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DER SPIEGEL

KinoSchöner linker Mann

Warren Beatty, berühmt geworden als der smarte Rebell Hollywoods, bringt mit 80 Jahren noch mal einen Film heraus: „Regeln spielen keine Rolle“.
Warren Beatty ist ein Mann voller Widersprüche. Ein Schauspieler, der fast alle Rollenangebote ablehnt. Ein Regisseur und Drehbuchautor, der seit 1998 keinen Film mehr inszeniert hatte. Ein Ehemann, der berühmt ist für seine Affären – Beatty habe mit 12 775 Frauen geschlafen, hat ein Biograf errechnet. Ein Oscar-Routinier, 14-mal nominiert, einmal gewonnen, der bei der diesjährigen Oscarverleihung im Mittelpunkt einer absurden Panne stand, als er und seine Kollegin Faye Dunaway den falschen Film zum Sieger erklärten, "halb so wild", wie Beatty findet. Und ein linksliberaler Wahlkampfhelfer der Demokraten, der für seinen neuen Film einen Millionenbetrag von Donald Trumps Finanzminister bekam.
Von Trumps Minister?
"Damit fangen wir besser gar nicht erst an", sagt Warren Beatty.
Beatty sitzt in einem Londoner Hotel, er macht Werbung für seinen neuen Film. Im Gesicht sieht er zwei Jahrzehnte jünger aus, als er ist, ohne die in seiner Branche üblichen starren Gesichtszüge. Das Filmstarlächeln funktioniert noch gut. Nur die runzligen Hände sind die eines alten Mannes.
Am 30. März ist Warren Beatty 80 Jahre alt geworden. Sie sind inzwischen alle alt, die jungen Wilden von einst, die Ende der Sechzigerjahre mit ihren Filmen Hollywood revolutioniert haben und damit Amerikas Image in der Welt prägten. Robert Redford ist im vergangenen Sommer 80 geworden, Beattys Freund und Nachbar Jack Nicholson vor einer Woche, im August steht Dustin Hoffmans 80. Geburtstag an. Höchste Zeit für ein paar Fragen über das Hollywood von gestern oder vorgestern, das von heute und über das Leben an sich, selbst wenn die Zeit nicht ganz reichen dürfte für 12 775 Frauengeschichten.
Zumal es im Fall von Warren Beatty schwierig ist, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Hat Carly Simon in ihrem Song "You're So Vain" ("Du bist so eingebildet") tatsächlich mit Beatty abgerechnet? Ja, erzählte die Sängerin vor Kurzem, aber nur in der zweiten Strophe, "Warren dagegen glaubt, das ganze Lied handele von ihm".
Er selbst hat zu solchen Themen meistens geschwiegen. Statt Interviews zu geben, "reite ich lieber auf einem Kamel die Straße runter", auch dieses Beatty-Zitat ist schon wieder 30 Jahre alt.
Dafür sind seine Filme voller biografischer Anspielungen und doppeldeutiger Dialoge. "Das Einzige, was du zum Leben brauchst, sind pro Tag zwei Auftritte im Rampenlicht", hält Diane Keaton ihm in "Reds" vor, Beattys oscarprämiertem Historienepos. Und in "Bulworth", seiner Politsatire, heißt es über Beattys Figur: "Hat er nicht alles? Das Aussehen, den Grips, mehr oder weniger? Wenn er nur nicht immer den Muschis hinterhergejagt wäre."
Beattys neuer Film, bei dem er das Drehbuch schrieb, Regie führte, eine der Hauptrollen übernahm und auch sonst fast alles selbst machte, dieser Film also, er heißt "Regeln spielen keine Rolle", beginnt mit einer Warnung, mit einem eingeblendeten Zitat: "Never check an interesting fact." Frei übersetzt: Der Feind eines Mythos ist die Recherche.
Der Satz könnte von Beatty selbst stammen oder von Donald Trump. Im Film wird der Spruch Howard Hughes zugeschrieben, seinerseits eine von vielen Mythen umrankte Figur. In den Zwanzigerjahren war Hughes nach Hollywood gezogen, um sein Millionenerbe für teure Hobbys auszugeben: Er begeisterte sich fürs Fliegen, für Filme und für Frauen, in dieser Reihenfolge. Hughes konstruierte Flugzeuge, sogar für das Pentagon, er produzierte Fliegerfilme wie "Hell's Angels", er entwarf einen BH für die Schauspielerin Jane Russell. 2004 verfilmte Martin Scorsese Hughes' Lebensgeschichte unter dem Titel "Aviator" mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, das Porträt eines zwangsgestörten Perfektionisten, der keinen Widerspruch duldet.
In "Regeln spielen keine Rolle" (Kinostart: 4. Mai) verkörpert Warren Beatty nun den alten Howard Hughes, einen enigmatischen Herrn zwischen Genie und Wahnsinn mit Hang zur Verklärung der eigenen Vergangenheit. Was könnte ihn an dieser Figur bloß gereizt haben?
Das Thema beschäftigt ihn jedenfalls schon länger. "Beatty spielt Hughes", meldete die "New York Times", in ein paar Wochen würden die Dreharbeiten beginnen. Der Artikel erschien im April 1976.
"Herrlich", Beatty lacht, als er den alten Zeitungsartikel sieht. Es sei eben immer wieder etwas dazwischengekommen, das ihn mehr interessiert habe, vor allem seine Familie, "das Wichtigste in meinem Leben".
1992 heiratete Beatty seine Kollegin Annette Bening, Jahrgang 1958, die er beim Casting für "Bugsy" kennengelernt hatte. Offenbar eine gute, skandalfreie Ehe mit zeitgemäßer Rollenverteilung: Während sie einen Film nach dem anderen dreht, bleibt er zu Hause und kümmert sich um die vier gemeinsamen Kinder. Zwei sind mittlerweile aus dem Haus.
Irgendwann habe er gemerkt, sagt Beatty, dass Hughes "völlig unpolitisch" gewesen sei und daher "nicht viel mit mir gemeinsam hat". Wobei: "Hughes wurde das Opfer eines Charakterzugs", sagt Beatty, "der heute noch weiter verbreitet ist als damals: Narzissmus. Ich darf mich da selbst nicht ganz ausnehmen."
Beattys Hughes-Film spielt Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre in Los Angeles. Es ist zufällig jene Epoche, in der Beatty nach Hollywood kam. Seine Schwester Shirley MacLaine, drei Jahre älter als er, war schon da, sie arbeitete mit Alfred Hitchcock und Frank Sinatra und wurde ein Star.
Beatty gab sein Kinodebüt 1961 in "Splendor in the Grass", fürs deutsche Publikum übersetzt mit "Fieber im Blut", als ginge es um eine Krankheit. Beatty und Natalie Wood verkörpern darin ein Liebespaar, das dringend miteinander ins Bett gehen möchte, es aber nicht tut, eine schon damals eher unglaubwürdige Story. Doch Beatty fiel auf, ein Schönling mit Talent und Charisma.
Privat wurde Natalie Wood Beattys Freundin, die erste von etlichen berühmten Frauen in seinem Leben, darunter Julie Christie, Diane Keaton und Madonna. Im Netz finden sich ganze Enzyklopädien über Beattys angebliches Liebesleben, die Listen sind deutlich umfangreicher als seine Filmografie.
Never check an interesting fact?
"Wissen Sie", sagt Beatty, "vieles von dem, was über mich geschrieben wird, nenne ich ,erfundene Erinnerung'. Es sind 16 Biografien über mich erschienen. Ich habe nicht eine davon gelesen, immer nur 10, 15 Seiten. Das meiste war völliger Blödsinn."
Beruflich suchte Beatty früh die Nähe mächtiger Männer – bekannter Regisseure, Studiobosse. Er wollte nicht warten, bis ihm jemand zufällig eine gute Rolle anbot. Bei Dreharbeiten diskutierte er oft, er galt bald als schwierig, einige Filme floppten. Kurz vor seinem 30. Geburtstag war seine Karriere beinahe zu Ende. Beatty kaufte die Rechte an einem Drehbuch, für 75 000 Dollar, viel Geld für eine kleine Gangstergeschichte, inspiriert von einem echten Bankräuberpaar aus den Dreißigerjahren. Doch das Geld, um den Film zu drehen, hatte er nicht.
Beatty ging zu Warner Brothers, einem der großen Hollywoodstudios, das damals noch von Jack Warner persönlich geleitet wurde, einem der Gründer, einem Mann von Mitte siebzig. Warner war nicht begeistert. Ein Schauspieler als Produzent?
Ist Beatty, wie einige Biografen behaupten, vor dem alten Mann auf die Knie gefallen?
"Nein", sagt Beatty, "ich erzähle Ihnen jetzt, wie es wirklich war. Jack Warner zeigte aus seinem Bürofenster auf den Wasserturm mit dem Logo des Studios, WB. Er sagte: Du tust, was ich dir sage, denn auf dem Turm da steht mein Name. Daraufhin habe ich tief Luft geholt und ihm erklärt: Nein, da stehen meine Initialen."
Das fand Jack Warner vermutlich nicht sehr komisch?
"Gelacht hat er jedenfalls nicht", sagt Beatty. "Aber er hat gesagt: ,Mach, was du willst.' Und so konnte ich mit ,Bonnie und Clyde' anfangen."
Weil Warner trotzdem nicht an einen Erfolg des Films glaubte, gönnte er Beatty eine sehr großzügige Gewinnbeteiligung, 40 Prozent. Einer der teuersten Fehler der Firmengeschichte.
Als "Bonnie und Clyde" 1967 in die Kinos kam, traf der Film mit seiner rebellischen Attitüde den Zeitgeist. Beatty und seine Hauptdarstellerin Faye Dunaway verkörperten den Widerstand gegen das Establishment, Verbrecher als Helden, brutal, aber sexy. Ein Tabubruch. Jack Warner hasste den Film, junge Zuschauer liebten ihn umso mehr.
"Bonnie und Clyde" wurde für zehn Oscars nominiert und machte Beatty weltberühmt und sehr reich. Noch heute verdient er an jeder TV-Ausstrahlung, an jedem Stream im Internet.
Neben der "Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman markiert "Bonnie und Clyde" den Beginn jener Ära, die bald "New Hollywood" genannt wurde. Konservative Studiobürokraten verloren an Einfluss, experimentierfreudige Regisseure und Produzenten eroberten die Macht. "Die Insassen haben das Irrenhaus übernommen", sagt Beatty.
Hat er damals begriffen, dass er eine Revolution ausgelöst hatte?
"Ich glaube nicht", sagt Beatty. "Aber bestimmte Regeln galten nun nicht mehr für mich. Ich wollte und konnte bei meinen Filmen von da an immer die Kontrolle behalten." In den folgenden Jahrzehnten perfektionierte er die bei Jack Warner erprobte Kunst, den Studios absurd klingende Projekte zu seinen Bedingungen aufzuschwatzen, inhaltlich wie finanziell.
Eine Komödie über einen heterosexuellen Friseur? "Shampoo", 1975.
Die Adaption eines Detektivcomics, bunt wie ein LSD-Trip? "Dick Tracy", 1990.
Oder "ein dreieinhalb Stunden langer Film über einen Kommunisten, der stirbt", wie Beatty mittlerweile selbst spottet? "Reds", sein Meisterwerk von 1981, ausgezeichnet mit drei Oscars. Beatty drehte den Film, finanziert von einem US-Mischkonzern, mitten im Kalten Krieg: die wahre Geschichte des Amerikaners John Reed, der sich 1917 der Russischen Revolution angeschlossen hatte und bis heute auf dem Ehrenfriedhof an der Kremlmauer liegt. Fidel Castro soll von "Reds" so begeistert gewesen sein, dass er Beatty eine Kiste Havannazigarren schickte. US-Präsident Ronald Reagan lud Beatty ins Weiße Haus ein, um sich den Film zeigen zu lassen.
"Ich war immer ein Linker", sagt Beatty, "aber finde es wichtig, mit Leuten im Gespräch zu bleiben, die politisch anderer Meinung sind. Mit Reagan habe ich mich gern gestritten." John McCain, der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Republikaner, sei sogar "ein sehr guter Freund von mir".
Seit den Siebzigerjahren hatte Beatty immer wieder Wahlkampf für die Demokraten gemacht. Auch eine eigene Kandidatur war im Gespräch, sogar für den Job im Weißen Haus. Er lehnte ab, "ich glaube nicht, dass ich dafür selbstlos genug gewesen wäre".
Stattdessen drehte Beatty eine Politsatire, "Bulworth", er selbst verkörpert darin einen Senator, der gegen das System polemisiert. "Amerika geht den Bach runter", lästert Beatty im Film. "Bulworth" kam 1998 in die Kinos, aber einige Sätze könnten auch aus den Wahlkampfreden von Donald Trump stammen.
"Eher aus denen von Bernie Sanders", sagt Beatty. Über Trump möchte er sich nicht äußern. "Prominente wie ich sollten genau überlegen, wie wir die Bühne nutzen, die wir haben. Sonst können wir sie schnell verlieren." Statt über Politik würde er jetzt lieber über seinen neuen Film sprechen.
Reden wir also über Trumps Finanzminister, über Steven Mnuchin, früher Banker bei Goldman Sachs und einer der Produzenten von "Regeln spielen keine Rolle". Weil diesmal kein großes Studio bereit war, das Budget zu spendieren, insgesamt fast 27 Millionen Dollar, musste Beatty bei reichen Gönnern auf Betteltour gehen. Auch Mnuchins Investmentfirma war dabei.
"Steven finanziert schon lange Filme", sagt Beatty, "ich mag ihn sehr." So sehr, dass er Mnuchin sogar eine kleine Rolle im Film anbot. Mnuchin sagte zu.
Und deshalb gehören zu den Höhepunkten von "Regeln spielen keine Rolle" jetzt zwei Szenen, in denen Trumps heutiger Finanzminister auftritt. Mnuchin hat keinen Text, er zeigt nur sein Pokerface. Zufall oder nicht: Er spielt einen Banker. "Das hat er sehr gut gemacht", lobt Beatty.
Ansonsten ist "Regeln spielen keine Rolle" eine nostalgisch verklärte Liebeserklärung an das Hollywood aus Beattys Anfängen, eine über weite Strecken wunderbar absurde Komödie über die Jagd nach Ruhm und Glück. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Menschen, die für Howard Hughes arbeiten und sich ineinander verlieben: Marla (gespielt von Lily Collins, Tochter des Musikers Phil Collins) möchte Schauspielerin werden; Frank (Alden Ehrenreich) dient in Hughes' Fuhrpark als Chauffeur. Das Problem: Hughes hat Liebesbeziehungen zwischen seinen Angestellten verboten.
Beatty inszeniert sich mit viel Selbstironie: Sein Hughes ist ein weltfremder Exzentriker, der sich sogar vor seinen engsten Mitarbeitern versteckt. Dieser Mann hat noch immer Macht, aber er spürt, wie sie ihm entgleitet. Auch seine Flirtversuche wirken unbeholfen. Nur am Steuer eines Flugzeugs blüht er auf. "Gentlemen", erklärt er den verängstigten Passagieren vor dem Start, "jetzt werde ich etwas tun, was ich schon viel zu lange nicht mehr getan habe."
Wird es irgendwann noch einen weiteren Beatty-Film geben? Er ist mittlerweile älter als Jack Warner zu Zeiten von "Bonnie und Clyde". Auch sein Arbeitstempo in den vergangenen Jahrzehnten spricht eher dagegen.
"Ich weiß es nicht", sagt Beatty, "die besten Ideen kommen mir oft dann, wenn ich gar nicht merke, dass ich an etwas arbeite. Geist bedarf der Gunst der Stunde."
Den letzten Satz, das merkt man erst später, hat Beatty übrigens bei Shakespeare geklaut.
Und wenn schon. Never check an interesting fact.
Twitter: @martinwolfhh

Über den Autor

Martin Wolf, 42, Kulturredakteur beim SPIEGEL, hat schon einige jener Männer interviewt, die einst Hollywood revolutioniert haben und Amerikas Image bis heute prägen – darunter Jack Nicholson, Robert Redford, Dustin Hoffman und Mike Nichols. Wolfs Lieblingsfilm aus der Ära des "New Hollywood" ist Nichols' "Die Reifeprüfung".
Twitter: @martinwolfhh
* Links: mit Faye Dunaway 1967; rechts: mit Julie Christie 1975.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 18/2017
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