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DER SPIEGEL

BriefeUnterm Rüschenrock

Nr. 3/2017 Das Problem mit der Liebe und dem Geld
"Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig ausgeprägt das Bewusstsein unter den Müttern ist, dass eine wöchentliche 18,5-Stunden-Tätigkeit nicht ausreicht, um eine vernünftige Altersvorsorge aufzubauen. Man sollte mit dem Ehemann vereinbaren, eine bestimmte Summe für die eigene Altersvorsorge anzulegen."
Dr. Silke Führmeyer, Hofheim (Hessen)

Ihr Artikel beschreibt 26 Jahre nach der Wiedervereinigung die Situation so, wie ich sie mir in den schlimmsten Vorstellungen all der Möglichkeiten, die sich 1990 auftaten, nicht ausmalen konnte. Welch eine Chance wurde da für Frauen und Männer vertan. Infrastruktur und ein selbstbewusstes Frauenbild zerstört. Stattdessen reproduzieren wir in diesem Land die (Rollen-)Klischees der Vergangenheit in Bildung, Steuer- und Unterhaltsrecht und schauen gleichzeitig neidisch auf die skandinavischen Länder und Frankreich. Einen Hinweis auf das gelebte Modell in der DDR hätte ich mir gewünscht.
Elke Büchner, Halle (Saale)

Sehr oft finden sich Frauen nur allzu gern mit der klassischen Rollenverteilung ab, wenn die finanziellen Grundlagen vorhanden sind, Hochschulabschluss hin oder her – und auch für die Männer ist diese Rollenverteilung viel weniger stressig, wenn der Arbeitsalltag sich zu Hause nicht für sie fortsetzt. Im Falle einer Scheidung sind zumeist die Frauen die Gewinner, finanziell, hinsichtlich der Kinder, emotional.
Dr. Steffen Duck, Grasleben (Nieders.)

Sobald eine Ehe auseinandergeht, ist Schluss mit lustig. Dann hat die Frau sich jahrelang auf Kosten des Mannes ein schönes Leben gemacht und kann zusehen, wie sie, älter geworden, lange aus dem Job raus, beruflich wieder Fuß fasst und gleichzeitig die Kinder großzieht.
Christa Ballion, Potsdam

"Warum ist das eigentlich so? Werden Frauen in diese Rollenverteilung gedrängt, oder sind sie womöglich selbst daran schuld?", fragen Sie reichlich unbedarft. Bei und nach einer Entbindung ist bestimmt vielen Frauen das Geld so ziemlich wurscht. Da sind viele Endorphine und das Bindungshormon Oxytocin am Werk, die für Phänomene wie Zuwendung, pflegerische Fürsorge und Mutterliebe im Normalfall einfach da sind. Diese "drängen" die Frauen in diese Rolle.
Waltraud Pöllinger, Neumarkt (Bayern)

Frauen sollen unbedingt arbeiten gehen, betonen Sie. Das Beispiel von Tina Rademacher bestätigt aber, dass es manchmal nicht funktioniert, weil jemand zu Hause gebraucht wird und weil der Staat die benötigten Ganztagseinrichtungen nicht im großen Rahmen zur Verfügung stellt.
Brigitte Wolfsteiner, Merkenbach (Hessen)

Mit der Geburt meiner Kinder habe ich meinen Beruf aufgegeben. Ich bin mir des finanziellen Risikos, sollte meine Ehe scheitern, voll bewusst. Mit zunehmendem Alter wird die Gelassenheit aber größer. Habe ich doch "nur" noch die Verantwortung für mich und meine eigenen Ansprüche. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern hatte, kann mir keiner nehmen.
Gabriele Haar, Groß Pampau (Schl.-Holst.)

Es gab schon in meiner Generation (Jahrgang 1960) viele Frauen, die auf keinen Fall in eine finanzielle Abhängigkeit von einem Mann geraten wollten, zumal die Mütter dieser Frauen in der Beziehung ein abschreckendes Beispiel darstellten. Die selbst verdienenden Frauen blieben allerdings häufig allein, bekamen keine Kinder oder waren alleinerziehend. Denn die Männer dieser Generation waren den Ansprüchen häufig nicht gewachsen. Das traditionelle Lebenskonzept kostet die Gesellschaft viel Geld (Steuernachlässe, Ehegattensplitting, vorfinanzierte Ausbildungen der Frauen), das besser in die Kinderbetreuung investiert würde.
Veronika Siebert, Aachen

Der Artikel hat mich sehr erzürnt. Was wollen Sie? Partnerschaften nur mit Vertrag eingehen, Teilzeitkarrieren machen und den Staat (uns alle) alles bezahlen lassen? Dann gibt es bald nur noch Leute, die karrieresüchtig ihren Vorteil im Leben sehen. Am besten gebären die Frauen nebenbei die Kinder, geben sie in 24-Stunden-Kitas ab und bekommen sie als fertige 18-Jährige zurück.
Karin Mölter, Oberhausen

Schon bemerkenswert, dass sich die Deutschen gern die Fortschrittlichkeitshose anziehen, aber soziologisch betrachtet noch immer unterm Rüschenrock leben.
Sönke C. Weiss, Paris
Eltern kleiner Kinder arbeiten doppelt so viel wie Kinderlose. Zudem decken die Steuervergünstigungen die Mehrkosten nicht im Ansatz. Ich habe vier Kinder. Der Generationenvertrag sollte über drei Generationen gehen, da hätte ich Geld aus der Rentenkasse bekommen, anstatt zu zahlen.
Detlef Drewas, Spreetal (Sachsen)

Die Auswüchse des Ehegattensplittings kann man täglich in unserer Siedlung bewundern. Während die alleinerziehenden Frauen alle in Vollzeit arbeiten, arbeiten fast alle verheirateten Frauen entweder gar nicht oder in Teilzeit.
Dr. Katja Kunz, Wuppertal

Wer das Ehegattensplitting abschaffen will, will Paare dazu erziehen, endlich eine moderne Rollenverteilung zu leben. Aber vielleicht treffen hier bei all den "verkrusteten Rollenbildern", "Teilzeitfallen" und "gläsernen Decken", die auch der SPIEGEL beschwört, einfach auch Menschen Entscheidungen darüber, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist. Natürlich birgt es ein monetäres Risiko, sich stärker um Kinder als um Karriere zu kümmern. Der andere Weg aber auch: am Ende des Lebens zu bereuen, zu wenig Zeit mit den Kindern verbracht zu haben. Was wiegt schwerer? Ein Staat, der versucht, das für seine Bürger zu entscheiden, handelt anmaßend.
Dr. Kristina Schröder, MdB, Bundesministerin a. D., Berlin

Von einer echten Wahlfreiheit kann angesichts der Risiken, die ein Elternteil eingeht, der länger als zwölf Monate zu Hause bleiben will, wohl niemand mehr sprechen.
Sabine Littkemann, Wedemark (Nieders.)

Im Fall der Scheidung wird ein Versorgungsausgleich durchgeführt: Die während der Ehe erworbenen Rentenansprüche werden hälftig aufgeteilt. Dieser Hinweis wäre notwendig gewesen, wenn man die schlechte Altersversorgung der Frau beklagt.
Gerd Dilg, Familienrichter a. D., Gründau (Hessen)

Die Koppelung des Anspruchs auf Elterngeld an eine auf beide Elternteile gleichmäßig verteilte Elternzeit würde eine Vielzahl an Benachteiligungen, denen sich Frauen auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sehen, weitgehend aus der Welt schaffen.
Carmen Heinzmann, Kornwestheim (Bad.-Württ.)

DER SPIEGEL 4/2017
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