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DER SPIEGEL

„Jetzt sind wir dran“

Montag, 2. Oktober 1989
Leipzig
Jäh knallen drei Scheinwerfer ihr Licht vom Dach eines Hochhauses in das Halbdunkel vor der Leipziger Nikolaikirche, wo der montägliche Friedensgottesdienst zu Ende gegangen ist.
Die Menge auf dem Platz, soeben noch schweigend und unschlüssig, dreht sich wie auf Kommando in eine Richtung: Tausende von Gesichtern, die meisten angstfrei, blicken empor zur Stasi-Kamera neben den Lampen.
Die Geheimpolizei hält eine nie gesehene Szenerie fest: Geballte Fäuste und Victory-Zeichen recken sich der Staatsmacht entgegen. Einer ruft: "Ihr habt verloren, könnt abdanken, jetzt sind wir dran."
Die Menge jubelt, immer wieder ertönen Sprechchöre: "Demokratie, jetzt oder nie", "Stasi weg, hat kein'' Zweck", "Erich, lass die Faxen sein, lass die Perestroika rein".
Dann ein Ruf: "Losgehen, losgehen", und der Zug setzt sich in Bewegung - spontan, unorganisiert, friedlich.
Jedermann spürt in diesen Minuten, was die Oppositionelle Bärbel Bohley anderntags in die Worte fasst: "Es hat knack gemacht in der DDR, die Geduld der Bürger ist am Ende" - fünf Tage vor der 40-Jahr-Feier des Arbeiter-und-Bauern-Staates.
Wie ein Schock haben allerorten die Fernsehberichte über die freudestrahlenden Flüchtlinge gewirkt, denen die SED-Regierung unter dem Druck der Weltöffentlichkeit überraschend die Ausreise aus Prag und Warschau genehmigt hat. Und wie purer Hohn liest sich in der aktuellen Ausgabe des "Neuen Deutschland" der Satz, das Land brauche den Ausreisenden "keine Träne nachzuweinen".
Erich Honecker persönlich, so stellt sich später heraus, hat die Bemerkung in einen Text des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) einfügen lassen.
Immer mehr Leipziger schließen sich dem Zug an, am Ende sind es über 15 000. Sie alle gehen ein Risiko ein: Arbeitern waren am Vormittag für den Fall einer Teilnahme Schwierigkeiten im Betrieb angekündigt worden, Studenten sehen sich von Exmatrikulation bedroht.
In den Wochen zuvor haben Leipziger Gerichte elf Demonstranten zu vier bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Und seit Tagen spuken Gerüchte über bevorstehende Wasserwerfer-, Panzer- und Hubschraubereinsätze durch die Stadt.
"Warum wir mitgehen? Ich habe in den letzten Wochen 15 Postkarten von ausgereisten Freunden bekommen", sagt eine Frau: "Das ist nicht mehr auszuhalten."
Ihr gefällt der Ruf, der in diesen Tagen durch die Republik hallt: "Wir bleiben hier" - ein Versprechen, das die DDR-Herren jedoch zu Recht nicht als Huldigung, sondern als Drohung empfinden. Wer bleibt, möchte die DDR so, wie sie 40 Jahre lang war, nicht länger hinnehmen.
Auf dem Karl-Marx-Platz heben Demonstrantinnen sich gegenseitig auf die Schultern. "Mensch, Wahnsinn", kreischt eine, "der Platz ist schwarz von Menschen."
Ein 35-Jähriger erinnert seinen Freund an die Erfolge der polnischen Reformer: "Denk an Solidarnos c. Wir hätten damals doch nie geglaubt, dass die was ausrichten. Jetzt sitzen sie in der Regierung. Pass auf, nun geht''s auch bei uns los."
Der Freund, Ingenieur in einem Chemiebetrieb, mag dem Frieden nur bis zur 40-Jahr-Feier der DDR am kommenden Sonnabend trauen: "Was ist denn nach dem 7. Oktober? Da drehen die uns doch wieder die Luft ab."
Gegen 21 Uhr, die meisten Demonstranten sind auf dem Heimweg, lässt die Einsatzleitung die Innenstadt leerknüppeln. Während die Volkspolizei, an diesem Tag zum ersten Mal verstärkt durch Einheiten der Betriebskampfgruppen, mit harten Hieben die Volksversammlung auflöst, schreien die Geprügelten den Prüglern ins Gesicht: "Schämt euch, schämt euch."
Bonn
Im Auswärtigen Amt in Bonn herrscht Alarmstimmung: Tausende von DDR-Bürgern, so hat die Prager Botschaft berichtet, begehren erneut Einlass in die eben erst von Flüchtlingen geräumte Vertretung.
Tschechoslowakische Polizei geht gegen Neuankömmlinge vor, die verzweifelt versuchen, sich über den Zaun auf das Botschaftsgelände zu retten, um freie Ausreise in die Bundesrepublik zu erzwingen. In der Stunde der Not bemüht der Bonner Außenminister einen Mittelsmann.
Hans-Dietrich Genscher lässt sich mit dem britischen Medienmogul und Honecker-Freund Robert Maxwell verbinden, der im Ost-Berliner "Grand Hotel" abgestiegen ist. Der Freidemokrat bittet den Verleger, Honecker gegenüber die Sorge Bonns über die Lage in Prag zum Ausdruck zu bringen. Wenige Stunden später ruft Maxwell zurück. Er erreicht den Außenminister auf einem Empfang für den finnischen Staatspräsidenten.
Dem SED-Chef, richtet der Brite aus, sei an guten Beziehungen zu Bonn gelegen. Es werde daher in der Flüchtlingsfrage "eine Lösung" geben: Ost-Berlin signalisiert Bereitschaft, auch die Prager Nachrücker mit Sonderzügen nach Westdeutschland ausreisen zu lassen - bis zum 4. Oktober rund 10 000 Menschen.
Dienstag, 3. Oktober 1989
Ost-Berlin
Im "Haus der 1000 Fenster", wie der Volksmund das SED-Hauptquartier nennt, lässt Erich Honecker seine 15 Provinzstatthalter zusammentrommeln. Knapp informiert er die Ersten Bezirkssekretäre der SED über die neue Sonderzug-Regelung.
Er eröffnet ihnen, wie er zu verhindern gedenkt, dass noch weitere Ausreiser nach Prag gelangen: Ab 15 Uhr werde ein Pass- und Visumzwang für die CSSR in Kraft treten - das einzige Land, in das Ostdeutsche noch mit dem Personalausweis reisen konnten.
Um zu verhindern, dass der Kessel explodiert, nachdem das letzte Ventil verschlossen ist, schärft Honecker den Bezirkssekretären ein, sofort die "Bezirkseinsatzleitungen" zusammenzurufen, denen unter anderen die örtlichen Stasi-, Polizei- und Armee-Chefs angehören. Wichtigster Auftrag: konterrevolutionäre Aktionen "im Keim zu ersticken".
Zugleich trifft der Staatsapparat Vorkehrungen für das zur Zeit größte Sicherheitsrisiko: Es gilt, die Fahrt der Flüchtlingstransporte aus Prag quer durch Sachsen nach Bayern so zu sichern, dass nirgendwo Fluchtwillige die Züge stoppen oder entern können.
Mit preußischem Perfektionismus machen sich Polizei- und Stasi-Strategen ans Werk. Armee-Einheiten und Polizeihundertschaften rücken aus, um Bahnhöfe und Brücken zu bewachen und um zu verhindern, dass Ausreisewillige die Gleise blockieren. Diese Vorbereitungen führen dazu, dass sich die Abfahrt des ersten Sonderzuges in Prag um 22 Stunden verzögert. Begründung: "technische Probleme".
Tausende von Flüchtlingen müssen die Nacht zum Mittwoch bei Eiseskälte im Freien verbringen. "Der Erich", meint einer sarkastisch, "lässt uns noch mal frieren."
Mittwoch, 4. Oktober 1989
Dresden
Ausnahmezustand in Dresden. Um Mitternacht sind auf dem Hauptbahnhof 2000 Menschen versammelt. Sie haben von der Schließung der CSSR-Grenze erfahren und hoffen, noch einen der letzten Züge in Richtung Prag erwischen zu können.
"Wir wollen raus", "Wir wollen Freiheit", schallt es durch die Kuppelhalle. Die Polizei hält sich zurück - bis der Zeiger der Bahnhofsuhr auf 0.08 Uhr springt.
Verzweifelt versuchen 140 Ausreisewillige, einen Zug zu entern, der leer in Richtung CSSR anfährt. Im Gedränge wird ein 30-Jähriger unter einen Waggon gedrückt, der ihm das linke Bein zermalmt. Aus der erregten Menge fliegen Flaschen auf die Polizisten.
Punkt 0.30 Uhr meldet der Leiter der Dresdner Volkspolizei, Generalleutnant Willy Nyffenegger, an die Stasi, er beginne mit der Räumung des Bahnhofs - kein leichtes Unterfangen. Erst um 5.20 Uhr sind die letzten Demonstranten verdrängt.
Der Zugverkehr in Richtung Prag wird eingestellt, die Bahn knipst den Strom für die Oberleitungen ab. Uniformierte kontrollieren alle Bahnhofseingänge.
Der Vormittag nach der ersten Krawallnacht beginnt für den Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow, 61, mit Routine-Terminen. In der Technischen Universität verleiht der populäre Grauschopf verdienten Genossen das Ehrenbanner der Partei. Und im Japanischen Palais eröffnet er eine Ausstellung "Schätze Chinas in den Museen der DDR" - Ruhe vor dem Sturm.
Am Abend wird sich entscheiden, ob die DDR-Machthaber bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen: dem Einsatz von Panzern gegen die eigene Bevölkerung.
Um 18.55 Uhr erreicht den Dresdner Stasi-Chef Horst Böhm ein Fernschreiben aus Berlin: Der erste Flüchtlingszug nach Hof via Dresden habe Prag um 18.25 Uhr verlassen, 14 weitere Transporte mit insgesamt 12 000 Menschen würden folgen.
Knapp eine Stunde später erfährt Modrow vom Dresdner SED-Sicherheitschef Oberst Edmund Geppert, dass sich an die 8000 Demonstranten vor dem Hauptbahnhof versammelt haben. Geppert: "Die Kräfte der Volkspolizei reichen nicht aus, um den Bahnhof frei zu halten."
In einem Telefonat mit Verkehrsminister Otto Arndt versucht Modrow zu erreichen, dass die Flüchtlingszüge auf Nebenstrecken umgeleitet werden. Arndts Antwort ist ernüchternd: "Die letzte Instanz hat entschieden. Wir beide müssen sehen, wie wir damit fertig werden."
Der Bahnhof gleicht mittlerweile einem Pulverfass. 2500 Demonstranten dringen in die Kuppelhalle ein. Auf den Vorplatz drängen 20 000 Menschen - erwartet von acht Hundertschaften Polizei, die mit Helm, Schild, Schlagstock und Reizgas-Geschossen ausgerüstet sind.
Um 21 Uhr stürmen die Vopos mit Gebrüll auf die Demonstranten in der Halle zu, greifen Einzelne heraus und versuchen, sie aus dem Gebäude zu prügeln. Die Aktion endet im Steinhagel.
Als erster fällt Polizeimeister Uwe Prasatko aus. Mit gebrochenen Mittelfußknochen und Schädelfraktur wird er ins Krankenhaus Dresden-Neustadt transportiert.
Unterdessen lässt die Stasi die ersten Züge, die aus Prag heranrollen, in Bad Schandau zwischenstoppen. Mielke befiehlt seinem Statthalter Böhm, umgehend den Dresdner Hauptbahnhof samt Vorplatz freizukämpfen, damit die Flüchtlingszüge ungehindert einfahren können.
Doch Böhms Leute bekommen die Lage nicht in den Griff. Nahezu im Minutentakt laufen in der BDVP, der Bezirksverwaltung der Deutschen Volkspolizei, Meldungen über Vorfälle ein, die DDR-Apparatschiks nie für möglich gehalten hätten:
21.25 Uhr - Randalierer werfen mit Steinen und anderen Gegenständen gegen VP.
21.35 Uhr - Chef BDVP informiert darüber, dass von Rowdys vor dem Hbf. 1 Funkstreifenwagen der VP umgestürzt wurde und in Flammen steht.
22.05 Uhr - Rowdys haben den Intershop im Hbf. gestürmt.
22.26 Uhr - Hbf. nicht mehr arbeitsfähig, Dispatcher-Zimmer durch Rowdys besetzt.
In der Einsatzleitung löst Panik die Hektik der vergangenen Stunden ab. Polizeichef Nyffenegger verlangt nicht nur den Einsatz der paramilitärischen Betriebskampfgruppen, der Generalleutnant will auch die in Dresden stationierte 7. Panzerdivision heranrasseln lassen.
Kurz nach 23 Uhr erteilt Ost-Berlin dem SED-Chef Modrow die Erlaubnis, Militär anzufordern. Sofort sollen, so Verteidigungsminister Heinz Keßler, je zwei Bataillone der 7. Panzerdivision und der Offiziershochschule Löbau sowie sieben Kampfgruppen-Hundertschaften "für die Beherrschung der Lage am Dresdner Hauptbahnhof zum Einsatz kommen", dazu 100 Genossen der Militärakademie "Friedrich Engels".
Doch das Militär bleibt in dieser Nacht in Bereitschaft. Einzig die Offiziersschüler marschieren am Hauptbahnhof auf, wo nun 1760 Sicherheitskräfte präsent sind, neben Kräften der örtlichen Vopo auch eilig herbeigekarrte Kollegen aus Halle.
Mit Wasserwerfern, die DDR-Bürger bisher nur aus dem Westfernsehen kannten, beginnt um 23.11 Uhr die Räumung der Kuppelhalle - die wohl gewalttätigste Phase in der sonst weithin gewaltlosen Revolution dieses Herbstes nimmt ihren Lauf.
Mit Tränengas und Schlagstöcken treiben die Vopos die Menschen auf dem Vorplatz auseinander. Wahllos schnappen sich Greiftrupps Randalierer, friedliche Demonstranten und unbeteiligte Passanten.
Für 224 Menschen endet die Nacht im Polizeigebäude in der Kurt-Fischer-Allee. Die Festgenommenen bekommen weder zu essen noch zu trinken, viele werden körperlich misshandelt.
Geschürt worden ist die Brutalität der Uniformierten durch gezielt gestreute Gerüchte. In den Polizeikasernen kursierte die Legende, in einer Kirche seien Polizisten gelyncht worden, und der Bahnhof sei schlimmer zerstört als nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1945.
Um 1.58 Uhr donnert der erste Flüchtlingszug mit überhöhter Geschwindigkeit durch den geräumten Bahnhof. Das Lageprotokoll der Stasi vermerkt: "Keine besonderen Vorkommnisse."
Generalmajor Böhm berichtet nach Berlin, "die eingesetzten Sicherungskräfte" hätten "aufopferungsvolle, umsichtige und pflichtbewusste Arbeit" geleistet.
Noch in der Nacht erfassen Mitarbeiter der Dresdner SED-Bezirksleitung die Schäden: Zerstört sind im Bahnhof alle Türen und Schaukästen, sämtliche Fahrkartenautomaten, Leuchtstoffröhren und Uhren, dazu 320 Quadratmeter Glasfläche.
Donnerstag, 5. Oktober 1989
Ost-Berlin
In der verräucherten Eckkneipe im Prenzlauer Berg, dem berlinischsten aller Ost-Berliner Stadtbezirke, gibt es nur zwei Themen: die Ausreisewelle und den bevorstehenden DDR-Jahrestag. Viele denken wie Kalle, Arbeiter in einem VEB-Fuhrbetrieb, der sein 51-Pfennig-Bier stemmt und einem West-Reporter eröffnet: "Die Zone iss im Arsch."
Jeder in der Runde kennt einen, der in den Westen rübergemacht hat, immer mehr Arbeitsplätze sind morgens verwaist. Ein Tresen-Kumpan erzählt von seinem Bruder, der drüben lebt: "Hat schon ''nen heißgemachten Opel unterm Arsch, hat''n eigenes Telefon, ehrlich! Da warteste hier zehn Jahre drauf und auf''n Opel hundert!" Ein dritter nickt: "Wenn sich bis nächstes Jahr hier nischt ändert, kratz ich die Kurve."
Einige hundert Meter weiter, auf dem Vorplatz der Gethsemane-Kirche, flackern dutzende von weißen Altarkerzen. Seit Montag halten hier junge Leute eine Mahnwache "für die unschuldig Inhaftierten" von Leipzig. Ladenbesitzer bringen Tee vorbei, Bauarbeiter spendieren Würstchen.
Vor Stellwänden mit den jüngsten Resolutionen bilden sich Menschentrauben: Künstler, vom Puppentheater bis zum Berliner Ensemble, fordern öffentliche Diskussionen über die Ursachen der Ausreisewelle. Selbst in Grundorganisationen der SED wird der Ruf nach Erneuerung laut.
Während in der Ferne Kettenpanzer mit aufmontierten Raketen durch die Straßen rasseln, um für die Militärparade zum Jubelfest zu proben, beschreibt eine junge Frau die Stimmung im Osten mit den Worten: "Man müsste Nierenschalen in den Straßen aufstellen, so sehr ist uns allen zum Kotzen zumute."
Im Ost-Berliner Volkspolizei-Präsidium verfasst unterdessen Oberstleutnant Dott einen "Informationsbericht" über die Reaktion der Bevölkerung auf die Schließung der CSSR-Grenze: Viele meinten, nun werde die Lage "noch mehr ,angeheizt''". Schon jetzt herrsche "große Unruhe": "Angst vor Ausschreitungen und Zusammenrottungen verbreitet sich."
"Enttäuschung und Unverständnis", schreibt Dott, herrschten, weil in der SED-Spitze "nicht auf brennende, aktuelle Fragen eingegangen" werde. Kritik übe die Bevölkerung aber auch an der Presse: "Man habe den Eindruck, dass die Zeitungen nur für die Partei- und Staatsführung gemacht würden."
In Friseursalons und Fleischfabriken werde offen über "Privilegien von Funktionären der SED und des Staatsapparates diskutiert" - zum Beispiel darüber, "dass die Generale schon wieder neue Pkw französischer Produktion erhalten hätten" und dass sie "eine Büchse Ananas für 1,80 Mark" kaufen dürften statt, wie Normalsterbliche, für "12 Mark aufwärts". Aus alldem, so der Oberstleutnant, werde "abgeleitet, dass sich die Partei von den täglichen Sorgen der Bevölkerung abwende".
Konsequenz: "Es müsse ein ,Gorbi'' für die DDR her."
Freitag, 6. Oktober 1989
Ost-Berlin
Als die Staatsmaschine mit dem Ehrengast aus Moskau auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld einschwebt, hat Erich Mielkes Sicherheitsapparat ganze Arbeit geleistet.
"Zur Spalierbildung" an Michail Gorbatschows Fahrtroute sind, wie es in einem vertraulichen MfS-Papier heißt, insgesamt "360 000 gesellschaftliche Kräfte" mobilisiert. Potenzielle Unruhestifter hat die Geheimpolizei im Rahmen einer "Aktion ,Jubiläum 40''" aufgesucht: "Es wurden 1238 Vorbeugungsgespräche geführt, in deren Ergebnis 1218 Personen erklärten, sich gesellschaftsgemäß zu verhalten."
Der Ostteil der Stadt wimmelt von Einsatzkommandos der Stasi und der FDJ, die Demonstranten durch Rempeleien blockieren und vom Festgeschehen fern halten sollen. Ihre Aufgabe im Amtsdeutsch: "Ununterbrochene Kontrolle der Inspiratoren/Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit und Verhinderung ihres Eindringens in Handlungsräume."
Für den Fall der Fälle sind 1400 Soldaten "bereitgestellt", darunter ein Mot.-Schützenbataillon aus Stahnsdorf, eine Fallschirmjägerkompanie aus Lehnin, eine Hubschrauberstaffel aus Brandenburg und ein Taucherzug aus Berlin-Rummelsburg. In Militärlazaretten ist für "zusätzliche Bettenkapazitäten" gesorgt.
Auf dem Flughafen begrüßt der aufgekratzt wirkende Rekonvaleszent Honecker ("Totgesagte leben länger") den Gast aus Moskau mit dem traditionellen Bruderkuss. Bevor Gorbatschow samt Gattin Raissa die tonnenschwere schwarze SIL-Limousine besteigt, spricht er Journalisten gegenüber ein großes Wort gelassen aus: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren."
In einer schnittigeren Version - "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" - soll der Satz zum Leitmotiv des Herbstes ''89 werden.
Abends, bei der zentralen Feier im Palast der Republik, verzichtet Festredner Gorbatschow auf offene Ermahnungen zu Glasnost und Perestroika. Die SED, fordert er, müsse selber "Antworten auf die Fragen finden, die ihre Bürger bewegen". Und: Die Probleme der DDR würden "nicht in Moskau, sondern in Berlin" entschieden (siehe Analyse Seite 92).
Der Unmut darüber, für die Politik der Ost-Berliner Reformfeinde vereinnahmt zu werden, ist dem Sowjet-Chef anzumerken. In verspannter Haltung, auf der äußersten Kante seines Sessels balancierend, lässt er eine endlose Eigenlobrede Honeckers über sich ergehen.
Unter den Linden nimmt Gorbatschow abends, gemeinsam mit den anderen Größen der kommunistischen Weltbewegung, einen Fackelzug von 70 000 FDJ-Mitgliedern ab. Die Blauhemden, zusammengeholt aus der ganzen Republik, johlen absurde Parolen wie "Hasta la vista, cha, cha, cha" - und dazwischen immer wieder "Gorbi, Gorbi" und "Gorbi, hilf uns".
Auf der Ehrentribüne fragt der sprachkundige polnische Parteichef Mieczyslaw Rakowski seinen Kollegen: "Michail Sergejewitsch, verstehen Sie, was für Losungen die da schreien?" Gorbatschow nickt, dennoch dolmetscht Rakowski: "Sie fordern: ,Gorbatschow, rette uns!'' Das ist doch das Aktiv der Partei! Das ist das Ende!"
Dass die Menge nicht "Erich, Erich" jubelt, verdrießt Honecker ebenso wie seine Frau Margot. Zwei Tage später wird der Generalsekretär seinen einstigen Ziehsohn Egon Krenz, den Organisator der Festivität, persönlich für die Panne verantwortlich machen: "Du hast gemeinsam mit dem Zentralrat die FDJ-Mitglieder im Sinn Gorbatschows manipuliert."
Nach dem Ende des Fackelzuges verlässt das Ehepaar Honecker wutentbrannt die sowjetischen Gäste - während Michail Sergejewitsch weiter gut gelaunt herumplaudert und Raissa mit dem bestaussehenden Mann flirtet, den die FDJ zu ihrer Betreuung aufbieten konnte.
Sonnabend, 7. Oktober 1989
Ost-Berlin
Punkt 10 Uhr tönen die elektronisch verstärkten Glockenschläge vom Turm des Roten Rathauses zur Karl-Marx-Allee herüber. Sie läuten die "Ehrenparade" zum Republik-Geburtstag ein: Eine gute Stunde lang präsentiert sich Honeckers Scheinwelt noch einmal in bester Ordnung.
Jede Szene sitzt, und alle spielen mit. Auf der Ehrentribüne zwischen dem Kino "International" und dem "Alex" geben sich, rechts von Honecker, die sozialistischen Brüder ein Stelldichein - von Gorbatschow bis Ceausescu und Arafat sind alle zur Stelle.
Bevor der DDR-Staatschef die Hand zum Paradegruß an den grauen Hut führt, inspiziert er zufrieden den linken Flügel: Auch die Altherrenriege des Politbüros ist vollständig angetreten. In der Mitte thront Gattin Margot, die ihre graublaue Dauerwelle zur Feier des Tages mit einem kecken Tüchlein verziert hat, passend zum Pflicht-Fahnenschmuck der Plattenbauten vis-àvis. Mit preußischer Akkuratesse sind, von Stockwerk zu Stockwerk im Wechsel, rote Fahnen und DDR-Flaggen drapiert.
Beim zehnten Glockenschlag schließlich beginnt die grosse Show der NVA. Stechschrittgetöse, Marschmusik und Motorenlärm donnern durch die Allee. Jede der 20 Paradeeinheiten wird von der Tribünenprominenz eifrig beklatscht, während unten bestellte Jubler mit "festivalistischen Winkelementen" wedeln.
Gegen Mittag, als sich die Tribüne geleert und die Abgaswolke der Schützenpanzer und Schwertransporter verzogen hat, weht über den "Alex" der Duft von Grillfleisch und Soljanka - die Geburtstagsparty fürs Volk ist gerichtet.
Während die Festbesucher Thüringer Bratwürste und Rippchen verzehren, geht es acht Kilometer weiter, im Schloss Niederschönhausen, für Honecker buchstäblich um die Wurst. In kleinstem Kreis wirft Gorbatschow ihm vor, die wahren Bedürfnisse des Volkes zu verkennen: "Viel Wurst und viel Brot" seien "noch nicht alles" - die Menschen verlangten heutzutage auch "eine neue Atmosphäre, mehr Sauerstoff, einen neuen Atem". Honecker reagiert pikiert. Bei seinem jüngsten Besuch im sowjetischen Magnitogorsk, brüskiert er den Kreml-Chef, habe es in den Läden sogar an Mehl, Seife, Salz und Streichhölzern gefehlt.
Gorbatschow hat bei soviel Arroganz und Starrsinn das Gefühl, "Erbsen an die Wand" zu werfen. Nach dem peinlichen Dialog treten die beiden vor das versammelte Politbüro, von dem der Gast mehr Reformbereitschaft erwartet.
Vor der SED-Spitze variiert Gorbatschow immer wieder seine Mahnung vom Vortag: "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort"; "wenn die Partei nicht auf das Leben reagiert, ist sie verurteilt"; "wir haben nur eine Wahl - entschieden voranzugehen, sonst werden wir vom Leben selbst geschlagen."
Unverblümt spricht er die Hoffnung aus, dass es bald zu einer "Wende in der Entwicklung des Landes" kommen werde. Honecker antwortet mit hölzernen Worten - und erweckt den Eindruck, dass er nichts begriffen hat.
Der Generalsekretär flüchtet sich in Floskeln wie "Vorwärts immer, rückwärts nimmer" und lobt in höchsten Tönen die zweifelhaften Errungenschaften der DDR-Wirtschaft. Als er am Ende ist, schweigt die Runde. Auch von Männern wie Egon Krenz und Günter Schabowski kommt kein einziges Wort der Kritik an Honecker.
Gorbatschow schaut still den Tisch rauf und runter, ungläubig, wendet sich zu seinem Nachbarn und sagt nichts weiter als: "Tsss!" Ein letzter Blick in die stummen Gesichter des Politbüros, dann steht der Gast abrupt auf und geht.
Zehn Jahre später wird der Zauderer Krenz in seinen Memoiren über diesen Tag selbstkritisch anmerken: "Wir verpassen die Möglichkeit, uns gegenseitig offen und ehrlich über die tatsächliche Lage in unseren Ländern zu informieren." Schabowski wird im Nachhinein urteilen: "Wir waren Arschlöcher, da hätten wir putschen müssen, unter seinen Augen."
Über dem Volksfest am "Alex" lastet unterdessen ein bei früheren Republik-Geburtstagen nie gekannter Druck. Hunderte von Dreiergrüppchen in Lederjacke oder Dederon-Joppe observieren das Geschehen. Als der Sänger einer Volksmusikkapelle das Lied "Ach bleib doch hier und geh nicht fort" anstimmt, lässt die Brisanz des Textes die Feiernden aufhorchen.
Kurz vor 17 Uhr entlädt sich die Spannung. Nahe der Weltzeituhr haben sich - wie an jedem 7. der vergangenen Monate - einige hundert Jugendliche versammelt. Um an den Kommunalwahlbetrug vom 7. Mai zu erinnern, wollen sie "auf die Wahlen pfeifen". Plötzlich, während aus den Lautsprechern Schlagermusik quillt ("Tanze Samba mit mir ..."), eine Festnahme: Stasi-Leute schleifen einen blassen Jugendlichen an den Haaren davon. Pfiffe, Buhrufe, Sprechchöre: "Freiheit, Freiheit, Freiheit". Ein ARD-Team, obwohl von Remplern in Zivil bedrängt, filmt die Szene.
"Das Unfassbare", urteilt später der Historiker Stefan Wolle, "war Wirklichkeit geworden: eine staatsfeindliche Demonstration mitten im Zentrum der sozialistischen Hauptstadt, und noch dazu am 40. Jahrestag der Republik".
In seiner Befehlszentrale im nahen "Haus des Lehrers" schreckt der dortige Einsatzleiter, Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, davor zurück, den Alexanderplatz räumen zu lassen. Er will keine Straßenschlacht riskieren. Denn zur selben Zeit zelebriert die SED-Spitze im "Palast der Republik", nur wenige hundert Meter entfernt, den offiziellen Gala-Empfang für die Staatsgäste. Eben dorthin jedoch, zum hell erleuchteten Glashaus der Regierenden, das die Berliner Schnauze "Erichs Lampenladen" nennt, setzen sich um 17.20 Uhr die Jugendlichen in Bewegung.
Die Vopo-Führung sieht abermals keine Chance zum Eingreifen. Untätig beobachten die grün und blau Uniformierten am Straßenrand, wie Protestierer ihr Ostgeld, die verhassten Alu-Chips, demonstrativ auf die Straße werfen, sich den Mund mit Pflaster verkleben oder rufen: "Das Volk sind wir, und wir sind Millionen."
Um 17.30 Uhr besetzt die Menge, mittlerweile rund 3000 Menschen, das Spreeufer und brüllt, über den Fluss hinweg, zu den Fenstern des "Palastes" empor: "Gorbi, wir kommen, Gorbi, hilf uns." Im Festsaal, wo der Leipziger Thomanerchor "Friede sei im Lande" angestimmt hat, lässt Erich Mielke sein Sektglas stehen. Der Stasi-Chef eilt auf die Straße, um das Unerhörte aus der Nähe zu beobachten. Um 17.50 Uhr meldet der Polizeifunk: "Der Genosse Minister führt persönlich."
Der Demonstrationszug, inzwischen abgedreht in Richtung Prenzlauer Berg und angeschwollen auf 7000 Menschen, entwickelt "eine starke Sogwirkung auf bis dahin Unbeteiligte", heißt es im Einsatz-Tagebuch. Originalton Vopo:
Die lautstarken Sprechchöre zur Idealisierung der Person des Genossen Gorbatschow, die Rufe nach Freiheit und Demokratie, die Verunglimpfung der Angehörigen des MfS und nicht zuletzt die Aufforderung an alle, auf die Straße zu kommen, verfehlten ihre Wirkung nicht.
Unterdessen verabschiedet sich Gorbatschow im Bankettsaal von Honecker; die Atmosphäre ist frostig. Als die sowjetische Delegation den Palast der Republik verlässt, spricht Egon Krenz den Moskauer Deutschlandexperten und Ex-Botschafter Walentin Falin an.
Krenz: "Ihrer hat alles gesagt, was gesagt werden musste. Unserer hat nichts begriffen."
Falin: "Der sowjetische Gast hat mehr gesagt und getan, als man von einem Gast erwarten kann. Alles Weitere hängt von Ihnen ab."
Nachdem Gorbatschow zum Flughafen aufgebrochen ist, gibt Mielke den Sicherheitskräften Befehl zum Zuschlagen: "Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus."
Im Schutz der Dunkelheit knüppeln Polizei und Stasi auf Demonstranten ein, die "Keine Gewalt!" schreien. Zu ähnlichen Übergriffen kommt es am selben Abend auch in Leipzig, Plauen, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Potsdam, Suhl, Jena, Erfurt, Halle, Arnstadt und Ilmenau.
Im Prenzlauer Berg in Ost-Berlin, Ziel des Demonstrationszuges vom "Alex", riegeln Polizeiketten gegen 21 Uhr die Umgebung der Gethsemane-Kirche hermetisch ab; nur Krankenwagen dürfen passieren.
Was sodann, unter der Regie von Stasi-Offizieren, geschieht, wird sich später, nach der Wende, in einem amtlichen Untersuchungsbericht so lesen:
Mit unglaublicher Härte werden einzelne Demonstranten wie wahllos aus der Menge herausgegriffen und von bis zu acht zivilen MfS-Angehörigen zusammengeschlagen ... Volkspolizisten und MfS-Mitarbeiter prügeln viele der Festgenommenen auf die Transportfahrzeuge, obwohl keine Gegenwehr erfolgt. Bevorzugt richtet sich die Brutalität gegen Frauen, um männliche Demonstranten zum gewaltsamen Handeln gegen die Sicherheitskräfte zu provozieren.
Noch lange nach Mitternacht hallen das Klatschen der Knüppel und die Schreie der Geschundenen durch die Straßen. Einem 14-jährigen Mädchen schlagen Uniformierte auf die Hände, nur weil es eine Kerze hält. Polizisten treten Wohnungstüren ein, hinter denen sie Flüchtige vermuten. Drei Schlägertypen zugleich stürzen sich auf einen älteren Mann und lassen seinen Schädel immer wieder auf das Pflaster knallen.
Beteiligte wie Unbeteiligte, Namenlose wie Prominente werden Opfer der Prügel-Orgie. Krankenhausreif geschlagen wird die DDR-Fotoreporterin Nina Rücker, 27. Deren Mutter, die Künstlerin Vera Oelschlägel, Ex-Frau des früheren SED-Bezirkschefs Konrad Naumann, erstattet Strafanzeige gegen die Urheber der "sinnlosen Brutalität".
Schläge und Schimpfworte ("Drecksack") treffen selbst den Ost-Berliner Professor Heinrich Fink, als der seiner bedrängten Tochter Rahel ("Hilfe, Vater, Vater") beispringt. Fink beschwert sich noch in derselben Nacht bei einem Stasi-Major, er sei "ungerecht behandelt" worden.
Der Professor, heißt es in einem MfS-Schriftsatz, "verwies auf seine Kleidung und brachte zum Ausdruck, dass er doch ,kein Drecksack'' sei". Außerdem habe er beteuert: "Ich arbeite doch auch für euch."*
Im Laufe dieser Nacht werden allein in Berlin 1047 Bürger festgenommen. Anschließend, in Gefängnissen und anderen "Zuführungspunkten", sind sie teils 24 Stunden und länger Misshandlungen ausgesetzt. Viele müssen bei Kälte und Nieselregen im Freien oder in unbeheizten Kellern und Garagen ausharren, manche nackt, mit dem Gesicht zur Wand. Andere werden daran gehindert, ihre Notdurft zu verrichten, und mit Knüppelhieben zu Kniebeugen oder in die so genannte Fliegerstellung gezwungen - zum Teil so lange, bis sie auf dem eiskalten Betonboden zusammenbrechen.
Im Gefängnis Rummelsburg werden die Festgenommenen Protokollen zufolge von "Schäferhunden ohne Beißkorb" bedroht und von hasserfüllten Bewachern beschimpft: "Diese Schweine", "Alle an die Wand stellen". Die Opfer sind zu "über 90 Prozent ... Unbeteiligte bzw. unberechtigt Zugeführte", wird später eine Untersuchung ergeben - darunter eine Kindergärtnerin, eine Ministeriumsangestellte und ein Major der Volksarmee. Einigen der Fest-
* Der Hochschullehrer, den das MfS von 1969 an als IM "Heiner" führte, wurde 1991 wegen seiner Arbeit für die Stasi vom Berliner Senat fristlos entlassen. In einer im letzten Sommer aufgetauchten "Übersicht IM-Bestand" ist Fink als hochrangiger Informant der für Repression und Kontrolle der Kirchen zuständigen MfS-Hauptabteilung XX/4 verzeichnet (SPIEGEL 24/1999).
gehaltenen wird eine erkennungsdienstliche Behandlung besonderer Art zugemutet. Die Schwestern Susanne und Marianne Boeden, 21 und 12 Jahre jung, haben zum Jahrestag einen selbst verfassten Aufruf gegen die "greise, starre Regierung" verteilt. Beide müssen sich, nach endlosen Verhören, in der Volkspolizei-Inspektion Prenzlauer Berg minutenlang einen Stoffstreifen zwischen die nackten Schenkel klemmen. Erst später wird publik, welchem Zweck die absonderliche Prozedur dient.
Laut einem Geheimbefehl müssen Stasi und Vopo bei "schweren Straftaten" und "politisch und operativ bedeutsamen Sachverhalten" von Verdächtigen "Geruchskonserven" sichern, beispielsweise "Unterwäsche, Taschentücher und Ähnliches". Die Duftproben sollen Polizeihunde in die Lage versetzen, Täter zu identifizieren oder entlaufene Häftlinge zu verfolgen.
In versteckt gelegenen Depots hortet der Schnüffelstaat Einweckgläser mit aberhunderten von Geruchsproben. Auf den Etiketten sind, neben der DDR-Personenkennzahl, nur Stichworte oder Stasi-Kürzel verzeichnet. Zum Beispiel: "Prof. K., Achselprobe", "Prähofer, Janek, öffentliche Herabwürdigung", "Günter Kruse, operative Personenkontrolle, Boykott, Stuhlprobe" oder "Lindemann, Verdacht der pazifistischen Losungen".
Schwante
Kurz nach Mitternacht treffen sich am Ufer der Spree, nahe der Warschauer Brücke im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain, zwei Pastoren zu illegalem Tun.
Markus Meckel, 37, rauschebärtiger Kirchenmann aus Niederndodeleben bei Magdeburg, steigt in den Trabi seines gleichaltrigen Amtsbruders Martin Gutzeit. Der Kofferraum ist vollgestopft mit einem Uralt-Computer samt Nadeldrucker sowie mit Bockwürsten, Schrippen und Käse.
Am Fahrtziel, einem schlichten Gemeindesaal im brandenburgischen Dorf Schwante, müssen gut 40 Verschwörer beköstigt werden. In dem gelb getünchten Kirchenraum, geschmückt nur mit ein paar Kinderzeichnungen, will die Runde - ohne zuvor die SPD im Westen oder die SED im Osten um Erlaubnis gefragt zu haben - eine "Sozialdemokratische Partei in der DDR" (SDP) aus der Taufe heben.
Aus Sicht der Honecker-Partei grenzt das Vorhaben an Hochverrat. Eine Wiederbelebung der 1946 mit der KPD zwangsvereinigten Sozialdemokratie, deren treuste Anhänger in Lagern und Zuchthäusern gequält und ermordet wurden, droht die vielbeschworene "Einheit der Arbeiterklasse" zu sprengen und das Machtmonopol der SED zum Einsturz zu bringen.
Meckel und seine Mitverschwörer haben schon am Vorabend ihre Wohnungen verlassen, um zu verhindern, dass die Stasi ihnen zum Treffpunkt folgt. Als die Geheimpolizisten sie im Morgengrauen zu Hause abfangen wollen, sind die Parteigründer längst ausgeflogen. Verärgert merken die Beschatter, dass sie ausgetrickst worden sind. "12 Personen konnten wegen Abwesenheit nicht unter Beobachtung genommen werden", melden sie.
Natürlich hat die Stasi im SDP-Gründerkreis einen Spitzel platziert. Doch der Koch und Friedhofsgärtner, Historiker und Sägewerksarbeiter, Dramaturg und Nachhilfelehrer Manfred Böhme, 44, ist von den Initiatoren nicht vollständig eingeweiht worden (siehe Porträt Seite 90).
Die schillernde Figur, die sich selber den Vornamen Ibrahim zugelegt hat und von der Stasi als IM "Maximilian" geführt wird, konnte ihrem Führungsoffizier lediglich Teilnehmerkreis und Termin der Gründungsversammlung verraten - den Ort des Treffens erfuhr Böhme selbst erst wenige Stunden vor Beginn.
Nervös rauchend verfolgt der Mann in der hellen Sportjacke die Gründungsregularien. Geschickt hat sich der eloquente Hobbyphilosoph Böhme in den letzten Monaten an die so genannte Sofarunde um den Kirchenmann Stephan Hilsberg herandisputiert. Im Juli, als in dem Christenzirkel die SDP-Idee reifte, wurde Böhme sogar eines von nur drei Exemplaren des Statuten-Entwurfs anvertraut - es landete prompt bei der Stasi.
Während die Schwanter kannenweise Tee trinken und ihre Strategie diskutieren, filmt der Berliner Fotograf Aram Radomski das historische Treffen. Das Video soll dem Westfernsehen zugespielt werden.
Böhme bietet dem Kameramann an, die Kassette an sich zu nehmen und "vorläufig" auf sie aufzupassen. Doch Radomski lehnt ab und bringt das Videoband selbst nach Berlin. Anderntags flimmern die Bilder von der "SDP-Gründung" im ARD-"Brennpunkt" über Millionen von Bildschirmen in Ost und West. Ibrahim Böhme hat es nicht verhindern können.
Im Jahr darauf - IM "Maximilian" ist längst zum Vorsitzenden der Ost-SPD aufgerückt - wird Böhme im Genossenkreis immer wieder scheinheilig das "Wunder von Schwante" beschwören: Wie listig man doch damals die Stasi abgeschüttelt habe.
Dass der Spitzenmann der Ost-SPD selbst einer von der "Firma" war, kommt erst im Frühjahr 1990 heraus. Gut zwei Jahre später wird IM "Maximilian" aus der SPD ausgeschlossen.
JOCHEN BÖLSCHE;
PETRA BORNHÖFT, NORBERT F. PÖTZL, IRINA REPKE, CORDT SCHNIBBEN, ANDREAS WASSERMANN, PETER WENSIERSKI
* Der Hochschullehrer, den das MfS von 1969 an als IM "Heiner" f?hrte, wurde 1991 wegen seiner Arbeit f?r die Stasi vom Berliner Senat fristlos entlassen. In einer im letzten Sommer aufgetauchten "Ðbersicht IM-Bestand" ist Fink als hochrangiger Informant der f?r Repression und Kontrolle der Kirchen zust"ndigen MfS-Hauptabteilung XX/4 verzeichnet (SPIEGEL 24/1999).
Von Jochen Bölsche, Petra Bornhöft, Norbert Pötzl, Irina Repke, Cordt Schnibben, Andreas Wassermann und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 40/1999
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