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DER SPIEGEL

SPD„Ein sehr netter Hund“

Außenminister Sigmar Gabriel über den Wahlkampf und Dinge, die ihm Sorgen bereiten
Sechzig sehr dichte Stunden lagen hinter ihm, als er beim SPIEGEL eintraf: Montagabend war Sigmar Gabriel kurzfristig nach Washington geflogen und hatte dort am Dienstag US-Außenminister Rex Tillerson getroffen, bevor er nach New York zu Henry Kissinger flog, mit dem er über die Gefahr einer neuen atomaren Aufrüstung diskutierte.
Die Nacht verbrachte er im Flugzeug zurück nach Europa, am Mittwochmorgen landete er in Paris, fuhr direkt in den Élysée-Palast zu Emmanuel Macron und nahm anschließend an einer Kabinettssitzung der französischen Regierung teil.
Macron habe ihn mit seinem neuen Hund im Élysée begrüßt, erzählte Gabriel zu Beginn einer Diskussionsveranstaltung am Mittwochabend im Hamburger SPIEGEL-Haus: "Ein sehr netter Hund, er ließ sich sogar von mir streicheln." Der Präsident habe ihn aus einem Tierheim geholt, Gabriel schien durchaus gerührt zu sein.
Mit seinem US-Amtskollegen Tillerson habe er vor allem über die Nordkoreakrise gesprochen, die ihn sehr beschäftige, so Gabriel. Dabei gehe es nicht um Nordkorea allein, sondern um "Nordkorea als Beispiel dafür, dass wir in einer Phase leben, in der unterschiedliche Staaten sich gerade überlegen, ob sie nicht doch in den Besitz von Nuklearwaffen kommen können. Das Proliferationsverbot, also der Versuch der fünf Atommächte, die Atomwaffenfähigkeit unter Kontrolle zu halten, ist in Gefahr".
Besorgt äußerte sich der Außenminister auch zu einem drohenden Verlust der Werte des Westens, er habe den Eindruck, dass sich die Idee des Kampfes, der politischen Welt als Arena, immer mehr durchsetze – nicht nur mit Donald Trump in den USA, sondern auch in Europa: "Wenn Sie mich fragen, was mir Sorgen macht, dann dass sich so eine Ideologie wieder ausbreitet, bei der am Ende nur der Stärkere das Recht hat, sich durchzusetzen."
Gabriel warf Kanzlerin Angela Merkel vor, im aktuellen Wahlkampf Debatten zu verweigern, wenn sie zum Beispiel nicht über die Rente reden wolle. Merkel habe ein Interesse daran, dass über Politik möglichst nicht gesprochen werde: "Das ist ihre Strategie, sie hat einmal in ihrem Leben über Politik reden wollen und 2005 die Wahl fast verloren. Daraus hat sie gelernt."
Entgegen anderslautenden Meldungen gab er die Wahl trotz des großen Rückstands der SPD noch nicht verloren. Es gelte der alte Schröder-Spruch: "Hinten sind die Enten fett." Der Wahlkampf ende erst um 18 Uhr am 24. September.
Sehr entschieden und nicht immer ganz und gar nachvollziehbar verteidigte der ehemalige SPD-Parteivorsitzende das Engagement Gerhard Schröders im Aufsichtsrat des halbstaatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft. Er werde niemandem den Gefallen tun, den Menschen, mit dem er seit über 30 Jahren befreundet sei, öffentlich zu zerlegen, so Gabriel. Die Berichterstattung zu Schröders Berufung bei Rosneft gehe im Übrigen nicht gegen den Altkanzler, sondern habe das Ziel, die SPD zu treffen. Und wenn Schröder nun, wie zuletzt gemeldet, Chef des Aufsichtsrates werde, umso besser: "Dann hat er wenigstens was zu sagen."

* Mit den Redakteuren Britta Sandberg und Klaus Brinkbäumer am 30. August in Hamburg.

DER SPIEGEL 36/2017
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