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DER SPIEGEL

TatverdächtigeWahrheit oder Zahl

Sind Ausländer krimineller als Deutsche? Amtliche Statistiken legen das auf den ersten Blick nahe. Doch Kriminologen warnen: Schon die Frage führe in die Irre.
Rolf Rainer Jaeger hat sich ein großes Ziel gesetzt: Es gehe ihm um nichts weniger als "die Darstellung der uneingeschränkten Wahrheit", sagt der ehemalige Leiter der Kripo Duisburg. Konkret treibt ihn die Frage um, ob Ausländer im Durchschnitt häufiger Straftaten begehen als Deutsche. Also setzte sich der pensionierte Polizist vor einigen Monaten an seinen Computer, wertete Statistiken aus, erstellte Excel-Tabellen und Zeitreihen.
Das Ergebnis, sagt Jaeger, "hat mich selbst überrascht". Er sei auf "erschreckende Entwicklungen" gestoßen. Die Polizei registriere bei einer Reihe von Delikten deutlich mehr ausländische Verdächtige als früher – und weit mehr, als es dem Ausländeranteil in Deutschland entspreche. Im Jahr 2015 habe es einen "auffälligen Sprung" gegeben, so Jaeger.
Der frühere Kripobeamte erhebt Vorwürfe, die Innenminister und Polizeiverantwortliche inzwischen oft zu hören bekommen: Politik und Polizeiführung glaubten fälschlicherweise, "dass es der Bevölkerung wohl egal ist, ob eine Straftat von einem Deutschen oder von einem Nichtdeutschen begangen wurde".
So tauche die Nationalität von Tatverdächtigen in Polizeiberichten häufig nicht auf, Daten über Ausländerkriminalität würden teilweise bewusst verschwiegen. Es herrsche eine "von manchen Innenministerien verordnete Geheimniskrämerei", behauptet Jaeger. Eine Ursache dafür sei die Angst, dass ein politisch rechtsorientiertes Wählerpotenzial weiter anwachse.
Im Sommer fasste der ehemaligen Polizist seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen in zwei Artikeln für die Fachzeitschrift "Der Kriminalist" zusammen, das Mitgliederblatt der Gewerkschaft Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Jaeger ist BDK-Vorstandsmitglied und fungiert als Chefredakteur der Zeitschrift.
Unter Fachleuten lösten die Beiträge eine heftige Debatte aus: Sind Ausländer im Schnitt wirklich krimineller als Deutsche? Das legt Jaegers Interpretation der Polizeilichen Kriminalstatistik nahe, auch wenn er lieber Begriffe wie "überrepräsentiert" oder "überproportionale Beteiligung" verwendet.
Jaeger sagt, er habe auf die Artikel "viele positive Rückmeldungen aus der Mitgliedschaft bekommen". Kriminologen, die sich der Sache wissenschaftlich nähern, winken dagegen ab: Kriminalität sei keine Frage des Passes oder der ethnischen Herkunft, sondern von Lebenslagen und sozialen Bedingungen, sagt der Bochumer Kriminalitätsforscher Thomas Feltes.
Auch in der BDK-Spitze stößt die These des Chefredakteurs auf Skepsis. Der Verbandsvorsitzende André Schulz distanzierte sich in einem "Editorial" des Heftes von zentralen Aussagen der Texte. Die Polizeiliche Kriminalstatistik sei kein Spiegelbild der Wirklichkeit, sondern nur eine "Strichliste", ein "Arbeitsnachweis" der Polizei mit recht geringer Aussagekraft.
Jaeger dagegen hält die Statistik für aussagefähig genug, um Alarm zu schlagen. Im Jahr 2015, warnt er, sei der Anteil von Ausländern unter den registrierten Tatverdächtigen auf einen neuen Höchststand gestiegen: 38,5 Prozent. Im Jahr zuvor waren es knapp zehn Prozentpunkte weniger.
Eine Ursache dafür liegt nahe. 2015 gab es deutlich mehr Ausländer in Deutschland als im Jahr davor. Vor allem durch den Flüchtlingszustrom kamen mehr als eine Million Menschen ohne deutschen Pass zusätzlich ins Land. Tausende Asylsuchende fanden, ohne sich eines Vergehens bewusst zu sein, bereits durch ihre Ankunft in Deutschland Eingang in die Kriminalstatistik. Denn die Polizisten an der Grenze hatten massenhaft Routineanzeigen wegen "unerlaubter Einreise" geschrieben. In der Polizeistatistik sind diese Flüchtlinge mithin als "Tatverdächtige" aufgeführt, obwohl die Tat in der Regel folgenlos blieb. Nachdem die Flüchtlinge Asyl beantragt hatten, wurden die Verfahren eingestellt.
Die Statistiker haben daher eine neue Kategorie für die Kriminalstatistik eingeführt: die Zahl der registrierten Straftaten "ohne ausländerrechtliche Verstöße". Delikte wie unerlaubte Einreise oder unerlaubter Aufenthalt sind herausgerechnet. Das Ergebnis: Obwohl wegen der Flüchtlinge weitaus mehr Menschen im Land lebten als 2014, wurden – ohne die ausländerrechtlichen Verstöße – mit etwa 5,9 Millionen Fällen kaum mehr Straftraten registriert als vorher. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, ist somit für jeden Einwohner Deutschlands im Zuwanderungsjahr 2015 statistisch leicht gesunken.
Aber darum geht es Jaeger nicht. Auch ohne die ausländerrechtlichen Verstöße sei der Anteil der "nichtdeutschen Tatverdächtigen", wie es in der Statistik heißt, mit 27,6 Prozent außerordentlich hoch, argumentiert er. Besonders auffällig sei der Befund bei bestimmten Delikten wie Taschendiebstahl. Von allen Tatverdächtigen, die deswegen 2015 angezeigt wurden, hatten mehr als drei Viertel keinen deutschen Pass. Im Jahr 2008 hatte der Ausländeranteil etwa die Hälfte betragen. Ähnliche Entwicklungen gebe es bei Wohnungseinbrüchen oder Ladendiebstahl. Teilweise seien mehr als 40 Prozent der Tatverdächtigen Ausländer gewesen. Bei Straftaten wie Brandstiftung oder sexuellem Missbrauch von Kindern habe der Anteil um die 14 Prozent gelegen.
Jaeger macht dann eine ebenso schlichte wie problematische Rechnung auf: Er vergleicht die Ausländerquote bei den Tatverdächtigen mit dem Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung. Letzteren beziffern die Statistiker, mit einigen Unsicherheiten, derzeit auf ungefähr elf Prozent. In allen Delikten, bei denen der Ausländeranteil an den Tatverdächtigen höher liege, seien die Nichtdeutschen daher "grundsätzlich überrepräsentiert", lautet Jaegers These.
Diese Rechnung ist allerdings statistisch unsauber, weil es sich um nicht miteinander vergleichbare Ausgangsgruppen handelt. "Nichtdeutsche" zählen in der Wohnbevölkerungsstatistik nur, wenn sie hier leben und von den Meldeämtern registriert sind. Es fehlen die Touristen, die durchreisenden Fernfahrer, die Austauschstudenten, die in Deutschland stationierten Soldaten anderer Staaten sowie alle illegal hier lebenden Arbeitskräfte. Sie alle gehören nicht zur Wohnbevölkerung, landen aber als "nichtdeutsche Tatverdächtige" in der Polizeistatistik. Vor allem fehlen in der Bevölkerungsstatistik die Angehörigen internationaler Banden aus Ost- und Südeuropa, die sich auf Wohnungseinbrüche, Taschendiebstahl oder Autodiebstahl spezialisiert haben und für eine große Zahl von Straftaten verantwortlich sind.
Wie verzerrend das wirken kann, macht Kriminologe Feltes am Beispiel Berlin deutlich: Auf gut 3,5 Millionen gemeldete Einwohner kämen jährlich rund 8 Millionen ausländische Besucher. Man dürfe annehmen, so der Wissenschaftler, dass einige von ihnen Straftaten begingen.
Kriminologen führen zudem eine Reihe von Gründen an, warum Ausländer im Vergleich zu Einheimischen häufiger als Tatverdächtige in den Statistiken der Polizei landen, in vielen Ländern der Welt. Das gehe beim Anzeigeverhalten los, meint Christian Pfeiffer, ehemaliger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen. Je fremder ein Täter wirke, desto eher werde er von den Alteingesessenen angezeigt – mitunter auch für Vergehen, die bei Nachbarn oder Kollegen noch hingenommen würden. Christian Walburg vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster sieht in der Forschung "Hinweise", dass Angehörige von Minderheiten häufiger von der Polizei überprüft würden.
Außerdem sind viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen, junge Männer mit geringem Sozialprestige, wenig Geld, schlechten Jobchancen. Diese Bevölkerungsgruppe gilt ungeachtet ihrer Herkunft als überdurchschnittlich gefährdet, kriminell zu werden. Auch bei Deutschen dieser Alters- und Sozialgruppe bestehe eine deutlich erhöhte Gefahr, sagen Kriminologen. Für Feltes ist der Blick auf die Ausländerquote deshalb nicht nur "irreführend", sondern "kriminologisch und kriminalpolitisch wertlos". Die eigentlichen Ursachen der Kriminalität lägen in der Lebenssituation und Lebensgeschichte der Menschen. Daher sei der beste Schutz vor Kriminalität eine gute Integration und die Verbesserung der Lebensbedingungen.
Nimmt man diese Erkenntnis ernst, wird die Herausforderung deutlich, vor der Deutschland jetzt steht. Manchem Innenminister in den Bundesländern ist ziemlich bange vor der Situation in Flüchtlingsunterkünften: Langeweile, Minderwertigkeitsgefühle, Gruppendynamik unter jungen Männer könnten ein schwer zu kontrollierendes Pulverfass erzeugen.
Bislang zeichnen die Daten des Bundeskriminalamts zu Zuwanderern kein dramatisches Bild: Die Zahl der Straftaten, die Asylbewerbern, Asylberechtigten, Geduldeten und anderen Flüchtlingen zugeschrieben werden, sei von Januar bis September 2016 in fast allen Deliktsbereichen rückläufig.
Polizisten hadern schließlich auch aus anderen Gründen mit der Kriminalstatistik. Die Kategorie Ausländer sei viel zu undifferenziert, um daraus nützliche Schlüsse ziehen zu können, sagt BDK-Vorsitzender Schulz. Wer sich mit den Straftaten libanesischstämmiger Familienclans in Berlin oder im Ruhrgebiet beschäftigt, kann mit dieser Kategorisierung tatsächlich wenig anfangen, weil so manche hochkriminelle Clanmitglieder der zweiten oder dritten Generation die deutsche Staatsbürgerschaft haben. In der Rubrik "nichtdeutsche Tatverdächtige" tauchen sie folgerichtig nicht auf – sondern sie gehören zu jenem Teil der Bevölkerung, deren Anteil in der Tatverdächtigendatei 2015 signifikant gesunken ist.

In der Statistik fehlen die Touristen, die durchreisenden Fernfahrer, die Austauschstudenten.

Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 4/2017
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