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DER SPIEGEL

Die AugenzeuginRegen im Klassenzimmer

Die Abiturientin Vanessa Diener, 20, organisierte mit dem Schülerbündnis "Unsere Zukunft erkämpfen" einen Bildungsstreik an Kasseler Schulen. Hunderte Jugendliche, Eltern und Gewerkschafter demonstrierten in der Innenstadt gegen marode Schulgebäude, kaputte Möbel und fehlende technische Ausstattung.
"In Kasseler Schulen regnet es durch die Decke. Im Chemie- und Physikunterricht können wir keine Versuche machen, weil die Apparaturen so kaputt sind, dass es für uns Schüler gefährlich werden könnte. Kabel hängen aus den Wänden, im Unterricht behalten viele ihre Jacken an, weil es durch die undichten Fenster pfeift. Es gibt Schränke ohne Türen, Toiletten ohne Klobrillen. Bildungspolitiker sprechen gern von digitalisiertem Unterricht. Und bei uns gibt es nicht mal genügend Computer.
So geht das nicht weiter, haben wir uns gedacht. Wir, das sind rund 20 Schüler aus verschiedenen Schulen in Kassel. Weil es wenig bringt, wenn Einzelne sich beklagen, haben wir das Bündnis ,Unsere Zukunft erkämpfen' gegründet. Wir haben Infoveranstaltungen organisiert und Unterschriften gesammelt. Doch passiert ist nichts. Irgendwann hatten wir die Idee mit der Demo. Wenn wir den Schulalltag lahmlegen, kann uns niemand ignorieren, so der Gedanke. Im Vorfeld war jede Menge zu tun: die Demo anmelden, Megafone und Musik organisieren. Und natürlich Plakate malen – sieben Stunden lang.
Am Montag, dem Tag der Demo, hatte ich Sorge, dass nur eine Handvoll Leute kommt und die ganze Aktion im Sande verläuft. Es war bitterkalt, es hat geregnet. Aber davon hat sich kaum jemand abschrecken lassen – auch wenn jetzt einige erkältet sind. Sogar Fünftklässler waren da. Die waren begeistert, als wir ihnen unsere Transparente gegeben haben, sie sind stolz vorn mitgelaufen. Die Polizei sagt, sie hätte rund 350 Teilnehmer gezählt. Aber ich bin sicher, dass es deutlich mehr waren, bestimmt 700. Der Rathausvorplatz war voller Menschen.
Nachmittags fand die Stadtverordnetenversammlung statt. Leider wird das Geld, das die Politiker für Schulen ausgeben wollen, wieder nicht reichen, um die Mängel zu beseitigen. Wir hoffen trotzdem, dass sich irgendwann etwas ändert. Ich werde davon aber nicht mehr profitieren, ich mache im Sommer Abitur."
Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 51/2017
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