kaliproduktion.
Gegen die Ängste und Hoffnungen des gemeinen Volkes haben sich die hoch betagten Diktatoren des Proletariats, in dunkelblauen Volvo-Limousinen herangekarrt aus dem Prominentenghetto Wandlitz, sorgsam abgeschottet. 5 von ihnen sind Greise (75 bis 81 Jahre alt), 6 Rentner (65 bis 74 Jahre alt), 14 Frührentner (55 bis 64 Jahre alt). Der einzige Jüngere, der berufsjugendliche Ex-FDJ-Chef Egon Krenz, 52, hat sich gerade für eine Woche verabschiedet, um mit den chinesischen Blutsfreunden das 40-jährige Bestehen der roten Volksrepublik zu feiern.
Seit Jahren sorgt der auf Linientreue getrimmte Partei- und Regierungsapparat dafür, dass in den inneren Zirkel der Macht nur frisierte Statistiken und geschönte Lageberichte gelangen. Denkbar ist daher, dass der kränkelnde Honecker, bereits seit 1971 erster Mann der DDR, selbst glaubt, was er mit gelegentlich umkippender Fistelstimme verkündet: "Ich habe nie geirrt" oder, vor wenigen Wochen erst im Gespräch mit Erfurter Mikroelektronikern: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."
An diesem Dienstag aber bricht die verdrängte Wirklichkeit geradezu sturzbachartig über die Seniorenriege herein. Stasi-Chef Erich Mielke meldet, zwei Tage zuvor hätten sich 80 Vertreter von Oppositionsgruppen aus der gesamten DDR, von Demokratie Jetzt bis zum Demokratischen Aufbruch, in einem Gemeindehaus in Leipzig darauf geeinigt, das Neue Forum als "gemeinsame Plattform" anzuerkennen.
Schlimmer noch: Der Gründungsaufruf des NF, dessen Initiatorin Bohley den "Alleinvertretungsanspruch der führenden SED brechen" will, sei auch von SED-Mitgliedern unterzeichnet worden.
Der Berliner Bezirkssekretär Günter Schabowski, 60, berichtet von einer Diskussion im Deutschen Theater, bei der die Künstler dem SED-Funktionär unisono bedeutet hatten: "Wir haben euch satt."
Günter Mittag, 62, der DDR-Wirtschaftslenker, bringt die Provokationen in der Leipziger Nikolaikirche zur Sprache: Es hätte "erste Tote geben können".
Der Runde ist klar, was eigentlich Not täte. Bereits vor vier Tagen hat Honecker ein chiffriertes Fernschreiben an die Ersten Bezirkssekretäre der SED herausgejagt: "Feindliche Aktionen" müssten "im Keim erstickt", alle Rädelsführer "isoliert" werden. Die Leipziger Kirchenleute, erklärt Mielke nun im Politbüro, seien ein Fall für die Staatsanwaltschaft.
Doch fürs Erste sieht sich der Führungszirkel am Durchgreifen und Draufhauen gehindert.
Denn der 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober steht unmittelbar bevor. Und vor ihrem Jubelfest, das wissen die Politbürokraten, können sie sich die Kirchenmänner und die Konterrevolutionäre kaum vorknöpfen, ohne weltweit unliebsame Aufmerksamkeit zu erregen.
Auch der wendige Bezirkschef Schabowski, der "komplexe Antworten" auf die Fragen der unruhigen Massen fordert und im Ruf steht, gelegentlich mit Gorbatschow-Ideen zu liebäugeln, plädiert für Aufschub: "Den 40. Jahrestag dürfen wir uns nicht verhageln lassen."
Ungelegen kommt das Jubiläum den DDR-Herrschern auch deshalb, weil es harte Reaktionen auf die anhaltende Flucht- und Ausreisebewegung unmöglich macht.
Die SED-Führung sieht sich in der Zwickmühle: Schon das bloße Gerücht, sie plane ein Verbot von Ungarn-Reisen, würde die Fluchtwelle anschwellen lassen - ausgerechnet zum Jahrestag.
Ohnmächtig bejammern Politbüro-Mitglieder die ungarische Grenzöffnung, von der Budapests Außenminister Gyula Horn seinen DDR-Kollegen Oskar Fischer am 31. August unterrichtet hat, als "Verrat am sozialistischen Lager". Alle Versuche, "das Loch zuzumachen in Ungarn" (Mittag), sind gescheitert: Gorbatschow weigert sich schlicht, Budapest zur Lagertreue zurückzuzwingen.
Auch diverse Ost-Berliner Vorstöße an der Donau sind folgenlos geblieben. "Die sind gekauft", sagt einer im Politbüro - Helmut Kohl habe dem sozialistischen Bruderland 500 Millionen Mark versprochen.
Nun wächst das Problem mit jeder Stunde. Zunehmende Telefonate und anschwellende Paketströme in den Westen, warnt Mielke, ließen auf Fluchtvorbereitungen zehntausender weiterer Bürgerinnen und Bürger schließen. Zur Zeit urlauben 120 000 DDRler in Ungarn, daheim beantragen pro Tag weitere 2000 Familien eine Ungarn-Reise.
Mittag empfiehlt verstärkte "Konterpropaganda" gegen den Drang in den Westen. Doch damit lässt sich kaum noch jemand von Flucht oder Ausreise abhalten - die gleichgeschaltete DDR-Presse hat längst jegliche Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Nicht etwa verängstigt, sondern belustigt haben Leser jüngst auf eine Gruselstory im "Neuen Deutschland" reagiert: Ein Reichsbahn-Koch namens Hartmut Ferworn behauptete auf Seite 1, er sei am 11. September während einer Dienstpause in Budapest von einem Westdeutschen mit Hilfe einer Mentholzigarette betäubt und nach Wien verschleppt worden - klarer Beweis laut "ND" für verbrecherische Methoden "kaltblütiger berufsmäßiger Menschenhändler", für die Leser eine Lachnummer.
Den Politbüro-Mitgliedern bleibt an diesem Dienstag nur eines - die Hoffnung, vor dem Parteifest wenigstens das allerpeinlichste unter den aktuellen Problemen rechtzeitig aus der Welt schaffen zu können: In der Bonner Botschaft in der CSSR, die DDR-Bürger ohne Visum besuchen können, haben so viele Ausreisewillige Zuflucht gefunden, dass die Vertretung wegen Überfüllung geschlossen werden musste.
Dicht gedrängt, kampieren die Ausreisewilligen im Botschaftsgarten. Seit Wochen bietet das Flüchtlingselend Kamerafutter für Fernsehjournalisten aus aller Welt - zum Schaden des, gerade jetzt, so sehr aufs Renommee bedachten SED-Staates.
Nur einer, glaubt der greise Generalsekretär, kann die verfahrene Situation in Prag noch retten: Wolfgang Vogel, 63, Rechtsanwalt und seit Jahren Erich Honeckers Spezialist fürs Heikle.
Prag
Als Wolfgang Vogel samt Ehefrau Helga im Prager Palais Lobkowitz eintrifft, wo Bonns CSSR-Botschaft residiert, hat sich die Lage weiter zugespitzt: Tausende Zeltbewohner hausen mittlerweile im Garten der Vertretung, den der Regen der vergangenen Tage in eine Schlammwüste verwandelt hat.
Manche vegetieren schon seit Wochen auf Gummimatten, Luftmatratzen und nassen Lattenrosten. Es stinkt nach Müll und Urin, obschon Campingduschen und Chemietoiletten aufgestellt worden sind.
Stündlich hangeln sich dutzende von Asylsuchenden über den Botschaftszaun auf das exterritoriale Gelände. Kleinkinder werden über das Eisengitter gehoben.
Immer wieder versucht Honeckers "persönlicher Beauftragter für humanitäre Fragen", so Vogels offizieller Titel, im Konferenzsaal der Botschaft, den Flüchtlingen eine Offerte aus Ost-Berlin schmackhaft zu machen: Die Regierung garantiere jedem der Prager Botschaftsbesetzer, binnen maximal sechs Monaten legal in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen, sofern er zuvor freiwillig in die DDR zurückkehre. Niemand müsse Angst vor Repressalien haben, versichert der Advokat.
Vier hochrangige Bonner Abgesandte mühen sich, die ungebetenen Gäste zur Annahme des Vogel-Vorschlags zu bewegen: die Spitzenbeamten Walter Priesnitz (Innerdeutsches Ministerium), Dieter Castrup und Jürgen Sudhoff (Auswärtiges Amt) sowie der Leiter der Ständigen Vertretung Bonns in Ost-Berlin, Franz Bertele. Doch die große Mehrheit der Umworbenen weigert sich strikt.
Die Menschen geben nichts mehr auf Versprechen - sie wollen, einmal der DDR entkommen, auf dem kürzesten Weg in den Westen.
Die wenigen, die eine vorläufige Rückkehr überhaupt nur erwägen, verlangen Antworten auf praktische Fragen - etwa: "Was passiert mit meinem Trabi, der jetzt auf einem Prager Parkplatz steht?"
Vogel verspricht, dass die Autos später in den Westen nachgeholt werden dürfen.
Mittwoch, 27. September 1989
New York
DDR-Außenminister Oskar Fischer, 66, erlebt am Rande der Uno-Vollversammlung unangenehme Begegnungen mit zwei Kollegen, auf die seine Regierung derzeit gar nicht gut zu sprechen ist.
Zuerst bittet ihn Ungarns Außenminister Gyula Horn, 57, zu einem Gespräch, in dem dieser sich - wie der Ostdeutsche per Telex nach Hause berichtet - bitter darüber beklagt, dass sein Land "sehr von Kommentaren der DDR-Nachrichtenagentur mit völlig unbegründeten Anspielungen und beleidigender Wortwahl betroffen" sei. Verdattert behauptet Fischer, die Medien der DDR würden "ihre Tätigkeit selbst verantworten" - als gäbe es in der DDR eine freie Presse.
Dann muss Fischer ein frostiges Gespräch mit seinem Bonner Kollegen Hans-Dietrich Genscher hinter sich bringen, der ihn bisher immer respektvoll behandelt hat. Auf die prekäre Lage der Botschaftsflüchtlinge angesprochen, verfällt der schmächtige Einheitssozialist in inhaltsleere Floskeln über die angebliche innere Stabilität der DDR.
Herzlichkeit hingegen prägt das Treffen zweier ehemaliger Gegner. Horn überreicht Genscher in New York ein Stück Stacheldraht auf einem Band in den ungarischen Nationalfarben Rot-Weiß-Grün, drapiert auf rotem Samt.
Ein Messingtäfelchen erläutert die Bedeutung des Präsents: Der Stacheldraht war noch vor kurzem an der österreichischungarischen Grenze Teil jenes Eisernen Vorhangs, der nun gelüftet wird.
Donnerstag, 28. September 1989
Prag
Bonns Botschafter in Prag, Hermann Huber, übergibt dem Honecker-Beauftragten Vogel einen dicken Stapel Papier: "Personalbögen", die der Diplomat an die 4000 Besetzer seiner Residenz verteilt hatte.
Mittlerweile haben die Flüchtlinge die Zettel ausgefüllt. Mit einem "roten V", erläutert Huber, seien die Fragebögen derjenigen Ausreisewilligen markiert, die "bereit wären, auf der Basis der von Ihnen in der Botschaft gemachten Zusagen ... die Botschaft zu verlassen".
Mit den Namenslisten fährt Vogel in die Prager DDR-Botschaft. Dort soll Gerhard Niebling, Generalmajor der Stasi, den Rücktransport organisieren.
Beim gemeinsamen Frühstück eröffnet der Geheimdienstler dem Anwalt, er wolle Mielke anrufen und ihm vorschlagen, die Abtrünnigen mit Sonderzügen heimzuholen. Doch der MfS-Mann täuscht sich über die Zahl der Rückkehrwilligen.
"Gerhard", gesteht Vogel seinem Gesprächspartner, "sag dem Minister, wir sind am Ende."
Nicht einmal 200 wollen auf Vogels Offerte eingehen - für die genügen ein paar Busse. Niebling gibt die Personalien der Rückkehrwilligen, von denen viele ohne Ausweis in die CSSR aufgebrochen waren, an die Grenzkontrollstellen weiter.
Abends bei einem Essen in der BonnBotschaft gesteht Vogel auch den westdeutschen Beamten ein: "Wir müssen erkennen, da läuft nichts mehr."
Nach Prag werde er nicht mehr zurückkommen: "Das hat keinen Zweck."
Wenig später fliegt Vogel nach Warschau, um sich einem weiteren Problemfall zuzuwenden: Auch in der dortigen westdeutschen Botschaft und in Zelten, die von der freien polnischen Gewerkschaft Solidarnos c am Stadtrand aufgeschlagen wurden, haben hunderte von DDR-Bürgern Zuflucht gesucht.
Warschau
In der engen Ulica Dabrowiecka, vor der Bonner Vertretung, drängen sich DDR-Flüchtlinge, die westlichen Reportern von ihrer Odyssee berichten.
Weil DDR-Bürger Polen seit Jahren nur mit Pass und Visum besuchen dürfen, haben einige ihre Kinder und ihre Plastetüten huckepack genommen und sind durch die Neiße ins sozialistische Nachbarland geschwommen. Andere sind übers Riesengebirge nach Polen gekommen; von der Grenze aus brauchten sie, zu Fuß und per Anhalter, fünf Tage, um sich nach Warschau durchzuschlagen.
Vor diesen Menschen wiederholt Vogel sein Angebot: Ausreiseerlaubnis binnen sechs Monaten, zunächst jedoch Rückkehr in die DDR.
Doch in Warschau kann Vogel noch weniger ausrichten als in Prag. Die neue Koalitionsregierung, von der prowestlichen Solidarnos c -Bewegung angeführt, hegt - anders als die Kommunisten, die in der CSSR am Ruder sind - keine brüderlichen Gefühle für die roten Preußen.
Die rund 800 DDR-Bürger, die in der westdeutschen Botschaft Schutz gesucht haben, können ohne Furcht vor Abschiebung auf eine politische Lösung warten. Der neue Premier Tadeusz Mazowiecki hat bereits verkündet: "Keiner wird gegen seinen Willen in die DDR zurückgeschickt."
Vogel, abermals gescheitert, verlässt die Verhandlungsstätte. Vor der Tür verweigert er jeden Kommentar: "Ich möchte nichts sagen."
Er weiß: Die Situation ist jetzt, so kurz vor dem 40. Jahrestag, nur noch zu retten, wenn Honecker Zugeständnisse macht, von denen noch vor wenigen Tagen niemand zu träumen gewagt hätte.
New York
In einem Streifenwagen der New Yorker Polizei, mit eingeschaltetem Blaulicht, lässt sich Hans-Dietrich Genscher zur sowjetischen Botschaft bringen. Während der Uno-Vollversammlung haben den Außenminister neue alarmierende Berichte über die Lage in der Prager Botschaft erreicht: Nunmehr drohe nicht nur der Ausbruch von Seuchen, es bestehe auch Einsturz- und Feuergefahr.
In einem kurzfristig organisierten Gespräch bittet Genscher seinen Kollegen Eduard Schewardnadse um Hilfe. "Sind Kinder dabei?", will Moskaus Außenminister wissen. Genscher antwortet: "Viele."
Daraufhin verspricht Schewardnadse: "Ich helfe Ihnen."
Freitag, 29. September 1989
Ost-Berlin
Gegen 17 Uhr endet die Festversammlung "40 Jahre Volksrepublik China" in der Staatsoper zu Ost-Berlin. Nach dem Absingen der "Internationale" eilen die 1400 Jubelgäste zu den Garderoben.
Die Politbüro-Mitglieder müssen noch bleiben. Honecker hat die Genossen angewiesen, sich nach dem Festakt im Apollosaal, dem prachtvollen Kammermusik- und Empfangsraum des Hauses, einzufinden - zwecks "Information über einen Sachverhalt höchster Dringlichkeit".
Bei Kronleuchterschein, an kahlen Tischen zwischen Stuckmarmorsäulen, beginnt die wohl ungewöhnlichste Sitzung der Geschichte des DDR-Politbüros.
Mit starrer Miene teilt der Generalsekretär den Gralshütern des Arbeiter-und- Bauern-Staates Ungeheuerliches mit: Morgen Abend sollen vier Reichsbahn-Züge die Botschaftsbesetzer vom Bahnhof Prag-Liben aus über Dresden ins bayerische Hof bringen. Auch die in Warschau Wartenden, so Honecker, "muss man in den Westen entlassen".
Wohl jedem der Anwesenden ist bewusst: An diesem Tag - 28 Jahre nach dem Bau der Mauer, 8 Monate nach den letzten Todesschüssen an der deutsch-deutschen Grenze - geht eine Epoche zu Ende: Jahrzehntelang hatte der SED-Staat Republikflüchtige einsperren oder auf dem Todesstreifen an der Grenze erschießen lassen. Nun plötzlich sieht sich die DDR genötigt, Ausreisewillige auf Regierungskosten, in volkseigenen Zügen, vor aller Welt, zum Klassenfeind zu transportieren - nur, um die bombastische 40-Jahr-Feier der "Tätärä" zu retten, wie der renommiersüchtige Staat verspottet wird.
Wohl um die Jämmerlichkeit der Aktion zu bemänteln, betont Honecker, Prag habe um die Räumung der Botschaft gebeten. Die Genossen fürchteten, die Unruhe könne auf das ganze Land ausstrahlen und die tschechische Opposition ermutigen.
Weil es im Kreis der Politbüro-Mitglieder wie üblich weder Fragen noch Widerworte gibt, legt der Chef eilig das Programm für die nächsten 24 Stunden fest. Hermann Axen soll Horst Neubauer, den Leiter der Ständigen Vertretung in Bonn, unterrichten, dem es wiederum obliegt, "die Regierung der BRD über die Entscheidung zu informieren".
Bevor Honecker nach 20 Minuten seinen Stab entlässt, wird Chefpropagandist Joachim Hermann beauftragt, einen "Kommentar in der Presse, in Rundfunk und Fernsehen zu veröffentlichen" - Tenor: "humanitärer Akt".
Im "Neuen Deutschland" wird zwei Tage später zu lesen sein, die Botschaftsflüchtlinge seien in den Westen entlassen worden, weil in Prag der "Ausbruch von Seuchen" gedroht habe.
Sonnabend, 30. September 1989
Bonn
Horst Neubauer, 53, Honeckers Mann in Bonn, trifft mit Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Außenminister Genscher zusammen. Der Diplomat hat um einen dringenden Gesprächstermin ersucht.
Neubauer überbringt den Bonnern die Entscheidung Honeckers: Den Botschaftsbesetzern wird die Ausreise in die Bundesrepublik gestattet - allerdings nur durch das Gebiet der DDR, wo ihnen offiziell die Staatsbürgerschaft aberkannt werden soll.
Genscher zeigt sich darüber erstaunt, dass die DDR-Führung darauf beharrt, ihre republikmüden Bürger vor ihrem endgültigen Abschied symbolisch noch einmal heimzuholen. Es sei doch "voraussehbar, dass die Züge bei der Fahrt durch die DDR großes Aufsehen und große Emotionen erregen würden".
Prag
Wegen der Ost-Berliner Entscheidung, die Züge durch die DDR zu leiten, haben Genscher und Seiters in Absprache mit Kanzler Helmut Kohl beschlossen, umgehend nach Prag zu fliegen - sie wollen den Ausreisewilligen im Botschaftsgarten durch ihre Anwesenheit das Misstrauen gegenüber den DDR-Behörden nehmen.
Der Außenminister, der im Juli einen Herzinfarkt erlitten hat, ist so aufgewühlt, dass er während des Flugs "sehr starke Herzrhythmusstörungen" verspürt. Um 18.52 Uhr treten Genscher und Seiters auf den Balkon der Botschaft.
"Liebe Landsleute", beginnt der Außenminister sichtlich ergriffen, "wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest geht in ohrenbetäubendem Jubel unter.
Überglückliche Menschen stimmen "Einigkeit und Recht und Freiheit" an, dann hallen Sprechchöre durch den Botschaftspark: "Danke, danke, danke."
Als Genscher den Balkon verlässt, hat er den "bewegendsten Augenblick" seiner politischen Laufbahn erlebt.
In der "Aktuellen Kamera", der Tagesschau des DDR-Fernsehens, verliest eine Nachrichtensprecherin kurz darauf die amtliche Ost-Berliner Erklärung:
In Übereinkunft mit der Regierung der CSSR hat die Regierung der DDR entschieden, die Personen, die sich widerrechtlich in der Botschaft der BRD in Prag aufhalten, über das Territorium der DDR in die BRD auszuweisen. Dabei ließ sie sich vor allem von der Lage der Kinder leiten, die von ihren Eltern in eine Notsituation gebracht worden sind und die für deren gewissenloses Handeln nicht verantwortlich gemacht werden können.
Spremberg
Carola Stellmach sitzt in der Badewanne, als die sensationelle Nachricht von der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge über die Sender geht. Sofort beschließen sie und ihr Ehemann: "Wir müssen nach Prag, jetzt oder nie, noch heute Nacht."
Sie fürchten: Nun ist nicht mehr damit zu rechnen, dass ihnen das beantragte Ungarn-Visum genehmigt wird - ihnen bleibt nur die Flucht über die CSSR.
Carola Stellmach springt aus der Wanne, weckt die Kinder und rafft in aller Eile das Nötigste zusammen: Wäsche, zwei Broiler, zwei Flaschen Brause sowie eine Kanne Kaffee.
Unter Tränen verabschieden sich die vier von den engsten Nachbarn. Während sie in ihrem Trabi über die bucklige F 96 in Richtung CSSR-Grenze holpern, schärfen die Stellmachs ihren Kindern ein, sich an der Grenze nicht zu verplappern: Sie besuchten die Tschechoslowakei nur übers Wochenende, wollen sie angeben.
Doch die DDR-Grenzer am Übergang Seifhennersdorf sind misstrauisch. Sie lassen die Eltern und die müden, fröstelnden Kinder aussteigen, filzen eine halbe Stunde lang den Wagen, leuchten mit der Taschenlampe unter die Sitze - und überlassen die Reisenden schließlich den Tschechen.
Die winken kurz nach Mitternacht die Familie durch.
Sonntag, 1. Oktober 1989
Prag
Um 1.35 Uhr sehen die Stellmachs die Lichter des Hradschin, das erste Ortsschild von "Praha" kommt in Sicht. "Wie der Teufel" sind sie durch die nächtliche Tschechoslowakei geknattert - mit Spitzentempo 105.
In Prag lotst ein freundlicher Taxifahrer ("Jedte za mnou" = fahr mir hinterher) die umherirrenden Fremden zum hell erleuchteten Gebäude der westdeutschen Botschaft in der Vlasská. Dort werden sie unbürokratisch rasch registriert.
Die nahezu menschenleere Residenz sieht so wüst aus wie ein verlassenes Heerlager. Stundenlang, erfahren die Neuankömmlinge, sind die Ausreisewilligen mit Bussen zum Bahnhof gekarrt worden. Den letzten Transport haben die Stellmachs verpasst.
Die Familie zwängt sich noch einmal in ihre "Pappe", rast zum Bahnhof Liben, parkt das Auto in einer Nebenstraße und und schlängelt sich durch eine Milizkette in die Vorhalle. Dort warten tausende auf die angekündigten Sonderzüge, beruhigen ihre kreischenden Kinder und tauschen Proviant und Befürchtungen aus.
Viele haben wie die Stellmachs nach den Fernseh-Nachrichten daheim alles stehen und liegen lassen - in Torschlusspanik: Sie fürchten, die DDR könnte schon bald nach dem "einmaligen humanitären Akt" (so die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN) den Zugang zur Tschechoslowakei sperren.
Endlich, gegen 4 Uhr, fährt ein Zug im Bahnhof ein. Im engen Abteil bekämpft Tochter Doreen ihre Aufregung mit einer Hühnerkeule, der andere Broiler wird bei Abteilnachbarn gegen Obstkonserven eingetauscht.
Bevor sich der Zug in Bewegung setzt, verriegeln Schaffner mit Vierkantschlüsseln die Türen.
Im vogtländischen Reichenbach kommen beschlipste DDR-Bedienstete in den Zug, nehmen - letzter, absurder Hoheitsakt des Honecker-Staates - den Passagieren die Ausweise ab und lassen die blauen Heftchen in einem schwarzen Aktenkoffer verschwinden. Keine Minute dauert die Prozedur.
Kaum haben die Kontrolleure den Zug verlassen, da prasselt aus den Abteilfenstern ein Alu-Münzregen auf sie hernieder: Pfennige, Groschen und Markstücke klirren auf den Asphalt des Bahnsteigs, Papierflieger aus DDR-Geldscheinen, den sogenannten Kosakendollars, segeln hinterher.
Bevor sich der Zug in Richtung Westen in Bewegung setzt, trennt sich auch Volkmar Stellmach übermütig von den letzten Münzen.
Dann schwirrt auch noch sein Trabi-Schlüssel durch die Luft.
JOCHEN BÖLSCHE, PETRA BORNHÖFT,
NORBERT F. PÖTZL, IRINA REPKE,
CORDT SCHNIBBEN
Von Jochen Bölsche, Petra Bornhöft, Norbert F. Pötzl, Irina Repke und Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 39/1999
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