Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„Vorwärts nach hinten“

CHRONIK
Montag, 16. Oktober 1989
Leipzig
Seit Wochen haben in der DDR Witze über den greisen Generalsekretär Konjunktur. Typisches Beispiel:
Was hat Honecker mit einem Blindgänger gemeinsam? Niemand traut sich an ihn ran, und von selbst krepiert er nicht.
Von einem Tag auf den anderen rückt ein neues Motiv in den Vordergrund: die Gewissheit, dass Honeckers Tage nunmehr gezählt sind.
Als hätte vergangene Woche jedermann die West-Berliner Ausgabe der "Bild"-Zeitung mit den Spekulationen über einen Rücktritt des SED-Generalsekretärs gelesen, als wüsste jeder von den geheimen Putschplänen seines einstigen Kronprinzen Egon Krenz, macht nun dieser Witz die Runde:
Als Walter Ulbricht 1971 abtreten muss, hinterlässt er Honecker drei Briefe mit Ratschlägen für Zeiten höchster Not. Als Honecker das erste Mal in Schwierigkeiten ist, öffnet er den ersten Brief und liest: "Du musst Intershops einrichten." Ein paar Jahre später liest er den zweiten Brief: "Du musst Delikat-Läden eröffnen." Gestern hat Honecker den dritten Brief geöffnet: "Hallo, Erich, jetzt musst Du selbst drei Briefe schreiben."
Ost-Berlin
Unter einer schwarz-gelb lackierten Stahlluke, in einem ehemaligen Straßenbahntunnel ("Zutritt verboten") zwei Meter unter der Prachtallee Unter den Linden, verbirgt sich das geheime Herzstück der Ost-Berliner Überwachungstechnik.
Rot blinkende Leuchtdioden zeigen die Betriebsbereitschaft der hauptstädtischen Video-Kontrollzentrale an: Hier laufen die Signale aus fernlenkbaren Grundig-Kameras zusammen, die überall im Stadtgebiet montiert sind.
Ein Steuerungssystem der dänischen Firma APS leitet die Bilder ins Polizeipräsidium und ins Lagezentrum im Ministerium des Inneren (MdI). Dort kann mit Hilfe einer Galerie flimmernder Monitore die Verkehrs- und Demonstrationslage in allen größeren DDR-Städten beobachtet werden.
Interesse am "Operativen Fernsehen" der Sicherheitsorgane hat für diesen Tag jener Mann bekundet, der Erich Honecker stürzen will: Egon Krenz (siehe Porträt Seite 92).
Schriftlich hat der Verschwörer den Staats- und Parteichef um die Genehmigung gebeten, am Nachmittag gemeinsam mit Stasi-Minister Erich Mielke und Fritz Streletz, dem Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee, im MdI die angekündigten Protestmärsche im Lande verfolgen zu dürfen.
Kurz vor 15 Uhr, als Krenz gerade sein Büro im ZK-Gebäude verlassen will, erreicht ihn ein Anruf Honeckers. Der Generalsekretär teilt mit, er selbst werde auch ins MdI kommen. Krenz ist es recht: Auf diese Weise sieht er sichergestellt, dass keiner der Männer, die für die bewaffneten Organe verantwortlich sind, "aus der Kette ausbrechen und für sich allein irgendwelche Befehle geben" kann.
Auf den Monitoren im Arbeitszimmer des Innenministers beobachten die fünf Spitzengenossen gebannt, wie sich die Leipziger zum Protest formieren.
Sie sehen, wie sich 120 000 Demonstranten über den Ring schieben, so viele wie seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr. Über zusätzlich geschaltete Tonleitungen können sie hören, was die Menschen wollen: "Neu-es Fo-rum, Neu-es Fo-rum", "Gor-bi, Gor-bi", "Die Mauer muss weg".
Honecker, der letzte Woche noch Panzer rollen lassen wollte, wird unruhig. Ein paar Mal kräht er: "Jetzt muss man doch etwas tun." Doch Streletz hält mit seiner militärischen Kompetenz dagegen: "Wir können nichts tun, wir wollen doch die ganze Sache friedlich verlaufen lassen."
In die Runde wird ein Anruf das Chefs der Einheitsgewerkschaft durchgestellt: Harry Tisch, von Krenz nach Moskau entsandt, um Gorbatschow in den bevorstehenden Führungswechsel einzuweihen, will telefonisch Vollzug erstatten. Er kann jedoch nicht ahnen, dass sich Honecker während seines Anrufs im Zimmer befindet.
Krenz ("eine sehr diffizile Situation") ängstigt sich, dass Honecker etwas von den Vorbereitungen zu seinem Sturz mitbekommen könnte. Doch Tisch übermittelt nur die unverfängliche Botschaft, Gorbatschow wünsche den Ost-Berliner Genossen "viel Erfolg".
Nachdem Honecker das MdI verlassen hat, nimmt Krenz den Vize-Verteidigungsminister Streletz beiseite und bittet ihn, als Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates nur noch Weisungen von ihm entgegenzunehmen: "Fritz, am besten ist, du hörst ab sofort auf mich."
Krenz fragt Streletz, wie sich NVA und Grenztruppen wohl verhalten würden. Der Generaloberst, der in die Absprachen mit Moskau eingeweiht ist, versichert, auf Armee und Grenztruppen sei Verlass.
Sein Fahneneid, beteuert Streletz, gelte nicht einer bestimmten Person: "Ich bin auf die DDR vereidigt. Ich weiß, was ich jetzt zu tun habe."
Dienstag, 17. Oktober 1989
Ost-Berlin
Im Prominentenghetto Wandlitz genießt Erich Mielke, 81, alle Annehmlichkeiten, die einem Angehörigen der DDR-Nomenklatura zustehen. Politische Häftlinge mussten einen Kinosaal und ein Fotolabor in seine Villa einbauen. In einer Bierstube, zwischen altdeutschen Zinnkrügen, serviert er Gästen selbstgezapftes original bayerisches "Löwenbräu".
Von der Arbeit im "Haus 1" der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße erholt er sich am liebsten bei seinen drei Hobbys: Fußball, Schießen, Schwimmen.
Mit Sonnenbrille verfolgt der "Genosse Armeegeneral" auf der Ehrentribüne regelmäßig die Heimspiele seines Stasi-Fußballclubs "Dynamo". Im Mercedes oder im Zwölf-Zylinder-Horch lässt er sich in sein Jagdrevier in der Schorfheide chauffieren, wo einst schon Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring die Büchse krachen ließ. Und allmorgendlich um sechs Uhr zieht der Frühaufsteher Mielke im Wandlitzer Swimmingpool seine Bahnen.
An diesem kühlen Oktobermorgen aber ist der zweitmächtigste Mann der DDR noch eher auf den Beinen als sonst. Ihn treibt die Sorge um, Honecker könnte sich vielleicht doch nicht kampflos entmachten lassen.
Um sieben Uhr - zwei Stunden vor Beginn der alles entscheidenden Politbüro-Sitzung - ruft der Stasi-Minister den ZK-Abteilungsleiter für Sicherheitsfragen, Wolfgang Herger, an und fordert ihn auf, sich mit einigen zuverlässigen Mitarbeitern während der Sitzung vor dem Beratungszimmer zu postieren.
Mielke will auf Nummer Sicher gehen: Honecker soll nicht seinen Personenschutz zu Hilfe rufen können, um die Verschwörer an Ort und Stelle sistieren zu lassen.
Krenz beordert derweil Generaloberst Streletz ins ZK-Gebäude, um den ranghöchsten Soldaten der DDR im Ernstfall in seiner Nähe zu wissen.
Honecker betritt als letzter den Saal, geht reihum und begrüßt jeden einzelnen Genossen per Handschlag. Dann nimmt er an der Stirnseite des sechs Meter breiten Tisches Platz. Er will gerade mit seinem Monolog beginnen, als sich Willi Stoph zu Wort meldet. "Ich stelle den Antrag", sagt der von Honecker oft gedemütigte Vorsitzende des Ministerrats, "den Genossen Honecker von seinen Funktionen zu entbinden" - und zwar gleich von allen dreien: SED-Generalsekretär, Vorsitzender des Staatsrats der DDR, Chef des Nationalen Verteidigungsrats.
Atemlose Stille. Honecker scheint von der Attacke überrascht.
Dann ergreifen nacheinander alle Anwesenden das Wort, das Honecker wie gewohnt mit einer knappen Handbewegung erteilt. Wider Erwarten macht sich keiner für den wankenden Alleinherrscher stark.
Selbst alte Weggefährten wie sein Jagdfreund Günter Mittag rücken von ihm ab: Honecker sei untragbar. Mittag, verantwortlich für die desolate Wirtschaftslage, erntet daraufhin Hohngelächter: "Und zu dir sagst du nichts?"
Aufgeregt rechtfertigt Stasi-Chef Mielke die Palastrevolte: Er habe immer gewarnt, "aber du hast ja nie reagiert".
Mielke erregt: "Wir haben vieles mitgemacht. Wir können doch nicht anfangen, mit Panzern zu schießen."
Als 21. Redner kommt Egon Krenz an die Reihe. Er erklärt sich bereit, die Führung in Staat und Partei zu übernehmen.
Mit versteinertem Gesicht hört Honecker zu. Ohne Widerspruch mag er dann aber doch nicht abtreten.
Er sei "tief getroffen", weil der Vorschlag ausgerechnet von Stoph gekommen sei. Er warne davor zu glauben, dass mit seiner Ablösung die inneren Probleme der DDR gelöst würden. Das Auswechseln von Personen signalisiere dem Gegner nur, "dass wir erpressbar sind".
Auch in Ungarn, wo der Sozialismus nun verloren sei, habe der Austausch der Kader nichts aufgehalten, schließt Honecker. Er sage dies "nicht als geschlagener Mann, sondern als Genosse, der bei bester Gesundheit ist".
Am Ende bleibt ihm jedoch nichts übrig, als seiner Ablösung zuzustimmen. In seinem Büro diktiert Honecker die Einladung zu seiner endgültigen Entmachtung:
Werte Genossen, die 9. Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ist auf Beschluss des Politbüros für Mittwoch, den 18. Oktober 1989, 14.00 Uhr, im Hause des ZK einberufen. Tagesordnung: Zur politischen Lage. Mit sozialistischem Gruß E. Honecker.
Moskau
Im Kreml empfängt Michail Gorbatschow den SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt, der tags zuvor die Ehrendoktorwürde der Lomonossow-Universität erhalten hat. In das Gespräch platzt die Mitteilung, dass im Politbüro die Entscheidung über Honecker gefallen ist.
Der formale Rücktritt kann nach den SED-Statuten erst am nächsten Tag, auf der Sitzung des Zentralkomitees, erfolgen. Daher darf Brandt auf der Pressekonferenz sein durch Zufall frisch erworbenes Wissen nicht verwerten - er muss sich auf sibyllinische Äußerungen beschränken.
Auf Journalistenfragen, welchen Einfluss Moskau auf die Entwicklung in der DDR nehme, erklärt Brandt, Gorbatschow habe versichert, dass die Probleme Ost-Berlins "nicht in Moskau gelöst" würden, "aber auch nicht in Bonn" und "auch nicht von denen, die ihr Land verlassen".
Behoben werden könnten die Schwierigkeiten "nur durch jetzt offensichtlich in Gang gekommene Reformbemühungen in der DDR".
So viel deutet Brandt dann aber doch noch an: Schon morgen werde die "beginnende Ummöblierung" der politischen Verhältnisse sichtbar werden.
Bis zum Möbelrücken hatte die SED den Insassen ihres Staates nicht einmal neue Tapeten gegönnt. Chefideologe Kurt Hager etwa tat den Wandel in der Sowjetunion mit der rhetorischen Frage ab: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls zu tapezieren?"
Mittwoch, 18. Oktober 1989
Ost-Berlin
Den Drahtziehern der Palastrevolution bleiben zwischen dem Beschluss des Politbüros und dem Beginn der ZK-Sitzung 23 Stunden, um zwei Probleme zu lösen.
Zum einen müssen sie Honeckers Sturz im Zentralkomitee begründen - aber wie?
Wegen Abweichung vom Reformkurs der sowjetischen Freunde? Weil er die DDR-Wirtschaft in den Ruin geführt hat? Weil er in Leipzig Panzer auffahren lassen wollte?
Jedes politische Argument birgt die Gefahr, eine kritische Diskussion über die kollektive Verantwortung des gesamten Politbüros auszulösen.
Die zweite Unwägbarkeit ist, wie sich Honecker im ZK verhalten wird.
Schon einmal war ein Komplott fehlgeschlagen, weil ein Erster Sekretär das Zentralkomitee für sich mobilisierte. Nikita Chruschtschow war es 1957 gelungen, seinen im Präsidium des ZK vorbereiteten Sturz zu vereiteln: Er deckte die Verschwörung auf einer Tagung des ZK auf, dessen Mitglieder sich mehrheitlich mit dem Parteichef solidarisierten.
Am Ende wird der Sturz Honeckers wie schon die Ablösung Ulbrichts durch Honecker 1971 als freiwilliger Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen kaschiert.
Den Entwurf des Abdankungstextes schreibt Schabowski nachts auf seinem Computer, einem Amiga 2000. Ihm assistiert Krenz, der, wie Schabowski feixt, gar nicht weiß, "wie man so was formuliert":
Dem Zentralkomitee und der Volkskammer sollte ein Genosse vorgeschlagen werden, der fähig und entschlossen ist, der Verantwortung und dem Ausmaß der Arbeit so zu entsprechen, wie es die Lage, die Interessen der Partei und des Volkes ... erfordern.
Nachdem Krenz das Papier Honecker vorgelegt hat, ist da, zu Schabowskis Überraschung, plötzlich eingefügt, dem ZK solle als Nachfolger"Genosse Egon Krenz vorgeschlagen werden": Der noch amtierende Parteichef hat den Namen eingesetzt, damit es im ZK gar nicht erst zu einer Personaldebatte kommt.
In der ZK-Sitzung liest Honecker die Erklärung vom Blatt ab, Sitzungsleiter Stoph stellt sie zur Abstimmung. Honeckers "Bitte" um Entbindung von seinen drei Führungsfunktionen wird bei einer Gegenstimme - der der 81-jährigen, früheren Parteihochschul-Direktorin Hanna Wolf - entsprochen.
In Honeckers Namen bittet Stoph um Verständnis, dass der abgedankte Machthaber nicht weiter an der Tagung teilnehmen könne - "auf Grund seines angegriffenen Gesundheitszustands".
"Dem Zentralkomitee wird vorgeschlagen", fährt Stoph fort, "Genossen Erich Honecker für sein politisches Lebenswerk, das dem Kampf für Sozialismus und Frieden gewidmet ist, den herzlichen Dank, verbunden mit den allerbesten Wünschen, auszusprechen."
Die anwesenden 159 Mitglieder und 47 Kandidaten des ZK applaudieren stehend dem Ex-Generalsekretär, bis der mit Tränen in den Augen dem Ausgang zustrebt, um sich von seinem Fahrer zu einem Waldspaziergang chauffieren zu lassen.
Das Ende der 18jährigen Ära Honecker hat sich in knapp 20 Minuten vollzogen.
Ohne Diskussion und per Akklamation wird Egon Krenz einstimmig zum neuen Generalsekretär gewählt. Unmittelbar darauf stellt Stoph den Beschluss des Politbüros zur Abstimmung, Joachim Herrmann und Günter Mittag aus ihren Funktionen als ZK-Sekretär und Politbüro-Mitglied abzuberufen.
Da meldet sich der Urologie-Professor Moritz Mebel "zur Geschäftsordnung": Er wolle "wissen, warum das Politbüro den Genossen Herrmann und den Genossen Mittag abberuft".
Stoph gerät ins Stottern: "Ich hab nicht richtig verstanden." Mebel wiederholt, er wolle "eine Erklärung des Politbüros" für die Abberufung der beiden Spitzenfunktionäre haben: "Was sind die Ursachen?" Stoph nuschelt: "Weil sie ihren Anforderungen nicht gerecht wurden, wie im Politbüro festgestellt wurde. Genügt das?" Mebel gibt sich damit zufrieden: "Das genügt mir."
Das aus dem Stegreif gesprochene Verdikt hindert Stoph nicht, den Versagern nach deren Abwahl routinemäßig den "Dank für die geleistete Arbeit" auszusprechen.
Anschließend hebt der neue Generalsekretär zu einer knapp einstündigen Rede an. Darin verwendet er erstmals den Begriff, der fortan zur Chiffre für den politischen Umschwung in der DDR wird: Die SED, betont Krenz, werde mit dieser ZK-Tagung "eine Wende einleiten"; die "führende Partei", die den Ereignissen bisher nur hinterhergehinkt ist, will wieder die Initiative übernehmen.
Während Stoph gleich "zur Bestätigung des Referats vom Genossen Egon Krenz" um Handzeichen bittet, wollen einige erst noch diskutieren. Doch schon nach dem dritten Redner fordert Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann Schluss der Debatte: "Der Egon muss vor die Fernsehkamera."
Die Partei müsse "das Wort ergreifen, heute Abend noch", und dem Volk erklären, wo es nun langgehen soll, warnt Hoffmann; sonst "sind wir in der Gefahr, dass wir das Wort nicht mehr bekommen".
Doch Krenz hat keine Rede an sein Volk vorbereitet. Daher schlägt er der Einfachheit halber vor: "Wenn das Zentralkomitee einverstanden ist, selbst wenn es 40 Minuten dauert, würde ich das Gleiche heute Abend im Fernsehen sagen."
So kommt es, dass der neue Generalsekretär im DDR-Fernsehen sein ZK-Referat wortwörtlich wiederholt - einschließlich der wunderlichen Anrede "Liebe Genossinnen und Genossen".
Bei Bürgerrechtlern erzielt die Rede, wie Jens Reich vom Neuen Forum spottet, einen "überwiegend kabarettistischen Erfolg". Der Fernsehauftritt wird, wie Krenz selbst empfindet, "zum Selbsttor".
Leipzig
Die Landstraßen zwischen dem thüringischen Mühlhausen und Leipzig sind kurvenreich, und der Mann am Steuer muss höllisch aufpassen.
Mit seinen Gedanken ist er in Berlin: Im Autoradio hat Markus Wolf, 66, soeben die Nachricht vom Sturz Honeckers vernommen, dem er bis zur Pensionierung 1986 jahrzehntelang als Spionagechef diente.
Auf dem Beifahrersitz stellt seine junge Ehefrau Andrea pausenlos Fragen. Wolf versucht, sich gleichzeitig auf die Strecke und auf die Antworten zu konzentrieren. Ist Egon Krenz der richtige Mann? "Ein Gorbatschow ist er wohl nicht. Aber wer aus diesem Kreis sonst sollte es werden?"
Wolf selbst ist im Westen, in der "Bild"-Zeitung, noch vor kurzem als aussichtsreichster Kandidat für die Honecker-Nachfolge genannt worden - und eines sprach tatsächlich dafür: Der KGB-Meisterschüler, als Sohn eines deutschen Emigranten in der Sowjetunion aufgewachsen und nach eigenem Bekunden ein "halber Russe", ist seit Jahrzehnten einer der engsten Vertrauten der Sowjets in der DDR. Galt Wolf früher als Parteigänger der Stalinisten im Kreml, so gibt er sich seit seiner Pensionierung (und dem Amtsantritt Gorbatschows) als Verfechter eines ostdeutschen Reformkommunismus.
Zur SED-Führung ist er in den letzten Monaten mehr und mehr auf Distanz gegangen - allerdings nicht allein aus politischen Gründen.
Nachdem der Geheimdienstler seine zweite Ehefrau zu Gunsten der jetzigen Gefährtin Andrea verlassen hatte, vertraute sich die frustrierte Ex einem Agenten des BND an. Prompt versetzte der erzürnte Mielke seinen Spionagechef - der selbst jahrzehntelang Bonner Geheimnisträgerinnen mit Hilfe von Stasi-"Romeos" angeworben hatte - in den Ruhestand.
* Am 19. Oktober mit Günter Schabowski (l.) beim Besuch des Werkzeugmaschinenkombinats "7. Oktober".
Der HVA-Chef, dem auch Kollegen Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit vorwarfen, sei, so Mielke intern, "nicht mehr tragbar fürs Ministerium". Wolf nannte öffentlich einen anderen Grund für sein Ausscheiden: Er wolle sich "voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen".
Seit seiner Entpflichtung genießt der Lebemann seine "große Freiheit" in vollen Zügen - zumal er im Ruhestand über außergewöhnliche Privilegien verfügt.
Für 298,20 Mark monatliche Warmmiete hat er im Berliner Nikolaiviertel, Spreeufer 2, eine Maisonetten-Wohnung bezogen; der Ausbau - inklusive Sauna, Solarium, Küchentechnik und Unterhaltungselektronik - verschlang 545 752,97 Mark, davon 200 000 in Devisen. Bei der "Einrichtung und Ausstattung" war SED-Geldbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski behilflich.
Für die Wochenenden hat die Stasi ihrem Pensionär überdies ein "Wohnobjekt in Prenden", im Nordosten Berlins, aufgemöbelt. In der MfS-Zentrale darf Wolf weiterhin die Archive nutzen, im Stadtteil Hohenschönhausen kann er in einem "gesicherten Einzelhaus" arbeiten, das laut einem Mielke-Erlass "mit entsprechender Bürotechnik, Videotechnik, Stahl- und Büroschränken sowie Büromaterialien" ausgestattet worden ist.
Auch auf einen eigenen Stab muss der Ex-General nicht verzichten. Auf Staatskosten stehen ihm sein Adlatus Eberhard Meyer und ein weiblicher HVA-Oberstleutnant "zur unmittelbaren Verfügung", ferner ein Kraftfahrer und eine Sekretärin. Für seine Haushaltshilfe muss Wolf monatlich lediglich 400 Mark zahlen, die Stasi schießt 1127 Mark zu - der dienstbare Geist gehört zur Mielke-Geheimtruppe der Offiziere im besonderen Einsatz.
Trotz allen Luxuslebens ist Wolfs Distanz zu seinen Gönnern noch gewachsen. Ex-Kollegen haben ihm zugetragen, dass der misstrauische Mielke ihn abhören lässt. Im Frühjahr sollte eine Stalin-kritische Passage in einem TV-Film über seinen Vater, den Schriftsteller Friedrich Wolf, der Zensur zum Opfer fallen. Und schließlich untersagte die SED den Chefredakteuren der Parteipresse wochenlang, Wolfs Buch "Die Troika" vorzustellen.
Tief verletzt in seiner Eitelkeit, entwickelt Wolf zunehmend Verständnis für die Staatsverdrossenheit, die ihm auf seinen Lesereisen quer durch die Republik entgegenschlägt. Und er genießt den Beifall seiner Zuhörer, von denen manch einer in dem weltläufigen Gorbi-Fan eine mögliche Alternative zu den verknöcherten Politbüro-Greisen sieht.
Seit er selbst zum Opfer der SED-Medienpolitik geworden ist, teilt Wolf den weit verbreiteten Ärger über die gleichgeschaltete Presse, die alles unterschlägt, was der Parteispitze nicht passt - von der kritischen Großdemonstration bis zur Gorbatschow-Rede. "Zum Kotzen" fand er den Ost-Berliner Applaus für den Mord an 2600 Pekinger Demonstranten, "zynisch" Honeckers Kommentare zur Fluchtwelle. "Die eigene Medienpolitik", glaubt er mittlerweile, "hat unserem Land mehr geschadet als sämtliche westliche Propaganda zusammen."
Der Nachrichtendienstler durchschaut nach vielen Gesprächen mit Fachleuten auch die geschönten Meldungen über die Wirtschaftslage, etwa über die Erfolge der DDR-Elektronikindustrie, die jahrelang auf Kosten aller anderen Wirtschaftszweige gepäppelt worden ist: "Wie der Ein-Megabit-Speicher von Zeiss in Jena hoch gepusht wurde, der Fürst Potemkin wäre vor Neid erblasst."
Schon seit Monaten hat Wolf jede Hoffnung verloren, dass sich die alte SED-Spitze noch zu Reformen bereit finden könnte. Diese Ansicht äußert er auch in geheimen Gesprächen mit Moskauer Kontaktleuten, denen er weiterhin zur Verfügung steht. Mitte Juli etwa, gegenüber Deutschlandexperten des KGB und der KPdSU, hat der Rentner einen pessimistischen Situationsbericht vorgetragen:
Führung nicht willens, notwendige Veränderungen zu analysieren, vorzubereiten und durchzuführen ... Trotz vielfältiger Berichterstattung, einschließlich durch das MfS, kennt Führung wahre Stimmung nicht, da sie sich selbst isoliert, Kontakte
nur bei Jubelveranstaltungen und entsprechend vorbereiteten Besuchen pflegt.
Auf Einladung von Krenz ("Mein lieber Mischa ...") hat Wolf seine Reformvorstellungen wenig später auch dem Honecker-Ziehsohn vorgetragen. Zur Vorbereitung des Gesprächs am 3. August hatte er Stichworte notiert:
Meinungsbildung ... von unten nach oben ... Gegen Hofberichterstattungen ... Analyse der Ausreisen aus der DDR ... Sachliche Auseinandersetzungen mit anderen Konzeptionen ...
Doch das Zweieinhalb-Stunden-Gespräch endete enttäuschend. Krenz gab zwar zu erkennen, er denke "ähnlich" wie Wolf. Wenn er sich aber die "offenen Äußerungen" zu eigen mache, wären sie für ihn "sicher die letzten". Auch Gorbatschow sei nur deshalb Generalsekretär geworden, weil er "unter drei seiner Vorgänger Parteidisziplin gewahrt" habe. Dass sich der Zauderer Krenz nun dennoch den "lang überfälligen Ruck" gegeben und Erich Honecker gestürzt hat, führt Wolf auf Gorbatschows Drängen zurück - und auf den Einfluss des Kreml-Freundes Erich Mielke.
"Die beiden Erichs", weiß der langjährige Mielke-Vize, waren trotz aller offiziell bekundeten Übereinstimmung "bis zuletzt feindliche Brüder"; nie habe der machtbesessene Stasi-Chef den Vorrang Honeckers innerlich wirklich akzeptiert. Am Ende, als es "mit Honecker abwärts ging", sei Mielke - trotz der Vorbehalte gegen Gorbatschows Kurs - "an die Seite von Krenz" gerückt.
Als Wolf abends im Leipziger Regierungsgästehaus eintrifft, wo er schon oft abgestiegen ist, hat sich an der Frontwand im Speisesaal etwas verändert. "Das große, farbige Bild des entmachteten Generalsekretärs hing nicht mehr da. Seit seine Ablösung bekannt wurde, waren erst wenige
*Auf der Leipziger Buchmesse 1989.
Stunden vergangen", vermerkt Wolf in seinem Tagebuch. "Rasche Vergangenheitsbewältigung", kommentiert er. Und er fügt hinzu: "Ich nehme an, ein Bild des neuen Mannes wird nicht mehr dahin kommen."
Wolf soll Recht behalten.
Donnerstag, 19. Oktober 1989
Ost-Berlin
"Die generelle Linie wird beibehalten, es soll nur besser gemacht werden", heißt es in einer internen Auswertung der Krenz-Rede für Bundeskanzler Helmut Kohl.
Krenz gilt als Hardliner. In einem Geheimpapier hat ihn Bonns Ständige Vertretung in der DDR noch vor kurzem mit den Worten charakterisiert: "Seine durch nichts gemilderte Verteidigung der Massaker in Peking ... zeigt seine Entschlossenheit, im Ernstfall alle staatlichen Mittel einzusetzen."
Nicht nur die Regierenden in Bonn sind enttäuscht. Frust und Fassungslosigkeit machen sich auch in der DDR breit.
"Das darf doch nicht wahr sein, doch nicht der", reagiert vor dem Brecht-Museum in der Ost-Berliner Chausseestraße eine Gruppe entsetzter Lehrer auf die Kunde von der Krenz-Wahl. Einer ruft: "Das halte ich im Kopf nicht aus."
Die Mehrheitsmeinung im Lande bringt ein Mann auf den Punkt, den der SED-Staat vor 13 Jahren ausgebürgert hat: der Liedermacher Wolf Biermann. Krenz, dieser "versoffene FDJ-Veteran, der Jubelperser des Politbüros, der optimistische Idiot, das ewig lachende Gebiss", sei "der mieseste aller möglichen Kandidaten", wütet Biermann. Seine Prognose: "Es geht also erst mal mächtig vorwärts nach hinten."
Voller Widersprüche stellt sich schon am zweiten Tag der Ära Krenz die Politik der neuen Regierung dar.
Einerseits bemühen sich die Herrschenden demonstrativ um Bürgernähe: Morgens um sieben eilt Krenz ins Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober", um mit der Frühschicht zu diskutieren.
Andererseits lässt Krenz intern keinen Zweifel daran, wem der staatlich verordnete Dialog dienen soll: ausschließlich dem Wiedererstarken der SED, die unter seiner Führung "die politische und ideologische Offensive wieder erlangen" müsse.
Bereits am Tag des Honecker-Sturzes hat der Neue eigenhändig verfügt, eine geheime Verschlusssache aus dem Mielke-Ministerium über den Umgang mit der Opposition an die Politbüro-Mitglieder weiterzuleiten. "Zweifelsfrei", heißt es darin beispielsweise, seien die Bestrebungen zur Wiederbegründung der SPD "verfassungswidrig".
Ebenfalls aus einer von Krenz gestreuten "persönlichen Verschlusssache" erfahren die Politbüro-Mitglieder wenig später, wo die Grenzen der Dialogbereitschaft verlaufen: Wenn das Neue Forum ("gegenwärtig größte Gefahr") die Genehmigung von Veranstaltungen beantrage, sei weiterhin "nach gründlicher Prüfung die Erlaubnis bzw. die Durchführung zu versagen".
Das Neue Forum dürfe zwar in den angestrebten "Dialog" mit der Bevölkerung einbezogen werden, aber nur so, dass damit keine "Anerkennung ... verbunden ist".
Zugleich bemüht sich die Regierung, die Lebensverhältnisse kurzfristig zu verbessern. Denn auch in der Arbeiterschaft brodelt es seit neuestem - der Alptraum der alten Garde, die Masse der halbwegs loyalen Werktätigen könnte den Parolen der Staatsfeinde folgen, nimmt Gestalt an.
"Die Stimmung unter den Kollegen hat sich verändert", war schon zu Beginn der Woche dem Gewerkschaftschef Tisch aufgefallen. Zur selben Zeit warnte ein Mielke-Dossier, in Fabriken müsse mit Streiks gerechnet werden.
In den DDR-Betrieben habe ein "qualitativer Sprung" stattgefunden, urteilt Ex-Kanzler Willy Brandt, zurückgekehrt von seinem Moskau-Besuch, in einem SPIEGEL-Gespräch: Der Protest sei übergesprungen von den "stark intellektuell und evangelisch geprägten Gruppen" hin zur "Arbeiterschaft in Sachsen und anderswo".
Angesichts der brisanten Lage beauftragt der Ministerrat das Innenministerium, "umgehend" einen Gesetzentwurf "über Reisen von Bürgern der DDR ins Ausland" vorzubereiten. Neben diesem zarten Ansatz von Perestroika genehmigt die Regierung auch noch einen Hauch von Glasnost: Das Postministerium wird angewiesen, das seit November 1988 verbotene Monatsblatt "Sputnik" und andere reformsozialistische sowjetische Zeitschriften wieder im Land zu vertreiben.
Am Abend, in der "Aktuellen Kamera", darf ein Arbeiter den neuen Staatsratsvorsitzenden sogar befragen, warum in der DDR ein Buntfernseher 7500 Mark kostet.
Das "Neue Deutschland" jubelt: "Dialog im ganzen Land".
Freitag, 20. Oktober 1989
Dresden
Jahrelang haben Ostdeutsche gewitzelt, ihre Wirtschaftsexperten hätten Angst vor den in die BRD geflüchteten DDR-Bewohnern - nicht etwa, weil sie zurückkommen, sondern, weil sie im Westen den Sozialismus aufbauen könnten:
Stellen Sie sich vor, zwei sozialistische Staaten auf deutschem Boden - woher sollen dann unsere Devisen kommen?
Nun bietet die neue Führung erstmals seit dem Mauerbau 1961 Republikflüchtigen wie legal Ausgereisten die Rückkehr in die DDR an. "Soweit nicht triftige Gründe entgegenstehen", verlautbart der Sprecher des Ost-Berliner Außenamts Wolfgang Meyer, wolle die Regierung allen Rückkehrwilligen "im Rahmen des Möglichen dabei behilflich sein, in ihrer angestammten Heimat wieder Fuß zu fassen".
Das Erbe von Republikflüchtigen allerdings fällt an die Republik, hat der DDR-Ministerrat in der Vorwoche beschlossen - unter der sperrigen Betreff-Zeile: "Behandlung des Vermögens von Bürgern der DDR, die sich nach dem 30. September 1989 unter grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten im Ausland aufgehalten haben und denen durch die zuständigen staatlichen Organe der DDR eine Weiterreise in ein Drittland ermöglicht wurde".
Sparguthaben werden konfisziert, verlassene Wohnungen neu vermietet. Unterdessen versuchen Angehörige der DDR-Abtrünnigen, transportable Hinterlassenschaften zu verscherbeln.
Ein Kreidepfeil an einer Wand weist beispielsweise den Weg zu einem "Möbel-Verkauf" in der Dresdner Kunstakademie.
Dort werden all jene herrenlosen Einrichtungsgegenstände verkauft, die sich noch zu Ost-Mark machen lassen: Stühle, Tische, Küchenschränke und Kommoden.
Sonnabend, 21. Oktober 1989
Ost-Berlin
Mit rollenden Augen schwört Erich Mielke seine Dunkelmänner auf den neuen Kurs ein. In einer Dienstbesprechung des erweiterten Führungskreises des MfS im Ministerium an der Normannenstraße erläutert der Stasi-Chef 74 Generälen und Obersten, warum Staatsfeinde neuerdings nicht mehr so zu behandeln sind, "wie es diese Kräfte eigentlich verdienen".
Die Partei, hat Krenz in seiner Jungfernrede versichert, lasse sich "von der festen Überzeugung leiten, dass alle Probleme in unserer Gesellschaft politisch lösbar sind". An diese Generallinie, schärft Mielke seinen Leitungskadern ein, hätten sich alle "bis zur letzten Konsequenz" zu halten.
"Panzer oder Waffen sind in der heutigen Zeit untaugliche Mittel", folgert die Hallenser Stasi-Bezirksverwaltung aus dem Mielke-Referat.
Am selben Tag erklärt auch Innenminister Friedrich Dickel, 75, seinen Vopo-Chefs die neue Politik.
"Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, dass ihnen keine Jacke mehr passt", pöbelt der einstige Spanienkämpfer über "die weiße Brut" der Konterrevolutionäre, "dieses faschistische Kroppzeug". Aber die Zeiten hätten sich geändert:
Schießen, liebe Genossen, und dass die Panzer dann vor der Bezirksleitung stehen und vor dem ZK, das wäre noch die einfachste Sache. Aber solch eine komplizierte Situation nach 40 Jahren DDR?
Rücksichtnahme auf die "politische Situation", poltert der General, habe "nichts mit Zurückhaltung im Sinne von Kapitulation zu tun", sondern "mit klugem und überlegtem Einschätzen der Lage".
Ähnlich argumentiert Mielke: Demonstrationen beobachten, Veranstaltungen dokumentieren, dabei die eigenen Kräfte sichern - das soll in den nächsten Wochen die Hauptaufgabe der Staatssicherheit sein.
Die Beschnüffelung der Opposition mag der Minister nicht aufgeben, im Gegenteil.
Als ahnte er, dass die SED ihre Macht bald schon mit den Bürgerorganisationen teilen muss, befiehlt der Minister, Einflussagenten in der Oppositionsbewegung zu platzieren - auf Parteichinesisch: "neue Überlegungen anzustellen, wie wir mit den vorhandenen operativen Kräften in die in jüngster Zeit entstandenen Gruppierungen eindringen" und "dort so Fuß fassen, dass wir die Kontrolle über sie behalten".
Von Nutzen für die Stasi sei dabei, so Mielke, "dass sich diese Gruppierungen - sie verstehen sich ja als Sammelbecken - weitgehend geöffnet haben und ihre Arbeitsweise zur Zeit praktisch keinen konspirativen Charakter trägt".
Daher ließen sich mühelos Inoffizielle Mitarbeiter einschleusen, "die Einfluss auf die Richtung des Vorgehens solcher Gruppierungen ausüben können".
Zugleich warnt der Minister die Hardliner vor der Illusion, sie könnten gegen den Willen Moskaus mit Gewalt den SED-Staat retten: "Ohne Sowjetunion gab und gibt es keine DDR." Die Partei könne sich nicht von den anderen sozialistischen Ländern "abkapseln", und "schon gar nicht können wir uns leisten, auf Distanz zur Sowjetunion zu gehen".
In Berlin-Mitte, wo 3000 Demonstranten eine Menschenkette vom Palast der Republik bis zum Polizeipräsidium bilden, kämpft derweil SED-Bezirkschef Schabowski an der Dialog-Front. Mit aufgeregten Passanten debattiert er über Reise- und Gedankenfreiheit - vor laufender Kamera
*Am 21. Oktober 1989.
des DDR-Fernsehens und, entgegen sonstiger Gewohnheit, mit proletarisch offenem Kragen.
Die Reisebeschränkungen, so zeigt sich in den Straßendebatten, drohen zum Sprengsatz für den SED-Staat zu werden - so stark ist das Fernweh des seit 28 Jahren eingemauerten Volkes (siehe Analyse Seite 96). Die "Reisefrage", versichert Schabowski, habe "höchste Priorität", sie werde schon Anfang kommender Woche beraten.
Doch dem Funktionär schlägt tiefes Misstrauen entgegen: Die Führung baue wohl mal wieder eine "Falle" auf. Mit einem Anflug von Resignation antwortet Schabowski: "Wir werden eine Zeit lang damit leben müssen, dass alles, was wir jetzt machen, als eine Falle verstanden wird, obwohl es keine Falle ist."
Die Regelung, über deren Handhabung die Apparatschiks brüten, hat einen Haken: Eine akzeptable Reiseverordnung müsste die Westbesucher aus der DDR mit genügend Valuta-Mark ausstatten, damit sie nicht länger auf die Barmherzigkeit ihrer Gastgeber angewiesen sind.
Die 15 West-Mark, die derzeit jeder Reisende von der DDR-Staatsbank zum Kurs 1:1 bekommt, werden als "Pinkelgeld" verspottet - sie reichen gerade mal für einen Kaffee unterwegs und für die letzten Buskilometer zum Zielort. Doch die Protestmarschierer fordern längst mehr als nur ein paar zusätzliche Wochenendreisen und Verwandtenbesuche. Von Schwerin bis Dresden schreien Tausende heraus, was sie wollen: "Visafrei bis Hawaii!"
JOCHEN BÖLSCHE;
NORBERT F. PÖTZL, IRINA REPKE,
CORDT SCHNIBBEN
* Am 19. Oktober mit Günter Schabowski (l.) beim Besuch des Werkzeugmaschinenkombinats "7. Oktober". *Auf der Leipziger Buchmesse 1989. *Am 21. Oktober 1989.
Von Jochen Bölsche, Norbert Pötzl, Irina Repke und Schnibben Cordt

DER SPIEGEL 42/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung