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DER SPIEGEL

AnalyseVon Angst und Zahlen

Warum die Kriminalität bei Zuwanderern gestiegen ist – und die Gefahr für Einwohner statistisch trotzdem sinkt
Es ist ein jährliches Ritual der Bundespolitik, aber diesmal könnte die Aufmerksamkeit besonders groß sein, denn im September wird gewählt. Und wenn CDU-Innenminister Thomas de Maizière am Montag die neue Kriminalstatistik vorstellt, wird es auch um ein Thema gehen, das diese Wahl beeinflussen kann: Wie sicher ist das Land? Wie kriminell sind Zuwanderer?
Es gibt schon Zahlen, erhoben von den 16 Bundesländern, die der SPIEGEL zusammengeführt hat: Danach ist die Zahl aller in Deutschland registrierten Straftaten leicht gestiegen – von 6,33 Millionen auf 6,37 Millionen. Andererseits leben viel mehr Menschen im Land, vor allem, weil so viele Zuwanderer kamen. Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes schätzen, dass Deutschland jetzt 82,8 Millionen Einwohner hat, ein historischer Höchststand.
Dass mehr Menschen auch mehr Gesetzesverstöße begehen, liegt nahe. Zudem kann man aus der Gesamtzahl der Straftaten viele Zählfälle herausrechnen, etwa Zigtausende Routineanzeigen wegen illegalen Grenzübertritts von Flüchtlingen: Solche Verfahren werden fast immer eingestellt, sobald die Migranten Asylanträge stellen.
Ohne ausländerrechtliche Verstöße bleiben nach den Länderzahlen noch etwa 5,88 Millionen Straftaten der sogenannten "allgemeinen Kriminalität" übrig. Das wären weniger als im Jahr 2015. Statistisch gesehen wäre das Risiko jedes Einwohners, mit Straftaten konfrontiert zu werden, trotz Zuwanderung gesunken.
Dieser nüchterne Befund steht im Widerspruch zu dem, was viele Bürger fühlen, nämlich Angst. Und tatsächlich finden sich in den Spalten der neuen Kriminalstatistiken auch viele Daten, die eine neue Debatte über Kriminalität und die Folgen der Zuwanderung auslösen können. Im vergangenen Jahr habe sich eine "deutliche Zunahme" der "durch Zuwanderer begangenen Straftaten" abgezeichnet, schrieb das Bundeskriminalamt (BKA) schon vor einigen Wochen in einem Bericht.
Den Flüchtlingen wurden laut BKA größtenteils Vermögens- und Fälschungsdelikte vorgeworfen, es ging vor allem ums Schwarzfahren. Aber auch Diebstähle und Gewalt machten jeweils etwa ein Viertel der registrierten Fälle aus. Die Opfer waren häufig andere Flüchtlinge in Sammelunterkünften.
Auch mehrere Bundesländer wiesen in den vergangenen Wochen und Monaten auf teilweise rasant gestiegene Kriminalitätszahlen bei Zuwanderern hin – sie interpretierten sie allerdings unterschiedlich.
In den Asylbewerberunterkünften seien mehr als doppelt so viele Straftaten registriert worden wie 2015, klagte Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Über 500-mal wurde in seinem Land wegen Verdachts auf Sexualdelikte gegen Zuwanderer ermittelt. In Baden-Württemberg hieß es, 2016 sei etwa jeder zehnte Tatverdächtige im Ländle ein Flüchtling oder Asylbewerber gewesen. 60 Prozent der Körperverletzungen, bei denen Flüchtlinge als Tatverdächtige gelten, seien in Asylheimen begangen worden. Doch das bedeute auch, dass 40 Prozent der Taten außerhalb der Unterkünfte passiert seien, rechnete der Stuttgarter Innenstaatssekretär Martin Jäger (CDU) vor. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) verwies dagegen auch auf statistische Effekte: Im vergangenen Jahr hätten sich mehr Flüchtlinge ganzjährig im Land aufgehalten als 2015.
Polizeiliche Kriminalstatistiken sind umstritten. Ihre Aussagefähigkeit ist schon deshalb begrenzt, weil dort nur solche Taten und Tatverdächtige abgebildet werden, um die sich die Polizei gerade kümmert. Die gesammelten Daten sind verzwickt und auslegungsfähig, auch Fachleute vertun sich dabei schnell mal. So kommentierte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums im Juni 2016 einen Zwischenstand des BKA-Lageberichts mit den Worten: "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche."
Der griffige Satz schaffte es sofort in die Überschriften vieler Zeitungen. Allerdings deckten die BKA-Zahlen diese Aussage überhaupt nicht – ebenso wenig wie das Gegenteil.
Die Polizeistatistiker hatten einen Vergleich zwischen einheimischer Bevölkerung und Zuwanderern gar nicht gemacht, er ist methodisch fragwürdig. Schon der Begriff "Zuwanderer" wird in den Ländern unterschiedlich definiert. Ausländische Profieinbrecher können schon in diese Rubrik geraten, wenn sie nur kurz zu Raubzügen nach Deutschland kommen und bei einer Kontrolle pro forma einen Asylantrag stellen.
Statistisch knifflig wird die Sache auch, weil von den rund 1,2 Millionen Asylsuchenden, die in den vergangenen beiden Jahren kamen, etwa ein Drittel junge Männer unter dreißig waren – eine Gruppe, die statistisch besonders häufig kriminell wird. Zudem bringen kleine Gruppen das Bild in Schieflage. Das BKA schrieb in seinem Lagebericht, dass nur 2 Prozent der Zuwanderer aus den nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko stammten. Sie stellten aber 22 Prozent der Tatverdächtigen aus der Zuwanderergruppe. Und Georgier machten nur 0,6 Prozent der Zuwanderer aus, stellten aber 5 Prozent der Verdächtigen. Die Täter würden teils gezielt für Diebstähle angeworben und beantragten dann Asyl, heißt es in einer weiteren Analyse des Amtes. Für echte Flüchtlinge sind das keine guten Nachrichten. Die Intensivtäter verderben die Statistik.
Von Matthias Bartsch und Jörg Diehl

DER SPIEGEL 17/2017
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