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DER SPIEGEL

GeldpolitikAn der Reihe

Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble bringen Bundesbank-Chef Weidmann als nächsten EZB-Chef ins Gespräch. Seine Chancen stehen nicht schlecht.
Als hemmungsloser Karrierist ist Jens Weidmann bislang nicht aufgefallen. Der Werdegang des Bundesbank-Präsidenten gehorchte eher der Maxime "Halb zog es ihn, halb drängt er hin".
Immer wieder nahmen ihn Gönner und Förderer mit auf ihrem Weg nach oben. Als der Bonner Ökonom Axel Weber zum Bundesbank-Chef aufrückte, machte er seinen ehemaligen Studenten zum Abteilungsleiter für Volkswirtschaft. Kanzlerin Angela Merkel holte den jungen Mann in die Regierungszentrale in Berlin und ernannte ihn zu ihrem wirtschaftspolitischen Chefberater. Als Weber zurücktrat, fiel die Wahl Merkels und ihres Finanzministers Wolfgang Schäuble schnell auf Weidmann als Nachfolger.
Die Karriere des Bundesbank-Chefs scheint damit längst noch nicht beendet. In Berlin formieren sich wichtige Akteure, um Weidmann noch eine Etage höher zu hieven: an die Spitze der EZB. Setzen sie sich durch, würde erstmals ein Deutscher die Geschicke der nach der amerikanischen Fed zweitwichtigsten Notenbank der Welt bestimmen. Zugleich droht aber auch eine heftige Auseinandersetzung über die künftige geldpolitische Ausrichtung der EZB, vor allem aber über die Dominanz Deutschlands in Europa.
Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble sind fest entschlossen, deutsche Ansprüche geltend zu machen. Im Kreis der EU-Staats- und Regierungschefs wollen sie sich starkmachen für Weidmann, wenn es im nächsten Jahr darum geht, die Suche für einen Nachfolger für EZB-Chef Mario Draghi ernsthaft anzugehen. Dessen Amtszeit endet zwar erst 2019, dennoch setzen sie sich schon jetzt für Weidmann ein.
Schäubles Begründung für den Bundesbank-Oberen als EZB-Chef klingt ebenso nachvollziehbar wie sachfremd: Nach einem Niederländer, einem Franzosen und einem Italiener sei es an der Zeit, dass ein Deutscher an die Spitze der EZB rücke. Weidmann, 49, sei zudem ein Fachmann von unbestrittenem Ansehen. Sein Fazit: Gegen den Mann aus Frankfurt könne doch wohl niemand etwas einwenden.
Ganz so einfach liegen die Dinge dann doch nicht. Offiziell und einem oft beschworenen Ideal entsprechend geht es bei der Berufung in Spitzenämter der EZB streng nach Qualifikation. Doch in Wirklichkeit spielen, wie immer in der Politik, auch abseitige Überlegungen eine Rolle. Wo kommt der Kandidat her? Kam sein Land schon einmal zum Zuge? Welcher ökonomischen Glaubensrichtung hängt er an?
Diese Gemengelage und die damit verbundenen Fallstricke sind dem Kandidaten bewusst. Allen Ungewissheiten zum Trotz will Weidmann sich dennoch auf das Spiel einlassen. Gegenüber Vertrauten erklärte er sich bereit, das Amt des EZB-Chefs zu übernehmen, sollte es ihm angetragen werden.
Als Chef der einflussreichen Bundesbank, die im Verbund mit den übrigen nationalen Notenbanken das europäische Zentralbanksystem bildet, gilt er gleichsam als natürlicher Kandidat. Im EZB-Rat, also in der Runde, die die Geldpolitik in der Eurozone bestimmt, zählt Weidmann zu den Schwergewichten, deren Wortmeldungen von jedem aufmerksam registriert werden.
Dennoch kommt dem Bundesbank-Chef die Diskussion um seine Zukunft viel zu früh. Er fürchtet einen häufig auftretenden Automatismus: Ein Kandidat, der vor der Zeit ins Spiel gebracht wird, gilt schnell als verbrannt. Entsprechend ausweichend antwortet er, wenn er auf seine Zukunft angesprochen wird: "Ich beteilige mich nicht an dieser Diskussion."
Doch Weidmann muss sich dieses Mal keine allzu großen Sorgen machen. Denn erstens werden auch schon andere Namen aus dem überschaubaren Kreis der Kandidaten genannt, und zweitens läuft tatsächlich einiges auf ihn hinaus.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass schon im nächsten Jahr der Job von Draghis Vize Vítor Constâncio frei wird. Die Suche nach einem Nachfolger für den Portugiesen entwickelt unausweichlich Rückwirkungen auf die spätere Personalie, sodass mit dem Geschacher um den einen Posten sofort das um den anderen einsetzt.
Die Neubesetzung der beiden Spitzenjobs gibt die Gelegenheit, zu einer eigentlich angestrebten Ämterteilung zurückzukehren. Danach galt als ausgemacht, dass ein EZB-Chef aus dem Norden einen Vize aus dem Süden der Eurozone an die Seite gestellt bekommt – und umgekehrt.
Dahinter stehen nicht nur nationale Eitelkeiten, sondern unterschiedliche geldpolitische Glaubensschulen. Notenbanker aus dem Norden stehen im Ruf, einen strengeren Kurs zu verfolgen. Sie seien eher bereit, die Zinsen anzuheben, um die Inflation einzudämmen. Vertreter des Südens dagegen gelten als Anhänger einer lockeren Geldpolitik, die sich lieber mit höheren Preissteigerungsraten abfinden, als durch höhere Zinsen eine Rezession auszulösen.
Dass mit Draghi und Constâncio gleich zwei Südländer an der Spitze der EZB Dienst tun, lag an einem Deutschen. Weidmanns Vorgänger Weber trat kurz vor der Kandidatenkür einen Rückzug an, so rückte Draghi auf die vakante Stelle.
Den im nächsten Jahr frei werdenden Vizeposten reklamieren die Spanier für sich. Wirtschaftsminister Luis de Guindos macht aus seinen Ambitionen kein Geheimnis. Spanien hat noch nie einen der beiden Spitzenposten besetzt, deshalb stehen die Chancen gut, dass sein Kandidat den Zuschlag bekommt.
Das macht den Weg frei für einen EZB-Chef aus dem Norden. Neben Weidmann werden zwei weitere Aspiranten genannt: der Chef der niederländischen Zentralbank, Klaas Knot, und dessen französischer Kollege François Villeroy de Galhau.
Zumindest dem Chef der Banque de France werden Ambitionen nachgesagt. Er spricht gut Deutsch und ist in jüngster Zeit auffallend häufig in Frankfurt unterwegs. Die Befähigung beider Kandidaten ist unbestritten, dennoch verfolgt beide ein Makel: Ihre Länder waren schon einmal an der Reihe, sie stellten mit Wim Duisenberg den ersten und mit Jean-Claude Trichet den zweiten EZB-Präsidenten.
Die Konstellation vergrößert die Chancen Weidmanns, auch wenn in einigen Ländern, besonders denen des Südens, Vorbehalte gegen ihn herrschen. Vor allem die Italiener würden sich schwertun, den Deutschen an der Spitze der EZB zu akzeptieren.
Denn Weidmann tat sich in den zurückliegenden Jahren als vehementer Kritiker Draghis hervor. Er stimmte gegen das Ankaufprogramm für Staatsanleihen, und auch so manche Zinssenkung kam ihm zu schnell.
Durchsetzen konnte Weidmann sich fast nie, dennoch hinterließ er den Eindruck, einer der wenigen im Zentralbankrat zu sein, die sich nicht nur um den Fortbestand des Euro, sondern auch um dessen künftigen Wert Sorgen machen. So erwarb er sich das Image eines geldpolitischen Falken, der ganz in der Tradition der Bundesbank steht.
Der Kurs brachte ihm in der eigenen Behörde, aber auch in der deutschen Öffentlichkeit gehörigen Respekt ein. So stieg er auf zum Wortführer der Hardliner im EZB-Rat, sehr zum Ärger Draghis. Der warf seinem Kontrahenten aus der Frankfurter Nachbarschaft auf Deutsch vor, er sage "Nein zu allem".
In jüngster Zeit hat Weidmann seine Rhetorik auffällig zurückgefahren. Manchmal verteidigt er sogar die umstrittenen Folgen der lockeren Geldpolitik, etwa die Tatsache, dass die Sparer kaum noch etwas für ihre Guthaben bekommen. "Es gibt kein Menschenrecht auf positive Verzinsung", ließ er sich vernehmen.
Viele argwöhnen, er verfolge seinen Kurs der Mäßigung und Zurückhaltung, um auch in anderen Ländern seine Akzeptanz zu steigern.
Fraglich ist, ob sich Weidmann mit seinen Überzeugungen im mehrheitlich von Anhängern einer lockeren Geldpolitik dominierten EZB-Rat durchsetzen kann. Sein Vorgänger Axel Weber schlug den EZB-Chefposten nicht zuletzt mit der Begründung aus, gegen die Mehrheit der Tauben werde er auf Dauer den Kürzeren ziehen.
Weidmann scheut den Kampf bergauf offensichtlich nicht. Er vertraut auf die Kraft seiner Argumente, auch sind die Mehrheitsverhältnisse im EZB-Rat nicht für die Ewigkeit zementiert. Und zu guter Letzt ändern sich Umstände.
Als Webers Beförderung anstand, war absehbar, dass die Geldpolitik noch auf Jahre hinaus im Krisenmodus verharren würde, weil die Euro- und Finanzkrise nach offenen Geldschleusen verlangte.
Jetzt stehen die Zeichen auf Normalisierung. Der EZB-Rat erstellt gerade einen Fahrplan, um aus dem Ankaufprogramm für Anleihen auszusteigen. Auch höhere Zinsen werden schon wieder anvisiert ( SPIEGEL 20/2017). In diesem Umfeld könnte es Weidmann viel einfacher haben, sich durchzusetzen.
Dennoch wird sich Weidmanns Kandidatur nicht zu einem Selbstläufer entwickeln. Seine Gegner könnten beispielsweise vorbringen, dass mit Klaus Regling an der Spitze des Rettungsschirms ESM schon ein Deutscher ein Spitzenamt auf europäischer Ebene bekleide. Den absehbaren Einwand lässt Schäuble nicht gelten. Der ESM sei eine Einrichtung der Eurostaaten, keine europäische Institution. Außerdem sei sein Metier die Finanzpolitik, nicht die Geldpolitik.
Für viele im Mitarbeiterstab der EZB stellt der Deutsche jedenfalls kein Schreckgespenst dar. Eine völlige Kehrtwende in der Geldpolitik erwarten sie nicht. Allenfalls graduell werde sich der Kurs der EZB unter einem Präsidenten Weidmann von dem jetzigen unterscheiden.
Mancher EZB-Experte erhofft sich von Weidmann auch, dass er mehr Präsenz zeigt als der derzeitige Präsident. Der lässt sich nur vergleichsweise selten in der Zentrale am Main blicken. Draghi schätzt die Vorzüge der Heimarbeit, weit weg von Frankfurt, zu Hause in Italien.
Für Weidmann liegt der EZB-Neubau dagegen fast um die Ecke. Er wohnt in der Nähe Frankfurts.
Von Christian Reiermann

DER SPIEGEL 21/2017
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