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DER SPIEGEL

Drogen„In den Händen skrupelloser Krimineller“

Der britische Ex-Vizepremier Nick Clegg, 51, gehört wie der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan der Global Commission on Drug Policy an, die sich weltweit für eine menschlichere Drogenpolitik einsetzt. Diese Woche stellte die Kommission in London ihren neuen Bericht vor.
SPIEGEL: In den meisten Ländern herrscht eine strikte, auf Verboten fußende Drogenpolitik. Gibt es eigentlich wissenschaftliche Erkenntnisse, die diese Strategie stützen?
Clegg: Die Drogenpolitik beruht vor allem auf Vorurteilen. Es gibt legale Drogen wie Alkohol, die genauso schädlich sind wie illegale oder der Gesellschaft gar größeren Schaden zufügen. Die Gesellschaft hat aufgrund von Willkür entschieden, welche Drogen akzeptabel sein sollen. Gleichwohl straft sie jeden, der illegale Mittel nutzt, mit moralischer Verurteilung. Diese Entrüstung verhindert, dass wir Drogenpolitik sachlich und objektiv angehen. Die systematische Abwertung von Menschen, die illegale Drogen nehmen, führt überdies dazu, dass sie eine Dehumanisierung erfahren, sie erscheinen in der Gesellschaft dann als Leute, die weder Mitgefühl noch Hilfe verdienen oder denen sogar grundlegende Menschenrechte vorenthalten werden können. Das müssen wir durchbrechen.
SPIEGEL: Hat die Drogenpolitik also dabei versagt, die Leute zu schützen, die sie zu schützen behauptet?
Clegg: In der Drogenpolitik gilt: Die Hardliner richten immer den größten Schaden an. Was wir bisher tun, ist furchtbar kontraproduktiv. Wir haben das Milliardengeschäft mit hochgradig potenten Wirkstoffen ausgerechnet in die Hände skrupelloser Krimineller gelegt. Wir müssen dringend die Initiative ergreifen. Staaten müssen die Abgabe von Drogen streng kontrollieren und streng regulieren. Nur wer das tut, kann auf die Stärke ihrer Wirkstoffe Einfluss nehmen, auf die Werbung oder auf den Verkauf an Minderjährige.
SPIEGEL: Welche Botschaft will die Kommission Politikern mitgeben?
Clegg: Seid mutig. Hütet euch davor zu glauben, dass die Öffentlichkeit unfähig sei, die Nuancen der komplexen Debatte zu verstehen. Vor allem aber: Schaut euch die wissenschaftliche Evidenz an. Sie spricht ganz klar für Dekriminalisierung. Kanada will Mitte des Jahres Cannabis legalisieren als Therapeutikum und als Genussmittel. Das Modell, das Kanada entwickelt hat, scheint mir sehr vielversprechend. Dem sollten wir folgen.
SPIEGEL: Sollten wir nicht lieber eine drogenfreie Welt anstreben?
Clegg: Nein! Wir hatten nie eine und werden nie eine haben. In allen menschlichen Kulturen, zu allen Zeiten, haben Menschen Substanzen konsumiert, um ihre geistige Sensibilität, ihre Wahrnehmung zu verändern. Es ist töricht zu glauben, man könne etwas auslöschen, was in der menschlichen Kultur seit Jahrtausenden einen universellen Platz innehat.
Von Me,

DER SPIEGEL 3/2018
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