Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

KinokritikEin Tag im Oktober

Wolfgang Kohlhaase und Matti Geschonneck verfilmen Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.
Am Ende passt der Mensch in eine Kiste und sein Leben in eine Schachtel. Wilhelm Powileit hebt mit seinen von Altersflecken übersäten Händen den Deckel eines Pappkartons hoch und betrachtet die vielen Orden darin. Er ist ein Held des Sozialismus, in Ostberlin wurde eine Brigade nach ihm benannt. Heute wird er 90. Es ist der 1. Oktober 1989.
Die Zeitung bringt einen Text über ihn: "Ein Leben für die Arbeiterklasse". Wilhelm legt ihn zu einem vor Jahren erschienenen Gedenkartikel. Wilhelm (Bruno Ganz) war damals noch viel jünger und sein Haar noch dunkel. Die Überschrift war die gleiche: "Ein Leben für die Arbeiterklasse". Dann muss es wohl stimmen.
"In Zeiten des abnehmenden Lichts", Regie: Matti Geschonneck, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, ist die Verfilmung von Eugen Ruges gefeiertem Wenderoman aus dem Jahr 2011. Nein, es ist keine Verfilmung. Es ist eine Dekonstruktion. Eine Unverschämtheit. Ein Hasardeurstück, vorgetragen mit beglückender Chuzpe.
Ruges Roman ist ein Epos über einen sozialistischen Familienclan, in dem Wilhelm so etwas wie der Pate ist. Wilhelm flieht im Zweiten Weltkrieg mit seiner Frau Charlotte (im Film: Hildegard Schmahl) vor den Nazis nach Mexiko, sein Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth) kommt mit seinem Bruder in sowjetische Gefangenschaft und kehrt erst Mitte der Fünfzigerjahre in die DDR zurück.
Das Buch umspannt fast fünf Jahrzehnte. Ein Großteil der Handlung spielt in Ostberlin, ein entscheidender Teil in Mexiko. Der Film macht daraus eine Momentaufnahme, einen brillanten Jahrhundert-Schnappschuss: die Feier zum 90. Geburtstag eines verdienten Helden.
Das Buch beginnt 2001 mit dem demenzkranken Kurt, der von seinem Sohn Alexander besucht wird. Der wiederum hat gerade erfahren, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Kurts Haus wird beschrieben wie eine Gruft. So was kann man gut lesen. Anschauen will man es nicht.
Auch der Film spielt weitgehend in einem Haus, dem von Wilhelm und Charlotte, einer Villa am Rande Berlins. Aber es ist sehr hell, in fast jeder Einstellung fällt das Licht durch die Fenster auf die Gesichter. Die letzten Tage der DDR wirken wie eine Zeit, in der das Licht abnimmt, aber neue Möglichkeiten aufscheinen.
Das Haus ist ein Museum der Utopien und Träume. Arbeiterbilder an den Wänden, im Regal die Bände von Marx und Engels, dazwischen ein Leguan, den Wilhelm in Mexiko mit eigenen Händen gefangen haben will.
Charlotte hat einen Wintergarten anlegen lassen, mit exotischen Pflanzen. Das Mexiko, das sie liebte, hat sie nun zu Hause. Ein schöner, trauriger Sehnsuchtsort. Der Film kann ein halbes Jahrhundert in einem Tag verdichten, weil er Lebenszeit verräumlicht.
Nach und nach kommen Wilhelms Gäste, gehen über die Flure, öffnen die Türen und treten in den Garten. Eine junge Frau sagt, dass sie lieber bleiben möchte, statt in den Westen zu gehen. Ihr Blick fällt auf einen Stasimann, der sie vom anderen Ende des Gartens aus beobachtet.
Als Wilhelm der Große, der rote Patriarch, auf seinem Sessel Platz nimmt, um seine Gäste zu begrüßen, geht der Tag den Jahrhundertweg. Schon halb im Dunkel der Demenz versunken, überstrahlt Wilhelm alle, die vor ihm defilieren, mit jähen Geistesblitzen, die Parteigenossen, den Abschnittsbevollmächtigten, die Nachbarn, die er aus dem Haus weist, weil ihr Sohn rübergemacht hat.
Alle ahnen, dass der sieche Jubilar, um den es hier wirklich geht, der Kommunismus ist. Der Kehraus hat schon begonnen, bevor die ersten Gäste kommen, der Kater schon eingesetzt, bevor das erste Glas getrunken ist. Der Film fängt diese Untergangsstimmung mit scharfem Blick, bösem Humor und einer gewissen Melancholie ein.
Jedes Geräusch, das Kratzen eines Rasierers auf der Haut oder das Schlucken von Wasser, ist überlaut. Wie in Ruges Roman wirken die Geräusche als letzte Lebensäußerungen einer Welt, die bald vergangen sein wird. Auch die Kamera bewegt sich behutsam durch diese Welt.
Einmal gerät sie aus dem Gleichgewicht. Eine Frau stürmt ins Haus und verkündet, dass Wilhelms Enkel Alexander in den Westen geflohen ist. Die Stimmung des Films verändert sich jäh, es wird dunkel, auf einmal sprechen die Menschen lieber hinter verschlossenen Türen. Langsam macht sich die Gewissheit breit, dass kaum einer an diesen Ort zurückkehren wird.
Kinostart: 1. Juni
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 22/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung