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DER SPIEGEL

Früher war alles schlechterKindesmissbrauch

Wir wissen es nicht. In einer berühmt gewordenen Rede unterschied der Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vier Erscheinungsformen von Tatsachen ("known knowns", "unknown knowns", "known unknowns" und "unknown unknowns"). Die dritte Kategorie davon, das "bekannte Unwissen", ist am schwersten zu ertragen. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Dazu gehört auch eine so sensible, von Gesellschaft und Medien so nervös diskutierte Frage wie die, ob der sexuelle Kindesmissbrauch zu- oder ab-nimmt. Sie ist nicht mit Sicherheit zu beantworten, und der Grafik oben ist nicht zu trauen. Es ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zum sexuellen Kindesmissbrauch, sie zeigt die sogenannte Opferbelastung, die Zahl der Opfer auf 100 000 Kinder unter 14 Jahren. Diese Werte scheinen einen Rückgang solcher Taten zu belegen. Es gibt Studien, die diesen Befund stützen, es gibt Erhebungen, die zum gegenteiligen Schluss kommen. Die PKS-Zahlen sind von begrenzter Aussagekraft, weil sie nur Fälle zeigen, die der Polizei bekannt werden, weil das Anzeigeverhalten Schwankungen unterliegt, weil neue Gesetze die Definition solcher Verbrechen verändern und damit auch, wie gezählt wird. Außerdem sind Deutsche, die für ihre Taten ins Ausland reisen, nicht erfasst, und was im Internet passiert, ist kaum mehr sinnvoll messbar. Entscheidend ist: Nicht nur Probleme, die größer werden, müssen bekämpft werden. Selbst wenn irgendwann schlüssig belegt sein sollte, dass diese vielleicht widerwärtigste Form der Gewalt, zu der Menschen fähig sind, im Schwinden begriffen ist, darf die Gesellschaft nicht minder vehement gegen sie vorgehen.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 24/2017
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