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DER SPIEGEL

Früher war alles schlechterMord und Totschlag

Je weniger Morde, desto mehr Krimis. In einer berühmt gewordenen Studie hat der Gewalthistoriker Manuel Eisner die Mordraten verschiedener europäischer Länder seit dem 14. Jahrhundert rekonstruiert. Seine Erkenntnisse zeigen, dass die Mordbelastung in Europa über die Jahrhunderte radikal gesunken ist. In den untersuchten Ländern, darunter auch Deutschland, lag die Rate früherer Jahrhunderte in einem Korridor von rund 10 bis 100 Fällen pro 100 000 Einwohner, damit bis zu 100-mal höher als heute. Deutschland verzeichnete 2016 862 Opfer von Mord und Totschlag, das entspricht 1 Tötung pro 100 000 Menschen oder etwa zwei Opfern pro Tag. Anders ausgedrückt: Angenommen, Deutschland würde noch heute eine Mordrate aufweisen, wie Eisner sie für das Mittelalter errechnet hat, so kämen hierzulande pro Jahr bis zu 80 000 Menschen gewaltsam zu Tode, mehr als 200 pro Tag. Mord war gestern. Denkt man nun aber daran, wie allgegenwärtig, wie unausweichlich, wie unsagbar überrepräsentiert Morde im Fernsehen, im Kino, in der Presse, in der Literatur und im Gesellschaftsgespräch sind – dann drängt sich der Verdacht auf, dass ein umgekehrt proportionales Verhältnis vorliegt: je weniger echte Morde, desto mehr fiktive. Jamaika etwa, mit 43 Tötungsdelikten pro 100 000 im Jahr 2015, mag derzeit zwar in aller Munde sein – allerdings nicht wegen einer florierenden Krimiproduktion. Skandinavische Länder hingegen, berühmt für ihre besonders blutrünstigen Crime-Autoren, weisen mit die niedrigsten Mordraten der Welt auf. guido.mingels@spiegel.de

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DER SPIEGEL 42/2017
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