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DER SPIEGEL

Ernährung„Nützliche Darmbakterien vertrieben“

Jeder Deutsche nimmt täglich rund neun Gramm Salz zu sich – was macht das mit den im Darm siedelnden Mikroorganismen? Eine Gruppe um den Arzt Nicola Wilck, 38, vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin präsentiert in "Nature" eine beunruhigende Antwort.
SPIEGEL: Sie haben Mäusen zwei Wochen lang ein sehr salzhaltiges Futter verabreicht. Wie haben deren Darmbakterien das vertragen?
Wilck: Bestimmte Laktobazillen verschwanden fast völlig – und zwar ausgerechnet solche, die im Körper die Zahl bestimmter Immunzellen regulieren. Ohne diese Kontrolle könnten sich die Immunzellen zu stark vermehren und über entzündliche Prozesse Blutgefäße versteifen und damit Bluthochdruck bewirken. Anschließend verabreichten wir den Mäusen die guten Laktobazillen mit dem Futter – und tatsächlich normalisierte sich der Blutdruck wieder.
SPIEGEL: Gilt das auch für den Menschen?
Wilck: Ja, das haben entsprechende Tests gezeigt. Gesunde Probanden nahmen zwei Wochen lang eine Nahrung mit einer Tagesdosis von zwölf Gramm Salz zu sich – und wir sahen das gleiche Bild: Die Zahl bestimmter Laktobazillen im Darm sank, die Zahl der Immunzellen stieg ebenso wie der Blutdruck.
SPIEGEL: Werden Bluthochdruckpatienten bald mit einem Heilmittel aus nützlichen Darmbakterien behandelt?
Wilck: Die Wirkung eines solchen Mittels würde verpuffen, solange der Salzkonsum zu hoch bleibt. Viel leichter ist es, weniger Salz zu essen. Der in Deutschland übliche Salzkonsum hat womöglich schon nützliche Darmbakterien vertrieben und zu einer Verarmung der Mikrobiota beigetragen, was wiederum das Auftreten von Erkrankungen begünstigen könnte. Ich persönlich meide Tiefkühlpizzen und andere vorgefertigten Nahrungsmittel, weil sie voller Salz sind, und esse fast ausschließlich Selbstgekochtes.
Von Ble

DER SPIEGEL 47/2017
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